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|td« B< 6, Berlags-Fernsprecher No. 2958.
Freitag» de« 14. August.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
SS
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Cmnbes in Marseille.
Unser Pariser Korrespondent schreibt uns:
Ministerpräsident Combes hielt rn diesen Tagen in Marseille zwei große politische Reden, die erste am vergangenen Sonnabend auf einem Schullehrerkongretz, die zweite am letzten Sonntag bei dem Bankett der radikalen und sozialistischen Komitees. Weim der Leiter der französischen Politik in diesen Ansprachen auch nichts Neues oder Schwerwiegendes geäußert hat, so lohnt es sich doch, einen Augenblick bei seinen Ausführungen zu verweileu.
Teu Schullehrern gegenüber betonte der Kabinefis- chef, daß die Auflösung der unterrichtenden Ordensgemeinschaften nunmehr bald vollendet sein werde und daß damit der „freie", d. h. geistliche Unterricht zu existieren aufachört habe. SSertn Combes den Lehrern den Rat erteilte, sich nicht von dm „lauen" Republikanern, welche sie auf ihre Seite zu ziehen stlchten, ver- lockm zu lassen, so scheint er sich, freiwillig oder nicht, in einem starten Irrtum zu befinden, denn nicht von den gemäßigten Republikanern (das sind die Lauen, auf welche Combes anspielte) ist der Gedanke ausgegangen, die Lehrer in die Politik zu mischen, sondem von denRadikalen und Sozialisten, welche sie zu Wahlagenten herabwürdigen wollen. Manche Ereignisse der letzten Zeit haben dies so deutlich bewiesen, daß man sich nur wundern kann, wie der Ministerpräsident die Roller: mit einen: Male vertauschen will. Gerade die gemäßigten Republikaner machten die Volksschullehrer stets eindringlich darauf aufmerksam, daß sie das gesamte Unterrichtswesen einer großen Gefahr austiefern würden, wenn sie dieser oder jener Partei zuliebe einwilligten, die politische Arena zu betreten.
Die Rede auf dem Lehrerkongreß war nur das Vorspiel. Das eigentliche Stück spielte sich tags darauf bei dem demokratischen Bankett ab, wo die ministerielle Be
redsamkeit wahre Triumphe gefeiert zu haben scheint. Diesen Ausbrüchen stürmischer Begeisterung gegenüber dürfen wir nicht vergessen, daß wir uns im Süden, im Lande der überquellenden Gefühle und der Übertreibung befinden. Dm geographischen Maßstab tun wir vielleicht noch besser an die Rede Combes' selber anzulegm, denn selten hat ein Minister sich und seine Politik in schmeichelhafteren Ausdrücken gelobt, nie hat ein Staatsmann solche Komplimente an seine eigene Adresse gerichtet. Daß bei diesem duftendm Eigenlob manche Übertreibung mit unterlaufen ist, dürfte der „mitteilsamen Wärme des Banketts" zuzuschreiben sein, mit welchem historischen Wort Combes einst einige gewagte Ausdrücke seines Kollegen Camille Pelletan zu entschuldigen suchte. Da aber Combes im Gegensatz zu Pelletan keineswegs im Geruch steht, ein Freund geisfiger Getränke zu sein, n:uß mau, um bei der Wahrheit zu bleiben, von dem mildernden Umstand der mitteilsamen Wärme ab sehen und das, was er gesagt hat, ihm voll zurechnen. Seine Gegner haben nicht verfehlt, sein Seibstlob einer kritischen Beleuchtung zu unterziehen, und vor allem darauf hingewiesen, daß sich Combes irrt, wenn er glaubt, daß sich die Stimmen der Wähler zu seinen Gunsten vermehren. Die beiden letzten Deputiertenwahlen in Paris haben die Niederlage der ministeriellen Kandidaten ergeben. In Marseille selber ist der sozialistische Or. Flaissidres, welcher am letzten Sonntag das meiste dazu beitrug, dem Ministerpräsi- denten einen enthusiastischen Empfang zu bereiten, bei den allgemeinen Wahlen unterlegen. Wenn Combes in den großen Städten neuerdings an Terrain verliert, so ist es freilich wahr, daß seine Politik auf dem flachen Laude dank der Agitation der Präsekten, manchen Erfolg zu verzeichnen hat. Worin sich aber Combes ganz sicher täuscht, das ist seine Beurteilung des Blocks in der Tepu- tiertenkammer, von dem