Wiesbadener Ts
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feftt 13, JlltgUjt* RebaktionS-Fernfprecher No. SS. 1903.
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3 4 3 . Berlags-Fernsprecher No. 2983.
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Sozialpolitische Umschau.
— Anfang August. —
Aus dm Kreism der Kleinkaufleute und Handwerker ht man vor kurzer Zeit mit einem Programm für eine neue Mittelftandspolitik an die Öffentlichkeit getreten, ^ssm Forderungen zum großen Teil mit einer gesunden Entwickelung unseres Wirtschaftslebens völlig unvereinbar sind. Es verdient daher umsomehr Beachstpng, daß der' Preußische Handelsminister Möller jüngst in Osnabrück ein Urteil über die sogmannte Mittelstandsbewegung abgab, das eine scharfe Absage an jene unmöglichen Ansprüche ist, von dmm ihre Politik fernznhalten die Klei» gewerbtreibenden noch immer nicht gelernt haben. Auch Minister Möller betonte, für die nächste Zeit müsse das Hauptstreben der Handwerker sein, sich eine tüchtige berufliche Ausbildung zu verschaffen. Es wird ja nicht bezweifelt, daß, wie andere Stände auch, das Kleingewerbe heute vielfach schwer zu kämpfm hat, aber es muß sich endlich damit abfinden, daß der moderne Staat auf der großkapitalistischen Warenerzeugung beruht und daß er m seiner noch für lange Zeit möglichen wirtschaftlichen und politischen Verfassung keine andere Grundlage haben kann. Ohne den Großkapitalismus in der Produktion würden wir Zurückbleiben hinter anderen Ländern zum bitteren Schaden unserer kulturellm und nationalen Entwickelung. Mit dieser Tatsache muß sich das Kleingewerbe endlich abfinden. Schon immer ist ihm geraten, sich die Vorteile des großen Kapitals durch einm engm genossenschaftlichen Zusammenschluß gleichfalls zu eigm zu machen und man hat ja auch in dieser Hinsicht bereits erheblick>e Erfolge zu verzeichnen, aber im allgemeinen pt doch der Handwerkerstand noch viel gu wenig vom genossenschaftlichen Geist durchsäuert. Auch Minister Möller wies darauf hin, daß viele Handwerksmeister weder tech
nisch noch kaufmännisch eine Bildung besitzen, die den Ansprüchen unserer Zeit gewachsen ist; es fehlen ihrer Tätigkeit vielfach die Grundsätze eines volkswirtschaftlich verständigen Rechners, die Fähigkeit richtiger Kalkulation, die Kenntnis technischer Neuerungen. Der Minister hat verschiedene Handwerkerausschüsse in das Ausland geschickt, damit diese sich überzeugen, wie dort für das Kleingewerbe gesorgt ist. Im nächstm Jahre soll ein derartiger Ausschuß auf Staatskosten auch nach den Vereinigten Staaten gehen, da die Regierung der Meinung ist, daß der deutsche Handwerker auch von den dortigen Verhältnissen manches lemm könne. Namentlich werde man in den Vereinigten Staaten auf dem Gebiet der Lehrlingsfrage und der Lehr- und M u st e r w e r k st ä t t e n mancherlei illützliches sehen, dessen Verwertung in Deutschland nur noch eine Frage der Zeit sei. Auch bei uns wird man Wohl in Zukunft die Lehrlingsausbildung auf andere Füße stellen, sie wird viel mehr als bisher in Lehrwerkstätten erfolgen müssen. Schon vor 10 Jahren wies Dr. P. Scheven in seinem bei Laupp in Tübingen verlegten Werk „Die Lehrwerkstätte" auf diese auch fürs Kleingewerbe erfolgreiche Art der Ausbildung unter Schilderung . bereits in Deutschland bestehender Veranstaltungen hin. Gute Anfänge dazu sind auch bei uns bereits durch die Ängliederung von Musterwerkstätten an die technischen Hochschulen vorhanden. Manche Handwerke werden sich jedoch selbst bei bester Ausbildung nicht erhalten lassen. Auch das Wirtschaftsleben der Völker ist dem ewigen Gesetz des Werdens und Vergehens unterworfen und so setzt sich die billiger arbeitende Großindustrie an die Stelle mancher Kleingewerbe. Aber sie nimmt den Platz nicht ein. ohne einen Ersatz zu bieten. Aus der großkapitalistischen Produktion entwickeln sich fortgesetzt neue handwerksmäßig auszuübende Erwerbszweige und der Minister nannte in dieser Beziehung namentlich die Elektrizitätsindustrie usw.
