si. Jahrgang.
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Uv. 374. BerlagS.Fer»fprecher No. 296J.
Donnerstag» den 13. August.
RrSaktio»S.Fer»fprecher No. SS.
Ivo«.
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Die Entwickelung zur Großstadt.
Wenn wir für volkswirtschaftliche Erörterungen auch nicht umhin können, den Begriff der „Großstadt" mit einem augenfälligen statistischen Merkmal zu verbinden, so bedarf es kaum eines Hinweises darauf, daß nicht die Bevölkerungsansammlung allein die Stadt zur Großstadt macht, sondern daß eine Reihe von Kniturfaktoren Zusammenwirken muß, um die über hunderttausend Seelen zählende Gemeinde im eigentlichen Sinn zur Großstadt zu erheben. Orte, wie Bochum und Gelsenkirchen, sind gewiß große Städte, als Großstädte wird man sie kaum gelten lassen können, ebensowenig wie Schöneberg, das kulturell doch lediglich einen Stadtteil von Berlin darstellt. ^ Andererseits wird man aber auch Residenzen, Universitäten und Fremdenstädte trotz manches großstädtischen Zuges das Beiwort „Großstadt" nicht beilegen können, wenn ihnen die breite Basis der hunderttausend- köpsigen Einwohnerschaft fehlt.
Wie sich nun im Laufe der letzten Generation Sachsens Hauptstadt zu einer echten Großstadt emporgo- schwungen hat, nachdem sie freilich- schon 1852 die statistische Grenzlinie mit 101199 Einwohnern überschritten hatte,, erzählt in überaus anregender Weise der Ratsarchivar Professor vr. Richter in der unlängst aus Veranlassung des Rates bei Zahn & Jaensch veröffentlichten „Geschichte der Stadt Dresden in den Jahren 1871 bis 1902". Als ein stattlicher Folioband von 270 Seiten, geschmückt mit 21 Kunstblättern, bildet das Werk eine überaus schätzenswerte Bereicherung unserer zeitgenössischen Geschichtsliteratur, und zwar aus einem noch wenig bearbeiteten Gebiet, denn abgesehen von einem ähnlichen Werk der Stadt Essen, kann man ihm kaum etwas zur Seite stellen. Die Fülle des Stoffes, die die allseittge Entfaltung eines reichen Külturzentrums bietet, hat der
Verfasser in anmutigster Weise bemeistert, indem er bald den Leser mit dem Wachsen der Industrie, des Handels und des Bankwesens, dann wieder mit der allmählichen Entwickelung der Hülssmittel unseres Personen- und Nachrtchtenverkehrs, mit dem politischen Parteigewoge und seiner oft ephemeren, bunten Presse bekannt macht. Die Stadtverwaltung und -Vertretung steht mit Recht im Mittelpunkt, hat doch die letztere mit sicherem Griff hintereinander zw« Männer als Oberbürgermeister an die Spitze der städtischen Regierung gestellt, die mit klarem Blick für die jeweiligen Bedürfnisse eine kräftige Initiative verbunden haben. Das innere Getriebe der Kämpfe, Verhandlungen und Vorschläge, welche im Schoß der städtischen Körperschaften und in ihren Beziehungen zu den staatlichen Organen sich abspielen, entschwinden bald wieder dem Bewußtsein der Zeitgenossen; hier ist das Wesentliche herausgehoben, sind die handelnden Persönlichkeiten deutlich umrissen und die abgeschlossenen Verträge und geltenden Verordnungen kurz skizziert. Die glückliche Bewältigung der hygienischen Aufgaben, die Festlegung der Bauordnungen, die Planungen auf dem Gebiet des Wohnungswesens, das Vordringen der Ge- meindewirtschaft auf gewerblichem Gebiete, die architektonische und künstterische Gestaltung des Stadtäußern, alles dies sind Errungenschaften, die zum guten Teil dadurch ihre sachgemäße Lösung gefunden, daß dem technisch gebildeten, und künstlerisch interessierten Element neben dem Juristen Sitz und Stimme im Rat gewährt worden ist. Diejenigen Kulturgebiete, welche, wie Literatur, Kunst und Wissenschaft, über dem Streit der Tagesfragen stehen, oder die, wie die Architektur, den sichtbaren Niederschlag des herrschenden Zeitgeistes bilden, weiß der Verfasser in sein Gesamtbild als die zartesten großstädtischen Züge zu verweben. Ein etwas breiterer Raum hätte vielleicht dem Vereinsleben gewährt werden .können, denn gerade in diesen Auswirkungen freiwilliger, nicht pflichtgemäßer Initiative vieler der tüchtigsten Bürger spiegelt sich der großstädtische Geist recht klar wider.