er aussagt, daß er von Tag zu Tag fester wird. Er scheint vergessen zu haben, daß kurz vor den Parlamentsferien die ministerielle Mehrheit nur in einigen Stimmen bestanden und daß sein Kabinett n::r durch den ungewöhnlich frühzeitigen Kammerschluß einer großen Gefahr entging. Hält man die Tatsachen den Worten Combes' gegenüber, so könnte man auf den Gedanken kommen, daß dieser in Marseille das versucht hat, was die Engländer blnlk nennen. Die vorsichtigen Franzosen werden sich von seinen Darlegungen nicht verführen lassen., weil das eine Faktum unumstößlich und nicht aus der Welt zu schaffen ist: daß die ganze Regierungspolitik nur eine Politik der Konzessionen an die Sozialisten und daß das eigentliche Haupt der Ministeriellen Mehrheit Jean Jciurds ist. Wenn Combes in Marseille in pomphaften Redewendungen von seinen Erfolgen gesprochen hat, sang er in Wahrheit das Lob der sozialistischen Partei. Diese wird nicht ermangeln, als Entgelt auf weitere Vergünstigungen zu pochen. Denn Jaurös und Genossen sind unersättlich.
Deutscher Technilrervertmnd.
Aus Anlaß der Deutschen Städteausstcllung fand in Dresden vom 8. bis 10. August eine Wanöerver- sammlung des gegen 13 000 Mitglieder umfassenden Deutschen Technikerverbandes statt. In derselben betonte Bürgermeister L e u p o l d den ungeheueren Einfluß, welchen die angewandten technischen Wissenschaften auf die Entwickelung der Kultur bisher gehabt haben, und welchen sie von Jahr zu Jahr in steigendem Maße ausüben. Die Großstädte haben besonderen Anlaß, der angewandten Technik zu danken, weil sie die gesundheitlichen Gefahren aus dem Wege räumt, die durch das Zusammenhäufen von Menschen in den Großstädten entstehen, weil sie die trennenden räumlichen Entfernungen überwindet, Licht und Wasser in gleichmäßiger Güte und nie versiegender Fülle dem Bürger verschafft. Deshalb sei auch den Erzeugnissen der Industrie in der Dresdener Stäöteaus- stellung ein breiter Raum vergönnt. Oberingenieur Kräcker-Berlin berichtete über „die heutige Lage der Industrie und die künftigen Aufgaben des Deutschen Technikerverbanöes". Die moderne Industrie und die Technik stellte er hin als den wirtschaftlichen Schwerpunkt in dem Staatsleben der Kulturvölker. Die für die Technik wichtigsten Gewerbegruppen seien Bergbau, Hütten- und Salinenwesen, Metallverarbeitung, Maschinen- und Jnstrumenten-Jndustrie, die Industrie der Steine und Erden, und das Baugewerbe. In diesen Gewerbegruppen waren nach den letzten statistischen Erhebungen 497 714 selbständige Betriebe mit einem Beschäftigungspersonal von 3 363 818 Personen. In diesen Betrieben sei ein technisches Personal von ungefähr 46 000 Personen tätig und habe unter dem nachgewiesenen Rückgänge der Konjunktur schwer zu leiden. Desto wichtiger sei der Anschluß an den Verband. Dieser habe bereits bedeutende Erfolge zu verzeichnen in Sachen der gesetzlichen Kündigungsfrist, in einer Reihe erfolgreicher Petitionen an Staatsbehörden um Besserstellung und Vesserwürdigung ihrer technischen Subaltcrnbcamten, in seinen vielen wohltätigen Kassen und sozialen Wohlfahrts-Einrichtungen, in der Verbandszeitschrist und der großen Zahl technisch-wissenschaftlicher Preisaufgaben. Unter Anlehnung an diese Tendenzen sei in den Vereinigten Staaten ein deutsch-amerikanischer Technikerverband ins Leben gerufen morden. Als neue Ziele denke er sich zuvörderst eine Reform der technischen Mittelschulen, besonders in Preußen, von dem Gesichtspunkte aus, daß die Interessensphären der akademischen und der Mittelschultechniker nicht willkürlich oder durch irgendwelche Zufälle verschoben werden. Es sei empfehlenswert, eine Denkschrift über diese Frage herauszugeben. Die soziale gegenseitige Fürsorge müsse sich ferner auch auf ein Erholungsheim erstrecken. Die Arbeit des Verbandes ans dem Gebiete der staatlichen Pensionsversicherung der Privatbcamten sei energisch sortzuführen, zumal der Verband der erste
Mtermühller Grunü.
