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£1. Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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Mp. 372. «erlags-Fernsprecher No. 29».

Abend - Ausgabe.

Pie Wiilylk mil die nioiieöonirtöf pcwcpni.

„Europa hat Ruh", so sangen noch^ vor wenigen Lagen die Herren Diplomaten. Mer Herr Sarasow, der eigentliche Schürer des Ausstandes in Makedonien, hat es anders beschlossen. Da papierne Drohnoten nicht viel fruchteten, so griff man zu alten bewährteren Mit­teln. Im Vilajet Monastir, im Herzen Makedoniens, sind nicht nur die Plünderungen, Brandstiftungen und Morde wieder an der Tagesordnung, auch Schienen werden aufgerissen, Telegraphendrähte zerschnitten und Weichen zerstört. Neben der Brandfackel benutzen die Aufständigen erhebliche Mengen Dynamit, deren Her­kunft aus dem Fürstentum Bulgarien weit weniger zweifelhaft ist, als der Grund des Fernbleibens des Fürsten Ferdinand von Sofia, Was diese Aufstands­bewegung, die ersichtlich von Bulgarien aus geleitet und von Serbien aus unterstützt wird, bezweckt, ist ziemlich klar: Sie soll den Großmächten Europas zeigen, daß die Durchführung des russisch-österreichischen Reform­programms seitens der Türkei sich endgültig als illu­sorisch erwiesen hat, daß an eine wirkliche Beruhigung Makedoniens und Herstellung des Friedens nur zu denken ist, wenn Makedonien nicht mehr der Herrschaft des Sultans gehorcht.

Aber weder Österreich noch Rußland als die Nächst­beteiligten zeigten bisher die_ geringste Neigung, _ die Balkanlawine ins Rollen zu bringen. Die Aufständischen aber, die kolonnenweise von regulären bulgarischen Offi­zieren befehligt werden — ein seltsamer Zustand bei offiziellem türkisch-bulgarischem Frieden —, rechnen da­rauf, daß die mohammedanische Bevölkerung selber die Künste der diplomatischen Zurückhaltung vereiteln wird.

Die Moslems Makedoniens sind nrrr zum kleineren Teil türkischen Bluts; überwiegend stammen fie von griechischen Grundbesitzern ab, die nach der osmanischen Eroberung ihre Güter retteten, indem sie den Glauben der Sieger annahmen. Gegen diese Elemente wüten die bulgarischen Empörer mit der ganzen Wildheit, die den barbarischen Glaubens- und Rassenkämpfen des Morgenlandes eigen ist. Wenn der rote Hahn den mohammedanischen Dörfern aufs Dach gesetzt wird, . so kann es kaum wundernehmen, daß das vergewaltigte Mohammedanertum auf die gleiche unmenschliche Weise Aache nimmt, auf die es selber an Person und Eigentum angetastet worden ist. Tie Mächte haben wiederholt die Aufmerksamkeit der Pforte auf die Gefahren hingelenkt, die eine Selbsthülfe der mohammedanischen Bevölkerung mit sich bringt. Tie Moslems Makedoniens sind zahl­reich, kriegerisch und im Besitz aller Hülfsinittel, die einer herrschenden Klasse zu Gebote stehen. Wenn man den türkischen offiziösen Berichten trauen darf, so ist es bis­her im ganzen gelungen, die einheimische mohammeda­nische Bevölkerung von einer Einmischung in die Kämpfe

Mittwoch» de« 12. August.

gegen die Revolutionäre fernzuhalten. Bisher stießen

nur reguläre türkische Bataillone mit dep Jnsurgenten- banden zusammen, die neben dem Revolutionieren sich noch auf Plündern legen. Da die Ernte unter jenem Himmelsstrich jetzt eingebracht wird, so kann „der Bauer wieder etwas geben".

