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Mage zum Wiesbadener Tagblatt.

§t*. 373. Morgen-Ausgabe.

Die Wahrheit ist stärker als ihre Gegner: sie über­windet sic, stärker als ihre Verteidiger: sie braucht sie nicht.

Vinex.

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(15. Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Walter Schmidt-Häßler.

Für ihre Familie war sie tot und begraben, wohin sie sich gewendet hatte, war den zärtlichen Verwandten vollständig gleich. Man hatte sie aufgegeben, hatte sich von ihr vollständig losgesagt.

Und als ein Iahr vergangen war, hatte auch der heilige Klatsch längst kein Interesse mehr an ihr, die guten Mitbürgerinnen und geschwätzigen Freundinnen hatten sie lange schon über anderen pikanten Skandalen vergessen, die Schwestern angelten mit der alten Geschäf­tigkeit nach Männern mit Geld und Titel, und die ober­flächliche Mama rauschte wieder wie sonst durch alle Wohl- Lätigkeitsbazare, von dem Wunsche beseelt, ein Lächeln der Landesmutter als höchste Auszeichnung zu erhaschen.

Ellas Herz war vollkonnnen ruhig darüber geworden, die wehmütigen Anwandlungen, die sie anfänglich beim Gedanken an ihre Familie beschlichen hatten, waren energisch niedergekämpft, nichts fesselte sie mehr an. die Heimat. Erna hatte auch auf dem Postamte in regel­mäßigen Zwischenräumen nach einem Briefe unter der Chiffre gefragt, die Reinhardt angegeben war — aber nichts war gekommen! — Ella hoffte nicht mehr!

Als dann ihre Freundin Erna sich verheiratete und die kleine Residenz mit ihrem Gatten verließ, wurde selbst­verständlich auch die Korrespondenz seltener, denn wenn die wahre Liebe beginnt, in einem Frauenherzeu einzu­ziehen, schleicht die Mädchenfreundschaft gewöhnlich durchs Hinterpförtchen hinaus.

So hörte denn der dürftige Briefwechsel endlich ganz auf, und damit war auch die letzte Brücke zwischen Ella und dem Vaterhause endgültig abgebrochen.

Fm Drontheimschen Hause hatte es Ella verstanden, vom ersten Tage an alle Angehörigen desselben gegen­über sich die richtige Position zu geben.

Es dauerte nicht lange, so erschien sie allen nicht mehr als die bezahlte Gesellschafterin der Hausfrau, sondern als ein von der Gräfin ganz mit Recht bevorzugtes Wesen, das von jeher gefehlt hatte, und dessen Vorhandensein nur dre Harmonie des Ganzen vervollständigte. In einem schien sich dieses Mal die sorgenvolle Mutter zu ihrer großen Freude gründlich getäuscht zu haben, und das war Egon, der Sohn des Hauses.

Als er an dem ersten Abend, wo Ella bei Tisch die Honneurs machte, im Speisezimmer erschien, hatte ihr wohl ein ganz klein wenig das Herz schneller geschlagen, wre einem Kinde, dem etwas unheimliches entgegentritt, vor dem man gewarnt hat.

Er stellte sich mit ritterlicher Zuvorkommenheit sofort vor, bot'dann seiner Mutter den Arm und führte sie zu "sch, wo er Ella gegenübersaß.

Er war schön, so schön, wie das junge Mädchen selten oder nie einen Menschen gesehen hatte, mit dem kastanien­

Donnerstag, den 13. August.

61. Jahrgang. 1903.

braunen lockigen Haar, den großen dunklen Augen und dem feingeschnittenen Gesicht der Mutter.

Sie konnte sich ganz gut denken, daß junge Weiber, die nichts besseres und nichts ernsteres zu tun hatten, sich in diesen eleganten jungen Menschen Hals über Kopf verliebten, und daß dieser Mann bei Frauen im allge­meinen viel Glück haben mußte.

In seinem Wesen hatte sie sich diesen jugendlichen Don Juan aber anders vorgestellt.

Er sprach während des Diners nur wenig, richtete an sie kaum zwei- oder dreimal ganz oberflächlich das Wort und unterhielt sich ausschließlich mit der Gräfin über gleichgültige Dinge. Er war gegen die Mutter von aus­gesuchtester Höflichkeit, und als er sich nach dem Speisen zurückzog, sah er Ella kaum an. So blieb es einige Zeit.

Die neue Gesellschafterin schien ihm nichts weniger als sympathisch zu sein, denn wenn er sie mit seiner Mutter im Salon wußte, kam er niemals dazu, vermied es sogar ausfallend, ihr zu begegnen.

Einmal sogar hatte dieses Vermeiden für sie etwas direkt Beleidigendes gehabt.

Sie war die Treppe zum ersten Stock, wo die Fremdenzimmer lagen, hinaufgegangen, und Egon war vom zweiten Stock schnell heruntergegangen, um auszu­gehen. Anstatt ihr nun zu begegnen und an ihr vorüber­zugehen, hatte er sich schnell umgewandt und war die Stufen wieder förmlich hinaufgesprungen.

Oben am Treppenabsatz war er stehen geblieben und hatte geivartet, bis sie im Korridor verschwunden sein mußte. Tann erst war er schnell heruntergekommen und hatte das Haus verlassen.

