Einzelbild herunterladen
 

si. Jahrgang.

ErsHeint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Prei«: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

19,000 Abonnenten.

Slnzeigen-PreiSr

Ae einspaltige Petitzcilc für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfa. — Reklame» die Petitzcilc für Wiesbaden 50 'Pfg., für auswärts 1 Mk.

Amemen - Annahme f ü L b i e Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen. Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingcrcichter Anzeigen zur nälbit.

^ ^ erscheinenden Ausgabe, tote für ine Anzeigen-Äufnahme an bestimmt vorgefchricbenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkcü Sorae g-trag-n'

Mp« 378. BerlagS^ernfprecher No. rss».

Samstag» den 13. August.

RebaktionS-Fernspretber No. SS.

1903.

Abendausgabe.

Politische Übersicht.

Weder die Meteorologen noch die zünftigen Politiker sind mit diesem Sommer so recht zufrieden. Wie am wirklichen Himmel, so gibt es auch am politischen der Überraschungen gar manche. Seit Wochen schon hat der K r o n r a t, der am Donnerstag unter Vorsitz des Kaisers zusammentreten sollte, unendliche Ergüsse von Tinte und Druckerschwärze veranlaßt. Soll er weiter nichts be­zwecken, als den von dem Hochwasser betroffenen Gegen­den, aus denen eben die Kaiserin zurückkehrte, weitere Hülfe zu bringen? Gewiß ist diese, obwohl das preußische Staatsministerüun einen bemerkenswerten Eifer an den Tag legte, notwendig; gewiß muß man an weitere Maß­nahmen zur Verhütung von Hochwassergefahren denken. Allein deswegen so plötzlich ein Kronrat in der ersten Hälfte des heißen August. Man denkt unwillkürlich an den Kronrat vom 22. August 1899, dm dritten unter der Regierung Kaiser Wilhelms II., nach Wlehnung der Kanalvorlage. Manch konservativer Gegner der Vorlage, der zugleich Staatsbeamter war, fiel damals in den Kanal, um freilich später zu höheren Ämtern berufen zu werden. Jetzt will man wieder wissen, daß das Wasser feine Opfer fordert. Die geschäftige Phantasie sicht be­reits „Ministerleichen". Herr v. Hammer st ein, der sich nicht so recht in die preußischen Verhältnisse hinein- sindm konnte, gilt als „Lucanusreifer" Mann. Andere sehen nebm den Ministern bereits dm Ministerpräsidenten fallen. Angeblich hat ein Mann aus dem Osten, der seine bisherigen Erfahrungen aus dem Verwaltungs­gebiet benutzt, um als Stern an dem Finanzhimmel auf- zulmchten, die größte Anwartschaft darauf, ihn zu er- ife^n. Doch vorläufig wird er sich noch lange mit der Rolle des vermeintlichen Platzhalters begnügm müssen. Graf Bülow genießt, das beweist schon die Einladung Zur Tafel des Kaisers am Donnerstag vor dem plötzlich 'verschobenen Kronrat, noch das volle Vertrauen des Monarchen.

Nach dem „kommenden Mann" brauchen wir uns vorläufig nicht umzuschauen. Umso mehr suchen die Ungarn nach ihm. Graf Khuen-Hedervary, dieser große Nichtkenner der ungarischen Verhältnisse, hat dm Geg­nern der österreichisch-ungarischen Gesamtmonarchie zu Mem billigen Triumph vecholfen, ohne seine kurze Ministerherrlichkeit auch nur um einen Tag zu ver­längern. Der Unabhängigkeitspartei, die nur eine Per­sonal-Union der beiden Hälften der habsburgischen Monarchie erstrebt, hat er, ohne es zu wollen, die Wege geebnet. Wird der kommende Mann, dm Kaiser Franz ^oseph an die Stelle des früheren Banus von Kroatien sstzt, das so gefährdete Staatsschifs Ungams in den sicheren Hasen leiten können?

Nach dm rechten „kommenden Männern" sucht auch Komg Petervon Serbien, der vorläufig noch der Gefangene der Mörder seines Vorgängers ist. Aren Diktaten muß er sich fügen. Der König ist vorsichtig genug, um es nicht zum offenen Bruch mit dm Ver­schwörern kommen zu lassen, deren Bluttaten ihm zum Thron verholfm haben. Daran wird auch wenig der Kabinettswechsel, bei dem Peter nicht der Schiebende, son­dern der Geschobene ist, ändem.

