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H«. 377, mm,K nmstag» »r« 15. August. 1908.
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Internationale Konferenz für Fnnkentelegrapljie.
Während am Balkan sich neue Wetterwolken znsam- menballen und nicht nur die Diplomaten aus ihrer sommerlichen Ruhe aufscheuchen, arbeitet man in der Reichs- hcmptstadt emsig an den Vorarbeiten eines Werkes, das weit mehr im Dienste der Anbahnung des Weltfriedens steht als alle Träumereien im Haag: Es ist die inter- nasional-rechtliche Regelung des Funkensprech-Verkehrs. •
Wie lang ist's her, da galten alle Versuche zur drahtlosen Telegraphie oder richtiger der elektrischen Wellen- Telegraphie als bloß staunenerregende Experimente? Der leider so früh verstorbene Bonner Physiker Hertz, ein Sohn der den überseeischen Verkehr eifrig pflegenden hanseasischen Republik, hatte die Grundlagen dafür geschaffen, indem er das, was namentlich der englische Physiker Maxwell geistig erschaut und in subtilen mathemati- fchen Rechnungen niedergelegt hatte, genial zur experimentellen Tat ausgestaltete! Wie bei der Erregung eines Tones sich in der Umgebung geradlinig fortschreitende Wellenzüge bilden, so rufen die periodisch wechselnden Impulse eines Wechselstromes im umgebenden Raume elektrische Wellenzüge hervor, die mit Lichtgeschwindigkeit fortschreiten. Auf diesen wunderbaren Wellenzügen elektrischer Bewegungen im Äther des Luftraumes — Heinrich Hertz nannte sie bezeichnend „Strahlen elektrischer Kraft" ~7 ruht die Möglichkeit einer leitungslosen, einer elektrischen Wellen-Telegraphie. Bereits im Jahre 1895, also vor Marconi, führte Rutherford in England die erste Wellen-Telegraphie aus, fast gleichzeitig der russische Gelehrte Prof. Popoff, der jetzt im Aufträge seiner Regierung an der in Berlin tagenden Konferenz teilnimmt. Popoff erzeugte die elektrischen Wellen nicht selbst durch vunken, sondern fing zum Zweck meteorologischer Studien diejenigen Wellen auf, die' von elektrischen Funken in der Atmosphäre ausgingen. Man sieht schon daraus, daß y«r an allgemein praktische Zwecke noch nicht gedacht wurde. Das ist das gewiß nicht zu unterschätzende Verdaust Marconis; er hat mit den Hülfsmitteln, die die
anderen gegeben haben, — er baut auf den Arbeiten von Hertz, Branly, Popoff usw. auf, nachher hat er einen Teil der Erfindungen des Straßburger Professors Braun sich zu eigen gemacht — mit frischem Wagemut einen sehr leistungsfähigen Apparat für große Fernwirkungen konstruiert. Er wurde gewissermaßen der Großindustrielle, der die physikalischen Entdeckungen der anderen systematisch im großen zu verwerten suchte. Bald aber kamen chm die deutschen Systeine von Braun-Siemens, von ^laby-Arco, die jetzt vereint sind, gleich. Marconi wollte nun jeden unbequemen Wettbewerb aus dem Felde schlagen._ Mit einem Riesentamtam wurde verkündet, daß er mit seinen Stationen von England nach Italien, sowie von Kanada nach England Telegramme zu übermitteln vermöge. Aber trotz der riesenhaften Apparate konnte man der zahlreichen Störungen, die eintraten, nicht Herr werden. Ebenso wenig ist bis jetzt ein sicheres Mittel gefunden, die abgesandten Telegramme nur der beabsichsig- ten Station zugänglich zu machen. Außerdem müssen dre _ gewaltigen Elektrizitätswellen der Marconischen Riesenapparate alle im weiten Umkreis befindlichen normalen Stationen für den Schiffs- und Küstenverkehr so stark beeinflussen, daß deren eigenes segensreiches Arbeiten unmöglich gemacht wird. . In der Zeiffchrist „L'Eclairage Äectrique" wurde von den beiden hervorragenden Elektrikern Turpain und Rcyval Anfang dieses wahres eine kritische Würdigung der Versuche Marconis an Bord des Panzerschiffes „Carlo Alberto", sowie über seine Versuche der transatlantischen Telegraphie unternommen. Auf Grund der sich für andere Stationen ergebenden Mißstände verlangte Reyval mit Recht, man möge eine internationale Regelung des Betriebes wellentelegraphischer Stationen herbeiführen.
