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Berlags.Fernsprecher R». 296*.

Sonntag» de« 16. August.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

Morgen ■Ausgabe.

Kriegstechmsche Fortschritte.

Skizze von vr. Rcinhold Günther-Basel.

Im Vordergründe des militärischen Interesses stehen lm Augenblick immer noch die Schnellfeuer-Feldgeschütze. Krupp, Schneider, Canet, Cockerill, Nordensett, Hotschktß, Ehrhardt und wie die Herren Kanonenfabrikanten alle heißen, sie überbieten sich in genialen Konstruktionen, um die große Aufgabe zu lösen, ein in jeder Hinsicht brauchbares, modernes Feldgeschütz zu schaffen. Übrigens hat es schon früher, als das glatte Rohr allein die Schlacht­felder beherrschte, recht ansehnliche Leistlingen im schnellen Schießen der Artillerie gegeben. Bereits 1728 besaß Preußen ein leichtes Hintertadergeschütz, das sechsmal in der Minute zu feuern vermochte, aber praktisch galt der Satz, daß auf dem Schlachtselde höchstens zwei Schüsse in der Minute getan werden könnten. Diese Norm ist selbst noch in der deutschen Schießvorschrtst von 1877 fest- gehalten worden. Die modernen Schnellfeuergeschütze können nun, auch wenn nach jedem Schüsse genau nach­gerichtet wird, mit Leichtigkeit mindestens zehnmal in der Almute feuern und bei grober Richtung sogar bis zu zwanzigmal. Man erreicht diese Leistung durch Aufheben des Rücklaufes und durch die Verwendung von Metall­kartuschen, die als gewaltig vergrößerte Gewehrpatronen gelten können.

Während die Artillerien des europäischen Festlandes vorläufig noch trotz einzelner gegnerischer Stimmen der Ansicht sind, daß die Rohrweite des zukünftigen Feld­geschützes nicht unter 7,5 Zentimeter sinken dürfe, sofern eine genügende Geschoßwirkung erzielt werden soll, schwärmt eine große Partei in England für 3,5 Zenti- meter-Schnellfeuer-Geschütze, die Maxim konstruierte und die im südafrikanischen Kriege unter dem schönen Namen „Pom-Poms" bekannt wurden. Dies erscheint um so sonderbarer, als die Erfahrungen, die man mit dem ge­brechlichen, artilleristischen Spielzeuge machte, keineswegs zu dessen Gunsten sprachen. In der britischen Artillerie ist freilich alles möglich; denn die weittragendsten mili­tärischen Beschlüsse werden in England gewöhnlich von Leuten gefaßt, deren Urteilsvermögen nicht durch Fach- lcnntnisse getrübt erscheint.

Auch bei dem Jnfanteriegewehr gelangte man wieder Pl.der Ansicht, daß 7,5 bis 8 Millimeter Laufweite die äußerste Grenze für eine brauchbare Handfeuerwaffe sei und daß man von der weiteren Herabsetzung des Geschoß- dnrchmessers cbsehen müsse. Die Beobachtungen, welche die Kriegsclürurgen seit 1898 machten, taten in über­zeugender Weise dar, daß die stahlgepanzerten Geschosse von 7,3 und 5 Millimeter Durchmesser den von ihnen getroffmen Mann verhältnismäßig selten sogleich außer

Feuilleton.

Berliner Brief.

(Von unserem eigenen Berichter st atter.)

Die Berliner Hochbahn und das Pariser Unglück auf der Mvtro- politain. — Mißstände und Refonnvorschläge. — Der Londoner „tube“. — Theater.

