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Dienstag, 7. September 1913.
Morgen- Ausgabe.
Nr. 415« ♦ 63. Jahrgang.
Eine Panik in Petersburg.
Im Osten allenthalben weiterer Vormarsch. — Der rechte Flügel der'Hindenburg-Krmee nähert sich dem Njemen. — ver klos-klbschnitt südlich Volkowqsk überschritten. — Kuch die Sumpfengen überwunden.
Der Tagesbericht vom 6. September.
W. T.-L>. Großes Hauptquartier, 6. Sept. (Amtlich.)
westlicher Nriegsschauplatz.
Es hat sich nichts Wesentliches ereignet.
Ein feindlicher Doppeldecker wurde an der Straße Menin-Ipern Heruntergeschosse».
Cestlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruppe des Generaifeldmarschalls von ksindenburg.
Bon der Ostsee bis östlich von Grodno ist die Lage unverändert. Der rechte Flügel nähert sich dem Njemen bei Lnnno und dem Ros-Abschnitt nördlich von Wolko- wysk.
Heeresgruppe des Generaifeldmarschalls
Prinz Leopold von Bayern.
Die Heeresgruppe ist unicr Kämpfen mit feindlichen Nachhuten im Vorgehen und hat den Ros-Abschnitt südlich von Wolkowysk bereits überschritten. Auch die Lumpfengen bei Smolanica (nordöstlich von Pruzana) sind überwunden.
Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls von Mackensen.
Der Angriff geht vorwärts.
Südöstlicher Nriegsschauplatz.
Keine wesentlichen Ereignisse.
Oberste Heeresleitung.
Oie Umfassung.
Nur selten nennt der Bericht unserer Obersten Heeresleitung Volksstamm und Waffengattung eines Truppenkörpers, ganz besondere Leistungen müssen der Anlaß einer solchen Auszeichnung sein. Während bei der Eroberung Grodnos jüd- und norddeutsche Truppen ein neues Ruhmesblatt in ihre glorreiche Geschichte hefteten, stürmte deutsche Kavallerie den Brückenkopf von Lennewaden. Unsere Reiterei erbrachte hiermit von neuem den Beweis ihrer Kampfestüchtigkeit im Fußgefecht wie schon so oft rm Kampfe mit Lanze und SÄel vom Sattel aus. Beiden Kampfesarten ist sie gleich gewachsen. Das Fußgefecht bei Lennewaden war ein notwendiger Kampf zum Erzwingen dieser Enge. Nachdem diese Aufgabe siegreich beendet, werden Roß und Reiter zur Umfassung der weichenden Feinde angesetzt worden sein. Starke Reitermassen in der nördlichen Flanke des Feindes bilden ein Moment ernster Gefahr für ihn. Solche kavalleristischen Unternehmungen erhalten einen sicheren Rückhalt, wenn gleichzeitig starke Infanterie die Feuerkraft des erschütterten Gegners fesselt. Dies geschah am 3. September durch die Erstürmung eines zweiten Brückenkopfes bei Friedrichstadt durch deutsche Infanterie. Jetzt lann es für die Russen keinen Halt mehr geben im Raume um D ü n a b u r g. Schon bedrohen deutsche Truppen aller Waffen die beiden von hier nach Petersburg führenden Bahnen. Durch diesen doppelten Durchbruch an der Düna ist die feindliche Front im Rücken bedroht, der Achillesferse einer im Kampfe gefesselten Truppe. Hierdurch erscheint die Lage des russischen Heeres als hoffnungslos, denn ihr bleibt nur die Wahl zwischen einem Verbluten oder schnellen Zurückgehen. Mit ersterem sucht es vergebens seine militärische Ehre zu retten, durch letzteres opfert es den letzten Hoffnungstropfen ans 'den Besitz von Wilna und Dünaburg, auf jedes Standbalten im westlichen Rußland. Diese herrlichen Erfolge bei der Armee Below werfen ein hoffnungsreiches Streiflicht auf die kommenden Ereignisse des östlichen Kriegsschauplatzes. Wie auf unserem Nordflügcl so umfaßt auch auf dem südlichen eine starke Kavallerie Flank? und Rücken des Gegners. Wese überholende Verfolgung bezweckt dem Feinde die Rüchugsstratzen | möglichst hinter der Front zu verlegen, Ordnung und " feitartmim dem Verfolgten zu Wicken und verlangt