Dieser Forderung sucht jetzt die in Berlin tagende Konferenz nachzukommen, auf der 9 Staaten durch 17 Delegierte vertreten sind. Die Beratungen, die ja nur zu einer Klärung der ganzen Angelegenheit dienen, sind ebenso wie die etwaigen Beschlüsse vorläufig geheim. Aber so viel ist den Teilnehmern jetzt schon klqr, daß die Funken- Telegraphie auf ihrem eigentlichen Felde — dem Nachrichtendienst aus dem Ozean, von Schiff zu Schiff, und von: Schiff zur Küste — nur dann sich weiter entwickeln kann, wenn internationale Vereinbarungen getroffen sind Das hat man bei der weltumspannenden Kabeltele- graphre gesehen. Und ebenso wenig wie hier ein Apparatsystem als das alleinseligmachende gilt, neben dem Morseschreiber gebraucht man den Typendruckapparat von Huguns oder von Baudot, darf ein Empfangssystem in der elektrischen Wüllentelegraphie den Anspruch machen, uur allein Berechtigung zu haben. Die Gleichberechtigung aller Systenie liegt im Interesse des Kulturfortschritts.
Hoffen wir, daß die jetzigen Beratungen der Konferenz und die sich daran knüpfenden Arbeiten die Hoff- nüng verwirklichen, die Staatssekretär Krätke in seiner Begrüßungsansprache an die Konferenz aussprach. Tenn nur wenn der weiteren Entwickelung freie Bahn geschaffen wird unter Beiseitesetzung aller Sonderinteressen, wird sich das neue Verkehrsmittel zum gemeinsamen Wöhle der seefahrenden Völker entwickeln.
Deutsches Deich.
Die Akkordcntlohnung.
Jetzt, bei Gelegenheit der wegen allzu großer Anhäufung von Vorräten notwendig gewordenen Entlassung von 70 Optikern in den durch ihre vorzüglichen sozialen Einrichtungen bekannten optischen Werkstätten von Karl Zeiß in Jena, wird von verschiedenen Seiten wieder die Schädlichkeit der Akkordarbeit für die Arbeiter zu beweisen versucht. Unter Hervorkehrung des alten Satzes: „Akkordarbeit ist Moröarbcit", wird diese Loyn- art nicht nur für die Arbeiterentlassungen bei Zeiß verantwortlich gemacht, sondern sie wird auch ganz im all. gemeinen als eines der größten Übel angesehen, gegen r°f rJL Arbiter anzukämpfen haben. Der Haß gegen das Akkordsystem ist unter den deutschen Arbeitern noch weit verbreitet und hat zum Beispiel dahin geführt, daß ™ rö die Akkordmaurcr aus dem sozialdemokra- tischen Wahlverein ausgeschlossen worden sind. Auch dem Pramtenlvhnsystem, das in den Vereinigten Staaten extsttert, in England zwischen dem Verband der Maschinenbauer . und dem Unternehmerbund dieser Branche vertraglich festgelcgt worden ist und im vorigen Jahre auch in einer Maschinenfabrik in Karlsruhe ein- gcfuhrt wurde, stehen die deutschen Arbeiter feindlich gegenüber. Nach den Erfahrungen aber, die man in England sowohl mit dem reinen Stücklohnsystem, als auch mit dem Prämiensystem gemacht hat, muß man eS als «n Vorurteil ansehen, wenn der Stücklohn von vorn- hcrein als schädlich, der Zeitlohn als für die Arbeiter stets nützlich angesehen wird. Zweifellos wirkt die Akkord- arbert nicht selten schädlich, weil sie die Arbeiter zub übermäßigen Anspannung ihrer Kräfte führen kann, aber auch die Entlohnung nach Zeit ist nicht vollkommen, hat rm Gegenteil gleichfalls schwere Fehler. In dieser Beziehung ist ein Urteil interessant, das der beste Kenner der englischen Arbeiterverhältniffe, Sidney Webb, im vorigen Herbst in einer englischen Zeitschrift geäußert hat. Webb sagte: „ . . . Andererseits hat aber die plumpe und primitive Methode der Bezahlung nach dep Stundenzeit viele Schattenseiten. Sie ist, wenn man über sie genauer nachdenkt, ihrem Wesen nach die Methode des