Natürlich hat der Staat die Pflicht, der Kleinkauf. Mannschaft und dem Handwerk einen gewissen polizeilichen Schutz gegen allerlei Schädlinge angedeihen zu lassen. Dieselbe Pflicht erfüllt er ja auch gegen andere Berufsstände. So ist es durchaus berechtigt, wenn die Klein- gewerbtreibenden die Verhinderung von schwinde!- haftenAuktionen verlangen, die auch den Käufer benachteiligen. Wie man hört, soll gegenwärtig im Reichsamt des Innern ein Ergänzungsgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb ausgearbeitet werden, das sich namentlich gegen derartige schwindelhafte Auktionen und Ausverkäufe wendet. Man braucht über die Verwerflichkeit derartiger Geschäfte kein Wort mehr zu verlieren, aber man muß wünschen, daß nicht hier einmal wieder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und mit dem Schwindel nicht auch volkswirtschaftlich berechtigte Erwerbstätigkeit getroffen wird.
Einen vom Standpunkte des Arbeiterschutzes unbe- friedigenden Ausgang hatte eine Beschwerde' des Ver
bandes deutscher Gastwirtsgehülsen an den Bundesrat. Die Verordnung des letzteren über die Ruhezeit der Gastwirtsgehülsen war von den Unternehmern vielfach dadurch hinfällig gemacht, daß sie die Gehülfen bei der Anstellung auf die Gewährung der Ruhezeit einfach verzichten ließen. Es leuchtet ein, daß sich stellenloses Gastwirtspersonal hierbei denn doch häufig in einer Zwangslage befindet. Das Oberlandesgericht Breslau hatte als oberste Instanz entschieden, ein derartiger Verzicht sei rechllich zulässig, worauf genannter Verband den Bundesrat ersuchte, seiner Verordnung eine klare Fassung zu geben, die derartige Gerichtsentscheidungen ausschließe. Das hat der Bundesrat abgelehnt, aber dabei bemerkt, von neueren Gerichtsurteilen werde der Standpunkt des Breslauer Oberlandesgerichts nicht mehr eingenommen. Das ist sicher erfreulich, aber im Sinne der Sozialreform hätte es doch gelegen, wenn der Bundesrat seiner Verordnung eine jeden Zweifel ausschließende Fassung ge- geben hätte, denn ganz besonders ist im Gastwirts- gewerbe ein gesetzlicher Schutz der Angestellten notwendig. Es ist ein gänzlich unbefriedigter Zustand, wenn jeder Gastwirt in der Lage ist, die Bundesratsverordnung einfach dadurch aus der Welt zu schaffen, daß er nur Leute anstellt, die unter dem Druck des Verlangens, wieder Be- schäftigung zu erhalten, aus die ihnen durch jene Verordnung gewährte Wohltat „freiwillig" verzichten.
Mehr Beachtung will man in Zukunft auch in den bürgerlichen Parteien der Errichtung von Arbeiter- sekretariaten schenken. Es sind das bekanntlich Anstalten, die den Arbeitern Rechtsschutz gewähren und über Fragen des Arbeits- und Dienstvertrages, sowie über kommunale und staatliche Verhältnisse Auskunft er- teilen. Außerdem haben sie sozialistische Erhebungen aller Art anzustellen. Von den bürgerlichen Parteien hat bisher nur das Zentrum 7 derartige Sekretariate und 80 Volksbureaus mit ähnlichen Aufgaben eingerichtet. Ferner haben einige gemeinnützige Vereine, wie z. B. der Verein „Volkswohl" in Dresden, eine derartige Aus- kunstsstelle eingerichtet. _ Die Sozialdemokratie besitzt da- gegen heute 32. Wie diese letzteren benutzt werden, geht daraus hervor, daß im vorigen Jahre von 195 679 Personen Auskunft verlangt wurde. Von den Fragestellern gehörte nur die Hälfte einer Organisation an, nach der nur in seltenen Fällen gefragt wurde. Es wurden 197 927 Auskünfte erteilt, darunter 27 970 schriftlich, 44 639 Schriftsätze angefertigt und in 2049 Fällen fand eine Rechtsvertretung der Arbeiter statt. Man empfiehlt jetzt, daß auch von bürgerlicher Seite mehr derartige Bureaus errichtet werden, in denen neben den Arbeitern auch den kleinen Handwerkern unentgeltlich Rechtsbe- lehrung zu erteilen wäre. Vielleicht gelangt die Sache auf dem Kongreß der nicht-sozialdemokratischen Arbeiter- verbände zur Erörterung, der im nächsten Herbst in einer noch nicht näher bestimmten mitteldeutschen Stadt abgehalten werden soll. Der Kongreß soll namentlich ein-
Feuilleton.