Das furchtbare Unglück auf der Pariser Untergrund­bahn hat natürlich in Berlin alsbald die Aufmerksamkeit auf die Berliner Hoch- und Untergrundbahn gelenkt und die bange Frage hervorgerufen, ob auch die Passagiere dieser Bahn einer ähnlichen Katastrophe ausgesetzt sein konnten wie die Unglücklichen in Paris. Die Direktion hat aus diese natürliche Frage alsbald die beruhigendsten Erklärungen abgegeben, und sie mag vollkommen recht haben,,wenn sie für Berlin eine ähnliche Katastrophe für unmöglich erklärt. Aber es werden bei dieser Gelegen­heit auch noch eine ganze Reihe anderer Befürchtungen wut und es zeigt sich, daß „die Hochbahn" (wie sie der Berliner seltsamerweise, mit Unterdrückung ihrer weit charakteristischeren Eigenschaft, der Unterirdischkeit, nennt) längst die Popularität verloren hat, deren sie sich in der ersten Zeit erfreute. Wenn das so weiter geht, wird sie fs bald bis zur Unbeliebtheit der „Großen Berliner Straßenbahn" gebracht haben, wovon sie freilich ebenso lveuig wie diese einen merklichen Schaden verspüren wird, denn beide Bahnen sind cbm zu notwendig für den Ber- uner und können sich, im Bewußtsein ihrer Konkurrmz- losigkeit, manche Rücksichtslosigkeit erlauben. Ich sehe bon Mißständen wie dem ab, daß die Hochbahn noch immer sich nicht zur Einführung des Einheitstarifes, ja nicht kmmal zur Ausgabe von Monatskartei' beguemen kann. • Auch auf die Klagen über die Unhöflichkeit der Beamten und über allerlei fiskalische Drangsalierungen lege ich in dsisieni Zusammmhnnge kein Gewicht. Wohl aber müssen wer zwei Punkte hervorgehoben werden, an denen die bestehende Organisation der Hochbahn leicht einmal arößere Unglücksfülle veranlassen kann. Es handelt sich

Gefecht setzen. Ja, es erscheint sehr fraglich, ob diese kleinen Projektile einen Reiterangriff wirksam aufzuhaltm vermögen. Andererseits wünscht man nun ein Jnsanterie- gewehr, das sich selbst ladet und feuerbereit macht. Nach­dem die automatischen Faustfeuerwasfen, d. h. die Selbst- lade-Pistolen in den Konstruktionen von Bergmann, Browning, Borchardt-Lueger, Mannlicher und Mauser als durchaus brauchbare Kriegswerkzeuge vorliegm und teil­weise schon in dm Heeresdienst eingestellt worden sind, konnten viele bis dahin schwebende technische Fragm Er­ledigung finden. Bereits gibt es denn auch schon mehrere Jnfanteriegewehre, die automatisch arbeitend vom Schützen nur noch verlangen, daß er ihr Magazin füllt, daß er zielt und feuert. Selbsttätig werfen sie die aus- geseuerte Hülse aus, öffnen, schließen und spannen sie den Verschluß. Wenngleich cs möglich erscheint, mit ihnen 10 bis 50 gezielte Schüsse in der Almute abzugeben, so liegt darin doch nicht der Hauptwert dieser Waffen. Viel wichtiger ist es, daß sie keinen Rückstoß mehr äußern — weil die beim Schüsse auftretenden Gasspannungen zum Betriebe des Verschlusses gebraucht werden — und daß sie dem Manne die ermüdenden mechanischm Handgriffe ersparen. Er kann mit ihnen also die gesamte Aufmerk­samkeit für ein gutes Treffen verwenden. Freilich wird noch eine Reihe von Jahren verstreichen, ehe die verschie­denen Heere ihre jetzige Jnsanteriebewasfnung durch Selbstlade-Gewehre ersetzm, aber in nicht allzu ferner Zeit dürfte das Eintreten dieser Umwandlung gewiß zu erwarten sein.

Doch der beste Schütze und das beste Gewehr nützm so gut wie nichts im Gefechte, wenn die Entfernung von dem zu beschießenden Gegner nicht rasch ermittelt werden kann. Das Distanzenschätzen ist nun bekanntlich eine Kirnst, die nur besonders Befähigte „einigermaßen" er­lernen und die ühnen bei nicht fortgesetzter Übung zudem sehr rasch wieder verloren geht. Seit mehr als fünfzig Jahren hat man sich deshalb bemüht, Entfernungsmesser zu konstruieren, die leicht zu handhaben sind, möglichst keine Fehler beim Gebrauche äußern und auch keinen zu hohen Fabrikätionspreis aufweisen. Im Augenblick wer­den in verschiedenen Heeren Feldstecher der praktischen Prüfung unterzogen, die zugleich als Entfernungsmesser dienen. Mit dem Instrumente des französischen Majors Souchs kann jeder gehende oder stehende Mann, sowie ein Reiter auf die für das Jnfanteriegewehr praktikable Weite anvisiert und die entsprechende Entfernung — bei einiger Übung — rasch ziemlich genau gemessen werden. Aber der Feldstecher kostet 160 Mk. und ist doch wohl nur von Leuten zu gebrauchen, die über recht gute Augen verfügen; ein Besitz, der allem Anscheine nach nicht eben mehr allzu häufig vorkommt. Der ebenfalls aus Frank­reich stammende Feldstecher von Cohnon ist weit schwie­riger zu handhaben und bedarf zur vollen Ausnützung sogar eines Statives, ganz abgesehen davon, daß er etwa 250 M. kostet. Ebenso teuer ist der noch weniger bequeme