Weit wmiger als Gefangener wie dieser Serbmkönig fühlt sich der neue Pap st auf Petri Stuhl. Ebenso zurückhaltend wie bei der Wahl selber verhielt sich Italien nach der Wahl. Es muß sich nun bald zeigen, ob der Träger der Tiara ebenso versöhnlich denkt wie der Patriarch von Venedig oder ob er ganz in den Wegen Rampollas wandeln will.

Nicht minder gespannt wie auf die künftige Politik des Papstes ist man auf die weitere Entwickelung der makedonischen Verhältnisse. Kaum wird die Balkanlawine trotz der Ernwrdung des persönlich gerade nicht sehr sympathischen russischen Konsuls Rost- kcwsky ins Rollen kommen. Die Herren an der Newa sind viel zu gute Diplomaten, um jetzt der Türkei große Schwierigkeiten zu bereiten. Sie richten sich vielmehr zum stillm Ärger Englands unter der Hand ganz häus­lich in Ostasim ein.

Dagegen scheint Fürst Ferdinand noch nicht zu wissen, wo er sich häuslich niederlassen soll. Die Bulgaren verlangen bereits stürmisch nach ihrem Fürstm, aber Ferdinand, der einen guten „Riecher" hat, bleibt fern vom Schuß.

Deutsches Deich.

Wie aus Kassel geineldci Montag früh auf Schlot

' Hof- und Personal-Nachrichten, wirb, wirb bas K a i f e r p a a r Wilhelmshöhe eintrefsen.

Der Oberstabsarzt der Fremdenlegion, Or. Srnoiil aus Algier, besichtigte dieser Tage im Aufträge der französischer Militärbehörde die Berliner Krankenanstalten.

* Kriegsminister von Goßler hat nun definitiv seinen Abschied erhalten. Der „Reichs-Anzeiger" meldet amt­lich, daß General der Infanterie von Goßler auf seinen Antrag von dem Amte als Staats- und Kriegsminister entbunden und Generalleutnant von Einem, genannt Rothmaler, Direktor des Allgemeinen Kriegs-Departe­ments, zum Staats- und Kriegsminister ernannt wor­den ist. Ferner veröffentlicht der „Reichs-Anzeiger" im nichtamtlichen Teile ein Handschreiben des Kaisers an den bisherigen Kriegsminister von Goßler vom gestrigen Tage, in welchem demselben in anerkennendster Weise der Dank für seine Verdienste als Minister aus­gesprochen und ihm mitgeteilt wird, daß ihm der Ver­dienstorden der preußischen Krone verliehen worden und er ä la suite des Garde-Regiments zu Fuß gestellt ist. — Generalleutnant von Einem, genannt von Rothmaler, ist am 1. Januar 1853 geboren, steht also im 51. Lebens-

- ' ...

jahre. Er trat 1870 als Fähnrich in das zweite Hanno­versche Ulanen-Regiment ein und machte den deutsch-fran­zösischen Krieg mit. Sein Avancement ist dann ein sehr schnelles gewesen. 1895 trat er als Abteilungschef ins Kriegsministerium ein, und seit I960 war er Direktor des allgemeinen Kriegsdepartements. Er hat sich im Reichstage als brauchbarer Debatter gezeigt und durch den dabei oft gezeigten freundlichen Humor sich manche Sympathie erworben.

* Der Kronrat fand gestern in Berlin im Königlichen schloß statt. Die „Nat.-Ztg." bestätigt, daß es sich über­wiegend um technische Beratungen handelte. Dem Kron- rate wohnten alle in Berlin anwesenden Minister des preußischen Staatsministeriums bei, und zwar außer dem Grafen Bülow die Minister von Rheinbaben, Hammer­stein, Schönstedt, Dr. Studt, von Podbielski, Möller und von Einem. Die Sitzung dauerte von 10 bis 12 Uhr. Es handelte sich bei der Beratung des Krou- rates in erster Linie um die schlesischen Notstandsarbeiten. Die Frage, wie der Wiederkehr derartiger Katastrophen in Zukunft vorgebeugt werden kann, bildete nicht den einzigen Gegenstand der Sitzung. Eine amtliche Mit­teilung über das Ergebnis der Verhandlungen ist zu er­warten.

