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Nil- 380. verlags-Ferusprecher N».

Montag» den 17. August.

Nebaktions-FernspreLer No. 82.

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Unser Londoner n.-Korrespondent schreibt unterm 15. August:

Wenn immer eine Session des Parlamentes endet, werden einer alten schönen Sitte gemäß die Leistungen der jeweiligen Regierung von den einen bis in die Puppen gepriesen und von den anderen heruntergerissen. Die­jenigen, die das letztere tun, gehörten bisher natürlich., immer der temporären Oppositionspartei an, doch dieses Mal trifft das nicht Zu, denn gerade die echten und rechten Tories sind jetzt zum großen Teil tief bekümmert. Sie sehen das Menetekel an der Wand und fürchten, daß Mr. Chamberlain sie ins Verderben führen wird. Die „Times", einst das leitende Jingoblatt, ist allerdings ganz uniomstisch geworden und betet seine Leitartikel über die Situation in frommer Andacht, nach Birmingham ge­wendet, her. Der „Standard" dagegen ist des Bünd­nisses mit den liberalen Unionisten infolge der neuesten Chamberlainschen Streiche, wohl müde geworden, und sümmte, wie viele der anderen konservativen Preßorgane, gelegentlich des Schlusses der Session ein wahres Jammerlied an. Unter anderem sagte er soeben: „Me Situation ist eine schmerzlich ernste. Me große Partei, die die Politik während der letzten siebzehn Jahre kon­trollierte, droht in Stücke zu gehen, und die Mitglieder der unionistischen Kombination haben alle Ursache, sich am Schlüsse der Session zu fragen, unter welcher Ver­kleidung, unter welcher Führung und mit welchem Losungswort oder Kriegsgeschrei sie zur nächsten Session zurückkehren werden, falls das überhaupt geschieht." — Mr. Chamberlains Stern muß allerdings im Sinken sein. Als er seiner Zeit den südafrikanischen Krieg pro­vozierte, gelang es ihm, da er den stets rauflustigen, blutdürstigen Pöbel des Landes hinter sich hatte, selbst

Leute von Intelligenz und vollentwickeltem moralischen Instinkte zur öffentlichen Erklärung ihrer Zustimmung zu ein«: der schreiendsten Schandtaten moderner Zeiten zu zwingen. In einem denkwürdigen Telegramm be- zeichnete er damals einen jeden britischen Gegner seiner Kriegspolitik als einen Landesverräter, und selbst eine große liberale Londoner Zeitung entließ damals ihren hochverdienten, angesehenen Redakteur aus Anlaß seiner Anti-Chamberlainschen Tendenzen. Wie die Besitzer des Blattes zu jener Zeit aussagten, hatten sie keine andere Wahl, wenn sie sich nicht zugrunde gerichtet sehen woll­ten. Ter Kolonialminister wiederholte jenes Telegramm ganz kürzlich, wenn auch in etwas veränderter, der augen­blicklichen Situation entsprechender Form, denn jetzt sind Landesverräter nach seinem Beschluß alle die, welche seiner Schutzzollpolitik chre Zustimmung verweigern. Wäre der Kolonialrninister aber nicht ein Mann, der seine Größe als Politiker vornehmlich dem glücklichen Um­stande zu verdanken hat, daß er sein Licht unter einer bemerkenswert reichen Auslese von Dummköpfen leuchten zu lassen vermag, so würde er sich wohl gehütet haben, eine so kindische Behauptung aufzustellen. Dieselbe ver­fehlte daher auch nicht nur ihren Zweck, sondern ver­schuldete es wohl auch, daß man es in der konservativen Presse heute zum ersten Male seit Beginn seiner Lauf­bahn als unionistischer Staatsminister wagt, ihn durch die Blume als einen „Humbug" zu bezeichnen. Darauf läuft z. B. das hinaus, was der „Standard" soeben in folgendem Passus ausdrückte: „Ein einzelner Minister, ohne die Zustimmung seiner Kollegen und in schroffster Opposition zu den Ansichten eines Teiles dieser handelnd, bringt das ganze Land außer Rand und Band, indem er von ihm die Zustimmung zu einem vollständigen Wechsel derjenigen Wirtschaftspolitik verlangt, mit Hülfe deren der größte Handel der Welt während der letzten 60 Jahre aufgebaut wurde. Diesen Umsturz schlägt er im ver­meintlichen Interesse der Konsolidierung des Reiches vor. Was die Nation aber ganz besonders bestürzte, war, daß die Sprache, deren er sich dabei bediente, nachgerade auf eine Drohung hinauslief. Er erzählte ihr nämlich, der Fortbestand des Reiches wäre gefährdet und ließe sich nur dadurch sichern, daß alle widerspruchslos und ohne zu fragen sich vor der Ansicht beugten, zu der ein ein­zelner Minister, nämlich er selbst, gelangte." — Die Agenten Mr. Chamberlains entwickeln seit mehreren Wochen bereits eine außerordentliche rege Tätigkeit in allen Teilen des Landes, und man bemüht sich namentlich mittels Broschüren, dos Volk darüber zu belehren, daß Schutzzölle zwar auf der einen Seite eine kleine Ver­teuerung der Warenpreise, auf der anderen aber eine wesentliche Steigerung der Löhne zur Folge haben würden. Zahlen sind geduldig, und das, sowie das absolute Gegen­teil läßt sich deni großen Publikum wenigstens mit ihrer Hülfe spielend beweisen. Nichtsdestoweniger dürfte Mr. Chamberlain dieses Mal kein Glück haben.