Sklavenbesitzers", und weiter: „Ich glaube nicht, daß der Gewerbfleiß irgend einer Klasse von intelligenten Fabrikarbeitern andauernd nach dieser rohen und ungenauen Methode der Zeitlöhne bezahlt werden wird." Die beste Regelung sowohl für Unternehmer als auch für Arbeiter sieht Webb in der Einführung von fest normierten Stücklohntarifen, wie sie in den Birminghamer Messingwarenfabriken bestehen. Man wird sicher nicht abstreiten können, daß beim, Stücklohn- und Prämienlohnsystem die Produktion vermehrt wird, so daß also zu einem bestimmten Quantum Arbeit weniger Arbeitskräfte nötig sind, eine vermehrte Produktion aber kann im allgemeinen nur von Vorteil sein für die Gesamtheit. Wenn der einzelne Arbeiter darunter leiden muß, indem er durch die erhöhte Leistungsfähigkeit seiner Berufsgenossen als Produzent überflüssig wird, so muß für ihn andere Arbeit geschaffen werden oder wenigstens sollte er für die Zeit der Arbeitslosigkeit entschädigt wer- den, den Akkordlohn aber sollte man nicht als das Haupt- übel ansehen.
Feuilleton.
Gegen den Müßiggang.
„Müßiggang ist aller Laster Anfang", sagt das Sprichwort, hat aber, wie die meisten Sprichwörter, nicht vollständig recht, denn nicht alle Laster entspringen aus dem Müßiggänge,' glücklicherweise führt er auch nicht immer jWm Laster, sonst würde ein noch bedeutenderer Teil der Bevölkerung, als dies leider bereits der Fall ist, höchst msterhaft sein, und zwar vor allem derjenige, unter welchem bis jetzt nicht gerade die meisten Schäudlichkeiten anzutreffen sind, wir meinen die „höheren Töchter". Aber wenn Mangel an Tätigkeit auch nicht immer so schreckliche Folgen hat, so führt er doch sehr beklagenswerte Resultate wit sich, er schadet der Gesundheit aufs empfindlichste. Der Körper ist eine Maschine, die Kraft und Hitze erzeugt, und wenn diese nicht in die richtigen Bahnen gelenkt werden, bann leidet die Gesundheit darunter. Hysterische AnMe von Lachen und Weinen sind oft nur die äußeren Zeichen dafür, daß diese Kräfte sich einen Ausweg suchen.
Hysterie ist ja allerdings nicht auf die Frauen beschränkt, doch findet man sie am meisten bei diesen. Ja, wan kann sagen, daß sie beinahe eine Modesache ist, was beweist, daß sie bis zu einem gewissen Grade bekämpft werden kann. Bor zirka M Jahren galt sie für elegant und selbst wenn nur während eines Gesprächs ffne Bemerkung gemacht wurde, die die Empfindsamkeit ««er Dame verletzte, verzogen sich ihre Gesichtszüge, sie streß einen schluchzenden Laut aus und sank vom Stuhl oerab. Die Kur bestand gewöhnlich darin, daß man ihr ^ltes Wasser ins Gesicht spritzte, und wenn dieses den «als berührte oder ihr Kleid naß machte, dann trat die Erholung gewöhnlich sehr plötzlich und vollständig ein. Manchmal ereignete es sich auch, daß junge Damen immer »ann einen Anfall bekamen, wenn bestimmte junge Herren anwesend ivareu. Es war dies eine damalige
Art, zu „flirten", die glücklicherweise nicht mehr modern ist.
Übrigens ist es bei Hysterie merkwürdig zu beobachten, wie nahe verwandt Lachen und Weinen einander sind, der Mechanismus ist ja aber auch bei beiden derselbe, die konvulsive Bewegung der Brust. Es erscheint eigentümlich, daß zwei augenscheinlich so verschiedene Gefühle, die so absolut entgegengesetzte Stimmungen ausdrücken, sich durch Bewegungen äußern, die einander sehr ähnlich sind. Aber wenn man es bester bedenkt, fo sind diese Gefühle garnicht so sehr von einander entfernt, sie vermischen sich auch miteinander und jeder weiß, daß die höchste Freude sich oft durch Weinen äußert.