Statistische Zahlen zur Beleuchtung der industriellen und finanziellen Verhältnisse, der Kosten all der kommunalen Schöpfungen grbt der Verfasser nicht spärlich, aber glücklicherweise recht sparsam und erleichtert auf diese Weise die Lektüre des Werkes dem großen Publikum ganz erheblich. Und für dieses ist das Buch berechnet. Es will aber nicht nur den Einheimischen mit seiner Heimat vertrauter machen, sondern es will dem ganzen deutschen Lesepublikum ein Stück Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts bieten, die am anregendsten die Form der Monographie wählt — die einzige, welche den Verfasser davor schützt, von seinem Stofs erdrückt zu werden. Möchten recht viele andere Orte dem Dresdener Beispiel folgen und unsere Literatur über das moderne Städte- ' wesen weiter bereichern. p. s.
Deutsches Deich.
Ei« Handwerker an einen Minister.
Der preußische Handelsminister von Möller, von Hause aus ein Großindustrieller, hat iy Osnabrück eine Rede gehalten, in welcher er den Handwerkern gute Ratschläge erteilt und vorgehalten hat, daß sie nicht rationell und kaufmännisch genug arbeiten. Darauf gibt der Exzellenz nun ein Schlossermeister mit Namen Paul Seifert in einem offenen Brief eine Antwort, in welcher der Schreiber kein Blatt vor den Mund nimmt. Wir geben die Ausführungen Seiferts im nachstehenden wieder:
„Wiederholt haben Sie, Herr Minister, öffentlich, zuletzt in Osnabrück, sich über die Lage des Handwerks ausgesprochen. Dabei haben Sie betont, daß die Handwerker rechnen lernen möchten: die Errungenschaften der modernen Technik sollen sie sich zuimtze machen und bei Submissionen nicht unterbieten. Die Regierung habe drei Kommissionen im Interesse des Handwerks ins Ausland geschickt und will auch nächstes Jahr eine Kommission nach Amerika senden. Auch halten der Herr Minister die Handwerkcr- kanunern für einen großen Segen. Nun, hochverehrter Herr Minister, erlaube ich mir Ihnen auch einmal öffentlich meine Meinung über die jetzigen Verhältnisse mitzuteilen: Ein Handwerker, der nach achtjähriger Schulzeit und nach dreijährigem Besuch der Fortbildungsschule sich nicht den Wert seiner Arbeii berechnen kann, ist nicht zu bedauern; tatsächlich ist dieser Fall auch selten. 89 Proz. der Handwerker können schon rechnen, sie haben nur nichts zu rechnen, weil keine Arbeit vorhanden ist; wenn in der Werkstatt nichts zu tun ist, nützt dem tüchtigsten Meister auch die doppelte Buchführung nichts. Die Errnngen- schasten der modernen Technik, die Anschaffung neuer Maschinen, das kostet Geld, Herr Minister! und ich weiß nicht, ob Sie es wissen, beim Handwerker ist das Geld sehr knapp, es langt kaum zum Lebensunterhalt. Daher wäre es sehr gut, wenn sie bie Kommissionen auch im Jnlande herumschickten, damit sie in den Werkstätten in den kleinen Städten Umschau hielten. Da erfahren sie die wirkliche Lage der Handwerksmeister ungeschminkt und richtig. Ihre Herren Räte legen Ihnen wahrscheinlich die Berichte der Haudwerkerkammern vor, und danach scheinen Sie sich Ihr Urteil zu bilden. Wir Handwerker im Liegnitzer Bezirke müssen jährlich für diese Kammer 18 ü00 M. aufbringen und baben einen einschlägigen Nutzen noch nicht verspürt. Für die Beamten sind wo M. Alters- und Jnvalidenbeiträge zu leisten; ivir Handwerker selber sind durch Versicherung nicht geschützt. . . Für unser Geld reist der Kammersekretär im Bezirke herum und sucht überall Lehrlingsheime zu gründen; wir Handwerker sind aber der Meinung, baß der Lehrling in das Haus des Meisters gehört. Es ist durchaus anzuerkennen und jeder umsichtige Handwerker heißt es gut, daß die hohe Regierung ihre besondere Fürsorge der Erziehung der Lehrlinge zuwendet; aber man sollte praktische Männer hören und um Iiat fragen . . . Tot ist das Handwerk noch nicht. Aber krank ist es und die Arzte, die es . behandeln, sind meistens keine praktischen Arzte, sondern Doktore» der Philosophie usw., die nichts davon verstehen."