Doch die Pforte, der Premierminister Balfour am Montag im englischen Unterhause noch nachrühmte, „sie sei sich der politischen Notwendigkeit der Unterdrückung aller Ausschreitungen der Truppen ebenso bewußt wie England", konnte nicht verhindern, daß es zu Explosionen kam, durch die auch fremde Staatsangehörige in Bkit- leidenschaft gezogen werden. . Der _ türkische gemeine Mann vermag bei seinem geringen Bildungsgrade in der Aufregung nicht immer zu unterscheiden, ob seine Waffe im Interesse seines eigenen Staates los geht oder nicht. Der türkische Gendarm Halim, der den russischen Konsul Rostkowsky niederschoß, leistete den bulgarischen Revo­lutionären damit einen besseren Dienst, als es irgend jemand tun konnte, der in ihrem Solde steht. Einmal bereits, nach hem Tode des von dem fanatisierten Ibra­him verwundeten Konsuls Schtscherbina in Mitrowitza, ließ der Zar zur großen Enttäuschung der Revolutionäre die weitherzigste Milde gegenüber dem Verbrechen walten. Durch ein etwaiges Beharren auf der Vollstreckung eines Todesurteils an Ibrahim hätte er den Sultan in einen gefährlichen Zwiespalt gebracht. Entweder hätte dieser sich mit Rußland überworfen oder die Rachegelüste seiner albanesischen Leibwache herausfordern müssen. _ So er­suchte der Zar selbst den Sultan, daß er es bei einer Ver­urteilung zu Zwangsarbeit bewenden lasse. Eine solche Selbstbeherrschung und Zurückhaltung Rußlands zeigt am besten, daß es den Diplomaten an der Newa ernst ist mit dem Streben nach Wiederherstellung ruhiger Zu­stände auf dem Balkan und daß sie eifrig bemüht sind, ihrerseits keine neuen Verwickelungen in die makedoni- schon Wirren hineinzutragen. Doch der Mord des Kon­suls Rostkowsky, der vielleicht durch sein anmaßendes Wesen nicht ganz schuldlos an dieser Bluttat ist, erheischt seine Sühne, schon im Interesse des gewaltigen Ansehens, das Rußland im.Orient genießt. Aber die Sühne muß so erfolgen, daß des Sultans gegen die Revolutionäre gerichtete Macht nicht geschwächt werde. Keine leichte Aufgabe. Aber die russische Diplomatie wird sicherlich den richtigen Weg finden. Es wird wohl kaum nötig sein, daß Rußland sich an die europäischen Mächte wendet, um gemeinsam mit diesen zu beraten, was ferner zur Beseitigung der makedonischen Wirren geschehen soll. Die Türkei ist anscheinend nicht nur gewillt, die Revolutionäre in Schach zu halten, sondern auch die versprochenen Re- sormen in Makedonien durchzuführen.

Das wird ihr um so leichter gelingen, als das öster­reichisch-russische Balkanübereinkommen völlig genügt, die Militärparteien in Sofia und Belgrad zurückzudrängen. Fürst Ferdinand täte aber gut, die Träume auf ein größeres Bulgarien auszugeben und nach Sofia zurück­zueilen. Er hat es als politisch heißen Boden verlassen und wird es heißer wiederfinden. p.

RedaktivnsHernsprecher No. 52. 1903»

Deutsches Deich.

Der Kronrat.