stereoskopische Feldstecher zum Entfernungsmessen von Chermon, so daß sein direkter Konkurrent Souch^ bisher am meisten Anerkennung, wenigstens verhältnismäßig, ge- funden hat. In Frankreich und in Rußland wurde amt- sich die Konstruktion von Souchä als die beste bezeichnet; doch bleibt gerade auf diesem Gebiete für tüchtige Optiker immer noch ein weites Arbeitsfeld, das dem glücklichen Erfinder einen reichen Lohn verspricht.

Große Fortschritte wurden in jüngster Zeit in der elektrischer: und opsischen Feldtelegraphie erzielt. Besitzt doch Deutschland seit 1897 einen für Kavalleriepatrouillen eingerichteten elektrischen Telegraphenapparat, der überall im weitesten Umfange benutzt werden kann und keiner Fahrzeuge zum Transporte bedarf, vielmehr von einem Manne getragen wird; denn 500 Meter seines Leitungs, drahtes wiegen nur 250 Gramm. In Verbindung mij dem von Summer erfundenen Telephon und Mikrophon vermag der Apparat selbst auf schlecht isolierten oder gar unterbrochenen Linien zu empfangen und überall mij Leichtigkeit das Abhören von Depeschen diirchzuführen, die über feindliche Telegraphenlinien laufen. Daß das Per­sonal nicht mangelt, das diese Neuerungen gehörig aus- zunutzen versteht, haben bereits die letzten' großen Manöver in Deutschland wie in Österveich klar erwiesen.

Die Telegraphie ohne Draht sollte, so hieß es in dem ersten Enthusiasmus über die neue Erfindung, das ge- samte schriftliche Verkehrswesen vollständig umgestalten. Tie großen Hoffnungen, die man ans die Neuerung setzte, haben sich zwar bisher noch nicht bewährt, aber es wird in allen Armeen daran gearbeitet, die durch die Lust fort­gepflanzten elektrodynamischen Schwingungen für das militärische Nachrichtenwesen praktisch zu verwenden. Im Kieler Hafen gelang es, Telegramme zwischen sich be­wegenden Schiffen bis auf 34 Kilometer Entfernung auszutauschen, in Brest will man das sogar auf 42 Kilo­meter ausgedehnt haben. Das deutsche Kaiserschiff „Hohenzollern" ist bekanntlich mit den notwendigen Appa- raten ausgerüstet worden, um auch während der Fahrt Depeschen wechseln zu können.

Wie der elektrische Funke als Friedensbote die Draht­leitung durcheilt, ebenso vermag er durch Errtzündung von Minen die scharrervollsten Verwüstungen anzurichten. Ter Gedanke lag nahe, die drahtlose Telegraphie auch für die Wirkung von Explosionsstosfen auf mehrere Kilo­meter Entfernung hin in Anwendung zu bringen. Es wäre dies in der Tat eine keineswegs bedeutungslose Neuerung im Kriegswesen; denn der von Mnen bedrohte Gegner würde bei dem Fehlen jeder Drahtleitung an denselben dauernd unter einem, alle feilte Entschlüsse lähmenden Eindrücke stehen. Kühne Geister denken noch weiter; sie wollen mit den elektrischen Luftwellen vom Lande aus elektrische Boote und Torpedos lenken, die ihrerseits die Kolosse der modernen Panzerschiffe anfallen sollen wie der Wespenschwarm das Pferd.