* Hvs- und Personal-Nachrichten. Prinzessin Johann Georg von Sachsen erlitt in Dresden einen Unfall bei der Ausfahrt. Der Hofwagen geriet zwischen einen elektrischen und einen Lastwagen. Beide Hinterräder iprangen ah und das Wagengestell schlug auf bie Erde. Die Prinzessin hlieb unver- 'letzt und fuhr mit einer Droschke heim.
Der Kaiser traf gestern abend in Wildpark ein. Er wurde vom K r o n p r i n z e n empfangen und begab sich nach dem Neuen Palais.
Mlermühlter Grund.
Roman von Anton Freiherr« von Persall.
(17. Fortsetzung.)
Einmal fragte er Ambros aus, was er näheres darüber wisse, da stach er in ein Geschwür, es quoll nur so heraus. Das wisse er schon lange, daß es so kommen ü>erde, das ganze Bergwerk rücke da heraus, darum habe br ja gemeint, es sei am besten verkaufen, ehe der Verölt ein zu großer werde; es käme ja doch darauf hinaus. Aur er sei schuld, wenn er einmal die Hälfte daran ver- "ere, die schönsten Angebote habe er schon ausgeschlagen, sum zweiten Male sei wohl keiner der Narr.
^ Das Frühjahr kam, der See sprengte krachend seine Asseln. Gottfried blickte sehnsüchtig hinüber auf das ^oos, wo sich hie und da schon hellgrüne Flecken zeigten; ct wußte jetzt bald mit dem Düngen beginnen, da mußte ^ sich mit dem Sohn gut stellen, damit ihm der keine Schwierigkeiten mache..
, Ta erscholl eines Tages bei Tagesgrauen, er lag noch ^ Bett, Axthieb und das Knirschen einer Säge vom Wald herüber. Er eilte an das Fenster, es kam vom Hofgarten her, wie ein schwerer Seufzer zitterte es oben ourch die Lust, dann ein dumpfer Ton, eine der alten sichten war gefallen. Er kannte jede einzelne, er hätte ^raus geschworen dem Klang nach, welche es war. Und Mfag aus Schlag ging's, jeder traf ihn selbst. Er zog Rh Mg an und ging über den zerschmolzenen, klumpigen Schnee den Berg hinailf. Da lagen sie schon kreuz und illler, seine Lieblinge, mitten im stolzesten Wachstum Mallt, aus frischen Schnittflächen sickerte der Lebenssaft. 7 täs Wasser trat ihin in die Augen. Er erinnerte sich swes sonnigen Frühlingstages, da kam er, ein blühender Mger Mann, mit seinem Vater hierher. Die Holzknechte rachttn, in feuchte Tücher eingcwickelt, die jungen kräf- lgen Pflanzen, die der Vater vom königlichen Förster zdöllgen. Beste Qualität, da kam cs ihm aufs Geld nicht "ü- Und er gab jeden einzelnen Platz an, wo eine Pflanze noietzt werden sollte — er verstand sich darauf — daß sie
den rechten Schutz hatte gegen den Wind, gegen die Tritte des weidenden Viehes, des abstürzenden Gerölles. Jeder alte Baumstumpf, jede Senkung des Terrains, alles wurde benützt. Und wie er die zarten Pflänzchen liebevoll behandelte, wie er schalt, wenn die Knechte so derb zugriffen, wie er ihm, dem Sohn, gute Lehren gab und ihn ermahnte, den Wald immer in Ehren zu halten, er müsse der Stolz des Bauern sein, und wie er bei jedem Pflänzchen, das er in den schweren Boden drückte, schwur, so lauge er lebe, dürfe ihm nichts geschehen. Und jetzt — lagen sie gefällt, mitten in ihre Jugendkraft, um in einigen Tagen in der Grube, in der kalten, schwarzen, verhaßten Grube auf immer begraben zu werden!