UerbM Deutscher Krtegsveterunen.

kl. F. Hamburg, 15. August.

Im oberen Saale des Hamburger Konzerthauses fand heute die Generalversammlung des Verbandes Deutscher Kriegsveteranen statt. Dieser aus 40 000 Mit­gliedern bestehende Verband, dessen Sitz Leipzig ist, um­faßt Veteranen aller deutschen Truppenteile, die in den Kriegen von 1848/50, 1864, 1866 und 1870/71 gekämpft haben. Der Verband verfolgt das Ziel: allen hülss­bedürftigen deutschen Kriegsveteranen einen vom Reich zu leistenden Ehrensold auf gesetzlichem Wege zu er­wirken, um die pflichtgetreuen Kämpfer gegen die äußerste Not zu schützen. Es waren zahlreiche Delegierte aus allen Teilen Deutschlands eingetroffen. Der erste Vor­sitzende des Verbandes, Stadträr Arndt-Halle, der die Verhandlung leitete, eröffnete dieselbe mit einem drei­fachen Hoch auf den Kaiser und die deutschen Bundes­fürsten. Es wurde alsdann beschlossen, ein Huldigungs­telegramm an den Kaiser zu senden. Dem alsdann von dem Vorsitzenden erstatteten Geschäftsbericht war zu ent­nehmen: Der Verband sei ans gleicher Höhe geblieben, trotzdem naturgemäß der Tod in den älteren Jahrgängen der Veteranen immer fühlbarere Lücken reiße. Der gute Zweck halte die Veteranen zusammen. Der Erfolg, den der Verband mindestens zum guten Teil ans seine Arbeit für das Zusammenhalten und Zusammengehen aller noch lebender Kriegsveteranen zurücksühren dürfe, sei zu sehr in die Augen springend. Es werden doch nunmehr be­reits 75 000 Veteranen mit 0 Millionen Mark der Bei­hülfe aus Staatsmitteln unterstützt. Mit Freuden sei es zu begrüßen, daß diese Vorlage im Reichstage ein­stimmige Annahme gefunden habe. Der Agitation auf Erlangung eines allgemeinen Ehrensoldcs für alle Vete­ranen ohne Unterschied, auch für gesunde und erwerbs­fähige, habe sich der Verband nicht anschließen können. Man könnte es heute, wo alle Jnvalidenpensionen be­deutend erhöht worden seien, mit Recht als Begehrlichkeit auffassen. Der Staat sei noch nicht so reich, daß er alles belohnen könnte, was seine Bürger ihm leisten: es wäre alsdann kein Verdienst mehr, ja, kaum noch eine Ehre, Veteran zu sein. Aus diesem Anlaß seien dem Verbände eine Anzahl Gegner entstanden. Es sei aber dringend notwendig, dafür zu sorgen, daß die Zwistigkeiten im Ver­bände aufhören, denn nur Einigkeit mache stark. (Bei­fall.) — I)r. Brendicke-Berlin teilte mit, daß aus dem­selben Anlaß dem Verbände auch in Berlin Gegner ent­standen seien. Hille-Leipzig teilte einen ähnlichen Vor­gang aus Leipzig mit. Der Vorsitzende bemerkte ans eine Anfrage, die Vereine des Veteranenverbandes treiben keine Politik, sie haben daher nicht nötig, ihre Vereinsgründung oder die Abhaltung von Versamm­lungen der Polizei anzuzeigen. — Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildete eine Petition an den Reichstag wegen Milderung der bisher maßgebenden Bestimmung „gänzlicher und dauernder Erwerbsunfähigkeit" bei Be­werbung um Staatsbeihttlfe aus dem Jnvaliöenfonds.