* Sozialistisches. Eine sozialdemokratische Versamm. lung im 2. Hamburger Wahlkreise sprach sich nach einem Referat des Abgeordneten Molkenbuhr gegen die Übernahme des Vizepräsidiums im Reichstage durch die Partei aus.

* Rundschau im Reiche. Aus B e l f or t wird ge­meldet: Ein etwa dreißigjähriger Elsässer, der un­längst das Schloß Aigremont in Fontaines, einem fran­zösischen Dorfe nahe an der Grenze, gekauft hatte, wurde auf Anordnung der Staatsanwaltschaft unter der An­klage der Spionage verhaftet. Er wurde längere Zeit hindurch überwacht.

An derBeisetzungsfeier für der verstorbenen ehemaligen Reichstags-Präsidenten v. L e v e tz o w nimmt als Vertreter des Reichskanzlers Regierungsrat von Günther teil; ferner nehmen in offizieller Eigenschaft die Minister v. Rheinbaben, v. Hammerstein, v. Pod­bielski und Oberpräsident v. Bethmann-Hollweg teil.

Auf der Zeche „Vereinigte Wiesche" bei Essen wurden bei einer Belegschaft von 741 Mann, 305 als wurmkrank festgestellt.

Ausland.

Die englische Thronrede.

In der Thronrede, mit der das englische Parlament gestern geschlossen wurde, sagte der König: Der Be­such, den ich dieses Frühjahr Portugal, Italien und Frankreich abstattete- hat, wie ich zuversichtlich glaube, ein gutes Ergebnis gehabt. Nichts hätte die herzliche Aufnahme übertreffen können, die ich gefunden habe. Erst vor kurzem hat der Besuch des Präsidenten Loubet in

Mlermühller Grund.

Roman von Anton Freiherr« von Perfall.

(19. Fortsetzung.)

Ambros war mit sich schon seit Wochen einig über oen Verkauf des Hofes; seine Interessen lagen jetzt in

Stadt und nie war die Gelegenheit günstiger als jetzt.

. Das Anwesen war für das Bergwerk sehr wertvoll, ^Elches sich ohne dasselbe nicht nach Belieben ausdehnen konnte. Die Holzpreise waren gestiegen.

Leinemann bot einmalhundertundzwanzigtausend Mark, zwanzigtausend Mark mehr als vor einem Jahre, ^whr konnte ec vom Bergwerk auch nicht herausschlagen. Mochte dieser dann verdienen, was er wollte, dafür war kr eben der Leinemann.

Dem Vater gegenüber, dessen äußersten Widerstand rr fürchtete, konnte er als Entschuldigung anführen, er Rerde ja doch auf Grund des Bergrechtes gezwungen zum ^erkauf im Laufe der Zeit, da sei es doch besser, jetzt weich zu diesem hohen Preis, den er niemals bekommen könne. Er fürchtete nur, das vorbehaltene Wohnungs- kecht, die Materiallieferung könnte ihm zu schaffen wachen.

, „Laß ihn austoben wie ein wildes Tier, dann kann'st n um den Finger wickeln! Kenn' die Geschichte", er­wähnte ihn Moses.

Ambros hätte am liebsten sofort den Handel abge- Ichlossen, aber die Angst vor dem wilden Tier im Vater, an dessen Umdenfingerwickeln er nicht glauben konnte, "eß ihn die Ausführung immer weiter hinausschieben.

. Da wurde ihm vor einigen Tagen von einem dritten

Wechsel präsentiert, den er im Laufe. des Winters ^w.nemann ausgestellt. Er war empört über die Ge- weinheit des Händlers, der den Wechsel emittiert, er wurde stutzig, fühlte einen Augenblick die ihn umschnü- sw'den Maschen des Netzes und eilte wutentbrannt zu Witz, sein Wort zurückzunehmen.

Moses befolgte seine eigenen Maßregeln und ließ ihn austoben. . Lächelnd ließ er sich mit Schimpsworten über­schütten, bis Ambros ordentlich ermattet inne hielt, dann nahm er den Wechsel und zerriß ihn in unzählig kleine Stückchen, den jungen Mann scharf fixierend.