Ein Schuß weckte ihn aus seiner schmerzlichen Träumerei, eine Staubwolke wälzte sich von der Steinwand her. Als sie sich verzog, bemerkte er erst, in einer Höhe von zehn Metern etwa, ein breites Loch, aus dem es noch immer herausquoll — das Bild seiner durchwachten Winternächte, da lag es vor ihm. Die Arbeiter, die der Sprengung halber auf die Seite traten, verschwanden jetzt wieder in der dunklen Höhlung. Sie arbeiteten von hier aus dem Werk entgegen, das sollte das Mundloch der schwarzen Strecke werden, wahrscheinlich nur zur Herausschaffung des „Berges" (wildes Gestein), vielleicht auch zur Kohlenförderung.
Diesen Aufschluß gaben ihm die Leute. Er war nicht ganz frei von Aberglauben, jetzt zweifelte er nicht mehr an der Erfüllung aller seiner Träume.
Ter Frühling kämpfte erbittert mit dem Winter, er klammerte sich mit boshafter Gewalt an die schon erwachenden Fluren und überschüttete sie immer wieder in seinem ohnmächtigen Grimm mit -eisigen Schauern, ihr heißes, pochendes, drängendes Leben dämpfend.
Das sterile, durch und durch gefrorene Moos stach gerade um- diese Jahreszeit in seiner trostlosen, rötlich gelben Farbe von den rini)s sich schmückenden Fluren ab; doch heuer glaubte Gottfried, der noch immer ein Adlerauge hatte, auf der Strecke gegen den See zu, wo seine kleine Besitzung lag, bereits einen leisen grünen Schiinmer zu bemerken. Er hatte sich nicht getäuscht, er wurde von
Tag zu Tag intensiver; stach immer mehr ab gegen den roten Torfstieg; er überhörte bei diesem Anblick die Axt- hiebe der Füller im Hofgrabeu.
Eines Tages hielt es ihn nicht mehr.
Mukenmichel war, neu gestärkt, aus seinem Winterschlaf hervorgegangen und- sah mit gewisser, mit Mitleid gemischter Genugtuung auf den gebeugten, gealterten Hintermooser. So geht es, wenn man in die Hände seiner Kinder fällt, sich abhängig macht von ihnen, und neue heiße Liebe zu seinem Schatz in der Hütte stieg in ihm aus, nimmer wollte er von ihm lassen.
Der Sohn war den ganzen Winter nicht heimgekommen, er vermißte ihn schwer, er empfand Sehnsucht nach ihm und doch zog er dieses Gefühl der ständigen Angst vor, wenn dieser in der Hütte war; er hatte das Geld einmal gesehen, er könnte einmal den Vater in ihm vergessen; er liebte es so, daß er sich jedes Verbrechen, es zu erringen, denken konnte. Die sanguinischen Hoffnungen Gottfrieds betreffs des Grundes teilte- er nicht, die grüne Decke des kultivierten Grundes tat ihm in den Augen weh; er haßte sie nicht minder als der Hintermooser das Schwarz der Kohle. Sie wird- sich immer weiter ausdehnen, sein guter alter Torf muß ihr zuletzt weichen, sie wird seine Hütte überwuchern, ihn forttreiben mit seinem Schatz — auch andere Menschen anlocken; ja, sie hat sie schon angelockt. Erst vor wenigen Tagen war der Moses Leinemann, der Händler, bei ihm und wollte ihn förmlich ausforschen, wie weit der Besitz des Hintermoosers ging, ob er nicht etwas zu verkaufen habe; er erzählte es sofort Gottfried.
Dem fuhr der Name in alle Glieder, er hatte eine unbezähmbare Furcht vor ihm, die so heftig war, daß sie seinen Grimm und Jähzorn nicht ausbrechen ließ. Was konnte der Mensch hier wollen? Mit Kulturarbeit war ja doch nicht viel Geld zu verdienen?
Mukenmichel klärte ihn darüber ans. Bauplätze wolle er daraus machen; die Seeleit'n fresse das Bergwerk auf, was es dann überlasse, sei imbrauchbar für die Fremden, die in dem Kohlendunst nicht leben wollen; dann werde