Mierwühlter Grund.

Roman von Anton Freiherr« von Perfall.

(20. Fortsetzung.)

Der hörte ihm ruhig zu mit einem Ausdruck des Mit­leids in seinem Antlitz. Wie er eben gesagt, er brachte keinen Tropfen Wasser aus den Augen, er stand vor dem Totenbett des Bauernhofs am Mehl.

„Jetzt sag' ich selber: Verkauf!" erwiderte er, nachdem der Redeschwall geendet. „Was nimmer leben kann, soll sterben. Machs nur rasch, gleich morgen — mit einem Schritt —"

Er legte sich zurück, sein weißer Schnurrbart leuchtete in der jetzt eingefallenen Dunkelheit.

„Mt einem Schritt", stöhnte er ermattet.

Ambros beugte sich entsetzt über ihn. Me Stimme klang so sonderbar, am Ende hat ihn der Schreck getötet. Doch die Augen Gottfrieds waren fest auf ihn genchtet,

er atmete regelmäßig. . . ar ....

„O, so weit ist es noch net", sagte er, in dem Antlitz seines Sohnes lesend. „Ich mein' immer, ich Hab z erst noch a wichtiges Geschäft auf der Welt."

Ambros schlich sich bedrückt aus der Stube. — Wa- war der Schlag in das Gesicht damals gegen diese Unter- redung!

Neuntes Kapitel.

Böllerschüsse verkündeten des andern Tages m der Seeleit'n, daß der Durchschlag stattgesnnden. In der Dorfktrche war feierliches Hochamt für die m festliche Knappentracht gekleideten Grubenarbeiter, daran schloß sich das projektierte Fest im Hofgraben, an der Statte der ohne nennenswerten Unglücksfall vollbrachten Arbeit Es war aller Grund vorbanden, das Ereignis entsprechend SU feiern, iind die Gesellschaft scheute keine Unkosten, wenn es galt, sich bei den Arbeitern populär zu machen und ihr StandeSgefühl zil erhöhen.

, Fahnen in den Landesfarben hingen zu allen Dach- luken heraus. Tie ganze Bevöllcrung beteiligte sich.

1 _

Die kleinen Gewerbsleute hofften auf reichen Verdienst, die Bauern auf bessere Verwertung ihrer wirtschaftlichen Produkte und ihres Holzes; an die Schattenseiten des Ereignisses dachte heute niemand. Hohe Bergbeamte aus der Stadt, das ganze Direktorium war vertreten.

Feiertäglich gekleidete Mcnschenscharen bewegten sich den ganzen Tag auf dem steinigen Wege, der zum Bauer am Mehl führte und einen Büchsenschuß vom Hof in den Hofgraben abzweigte.

