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Mage Min Wiesbadener Tagblatt.

Ms. 371. Morgen-Ausgabe. Mittwoch, den 12. August.

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Der Liebe Opscr zwingt dem Herzen Großmut ab: £

Wer kann verachten, was sich ihm aus Lieb' ergab? £

Nückcrt. >*

(14. Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Walter Schmidt-Häßler.

.Ich finde es nur selbstverständlich, daß Sie eine Person, die Sie in Ihrer nächsten Umgebung zu haben wünschen, vorher so genau wie möglich kennen lernen wollen, gnädigste Gräfin. Sie deuteten vorhin an, daß es Ihnen peinlich sei, wenn man in Ihrer Nähe sich irgendwie unfrei fühle, und so liegt es ja in erster Linie auch in meinem eigensten Interesse, Ihnen genau zu sagen, wer und was ich bin, aus welchen Verhältnissen ich komme, und was mich dazu bestimmte, in die Welt zu gehen, um meine Existenz mir selbst, fern von den Meinigen, zu gründen. Je offner tch Ihnen gegenüber bin, desto besser werden Sie mich kennen, und je genauer Sie mich kennen, desto freier werde ich mich in Ihrem Hause fühlen."

Und Ella erzählte der Gräfin, die ihr aufmerksam zuhörte, ohne sie zu unterbrechen, die einfache Geschichte ihres jungen Lebens, bis zu dem Augenblick, wo sie in das Haus ihres Onkels gekommen war. Als sie ge­endet hatte, erhob sich die Gräfin und auch Ella stand aus.

„Somit wäre alles in Ordnung", sagte die Dame, „nur ein einziger, allerdings sehr diskreter Punkt wäre noch zu besprechen."

Eine kleine Pause trat ein, und über die hohe Stirn der schönen Frau zog eine dunkle Falte, während das leise, nervöse Spiel der Hände an den Spitzen der Toilette verriet, wie schwer es ihr wurde, den angedeuteten Punkt zu berühren.

„Ich habe — einen Sohn", begann sie leise und zu­rückhaltend, „den jüngsten meiner drei Söhne, der mir diel Peinliches schon bereitet hat. So schwer es mir wird, aber ich muß mit Ihnen diese Dinge besprechen, da auch ich Ihnen Offenheit schuldig bin. Schon mehrere Male habe ich dm Versuch gemacht, eine junge Dame, wie Sie, dauernd an mich und mein Haus zu fesseln, aber e| wurde mir regelmäßig unmöglich gemacht, und zwar eben durch diesen meinen Sohn. Ihm fehlt der Respekt vor dem Hause seiner Mutter, und jedes Mal hat er es verstanden, hinter meinem Rücken mit diesen Damen zarte Beziehungen anzuknüpfen, die es mir unmöglich nmchten, mit ihnen unter einem Dache zu weilen. Es würde mir sehr, sehr leid tun —"

"Ich danke Ihnen, Frau Gräfin", sagte Ella sehr nchrg, „für dieses Eingeständnis, das Ihnen offenbar unendlich schwer werden muß einem jungen Mädchen gegenüber, und das ich deshalb als eine gütige Warnung doppelt zu schätzen weiß. Aber ich denke, daß Sie nach dieser Richtung keinerlei Befürchtungen zu hegen nötig haben. Wenn Ihrem Herrn Sohne der nötige Respekt bor der Umgebung seiner Mutter fehlt, so enrpsinde ich denselben in um so höherem Maße, und werde das Ver­träum, das Sie mir, der Fremdm, mtgegmbringen, voll

zu verdimm wissm. Zudem glaube ich, daß jedes weib­liche Wesen in sich selbst ein Etwas trägt, um jeden Diann, wer es auch sei, in der Entfernung zu halten, die wünschenswert ist, um Würde und Selbstachtung zu be­wahren. Ich glaube nicht, daß man bei mir die Grenze übersehen könnte, die ich für nötig finde, den Verkehr zwischen dem Herrn Grafen und der Gesellschafterin seiner Frau Mutter vorzuzeichnen!"

„Ich will es von Herzen wünschen, und ich danke Ihnen. Und somit wären wir denn vollkommen klar und einig mit einander. Wann können Sie bei uns einziehen?"

„Sobald Sie es wünschm, gnädigste Gräfin!"

„Dann sobald es möglich ist. Am nächsten Montag vielleicht schon?"

„Gern!"

,„So werde ich Auftrag geben, daß der Dimer an: Montag früh Ihre Sachen abholt."

Ella verabschiedete sich, und als sie der Gräfin die Hand küssen wollte, verhinderte diese es durch einen freundlichen Händedruck, in dem etwas wie warme Herz­lichkeit lag, die Ella unbeschreiblich wohl tat.

An dieser Frau war alles so klar, so ungekünstelt und natürlich, daß Ella schon nach diesem rein geschäst- lichen Besuche die vollste Sympathie für das Haus emp­fand, das von nun an ihre Heimat werden sollte.

*

Es schien, als wenn Ella im Drontheimschm Hause alles finden sollte, was sie sich so lange sehnlich gewünscht, Ruhe, seelische Klarheit und volle geistige Freiheit, bei Erfüllung einer Pflicht, die ihr von Tag zu Tag mehr zur Freude wurde.