Großartig sind die Fortschritte, die auf dem Gebiete

um die Regelung des Ein- und Aussteigens und über die Regelung des Betretens und Verlassens der Bahnhöfe. Bezüglich dieser ungemein wichtigen Fragen zeigt die Direktion der Hochbahn eine Hartnäckigkeit in der Ab­lehnung von Verbesserringsvorschlägen, die man einfach nicht begreift. Wer die neue elektrische Untergrundbahn in London, den sog. lube, kennt — ich meine nicht die sog. unckei-Zronnü —, weiß, wie sckmell sich dort der Ein- und Aussteigeverkehr vollzieht und wie einfach und gefahrlos das Betreten und Verlassen der Bahnsteige. Bleiben wir zunächst bei der ersten Frage. Auch wer zum ersten Male eine Fahrt mit dem „luks" inacht, findet sich sofort zurecht. Wenn er den Wagen besteigt, erblickt er im Innern sofort eine Tafel, aus der die Reisenden ge- beten werden, den Wagen nur durch die eine Tür zu ver­lassen, wie er bereits beim Einsteigen durch einen ähn- sichen Hinweis aufgefordert ist, nur die eine der beiden Türen zum Einsteigen zu benützen. Wer diese beiden Aufforderungen etwa übersehen hat, wird von der Be­nutzung der falschen Tür durch höflichen Hinweis der Bahnbeamten abgehalten, von derren beim Einlaufen des Zuges vor jedem Wagen eirrer mit der Verteilung der Fahrgäste betraut ist und während der Fahrt, kurz vor dem Einlaufen irr die Station je einer irr jedem Wagen dafür sorgt, daß die Aussteigenden sich bereits im Zuge irr der richtigen Weise ordnen. Durch diese sehr einfache Vorschrift wird es ermöglicht, daß auch bei der größten Uberfüllung der Wagen und der Bahnsteige der Verkehr sich ohne jede Schwierigkeit und mit größter Schnelligkeit vollzieht. Wie anders in Berlin! Hier findet, sobald der Zug hält, an jeder Tür zunächst ein kurzer Karnpf zwischen den Hinein- und Herausdrängenden statt. Da­rauf — das ist ein typischer Vorgang — sicht man sowohl außen wie innen eine Anzahl Ungeduldiger nach dem anderen, anscheinend weniger hart umkämpftcn Ausgange eilen und hier — natürlich! — die Verüiirrring nrir noch vergrößern. Wcrur es schon schwer verständlich ist. daß die Direktion der Hochbabn diese so einfache und einleuch­tende Organisation des Eiri- rmd Aussteige-Dcrkchrs nicht von Beginn an cingeführt hat, so sollte man doch meinen,

ein Hinweis auf die Londoner Einrichtung würde sie ohne weiteres veranlaßt haben, die Scheidung der Türen in Ein- und Ausgangstüren noch nachträglich zu vollziehen. Als aber Schreiber dieser Zeilen gleich in der ersten Zeit des Betriebes in einer großen Berliner Zeitung sich er­laubte, diesen Vorschlag zu machen, erhielt er die Antwort, die Direktion könne ein Bedürfnis nach dieser Richtung nicht erkennen. Wüßte man riicht, daß eine nicht nner- Übliche Vermehrung des Zugbegleit- bezw. Bahnsteig- Personals durch die neue Einrichtung gefordert wird, so stände man bei diesem Bescheide vor einem vollständigen Rätsel. Aber auch so bleibt sie für jeden Beobachter des Verkehrs, der auf der Hochbahn zu rnanchen Stunden herrscht, kaum verständlich: man sollte denken, eine glatte Regelung des Ein- und Aussteige-Verkehrs wäre bei den kurzen Zwischenräumen der Zugfolge und der durch sie bedingten Kürze des Aufenthalts an den einzelnen Sta- tionen vor allem auch im eigenen Interesse der Bahn. Noch mehr aber trifft das bei der zweiten Frage zu. In Loudoir hat man einfach Ein- und Ausgang bei jedem Bahnhöfe getrennt:, der Stroin derer, die mit dein Zuge abfahren wollen, und der Strom der Angckommeiien fließen in zwei völlig getrennten Betten. Große Schilder mit der Aufschrift „Way out" weisen auch dem siuer- sahrensten beim Verlassen des Wagens den Weg In Berliir aber müssen die Ausgestiegenen und die Abfahren, den dieselbe schmale Sperre beim Schaffner passieren, der mit behäbiger Ruhe die Fahrkarten erst „durchlocht" Durch diese Sperre kann sich jedesmal gerade ein Passagier zwängen, und es ist nidjt. einmal so weit Vorsorge ge- troffen, daß etwa beim Schaffner rechts nur die Abfahren. der: und links nur die Angekommenen durchgehen. Auf die Dauer wird die Anlage getremrter Aus- und Eingänge gar nicht zu umgehen sein. Ihrer Einrichtuug steht irgend ein unüberwindliches Hindernis keinesfalls im Wege Von einem solchen kann man vielleicht bei einer dritten Reform sprechen, der Abschaffimg nämlich des Durch, locheus oder, >vic der Berliner allgemein sagt, des „Knipsens" der Fahrkarte,:. In London steht am Ein- gang jedes Bahnhofes ein Kaste», in den der Fahrgast