übermenschliche Anforderungen an Mann und Roß. Sie zieht ierner darauf hin, den geschlagenen Gegner nicht senkrecht zu seiner alten Front abzichen zu lassen, sondern unter Zerschneidung der rückwärtigen Verbindungen ihn möglichst gegen einen Flügel des Siegers ab.z udr ä n ge n. Diese Msicht ist der deutschen Heeresleitung nach den bisherigen Berichten soweit gelungen, daß die Straße Brest-Pinsk die südliche Grenze des russischen Abzuges geworden ist und die Richtung desselben stark nach Norden gedreht wurde. Die nutzlose Aufopferung starker Nachhuten tonnte dies nicht verhindern. Der Feind zieht demnach nicht dahin, wohin er es für richtig hält, sorideru fügt sich dem Druck unseres Heeres, und zwar seines rechten Flügels. Drogitschin wird noch am 4. September von den Russen gehalten, das nördliche Kartus-Beresa an demselben Tage von deutschen Truppen erobert. Bei Nowydor erkämpft die Heeresgruppe des Prinzen von Bayern den Austritt aus der Sumpfenge, bei Pruschany leisten die Russen verzweifelten Widerstand. Das ganze Schwergewicht letzter Kraft liegt ans denr linken FWgel des Feindes, nachdem die Stoßkraft des rechten an der Düna zerschmettert wurde. Östlich Gradno versuchen Truppen der eroberten Festung am Kptra-Wschnitt >den Siegern neuen Aufenthalt zu bereiten/EZ ist ein Ringen um Zeitgewinn ohne jvdes weitere Ziel, da die vorstsüdm gegen Wolkowysk dringende Armee vlalLwitz in kurzer Zeit die Abzugsrichtung der neuen Auifnabmestellung bedrohen tmrd. Unser Siegeslauf wird 'dadurch nicht gsbemmt. Die Russen stellen sich nur zu neuen Niederlagen, neuen Verlusten an Menschen und Material. Das letzte Stück ostgalizischeu Bodens wird ihnen auch entrissen. Teile der dort kämpfenden Truppen haben den Sereth überschritten, 'die beiden letzten Festungen des südpolnrschen Festungsdreiecks können den schnellen Laus des Schicksals nicht mehr anihalten. In den reißeirden Strudels der sich nach Osten wälzenden Wagen werden auch sie mit hineiugezogen. M.
Russische Gegenangriffe an der Zererhmündung unter großen Verlusten zurückgeworsen. — Bei Darnopol eine verschanzte Ortschaft erstürmt. — Oke versumpfte und überschwemmte putylowka- nedsrung überschritten. — Kuch an der Iasiolda der Feind geworfen. — Im Gebiete des Nreuz- bergsattsls heftig« Krtillerietätigkeit.
Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.
W. T.-B. Wien, 6. Sept. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 6. September, mittags:
Russischer Uriegsschauplatzi
An der bcssarabischen Grenze und östlich der Sereth mündung wiederholten die Russen gestern ihre heftigen Gegenangriffe. Der Feind wurde überall zurückgeworfcn und erlitt große Verlu st e.
An der Sereth front und an unseren Linien östlich von Brody und westlich von Dnbno ließ die heftige Tätigkeit im Vergleich zu de» starken Kämpfen der Vortage etwas nach. In der Gegend von T^a r n o p o l wurde den Russen eine verschanzte Ortschaft entrissen. Unsere östlich von Luzk vordringcnden Truppen haben nördlich von Ulhka unter den schwierigsten Verhältnissen die vcrsuurpftc, überschwemmte P u- tylowkanicderung im Angriff überschritten.
Die an der oberen Jasiolda kämpfenden k. und k. Streitkräfte warfen den Gegner aus seinen letzten Bcrschanzungen südwärts des Flusses heraus und gewannen an mehreren Stellen das nördliche Ufer.
Italienischer ririegsschauplatzä
Während die Italiener gestern an der küstrn- l ä n di s ch e n Front und in Kärnten im allgemeinen untätig blieben, entwickelten sic im Gebiet des Kreuzbcrgsattcls (südöstlich Jnnichen) nach längerer Panse eine heftige A r t i l I c r i e t ä t i g k e i t und versuchten dort an mehreren Punkten sich unseren Stellungen zu nähern. Zn Jnfanterickämpfen ist es bisher nicht gekommen.
Der Stellvertreter des Chefs des Gencrolstabs: v. Hofer, Feldmarschalleutnant.
Die Erschütterung öer russische» Vünastellrmg:
Verzweifelte Stimmung in Petersburg.
