erläge Mm Wiesbadener Tngblntt.
N-. 377. Morgen-Ausgabe.
Samstag, den 15. August.
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61. Jahrgang. 1908.
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*• rx r 2 ?^ bat !’'*£ kür seinen guten Ruf schon einmal — Jj sich selbst geopfert? —
Friedrich Nietzsche.
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(17. Fortsetzung.)
Freiheit!
Roman von Walter Schmidt-Häßler.
..Einige Augenblicke stand sie regungslos, noch wie ®™~"' und strich sich mit der Hand über den blonden Scheitel, als müsse sie gewaltsam eine häßliche Er- mnerung fortwischen. Dann sank sie langsam auf die Kissen des Losas und fing an, erst nach und nach zum rx* 1 ! 61 ! Evußtsein der Situation zu kommen, in der sie sich befunden hatte. Brennende Scham und eine grenzende Erbitterring guollen jetzt wo sie allein war, um so heftiger rn ihr auf, und ihre Lippen preßten sich fest auf- einander, wie m körperlichem Schmerz. Zum erstenmale. seit sre in diesem Hause war, empfand sie das Bewußtsein einer untergeordneten Stellung, fühlte sie sich als ein dienendes Wesen, eine bezahlte Fremde, der gegenüber man sich erlauben durfte, anders zu denken/ ’at§ jeder ..^r Gesellschaft gegenüber. Nie noch hatte dieses Druckende auch nur einen Augenblick auf ihrer Seele gelastet me hatte nur der leiseste Gedanke daran kknd alles, was in ihr nach Freiheit und Sellitstandigkeit verlangte, bäumte sich trotzig empor, gegen Fesseln, dre rhr noch niemals fühlbar gewesen
Was hier geschehen, war ja nur die Tat eines schlecht erzogenen m sich verdorbenen Burschen gewesen, aber daß es überhaupt geschehen konnte, daß es gerade ihr ge- Mhen war, ließ sie schaudernd fühlen, mit welch sou- veraner Nichtachtung man mif die Gesellschafterin herunterblicken durste, wie minderwertig man sie zu taxieren wagte! — Ein förmlicher Ekel schüttelte sie, als !i"x?'ksprang und ans Fenster eilte, als müsse sie Phwitasie"^ ^ ^ artti '^ €TI ^ldern ihrer eigenen erregten
Bor ihrem Schreibttsche blieb sie stehen. Ein Stoß mgbeschnebener Blätter fesselte ihren Blick! Ja, da lag ioc^sie frei machen konnte, frei machen mußte, wenn dre Sttmmen die fett ihrer Jvgend in ihrem Eimern zu ihr gesprochen, nicht gelogen hatten.
i ' r ?erus. ihre Zukunft — ihre Unabhängig- s ^wzig und allein nur dort, in der Kunst, öffnete sich JÜ?*, 0r ^»' ZZÄ'^olle Tor, durch das die ringende ^ m das ersehnte Zauberland der Freiheit schoten erhobenen Hmrptes, von. niemandem abhängig einen großen Etwas, das in ihr selbst lebte
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Mp S eb0 mr-^ n ^ M* f fe ber Hand über rl att ? r ' und in ihr eben noch so erregtes Ge- tiefe, wohltuende Ruhe: ein frerind-
8 mIchwte^^^ b0S fk mH dTtem ^ 3 « Wunder- @te wollte Geduld haben und Vertrauen zu ihrem
Schicksal. Von hier aus vom sicheren Hafen, wo sie gegen des Lebens Not und Mangel geschützt war, wollte sie die Schwingen prüfen, nicht mehr zögern, den ersten Versuch zu wagen, denn der heuttge Tag hatte sie mächtig emporgerüttelt aus ihrer mädchenhaften Scheu vor der Öffentlichkeit, von hier aus wollte sie anfangen zu fliegen, bald, gleich und konnte sie es — dann — dann gehörte ihr die Welt!
Eine namenlose Seligkeit durchrieselte sie bei dem Gedanken, alles Bittere, was sie noch soeben durchlebt, versank in nichts vor der großen, lebendigen Schaffens- freude, die sie tatkräftig durchströmte. Sie hatte sich selbst gefunden! Sie fürchtete keine Zukunft mehr! Sie wußte, was sie wollte! Und das war alles!
Am selben ?lbend noch waren die französischen Gäste abgereist. Ella war mit dem ruhigsten Gesicht bei Tisch erschienen, obwohl sie darauf gefaßt war, noch einmal den Unverschämten sehen zu müssen. Einen Augenblick hatte sie die Absicht gehabt, sich mit Kopfweh zu entschuldigen und auf ihrem Zimmer zu bleiben. Aber das wäre ihr wie Feigheit erschienen, und sie wollte gerade Egon zeigen, daß sie in seinem Beisein vor nichts fick fürchtete.
Mer Herr de Daronne hatte vorgezogen, heftige Migräne zu haben und deshalb erst im letzten Augenblick zu erscheinen, als der Wagen schon vor der Tür stand.
Während man bei Tisch saß, vermied es Egon mehr denn je, Ella anzusehen, kein Blick, kein' vertrauliches Lächeln erinnerte sie von seiner Seite an das Geheimnis, das sie mit ihm tettte, und aufs neue bewunderte sie den feinen Takt dieses erlesenen Charakters.