„Um Sie zum Verkauf zu zwingen, hätt' ich das Manöver gemacht? Dann zerreißt man so einen Wechsel net wahr, und hilft, wie man schon oft geholfen hat. Ich Pfeif' dir auf dein' Hof, ich will'n gar nimmer!" Er kehrte Ambros den Rücken. „Geh nur zur Direktion!"

Ambros blickte ganz verwirrt auf die kleinen Papier­schnitzelchen am Boden, er hatte ihm offenbar unrecht getan. Eine plötzliche Angst befiel ihn wie von einem ungeheuren Verlust, der brennende Wunsch kam ihm, seine vermeintliche Dummheit wieder gut zu machen durch einen sofortigen Abschluß.

„Herr Leinemann", begann er bittend, „ich versteh' das halt net so, ich nehm' alles zuriick — Herr Leine- mann,' deshalb keine Feindschaft net — um einmal­hundertundzwanzigtausend Mark gehört er Ihnen, der Hof mit allem Grund." Er drang förmlich in Moses, der seine Zeit noch nicht gekommen sah und sich noch immer ablehnend verhielt.

„Heut no laß ich's verbriefen — jetzt gleich, wcnn's wollen, ich bin's satt bis herauf, die Fretterei — und ich will 'n nimmer haben, den verdammten Hof!"

Moses wandte sich allmählich.

„Ich geb' ihn gleich billiger auch!" schrie Ambros in einer plötzlichen wilden Erregung, in der er einen ordentlichen Haß fühlte gegen seinen eigenen Besitz.

„Billiger als um cinmalhundertundzeyntausend Mark kannst 'n nicht geben", fiel ihm Moses rascb in die Rede. „Gibst 'n mir um einmalhundertundzehntausend Mark?"

„Dein is er um einmalhundertundzehntausend Mark, Leinemann."

Ambros warf ihm die Hand förmlich entgegen.

„Und ich nehm' ihn um das, Ambrosi"

Seine langen Finger krallten sich mit unglaublicher

Kraft um die Hand des jungen Mannes, als sei es schon der Hof selbst, den er packte.

„Mt Wald und Feld, wie er dasteht?"

„Wie er dasteht", wiederholte Ambros freudig, wie von einer Last befreit.

„Übermorgen feiern 's den Durchschlag im Hofgraben, da möcht' ich alles in Ordnung haben. 'Wenn'st mit 'n Vater fertig wirst, soll's mir recht sein. Ich will nix z' tun haben mit dem raschen Mann, 's is schlimm genug, daß er dabei sein muß heim Verbriesen."

Diese Erinnerung dämpfte etwas die laute Freude Ambros', er verbarg seine Bangigkeit vor der nötigen Auseinandersetzung unter einem rohen Scherz.

„Ich ward' ’n schon ausräuchern, den Alten, heut noch. Morgen hol' ich dann den Notar und Sie, Herr Leinemann. Das soll ein Haus werden in der Stadt drinn', ich will's ihnen schon zeigen, den Herrischen!"

Auf dem Heimweg legte er sich deiÜ Feldzugsplan gegen den Vater zurecht, er mußte rasch, sofort handeln, dieses bange Gefühl wollte er nicht länger mit sich tragen; er wollte ihn reichlich entschädigen für seine berechtigten Forderungen, wenn er sich nur nicht auf das Haus steifte.

Ter Angstschweiß stand ihm auf der Stirne, als er zu Hause ankam; es ging gegen Abend, Gottfried war schon zu Bett nach alter Gewohnheit. Eine Nacht mit der Last auf der Brust zubringen — um keinen Preis! Dann wagt er es am Ende gar nicht mehr. — Das wäre eine schöne Schande, vor dem Austrägler sich fürchten. Zum Glück begegnete ihm Theresa nicht, er schlich, sich wie ein Dieb hinauf in die alte Kammer.

Der Vater saß aufrecht in seinem Bette und stierte, den grauen Kopf in die Hände gestützt, zuni niedern Fenster hinaus, das dem Hofgrabeu zuging; noch iinmer tönten Hammerschläge und Lärm der Arbeiter herüber, obwohl schon lange Feierabend; man rüstete das Fest.

Er erschrak, als Ambros cintrat, das war noch nie vorgekommen, außerdem war er ausfallend bleich.

„Was gibt's?" fuhr er jäh aus. ■