Ella hatte all dies sehr wohl bemerkt, und dies selt­same Manöver hatte ihren Stolz aufL tiefste verletzt.

Als er zwei Stunden später zum Diner erschien und sie mit gewohnter kühler Höflichkeit seinen Gruß er­widerte, flammte über sein schönes Gesicht ein so tiefes, purpurnes Rot und aus seinen Augen traf sie ein so seltsamer, langer Blick, daß sie jäh zusammenschrak und gleichfalls zu ihrem höchsten Ärger flüchtig errötete.

Darüber waren Wochen vergangen, und so sehr sie sich bemühte, die kleine, an sich mehr als unbedeutende Episode zu vergessen, immer fiel ihr wieder der eigen- artige Blick aus den großen, wundersamen Augen ein und ließ sie wider ihren Willen Nachdenken, um einen Grund für sein seltsames Benehmen zu finden.

Aber so sehr sie auch grübelte, sie fand absolut keinen Zusammenhang zwischen dem mehr als reservierten Be- nehmen des jungen Grafen und diesem Augenblicke ver< legenen Errötens, wie eines Schulknaben, den man auf etwas Unerlaubtem ertappt.

So kam die Saison der großen Gesellschaften, und eine Menge häuslicher Verpflichtungen nahm Ellas ganze Spannkraft in Anspruch, denn das Haus Drontheim war jetzt der Sammelpunkt großer Geselligkeit, und mit echt aristokratischer Gastfreundschaft öffnete sich die lange Reihe der glänzenden Salons einer Menge fröhlicher und lebenslustiger Freunde.

Von auswärts kam Besuch, die Fremdenzimmer im ersten Stock waren besetzt von einer französischen Familie aus Wiesbaden, mit der die Gräfin seit Jahren befreun­det war.

Es war eine Madame de Varonne mit ihrer Tochter und ihrem Sohne, einem langaufgeschossenen, etwa 21 jährigen jungen Menschen, mit schwarzem, echt pro- vcnyalischem Typus, einem malitiösen Mund, der fabel­haft zynisch lächeln konnte, und einem Paar dunkler tückischer Augen.

Ter große Eichentisch im Speisezimmer war allabend­lich von vielen Menschen besetzt, und der junge Franzose hatte seinen Platz neben Ella, was ihr nichts weniger als sympathisch war, da seine dreiste Art, sich mit ihr zu unterhalten, ihr in höchstem Grade mißfiel. Dabei hatte er die Manier, bei jeder Gelegenheit ihre Hand oder ihren Arm wie zufällig zu streifen und dann mit seinem frivolen Lächeln ostentativ „Pardon" zu sagen. Je lauter und lebhafter am Tisch die Konversation geführt wurde, desto leiser unterhielt er sich mit ihr, sagte ihr eine fad« Schmeichelei über die andere und schien eine wahre Freude daran zu haben, sie fortwährend in Verlegenheit zu. bringen. Einmal, als rhr Blick hülflos über den Tisch ins Leere glitt, während er auf sie einsprach, sah sie Egons Gesicht gerade sich zugewendet und seine Augen mit einem so seltsamen Ausdruck fest auf ihren Nachbar gerichtet, daß sie unwillkürlich zusammenschrak. Sein Gesicht war blaß, seine Lippen aufeinandergepreßt in mühsam verhaltener Leidenschaft, und während zwischen seinen Brauen sich eine tiefe Furche zusammenzog, funkelte aus den dunklen Augen ein Blick maßloser Wut her­über zu dem arglosen Herrn de Daronne, der lächelnd' in seiner pikanten Plauderei fortfuhr.

Ella atmete auf, als man sich erhob.

Und nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Egon stand plötzlich neben ihr, begann eine Unterhaltung über ein neues Buch, das er im Salon seiner Mutter hatte liegen sehen, und wich den ganzen Abend nicht von ihrer Seite.

Er plauderte leicht und ungezwungen mit ganz aus­gezeichneter Sachkenntnis, bewegte sich dabei in den strengsten Grenzen gesellschaftlicher Höflichkeit, fern von jeder Vertraulichkeit, und als die Gesellschaft sich empfahl und Ella sich in ihr Zimmer zurückzog, mußte sie sich ge­stehen, selten so angenehm und geisftg anregend sich unterhalten zu haben.

Dieser Mensch, vor dem die eigene Mutter sie gewarnt hatte, war ihr ein Rätsel, je länger sie ihn kannte.

Sie konnte sich absolut nicht vorstellen, wie gerade dieser junge Mann, der sich ihr gegenüber stets in einer Weise benahm, die mehr nach Befangenheit und Der- legeriheit aussah, gegen ein weibliches Wesen dreist oder gar zudringlich sein konnte. Vom sieghaften Verführer hatte er wahrhaftig auch nicht das Geringste an sich.

Am nächsten Tage sollte die französische Familie wieder abreisen, und mit geheimem Behagen sah Ella diesem Augenblicke entgegen.

Ja, sie zählte die Stunden förmlich bis dahin, denn sie konnte das beengende Gefühl nicht los werden, als müßte sich vorher noch irgend etwas Unangenehmes er­eignen.

Am Nachmittag war die Gräfin mit Madame de Varonne und chrer Tochter in die Ausstellung gefahren.

(Fortsetzung folgt.)

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