Der nächste Tag war ein Sonntag, und freudiger als ,emals machte sie sich um 6 Uhr auf dm Weg zu dm Ihrigen.
dlks sie in der Pferdebahn saß, zwischen all den festtäglich geputzten Menschm, fühlte auch sie im innerstm etwas wie Feiertagssttmmung, etwas frmdig Gehobenes, und sie konnte kaum die Zeit erwarten, wo sie dem Onkel gegenubersaß, um ihm ihren Eittschluß anzukündigen, die letzte Arbeit an eine größere Zeitung mutig einzusenden und damit den ersten Schritt in die Öffentlichkeit zu wagcn.^ Was er wohl dazu sagm würde? Ob er sie schon für fähig dazu hielt?
Würde er nicht am Ende doch mißbilligend dm Kopf schütteln und ihr wohlmeinend crbraten?
So langsam wie heute schim ihr die Pferdebahn noch me gefahren zu sein, und daß auf der Sttecke so viele Haltestellen warm, fiel ihr zum erstm Male recht störend auf.
Endlich war sie da.
Man begrüßte sie mit der altm, immer gleick-en Herz- ttchkert, lebhaft und angeregt wie jedesmal plauderte man beim einfachen Mmdessm, und doch schim es Ella als ob gerade hmte etwas ganz Besonderes in der Luft läge
Oder war alles nur der Widerschein ihrer eigenen Ltimmung? — Ein paarmal fing sie einen Blick auf, dm Aonunger Senior über dm Tisch herüber mit seinem Lohne wechselte und dm der Alte mit einem behaglichm Schmunzeln begleitete. Aber er sagte nichts
* b?m oBer Z Ql ? aUeS um dm abgeräumten Eßtisch versammelt war, brachte Frau Anna mit strahlen
dem Gesicht zu Ellas größtem Erstaunm das Prunkstück .des Hauses, die prachtvolle alte Bowle, setzte sie behutsam mitten unter die Hängelampe, und das Cousinchen stellte die Gläser vor jedm einzelnm hin.
Ella lächelre. „Alle tausend!" sagte sie vergnügt, „was ist denn heute für ein besonderer Feiertag? Ich bin doch kein so vergeßliches Menschenkind, daß ich einen Ehrentag der Famttie Röminger nicht wüßte! Da muß es doch etwas ganz Besonderes sein!"
„Ist es auch, mein Fräulein!" sagte der Hausherr, indem er sich breit und behaglich in seinem Lehnstuhl zurechtrückte. „Ananasbowle war sür mich von jeher der Inbegriff aller Feststimmung. Aus Champagner mach' ich mir nicht viel, er ist mir, wie soll ich gleich sagm, zu konventionell, zu offiziell. Ich bin nun mal für das Intime. Bei all meinen wirklichen Festen gibt's Ananas- bowle."
„Ja, was ist denn heut für ein Fest?!"
„Ein ganz absonderliches! — Wirst gleich hörm! Erst mal eingeschenkt! So! — Und nun bitte ich um ungeteilte Aufmerksamkeit!"
Ella war wirklich gespannt auf das, was nun kommen sollte: denn sie wußte nur zu gmau, daß hmte tatsächlich weder ein Geburtstag noch sonst ein wichnger Tag im Römingerschen Kalender stand, und mit erstaunten Augen sah sie fragend von einem zum andern.
Dann begann der Onkel mit einer gewissen Feierlichkeit, die ihm sonst nur in wirklich großen Momenten eigen war: „Liebste Ella! Wenn du hmte uns alle in fest- freudiger Stimmung stehst, wenn du bedenkst, daß ich meinen ältesten Förster Riesling aus dem Keller geholt habe, um dieses alte Familienerbstück damit zu füllm, so wirst du dir sagm müssm, daß das einen sehr wohlerwogenen Grund haben rnuß. Und den hat es auch. Wir haben nämlich gestern alle eine große Herzensfreude gehabt, die wir dir bis heute vorenthalten mußtm, um uns in egoistischer Weise den großen Moment der gemeinsamen Freude nicht zu stürm. Es ist uns, nammtlich meiner lieben Frau, recht schwer geworden, die Überraschung so lange für uns zu behalten. Den heutigen frohen Tag verdanken wir nämlich — dir!"
„Mir?! — Meso denn mir?!"
„Fa, liebe Ella, dir ganz allein. Und nun will ich dich auch nicht länger neugierig machm, denn wir alle möchten gern miteinander anstoßen. Me Sache ist näm- lich die. Vor einem Monat ungefähr übergabst du mir eine deiner lehtm Arbeiten, eine größere Novelle „Frauen- beruf", und da mir dieselbe ausnechmmd gefiel und ich sie sür ganz besonders reif hielt, so war ich so vorlaut, ohne dich zu fragen, dieselbe unter dm Arm zu nehmen und sie persönlich zu dem Chef meines SohneS, dem Inhaber unserer größtm VerlagLfirma, hinzuttagm und sie ihm mit warmen Worten an? Herz zu legm. Erschrick nicht, ich habe ihm deinen Namen nicht gmannt. Darüber ist ein. Monat vergangen und gestem brachte mir mein Herr filius die nicht unangenehme Nachricht, daß der Herr Verleger die Arbeit meines jungen Protdgd nicht nur selbst tadellos befunden, sondern sie bereits an die Berliner Illustrierte Zeitung für den ganz annehm- baren Preis von 200 M. verkauft hat, ivelche ich hiermit das Vergnügen habe, dir in Form dieser zwei famosen blauen Scheine einzuhändigen!" (Fortsetzung folgt.)
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