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1 . Beilage jwm Wiesbadener Tagblatt.

Ns. 37 S. Morgen-Arrsgalrr.

Sonntag, drn 16. August.

öl. Jahrgang. 1903.

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-j. Ein schönes Sßfib gefällt beit Augen, ein gutes dem 5] Herzen; das eine ist ein Kleinod, das andere ein Schatz.

Napoleon I.

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(18. Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Walter Schmidt-Häßler.

Damit erhob er sich, reichte Ella zwei nagelneue Hun­derter und hob mit der anderen Hand sein Glas mit den Worten. „unsere liebenswürdige junge Dichterin, die heut ihr erstes Honorar verdient hat — sie lebe!"

föefe mit einem kräftigen Hoch mit einander an, nur Ella stand regungslos und starrte auf die beiden Scheme m ihrer Hand mit einem glückseligen Lächeln auf den Lippen Sie wußte wirklich nicht recht, ob sie wachte Mr träumte. Wie durch einen flimmeimden Schleier sah sie all die lieben, freudestrahlenden Gesichter. Sie wagte sich nicht zu regen, aus Furcht, alles miißte zer­rinnen wie ein Spuk.

Sie war unsagbar glücklich!

~r^f, toa £ r getan, der erste kühne entscheidende

AE.ifus dem dornenvollen Wege, der mühevoll auf- fixeren sollte zu dem heiß ersehnten Ziele. Der Würfel war gefallen. ' 1 °

, . ^>ie hatte den Rubikon überschritten-Mw

ieöer erste Erfolg, so hatte auch dieser Ella Mut gemacht

NrbeiM?ast ^egebem ^ ^ dne unermüdliche

Bis tief in die Nacht hinein saß sie bei der stillen Stu- dierlampe und die ^eder flog über das Papier.

J Xn ?^ en ^hlte es ihr nicht, ihre erfinderische Phan- taste arbeitete mit rastlosem Eifer, und alle Vorstudien,

Frischte ^ Imi9en ^ ett Stacht, trugen jetzt reiche

fetter war der Vermittler zwischen ihr und ,,ihrem Verleger", wie sie mit Stolz sagte, und jede ihrer w”«” I° n ,cm ? n . Beifall, und, was die Hauptsache war, Verwendung bei guten Zeitungen. Die anfänglich bescheidenen Honorare, die sie empfing, machten ihr ganz 2sschreibliche Freude, und jedesmal ließ sie die paar Goldstuckchen mit einem wahren Wonnegefühl durch ihre

6e s°i f- e &€r Freude eines Kindes, in velüiEMt^^ ta ^ 16 öte ^ eI16en unt ihrer Geistesarbeit

Der Verleger selbst wußte nicht, wer sie war und

emteiten^^?m^°E, ihr Geschlecht nicht im ent- ferntesten. Sie wollte um keinen Preis ihren Namen unter ihre Arbeiten setzen, schon aus Rücksicht auf ihA

SS“SÄ ÖCr ® r s- ftn ' UnÖ f ° Uermiitete niemand fJmbr'F §errmann die reizvolle Mädchengestalt mit E Achten Haar und den bescheidenen Manieren nd gerade das machte ihr ganz besonderen Spaß Nie- ^ uuf der Welt brauchte ja zu wissen, daß gerade sie w ' - b - e m Len gedruckten Geschichten einen Teil M? ureigensten Empfindens niederlegte, daß sie, die wlle. scheinbar so menschenschciie Ella, hier in ihren 0 manches laut in die Welt hinauspredigte, was lhre kippen niemals gewagt hätten, auszusprechen. Aber

„Heinz Herrmann" durste alles sagen. Das war ein Mann, der das Recht hatte, seine Ansichten laut und offen zu äußern, der durfte kühn mit Wort und Feder seine Meinung sagen, durfte eintreten für Recht und Wahrheit, und mit beißendem Spott, mit skeptischem Witz geißeln, was sein Mißfallen erregte.

Nachdem sie ungefähr ein halbes Jahr unermüdlich kleine Feuilletons, Novellen und Plaudereien geschrieben hatte, die alle laut iind unzweifelhaft ihr großes Talent verbürgten, ja noch mehr, den unleugbaren Stempel des Genies trugen, begann Ella ihr erstes Buch. Neben ihren anderen Arbeiten für ihre kleinen Zeitschriften wollte sie die große Arbeit vollenden, einen wirklichen, umfang­reichen Buchroman schreiben, von dem sie sich einen ehr­lichen Erfolg versprach. Sie fühlte die schöpferische Kraft in sich, sie hatte Vertrauen gewonnen zu sich selbst, und nach ihren so über Erwarten geglückten ersten Flug- übungen wollte sie nun kühn den großen, gewaltigen Flug ins allgemeine wagen.

*

Im Drontheimschen Hause war große Gesellschaft, die erste zum Beginn der neuen Saison. Ella hatte mit den Arrangements zu dem festlichen Abend ein wahres Meister­stück geleistet und die Gräfin hatte ihr einmal über das andere ihr unverhohlenes Entzücken ausgesprochen.

Das heutige Fest hatte auch noch einen ganz beson­deren Zweck.

Egon, der ein volles halbes Jahr auf Reisen gewesen war, die ihn über London, Amsterdam und Paris geführt hatten, war am Vorabend zurückgekehrt und nahm zum ersten Male seit so langer Zeit wieder im Hause der Mutter an der Geselligkeit desselben teil. Die weiten Säle strahlten in einem Meer von Licht, in den riesigen Fayencevasen dufteten große Arrangements der herrlich­sten Blumen, und selbst vom Lustre des Speisezimmers herab zogen sich dünne Guirlanden von zartestem Grün bis zur Tafel, umwanden die silbernen Familienleuchter und zogen sich zwischen den Gedecken hindurch.