Des Nachmittags, als das Gedränge am ärgsten war, erregten zwei Männer allgemeines Aufsehen, die sich mit sichtlicher Geschäftseile durchdrän ten und dann nicht den Weg zum Festplatz, sondern zumHintermooser einschlugen. Ein hagerer Herr in schwarzem Anzug, ein Paket Akten unter dem Arm, an seiner Seite ein feister, untersetzter Mann in schmieriger, halb städtischer, halb ländlicher .Kleidung, die gar nicht für den Festtag paßte, unablässig mit heftiger Handbewegung in seinen Begleiter hinein­sprechend. Me Landleute kannten die beiden wohl — der Notar Windhammer von Griesbach und der Moses Leinemann. Sie kanntm auch das Geschäft, das die beiden links abtrieb, ihre Blicke ruhten schätzend aus dem stattlichen Hof, den üppigen Wiesen, den stattlichen Äckern, dem Wald auf der Höhe. Es kam ihnen gar nicht der Gedanke, daß da wieder ein vollsaftiger, kräftiger Zweig ihres uralten Stammes abgeschnittcn werde von diesem kleinen, feisten Mann, nur das Gefühl des Neids machte sich geltend. Er wird es gut bezahlen, der Moses, das Anwesen, mit lauter barem blankem Geld. Hie und da ein höhnischer Scherz über den stolzen Alten, der gespart und gehaust, damit der Junge es vertue, dann ging man achtlos an dem stolzen Bauerngut vorbei, das heute nach zweihundcrtjährigem, kräftigem Leben in Stücke ging.

Moses wurde unheimlich zu Mut, als er vor den Hof kam, er sah sich ängstlich nach Ambros um und hatte bis jetzt noch keinen Blick für seinen künftigen Besitz. Was kümmerte er ibn auch weiter! Seinen Wert kannte er ja, in einem Monat war alles wieder zu Geld gemacht; er hatte für jeden Acker Land schon längst seinen.Käufer.

Unter der Haustür kam ihnen Ambros entgegen,

bleich, verstört. Er drückte sich verlegen hinter die beiden, als er die Stube betrat. In einem Lehnsessel saß Gott­fried, neben ihm Franzl, der die hellen Tränen herab­liefen, und Theresa, die dem Eintretenden einen Blick voll des tiefsten Abscheus zuwarf.

Gottfrieds Antlitz ward dunkelrot beim Anblick Leine­manns, die Schnurrbartenden zitterten, er erhob sich kerzengerade vor dem Notar; keine Spur mehr der Schwäche von gestern abend.

„Nur eintreten, Herr Leinemann, geschieht Ihnen nix; wenn die Frucht net reif wär', sallet's Ihnen net in Schoß, und Sie zahlen ja nobel, 's ist ja ein ehrliches Geschäft. Herr Notar, wenn ich bitten derfet, ein bißl rasch, ich fiihl' mich net recht Wohl herit."

Die Röte wich ebenso rasch, als sie gekommen, aus seinem Gesicht, das jetzt wieder sein leidendes, verfallenes Aussehen hatte.

Der Beamte ging an die Arbeit, setzte die Formalien fest; der Verkauf war ein vollständiger, die Arbeit kurz, es handelte sich nur noch um die Abmachung Gottfrieds betreffs des Austrages. Er bestand auf nichts als auf dem Wohnungsrechte, da wich er keinen Fuß breit, ob- -vohl ihm der Notar in'beredten Worten erklärte, in welch unangenehme Lage er sich dadurch versetzen könne, er solle doch eine entsprechende Entschädigung verlangen. Er ließ nicht davon ab, er wollte wenigstens unter seinem Dache sterben, „und dann —" dabei lachte er verschmitzt — „habe ich noch ineine eigenen Gedanken dabei, recht dumme Gedanken — aber, mein Gott, laßt mir's halt!"

Die Lieferungen für das Moos, die Verpflegung, das alles wurde ohne den geringsten Wortstreit mit einer Barsumme von zwanzigtausend Mark ausgeglichen, welche, am Rentamte deponiert, durch ihren Zinsertrag all das zu seiner Befriedigung deckte.

Der Notar las den Kaufvertrag und legte ihn dann zur Unterschrift Gottfried vor. Ter las ihn nochmals durch, das Blatt zitterte heftig in seiner Hand. Plötzlich legte er es weg, trat ans den Sohn zu und ergriff seine Hand.

„Ambros", sagte er, liegt dir noch a hiß! waL dran«