Appetitlosigkeit im Sommer.
Von I)r. med. Th. Hövcln.
Es liegt in der Natur der Sache, daß der Appetit beim Menschen im Sommer geringer zu sein pflegt als Winter. Im Sommer braucht der Mensch zur Er- öeugung der Eigen- oder Körperwärme weniger Nah- rungszufuhr. Es ist also ganz verkehrt, an heißen Tagen w viel und so nahrhaft essen zu wollen wie in kalten ^agen. Die Natur zeigt uns schon den Weg. Die warme Jahreszeit bringt die verschiedensten Früchte, die mannigfachsten Gemüse. Der Genuß von Obst und Salat kühlt bas Blut und verhindert Magenüberhitzung oder gar Entzündung, die naturgemäß Appetitlosigkeit nach sich ösehen. Richtig zu essen und zu trinken ist eine Kunst, b'e gelernt sein will. Der moderne Mensch ißt im allgemeinen viel zu viel, zumal im Sommer, wo der Organismus so wenig Zufuhr gebraucht, besonders wenn dem -iorper keine besonderen Anstrengungen zugemutet wer- ?bn. Man kann leider heute nicht mehr sagen, der Mensch um zu leben, sondern er lebt, um zu essen. Essen » J ör unendlich viele Menschen die erste Lebenssorge der höchste Genuß geworden. Der zur Mäßigkeit geborene Organismus wird künstlich zum Vielefler gemacht. Der natürliche Appetit ist das Mahnen des .^bperö, daß neue Zufuhr von Speise und Trank nötig U. Wird der Appetit nicht befriedigt, so tritt in weiterer Eoige der Hunger ein als Zeichen, daß der Magen das Mugenehme und peinigende Gefühl der Leere und Un- "Ugkeit durch Nervenaffekt zum Bewußtsein bringt. Den vunger spürt man vorzugsweise im Magen, den Durst agegen meist in der Kehle. Hunger ohne Appetit ist schon krankhafte Erscheinung, und das, was so genossen . fld, kann dem Organismus nicht von normalem Nutzen !?"• Der moderne Magen ist vielfach entartet, er ist rvös geworden, der moderne Appetit ist bei sehr vielen wuschen keine natürliche Mahnung mehr, es ist eine
sinnliche Reizung, der Magcnhungcr ist ein Gaumenhunger geworden, der Mensch ißt nicht mehr allein zur Stärkung, er ißt auch zum Vergnügen. So kommt eS, daß das Hungergefühl rasch wieder verschwindet, wenn cs nicht zur gewohnten Zeit gestillt wird. Der gesunde Hunger steigt und fällt mit dem wirklichen Bedürfnisse des Organismus nach festen Nahrungsmitteln, also mit dem tatsächlichen Verbrauche von Körperbestanötcilcn. Und dieser Verbrauch ist bei vielen Menschen sehr gering. Ein Kind, welches wachsen soll, ein Mann, der stark körperlich arbeitet, ein Rekonvaleszent, alle diese hungern mehr und öfter alS ausgewachsene Menschen oder Leute, die nichts tun. Niemand sollte mit gefülltem Magen zu Veite gehen, besonders nicht im Sommer, denn sonst sind unruhiger, wenig erfrischender Schlaf die Folge. Am anderen Morgen hat man Kopfschmerz und leidet an Appetitlosigkeit. Alle sogenannten Nachtesser werden selten alt; sollte dieses ausnahmsweise doch einmal geschehen, so werden sie im Alter von den verschiedensten Leiden gequält werden. So trägt die Mäßigkeit stets den Lohn in sich selbst, denn nur der Gesunde kann wahrhaft lebensfreudig, wahrhaft arbeitslustig sein. Wer aber zu oft und zu viel ißt, der wird träge im Geist, müde am Körper, er leidet stets an Verdauungsbcschwerden und Appetitlosigkeit. Appetitlosigkeit