Roman von Anton Freiherr« von Persall.
(18. Fortsetzung.)
Leinemann fand sich fleißig ein, er fürchtete, seinen Raub an das Bergwerk zu verlieren und bei dem Handel wer auszugehen; er führte den Kamps mit aller Verschlagenheit und Gewandtheit seiner Rasse, und warf Masche um Masche seines Netzes um den ihm nicht gewachsenen A:nbros.
Für den Kaufpreis des Hofgrabens und der Hofwiese derschaffte er ihm durch seine Vermittlung unter der Maske uneigennützigster Freundschaft einen Bauplatz in der Hauptstadt und zugleich die nötigen Bankgelder, um den Bau eines Zinshauses in Angriff zu nehmen, dessen Vorteile er ihm in rosigstem Licht ausmalte.
Ambros fichr jede Woche in die Stadt und betrachtete wit fieberhafter Freude den wachsenden Bau. Die Arbeiter grüßten ihn untertänig, wohlhabende Geschäftsleute kamen und baten um seine Kündschaft, Vorübergehende blieben stehen und fragten nach dem Namen des Besitzers, hie und da auch ein Sommerfrischler der Seeleit'::, der ihn kannte und ihm gratulierte Er ging herrisch gekleidet, oer Bauer am Biehl hatte ausgespielt, er war jetzt städtischer Hausherr; die verdorbene Luft, die aus dem Bau ihm mtgegenwehte, dünkte ihm viel besser, viel begehrenswerter als die reine Wald- und Wieseilluft seiner Heimat. Er hatte jetzt nicht mehr die geringste Freude un ihr, das alte Haus kam ihn: erbärmlich vor; er bildete stch ein, der Atem versage ihm in den niederen Räumen.
Er baute kostspieliger, als seine Mittel erlaubten, der Ehrgeiz erfaßte ihn, das schönste Haus zu besitzen in der Dorotheenstraße; dazu gehörte zwar nichts als eine schöne 6ront, aber die kostete viel Geld, wenn sie auch nur wie ^ne Koulisse vor den Rohbau gestellt werden sollte. Ta wüßte der Lcinemann wieder Rat oder vielmehr Geld schaffen, eine kleine Hypothek auf den Hof am Biehl, der Bauplatz vertrug nicht mehr so viel und Leinemann riet wm ab, denselben zu schwer zu belasten.
Franzls Warnungen klangen Ambros einfälfig, wie eben so ein Banernmädel daher red't. Sie verstand am Ende auch wirklich nichts davon, und wußte nichts von den Geldmachinationen des Leinemann. Auch Vater wußte nicht das geringste davon, und Franzi brachte es nicht über das Herz, ihm diesen neuen Schmerz anzutun, er konnte ja doll nicht helfen.
Nonei war eitel Bewunderung für ihren unternehmenden Bruder. Sie war stolz darauf und warf das Bauern- gewand in die Ecke; es war ihr von nun an nur noch Kostüm, eine Maskerade während der Fremdensaison.
Wenn erst das Haus von lauter feinen Leuten bezogen war, Ambros darin als Hausherr, sie eine gefeierte Künstlerin! Das sollte ein Aufschwung werden einer Bauernfamilie, wie er noch nie da war.