Die wenig snbstanziierten, dafür um so eifrigeren Erörterungen darüber, was der Kronrat bringen kann und was nicht, ob er eine Krise beilegen oder eine Krise erst einleiten soll, haben mindestens ein Ergebnis ge­bracht, nämlich den Ausdruck der übereinstimmenden Überzeugung, daß es ein sehr geringfügiges, politisch ziemlich belangloses Ereignis wäre, wenn der konserva­tive Herr v. Hammerstcin durch einen anderen Konser­vativen im Ministerium des Innern ersetzt würde. Auf der Rechten ist man der wunderlichen Meinung oder gibt wenigstens vor, sie zu haben, daß die Verabschiedung dieses Ministers von den Liberalen mit brennender Be­gier erwartet, wohl gar mit listenreicher Geschicklichkeit betrieben werde. Was für ein Unsinn! Die Welt im allgemeinen und der Liberalismus aller Grade im beson­deren kennt wichtigere Dinge, als es das Schicksal des Herrn v. Hammerstein sein kann. Selbst wenn dieser Minister mehr bedeutete, als er wirklich bedeutet, wäre es „noch so". Denn darüber muß man sich klar sein: Die Verhältnisse liegen in Preußen so, daß nur Träumer glauben können, es werde ein durchgreifender System­wechsel eintreten, und er werde im Ministerium des Innern zuerst verwirklicht werden. Wir erwarten nicht, daß Herr v. Hammerstein so lange, wie er es schon ge­wesen ist, noch Minister sein wird. Aber tver ihm auch Nachfolgen mag, er wird, so weit es auf die Geltend­machung des anülichen Einflusses ankommt, die Land­tagswahlen niemals in antikonservativer Richtung leiten. Eine leichte Nuanzierung zuungunsten des Agrarkonser­vatismus ist ja möglich, nur daß sie schwerlich etwas nützen würde. Auch könnte sie es kaum, selbst wenn ein Minister etwa von der Farbe Herfurths wiederkehrte^ Denn dies läßt sich, wenn nicht zur Rechtfertigung des heutigen Systems, so doch zur Erklärung seines Wesens! anerkennen, daß die politische wie die gesellschaftliche Macht des Konservatismus zu groß ist, um in kurzem Anlauf gebrochen zu werden, auch wenn der Wille dazu vorhanden wäre. Die Negierung, die heute einen unbe­quemen Regierungspräsidenten oder Landrat kaltstellt und morgen zum Ausgleich einen ebenso unbequemen Herrn befördert, will weder, wie sie kann, noch kann sie, wie sie vielleicht will. Wenn der Bann gebrochen werden soll, unter dem das politische Leben in Preußen zu er­sticken droht, dann muß es aus der Bevölkerung heraus geschehen, dann muß die liberale Wählerschaft im Oktober ihre Pflicht tun. Der Einwand darf nicht gelten, daß es bei dem „elendesten aller Wahlsysteme" ja doch un­möglich sein werde, die Konservativen beträchtlich zurück­zudrängen. So unähnlich die heutigen Verhältnisse denen vom Beginne der sechziger Jahre auch sind, so be­halt das Vorbild, das damals die ungeheuere Mehrheit der preußischen Wählerschaft gegeben hat, seinen untilg­baren Wert. Es ist einmal möglich gewesen, und die Geschichte verzeichnet es mit leuchtenden Schriftzügen,

Mterwühller Grund.

Roman von Anton Freiherr»! von Perfall.

(16. Fortsetzung.)

Plötzlich ließ die Wut des Alten nach, er lehnte sich fitternd an die Schulter seines Weibes, die ftirchtbare Auf­regung brach seine morschen Kräfte.

„Amhros", sagte er, schwer atmend, Hab Erbarmen! verzeih mir den Schlag, den ärgeren hast ja doch du mir geben! Tu's net, mit ausgehobenen Händen —" er fal­tete wirklich die Hand, seine Stimme klang greisenhaft, veinerlich, in schneidendem Kontraste mit den Lauten vor venigen Mnuten — „schwör' ich dich, tu's net!"

Franzl eilte weinend zu Ambros, er wies sie schroff grrück. Agl warf sich schluchzend, von stunimen Vorwürfen sequält, an die breite Brust des Mannes.

„Gib net nach, sonst bist verloren!" flüsterte Noner, hinter Ambros tretend, der mit starrem Blick und gesenk- Km Kopf dastand. ,

Es herrschte augenblickliche peinliche Stille, nur die Uhr tickte monoton weiter.

„No, nur her auf mi", begann er höhnend, „r bm ja der Bua, du der Vater! Meinst? Aber net wahr rs! Der Herr bin ich und du der Austrägler! Verstanden! So wird's g'halten von nun an. Jetzt geht's ins Bett, ich hob's satt für heut!"

Er kehrte ihnen den Rücken.

„Komm, Alte!" flüsterte Gottfried. Mühsam von chr unterstützt, erstieg er die knarrende Treppe.

Ambros wischte sich mit deni Ärmel das Blut aus dem Gesicht, der Anblick der roten Streifen auf dein weißen Hemde reizte ihn von neuem. Drohend erhob er die Faust nach oben.

„Ambros — dein Vater!" mahnte Franzl sich an »hn drängend, '

„Mach an End'", flüsterte gehässig Nonei, „ganz an End'! So wie heut kommt's no öfter, wir ertragen's alle zwei net, das Leben! Schau du nach 'n Vater, du barm­herzige Seel'", höhnte sie Franzl.

Vergebens sah sie auf Ambros— er hieß sie nicht bleiben — sie war überflüssig und ging nach oben.