ist das verbreitetste Übel der Neuzeit, cs hängt innig zusammen mit dem Magcn- kaiarrh, wo die Magenschleimhäute gerötet und gedunsen sind und einen reichlichen Schleim erzeugen. Der Magen ist aber nicht krank, weil zu viel Schleim da ist, sondern der Schleim entstand eben durch die vorhandene Krankheit. Appetitlosigkeit und Magenkatarrh entstehen meistens, wenn der Magen durch zu große Mengen von Speisen oder Getränken überladen rvnrde. In diesem Zustande sollte man dem Magen garnichts anbicten, man sollte hungern und so lange frisches Wasser trinken, bis der Magen wieder leer und gesund ist. Im Sommer kann man diese Entleerungskur noch durch den Genuß von reifem, säuerlichem Obst unterstützen. Der Genuß solchen Obstes ist für jeden Magen gesund. Wer Obst in größeren Mengen nicht mehr vertragen kann, der gewöhne sich langsam wieder daran. Nur ein ganz und gar ruinierter Magen wird und kann sich nicht mehr an Obstgenuß ge
wöhnen, denn der Mensch ist von Natur aus ein Obst- und Früchteesser.
So lange die Zunge noch belegt ist, so lange ist der Magen noch krank. Das beste und sicherste Zeichen eines vvllrg gesunden Magens ist aber eine reine, unbelegte Zunge. So lang- dieses nicht der Fall ist, so lange die Zunge noch ganz oder auch nur teilweise belegt ist, kann der richtige Appetit sich nicht cinfinöen, so lange muß man noch Diät üben. Man kann diese enthaltsame Diät auch durch einige unschuldige Hausmittel unterstützen. Stößt man nämlich sauer auf, so nehme man zwei- bis dreimal täglich eine Messerspitze dvppeltkohlensaures Natron oder einen Theelöffel voll kohlensaures Magnesia. Letztere ist ein sehr leichter Stoff, der sich nicht in Wasser löst und auch nur sehr schwer angerührt werden kann. Man gießt am besten das Magnesiapulvcr auf das Wasser in einem Trinkglase, nach kurzer Zeit sinkt das Pulver von selbst unter, dann erst rührt man um und trinkt. Stößt man jedoch ranzig auf, so lasse man diese Mittel weg, de ytlft ein gnti-r Kognak besser.
Will bei richtiger Diät die Appetitlosigkeit nicht weichen, so liegt ein anderes Leiden vor. Die Appetitlosigkeit ist nämlich die stete Begleiterin jeder Krankheit mag sie akut oder chronisch sein. Daß beispielsweise der Appetitmangel und das Fasten bei Fieberkrankheiien im Hellbcstreben der Natur liegt, geht schon allein aus dem Auffallenden Umstande hervor, daß während des Fiebers kein Magensaft abgesondert wird, der Kranke also einfach nicht verdauen kann. Jede Nahrungszufuhr, jede übermäßige wenigstens, kann nur schädlich sein. Der Mensch ann nämlich ungeheuer lange ohne feste Nahrungsmittel leben. Gesunde Menschen ertragen Hunger und Durst gewöhnlich nur acht Tage lang, kranke Leute dagegen können bei Wastergenutz 50 bis 60 Tage ohne Nahrung bleiben. Es verhungert sich also nicht so leicht
Wer an Appetitlosigkeit leidet, suche daher seine Leiden nicht durch scharfe, reizende oder medikamentöse Mittel zn vertreiben, sondern durch vernünftige Diät, durch Mäßigkeit ,m Essen und Trinken, durch Arbeit Bewegung in frischer Luft, durch Reisen oder Sport Es ist Sache eines jeden, für seinen Körper das Richtige zu suchen und zu fruden- u 0