Um aber zu unserem Gegenstand zurttckzukehren, so sollte der Geist immer beschäftigt sein, durch Arbeit wird er gekräftigt, während er sich schwächt, wenn man ihn nicht benutzt. Da es nicht möglich ist, daß das Gehirn vollständig ruht, so sollten seine Kräfte in nützlicher Weise Verwendung finden, sonst reagieren sie auf Geist und Körper und rufen zahlreiche physische und psychische Leiden > hervor.
Wie oben erwähnt, sind es meist weibliche Wesen, die unter hysterischen Zufällen, die durch Mangel an Beschäftigung entstehen, leiden. Junge Männer, welchem Stande sie auch angehören, ergreifen einen Beruf, unter den jungen Damen aus wohlhabenderen Familien pflegt immer noch die Mehrzahl so gut wie garnichts zu tun. Nachdem sie die Schule verkästen haben, die ihnen gewöhnlich nicht allzu viele Kenntnisse mitgibt, widmen sie sich wohl noch ein wenig der Musik, nehmen vielleicht einige Stunden in fremden Sprachen, aber cs genügt dies bei weitem nicht, um ihre Zeit auszufüllen, sic wissen nichts mit ihr anzufangen und bald stellen sich alle möglichen kleinen Leiden ein, für die man Hülfe beim Arzt sucht, aber natürlich nicht finden kann. Häufig sind es die Eltern, die ihre Töchter hindern, eine Beschäftigung zu ergreifen, in der merkwürdigen Ansicht, daß ihre Hciratschanccn sich dadurch vermindern oder sic
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nickt kräftig genug dafür sind, während es gerade die fehlende Arbeit ist, die die kleinen Leiden yervorruft, die bald verschwinden würden bei rationeller Tätigkeit.
Junge Männer haben gewöhnlich eine solche und doch trifft bei ihnen das Sprichwort häufig zu, daß Müßiggang Laster yervorruft. Es bleiben ihnen noch viele freie Stunden und die Monotonie ihrer Beschäftigung ist oft so groß, daß sie sich als Gegengewicht allen möglichen Zerstreuungen hingeben. Das beste aber wäre, wenn sie sich ein spezielles Steckenpferd erwählten und falls sie nicht Interesse für ein wissenschaftliches Feld, Astronomie, Botanik besitzen, sich zu Sammlern heraus- bilden, Kenner von altem Porzellan werden, Spazierstöcke oder Tabaksdosen anschafsen oder dergl. mehr. Die glücklichsten Menschen sind entschieden diejenigen, welche, nachdem die eigentliche Tagesarbeit getan, eine andere aufnehmen, für die sie besondere Vorliebe haben.
Die meisten Ar^te werden es wohl bestätigen, daß -ehr Personen durch Mangel an Beschäftigung als durch tberarbeitung leiden. Es ist durchaus nicht ungesund, :ch den ganzen Tag einer Tätigkeit zu widmen, die stunden für die Mahlzeiten und die Bewegung ausgenommen, uur muß die Tätigkeit Abwechselung bringen Wenn geistige Beschäftigung sich immer nach derselben Richtung bewegt, so wird eine Fähigkeit zu sehr angc- jnannt auf Kosten der anderen. Wenn Überarbeitung virklich vorliegt und Schaden anrichtet, bann ist es in den Höllen, wo diese Abwechselung nicht eintrat oder man in mverständiger Weise vorging nnd weder für die Mahl- eiten noch die Bewegung genügende Zeit hcrgab. Weiß nan aber die Arbeit in vernünftiger Weise einzuteilen, n schadet es durchaus nichts, wenn man fast alle Stunden des Tages ihr widmet, vorausgesetzt, daß einige davon ftner Tätigkeit gelten, die den Arbeitenden interessiert Der Untätige beobachtet sich zu viel, schenkt allen Funktionen des Körpers eine übertriebene Aufmerksamkeit und das Resultat ist gewöhnlich, daß er zum unheilbaren Hypochonder wird.