Lange saßen sie beisammen, Bruder und Schwester, bei der flackernden Kerze. Sie hörten das Unwetter nicht draußen, so warm sie im Rechnm vertieft. Alle Papiere waren mit Ziffern beschrieben. Dann lachten sie wieder zufrieden, und schlangen die Arme zärtlich um die Schul­tern; ihre Köpfe waren dunkelrot vor Erregung. Lange nach Mitternacht erhoben sie sich, offenbar einig über die Zukunft.

„Nur net nachgeben, Ambros — wir müssen jetzt die G'scheiteren sein — 's gilt unser Glück!"

Damit ging sie.

Obm saß Agl vor dem Bett ihres Mannes. Er glich einer Leiche mit den bleichen, jetzt eingefallenen Zügen. Als die Treppe unter den Füßen Noneis knarrte, fuhr sie aus ihren Träumen auf, fiel schluchzend auf die Kniee und benetzte die Hand des Schlafenden mit heißm Tränen. — Sie dachte eines verräterischen-Planes, den sie erst heute mit der Tochter geschmiedet.

Achtes Kapitel.

Der Winter war streng. Alles starrte in Schnee und Eis. Ter Hofgraben und die Hofwiesen waren von Am- bros um hohen Preis an das Bergwerk äbgetketen. Auf rastloses Bitten des Vaters ließ er in dem Kaufkontrakt das Vorkaufsrecht eintragen, im Falle das Bergwerk den Grund einst veräußern wolle. Der Direktor gab es ihm lächelnd zu.

Der Vater selbst erstaunte über die Höhe der Summe, und war glücklich, daß sein Sohn wenigstens die Idee des Gesaintverkaufs aufgeaebcn. So schien cs wenigstens, er brachte nie die Sprache darauf.

Im übrigen herrschte eine gedrückte Stimmung in der Hintermooserfamilie. Ter Schlag in das Antlitz des Am­bros war noch immer nicht verhallt, er zertrümmerte die letzte Schranke, die noch vor seinen neuen Plänen stand, die angeborene Ehrfurcht vor dem Vater, den kleinen Rest von Kindesgefühl, das ihm dämmerhaft verblieben. — Und der Alte ahnte das, er hätte alles darum gegeben, ihn ungeschehen zu machen; er haschte förmlich nach jedem freundlichen Wort, nach jedem wohlwollenden Blick seines Sohnes. Ambros hielt diese auffallende Veränderung für die Zeichen des Alters, abnehmender Kräfte, und be­handelte ihn immer geringschätziger und oberflächlicher.

Gottfried ertrug diese Schmach, so tief er sie fühlte, mit vornehmer Ruhe in dem Bewußtsein seiner Schuld. Nur eins fraß an ihm, ärgerte ihn mnerlich — die Ge­heimtuerei uni ihn her.

Es ging etwas vor auf dem Hof, wovon er nichts wissen sollte. Man steckte die Köpfe zusammen und prallte jäh auseinander, wenn er kam. Selbst Agl, seine Frau, tat mit, wenigstens wußte sie mehr tvie er, wurde inehr in das Vertrauen gezogen. Er war der überflüssige — mehr der Überlästige, in den Winkel Gestellte, die Last im Hause. -— Das alte Los aller Väter, vor dem er ge­sichert zu sein glaubte, das er oft mit Abscheu gelassen tragen sah in der Nachbarschaft, es hatte auch ihn getroffen und auch er trug es gelassen, das Los des Austräglers! — Ja, war er denn wirklich schon ein Greis? Er befühlte dann seine Glieder, sie waren noch wie aus Eisen, und er trug noch mit leichter Mühe die zentnerschweren Hafer­säcke von der Tenne herab, oder ein Kalb auf den Wagen! Nein — er war noch ein Mann, nur das verdammte, müßige Sitzen hinter dem Ofen, dieses in die Eckegcstellt- sein, dieses ihn verzehrende Bewußtsein de? Überzähligen, das machte ihn dazu; kam nur das Frühjahr, und er konnte wieder auf seinem Boden arbeiten im Moos, dann wird cs gleich anders sein. Im Frühjahr, wenn der Schnee schnülzt, wenn der Wald da draußen wieder grünt und