Sr. Stockholm, 6. Sept. (Eig. Drahtbericht. Jens. ,Bln.) Die Erschütterung der russischen Dünastellung hat in Petersburg eine verzweifelte Stimmung hervorgernfen. Die wildest c» v-criichte liefen bald um. Gestern nachmittag verlautete hartnäckig, die unter General Rutzki bei Riga stehende Armee sei vernichtend geschlagen und Riga besetzt worden; die Deutschen befänden sich sogar schon auf mr- gehindertcm Bormarsch gegen die Hau tz t ftaSt. Große Menschenmassen sind vor den Gebäuden der Zeituu^u versammelt. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgrn«»,»eu, besonders unter den telephonischen Verbreitern dieser Gerüchte, deren Nummern festgestellt werden konnten. In später Abendstunde erschienen Extrablätter mit folgendem Dementi: Von unseren Feinden werden Gerüchte verbreitet, die leider anfangs geglaubt wurden. Von autoritativer Seite sind wir ermächtigt, mitzuteilen, daß unsere Berteidi- gungsstellnng zurzeit u«geschwächt ist. Gewiß unterschätzt kein Baterlendsfreund die für die nächste« T»^e, drohenden Gefahren, aber es wäre eine Versündig«»« am Vaterland, eine Panik vorzeitig zu verbreiten. Von in- iormierter Seite wird behandlet, daß die F r » n t r e i ste des Zaren lediglich fingiert sei, um die Verlegung der Residenz zu verdecken.
Oie Ermordung des Stadthauptzmanns von petersdurg.
Konstantinopel, 6. Sept. (Zens. Frkft.) Noch amtlichen Nachrichten aus Petersburg, die über Athen kommen, ist der Stadchauptmorm van Petersburg am Donnerstag ermordet worden.
Verurteilung wegen Betrugs der österreichischen Heeresverwaltung.
Berlin, 6. Sept. Di- „Voff. Ztg." meldet aus Wien: Der Schuhwaren Händler Neuron ist, weil er Militär- si i e s e l, die als unbrauchbar von der Eirrkaufskom- mission zurückgewiesen worden waren, an eine Pretzburger Firma behufs Lieferung an das dortige Infanterie-Regiment weiterverkaufte, zu 15 Jahren schwerem ker verurteilt worden.
Der frühere bosnische Landeschcf Freiherr v. Astwri gestorben.
Berlin, 6. Sept. Das „83. T." meldet aus Wien: Der Armeeinspekror und gewesene Laudchef für Bosnien Geheimrat General der Infanterie Eugen Freiherr von A l v o r i ist an einem Nierenleiden im Alter von TI Jahren gestorben. Dem deutschen Kaiser war er in Österreich wiederholt als Ehrenkavalier beigegeben.
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Oie große Schuld Greys am Ktitgt.
W. T.-B. Wien, 6. Sept. (Nichtamtlich.) Gegenüber der Behauptung der „Daily Chrontcle", daß Delutschlcnw mit Österreich vereinbart habe, einen Streit mit Serbien vom Zaune zu brechen, bemerkt die „Neue Freie Presse": Wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte es das höchst fricdtiebende Rußland leicht gehabt, sich dieser bösen Hinterlist zil entziehen, denn die von dem „Daily Chronicle" als so friedliebend üargestelltcn russischen Autoritäten kannten nach der von Serbien angestifteten Ermordung des Thronfolgers und seiner Gemahlin, wenn sie den Frieden wsirklrch wollten, erklären, daß die serbische Regierung den csrf den Krieg lauernden Wiener und Berliner Ränkeschmieden einen allzu willkommenen Vorwand bot, und daß sich Rußland hüten müsse, in die Falle zu gehen. So verhielt sich aber die russische Regierung bekanntlich nicht. Sie ließ den ganzen panslatvistischen Chor in Tätigkeit treten^ und dieser behielt an den entscheidenden Stellen .die Oberhand, weil die Haltung Englands zum Kriege ermutigte. Darin liegt ja die große Schuld Ereys, daß er dieser Partei das Spiel erleichterte. Er wußtr, daß im Februar 1912 unter russischer Führung das Bslkan- büudnis geschloffen worden war, das den Krieg gegen Österreich in Betracht zog, daß die russische Probemobilifation für den Herbst schon seit Mai vorgesehen war, und daß nach Ausbruch des BalkankriVes die russische Kriegspartei eure Lage herbeiführte, die schon im November 1918 die Gefahr eines Zusammenstoßes in die nächste Nähe rückte. Men da- rmlS vereinbarte jedoch Grey in dem bekannten Briefwechsel mit Cambon die Grundzüge des englisch-französischen K r i e g S b ü n d n i s f e s, mit welchem er zwetfek- loS zeigte, mif welcher Seite die Engländer im Falle einer Verschärfung des Streites im Orient stehen würden, und gab Rußland :'u>d Frankreich den Ansporn zu weiterem Vorwärtsdrängen. Ebensowenig konnte Greh »urbekannt sein, daß Poincarö der Führer der chauvinistischen Bewegung war, daß das Gesetz zur Wiedereinführung der dreijährigen Dienstpflicht nicht zufällig Angebracht worden wvr «nd dass