Sie hatte sich in der Gräfin nicht getäuscht, der vor­nehme Charakter blieb sich unerschütterlich gleich. In ihrer Umgebung zu weilen, mit ihr zu lesen, zu musi­zieren und in ununterbrochenem geisttgm Verkehr mit ihr zu sein, ward für Ella eine Quelle unendlicher An­regungen. Sie lernte durch ihre gemeinsame Lektüre alles nach und nach kennen, was die Literatur des Tages an neuem brachte, sie erweiterte ihre Kenntnisse in um- fassmdster Weise und sammelte für ihren eigmen Bedarf einen reichen Schatz wertvollstm Materials. Was sie in Ausübung ihrer Pflicht, die ihr längst nicht mehr als solche erschim, tagsüber gewonnen, das verwertete sie, da die Gräfin sich ziemlich früh zurückzuziehm gewohnt war, an dm langen Abenden an ihrem Schreibttsch für ihre literarischen Zwecke; sie schrieb mehr, bernr je, feilte, formte und modelte an ihrm Arbeitm, so daß sich zu­sehends ihr Stil rundete, knapper und prägnanter wurde, ihre Erzählungm immer reifer und moderner sich gestalteten.

So vollzog sich denn allmählich, ihr selbst kaum merklich, die geheimnisvolle Wmdung vom schrift­stellerischen Amatmr zum fertigen, zielbewußtm Autor in ihr, denn die Hauptbedingen waren ja von vornherein gegeben, das wirklich große, angeborene Talent und eine starke Individualität.

Jeden Sonntag, dm die Gräfin im Hause ihres Schwagers zubrachte, fuhr sie eine Sttmde nach dem 'Diner zu ihren Verwandten, in die fülle, behagliche Wohnung in der Köpenicker Straße. Die Gräfin ver­säumte nie, ihr freundliche Grüße an die Jhrigm aufzu-

61. Jahrgang. 1903.

tragen, denn es gewährte ihr eine ganz besondere Be­ruhigung, Ella, die ihr mit jedem Tage lieber wurde, tri diesem hochehrbaren Kreise wohl aufgehoben zu wissen. Und nie hätte Ella versäumt, ihre Sonntagabende gerade dort zuzubringen In dem Hause des Onkels gipfelten all ihre Gefühle, hier wurzelte der schönste Teil ihres Gemütslebens, als wäre sie in diesen friedlichen vier Wänden geboren und groß geworden. Dann saßen alle des Abends unter der Hängelampe, die ihrm mildm Schein über lauter glückliche Menschen goß, und plau­derten von allem, was sie gemeinsam interessierte. ^ Vor allen Dingen drehte sich die Unterhaltung zwischen Röminger und seiner Nichte um ihre Fortschritte auf literarischem Gebiete, um das allmähliche Reifen ihres Talentes, dem der alte Herr ein großes, ehrliches In­teresse entgegenbrachte. Was sie nirgends sonst auf der Welt getan hätte, tat sie hier ohne jede Schm, ohne eine Spur von Zurückhaltung. Alles, was sie schrieb, las sie dem altm Herm vor, der, in dem Lehnstuhl zurück­geneigt, die Augen geschlossen, um besser alles in sich auf­zunehmen, zuhörte und dann mit seinem kriüschm Urteil nicht hinter dem Berge hielt. Es lag etwas Wunder­volles in diesem Verhältnis zwischen Onkel und Nichts, was natürlich auch ganz ringeheuer auf Ellas Entwicke­lung wirken mußte. Der Künstler in ihm regte sich mäch­tig in diesen Stunden, der feinfühlige, hochgeblldete Ästhetiker war es, der dem jungen, aufstrebenden Talent zum Lehrer wurde, und dessen Weisungen sie blind und ergeben folgte. Von ihrer Tante lernte sie für den anderen Teil ihres Berrrfes als Repräsentanttn tausend nützliche Dinge, die ihrem Hausfrauentalent zu gute kämm.

Wenn Papa Röminger besonders gut gelaunt war, winkte er seiner Tochter, die sich lächelnd ans Klavrer setzte, holte dann mit einem freundlichen Schmunzeln seine herrliche Amattgeige aus ihrem Futteral und spielte, während Ella lautlos, ohne sich zu regm, in der Ecke des molligen Kameeltaschensofas lehnte und dem Onkel lauschte. t

In solchen Stunden kam dann immer etwas über sie, wie eine Art Erleuchtung, eine hohe Erkenntnis dafür, daß ein Mann, wie dieser, fortgestürmt war aus den engen Verhältnissen der Kleinstadt, daß er sich hatte los- ringm müssen aus dieser erdrückenden Atmosphäre voN Banalität und Klatsch, von geistigem Rückstand und blöder Verständnislosigkeit — hinaus ins Große, in den befreienden Strom der Welt. Was aus den Klängen dieser Saiten da herausweinte und emporjubelte zum Licht, was in vollen, glanzvollen Akkorden dahinflutete, wie ein breiter, sonnenbeschienener Strom, das alles hatte das Herz dieses Menschen empfunden, . geboren unter Schmerzen und Freuden, und eine unendliche Hochachtung vor der Kunst und ihren Propheten überkam Ella wie Andacht, in die das stolze Gefühl sich mischte, daß auch sie selbst es vermocht hatte, sich loszureißen von der Sklavenkette.

Von ihren Eltern hatte sie zuweilen indirekt, durch ihre Freundin Erna, gehört, mit der sie seit ihrer Flucht in beständigem brieflichen Verkehr geblieben war. M<m lebte weiter in der kleinen Residenz, nachdem sich die Entrüstung über die Flucht der „ungeratenen" Tochter gelegt, wie man stets gelebt hatte.

(Fortsetzung folgt.)

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