Sie erblickte im Geist ihr Porträt und das ihres Bruders in der Reihe ihrer steifen, rotbackigen Ahnen mit der komischen Würde in den derben Gesichtern, mit der geschmacklosen eckigen Kleidung, wie sie in der großen Stube oben hängen, und mußte über den Unterschied lachen.
Sie stand jetzt vor der Ausführung ihres Entschlusses, Perlmann verlangte entschiedene Erklärung und drohte mit Rückzug. Es handelte sich nur noch um die Geldfrage. Die achttausend Mark, welche der Mutter nach dem Über- gabsvertrag von Anllros ansbezahlt werden mußten, staken im Hof und auf die lauerte eben Perlmann.
Die Mutter hatte bereits auf die unablässigen Bitten Noneis ihre Bereitwilligkeit erklärt, dieselben ihr anzuvertrauen. None: drängte deshalb den Bruder zun: Verkauf; sie schlug seine Bedenken betreffs des väterlichen Widerspruchs mit so herzlosen Worten nieder, daß selbst Ambros sich daran stieß; doch verfehlten sie nicht ihre Wirkung.
Ter Hausbau verschlang große Summen. Ambros wartete mit Sehnsucht auf die ersten Mieter, es mangelte ihm ja stets das bare Geld, er war immer abhängig von Leinemann. Das erfüllte ihn geradezu mit Haß gegen seinen Besitz, dessen moralischen Wert er nicht zu schätzen wußte. Hundert Tagwerk, Feld und Wald und um jedes
Markstück an den Leinemann sich wenden müssen! Dabei, gerade so viel Erträgnis, als im Haus aufging mit den Knechten und Mägden, die jetzt das Haus füllten, da er keine Zeit hatte, sich umzutun. Darin lag für ihn die ganze Lächerlichkeit des Grundbesitzes. Was war dagegen sein Haus, wenn es einnial anging? Tausende alle Vierteljahre als Miete bar auf den Tisch gezählt, dabei immer wachsend an Kapitalswert, sich selbst mästend ! _ Wenn er nur den Leinemann los wäre, alleiniger Besitzer wäre ohne Lasten — das sollte ein Leben werden!
Ter Durchschlag der schwarzen Strecke wurde in einigen Tagen erwartet, die Arbeiter von beiden Seiten hatten sich bereits bis auf schätzungsweise zwanzig Meter genähert, man hörte schon gegenseitige Zurufe, jeden Hammerschlag.
Ein großes Arbeiterfest war von der Gesellschaft in Aussicht genommen, im Hofgraben selbst sollte es abgehalten werden.
Moses Leinemann zitterte vor dem Fest, der Direktor erschien jedenfalls selbst und kam mit Ambros zu sprechen, dann war am Ende alles verloren.
Doch er hotte Glück, wenige Tage zuvor kam dieser zu ihm mit einer neuen Geldforderung für den Hausbau; da zuckte er bedenklich die Achseln. Zu einem Luxusbau habe er ihm nicht geraten, alle Freundschaft in Ehren, aber er müsse doch auch einmal an sich denken, sein gutes Herz ruiniere ihn noch ganz.
Ambros war wie vom Schlag gerührt, er dachte gar nicht an die Möglichkeit eines abschlägigen Bescheides; der letzte Rest seines Bauernstolzes regte sich in seinem Innern, er wollte ihm schon eine derbe Antwort geben, doch er mußte ja Geld haben, die Arbeit konnte jetzt nicht eingestellt werden; er müßte es sogar sofort haben, er konnte sich doch vor all den Leuten, die ihn für einen reichen Mann hielten, keine solche Blöße geben. Er verlegte sich sogar aufs Bitten; Leiyemann war unerbittlich. Er zog verzweifelt ab und kam den andern Tag wieder.
„Ich will Ihnen 'was sagen", begann der Händler mit einer gekränkten Miene, „Ihre Verlegenheit geht n:ir zu Herzen, ich will Ihnen noch einmal helfen, ich will Ihnen zeigen, daß Moses Leinemann, den sie einen