Bei Tische saß Ella am Ende der Tafel, Egon gegen­über, und jedesmal, wenn sie aufschaute, blickte sie in ein Paar so leuchtende Menschenaugen, daß sie unwillkürlich erschrak; denn diesen Ausdruck hatte sie in seinen Augen bisher noch nie gesehen.

Es lag etwas so übermütiges, so frohlockendes darin, daß sie fortwährend befürchtete, die Gräfin könne einen dieser Blicke aussangen und mißdeuten. Aber niemand achtete darauf. Alles war in fröhlichster Laune und ge­hobenster Stimmung, und die leisen Klänge der Zigeuner­kapelle, die aus dem anstoßenden Zimmer schmeichelnd herübertönten, trugen das ihre dazu bei, die Konversation lebhafter und lustiger zu machen. Im großen Salon wurde später getanzt, und Ella erschrak aufs höchste, als Egon sofort aus sie zueilte und sie bat, mit ihm den ersten Walzer zu tanzen.

„Ich glaube kaum, Herr Graf," sagte sie ausweichend, „daß die Frau Gräfin es schicklich finden würde, wenn die Gesellschafterin am Tanze teilnehmen wollte."

„Ich konnte mir denken, gnädiaes Fräulein, daß Sie mit einer Ausrede bei der Hand sein würden," sagte er, übermütig lackend, „aber ich. habe mich, mit Geleitsbrief für diesen Fall vorgesehen. Als braver Sohn habe ich

Mama hübsch vorher um Erlaubnis gefragt, und heut« schlägt sie ihrem Sohne nichts ab. Darf ich also bitten?"

„Wenn es mit dem Einverständnis der Frau Gräfin geschieht," erwiderte sie lächelnd, „dann muß ich wohl die Waffen strecken!"

„Ja wohl, das müssen Sie! Das heißt, wenn Sie mir die Auszeichnung zu teil werden lassen wollen!" Da­mit schlang er den Arm um ihre schlanken Hüften, sah ihr wieder mit, denselben frohlockenden Augen ins Gesicht wie vorhin bei Tisch, und zu den Klängen eines Wiener Walzers schwebten die beiden jugendlichen Gestalten durch den Saal. Ein seltsames, bebendes Gefühl durchrieselte das Mädchen in den Armen des jungen Mannes, der ihr heute mit einem Male als ein ganz anderer erschien. Ein undefinierbares Fluidum schien von chm zu ihr herüber­zuströmen und verwirrte ihr förmlich den sonst so klaren Kops. Ihr Puls schien schneller zu schlagen, ihr Herz lauter zu klopfen, als sonst. Sie kaünte sich selbst nicht mehr. Was war es denn, was sie so seltsam, so plötzlich überfiel und sich über ihr nüchternes Denken so verwir­rend legte, wie ein Fieberrausch? War es der starke Arm, der sie mehr zu tragen, als zu halten schien, der sie schon einmal so männlich geschützt hatte, und der sich jetzt mit so festem Druck um ihre Gestalt legte? War es die sug­gestive Gewalt dieser wirklich unbeschreiblich schönen dunk- len Augen, die sie zum ersten Male so dicht vor sich sah, daß sie in den schwarzen, leuchtenden Pupillen beinahe ihr eigenes glühendes Gesicht sehen konnte, oder war es das leise Flüstern, das von seinen Lippen ab und zu ihr in die Ohren drang, ohne daß sie ein Wort davon verstand? Sie wußte es nicht und gab sich keine Rechenschaft.

Als der Walzer zu Ende war, atmete sie hoch auf, als wollte ihr die Brust zerspringen. Er geleitete sie in einen der anstoßenden Salons, und als sie dort sich ermüdet aus einen Divan niederließ, streckte er sich in einem da- nehen stehenden Sessel lang und behaglich.aus und machte durchaus keine Miene, sie zu verlassen.

„Daraus hatte ich mich lange gefreut", sagte er munter, „gerade mit Ihnen einmal zu tanzen, gnädiges Fräu­lein; denn, ich weiß selbst nicht warum, ich bildete mir ein, daß Sie ganz wundervoll tanzen müßten. Und ich habe vollständig richtig gerechnet. Sie tanzen wirklich exzellent!"

„Ich habe früher sehr gern getanzt", sagte Ella .und was man einmal gekonnt hat, verlernt man nicht so leicht. Aber — wollen Sie nicht jetzt zur Gesellschaft zurück- kehreri? Wenn die Gräfin Sie vermißte."

„Ich denke nicht'daran! Sie wollen mich wohl fort­schicken, Fräulein Ella."

Es war zum ersten Male, daß er ihren Namen nannte, und sie fühlte, wie ihr dabei das Blut in die Wangen stieg.

„Ich will Sie durchaus nicht „sortschicken", dazu hätte ich wohl doch kein Recht. Ich möchte nur Ihnen, und vielleicht ..auch mir peinliche Auseinandersetzungen er­sparen, möchte Sie, Herr Graf, nur darauf aufmerksam machen, daß Ihre Gäste sich mit Recht verwundern dürf­ten, wenn der Sohn des Hauses nach einem langen Walzer mit der Gesellschafterin seiner Mutter in einem Seiten­salon plaudert und sich von der Gesellschaft absentiert." (Fortsetzung folgt.)

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