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51. Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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3<0. Berlags-Fernsprecher No. ASS.

Abend-Ausgabe.

Sostalpolitische StrrWge.

In Österreich ist eine starke Agitation auf Schaf­fung des allgenreinen, gleichen und diret'ten Wahlrechtes in die Wege geleitet worden,, zahlreiche Versammlungen wurden zu diesem Zwecke von sozialdemokratischer Seite einberufen. Für Wien hat ein Erlaß des Statthalters von Niederösterreich die vollständige Sonntagsruhe einge­führt und damit den Gesetzesvorschlag über die Sonn­tagsruhe, der vor kurzem die Abgeordnetenkammer Pas- siert hat, überflügelt. Tie vor zwei Jahren vom Han­delsministerium ausgearbeitete Novelle zur Gewerbe­ordnung ist bei der Wiener Handelskammer wieder aus­getaucht, die jetzt ihr Gutachten darüber abgibt. Wäh­rend der Arbeitsbeirat einer gesetzlichen Regelung der Arbeitsverhältnisse der Kessel- und Maschinenwärter zu­gestimmt hat, hat sich der Jndustrierat energisch dagegen ausgesprochen, die Entscheidung liegt bei der Regierung. Diese hat neuerdings auch den Neunstundentag der Berg­arbeiter zugunsten der Arbeitgeber dahin ausgelegt, daß der Neunstundentag ausschließlich der Ein- und Aus­fahrtszeit in die Grube zu verstehen sei. Zum Zwecke einer Statistik der Arbeitslosen hat der Arbeitsbeirat einen Ausschuß eingesetzt, der seit Ende Juni arbeitet.

In Ungarn befindet sich ein Gesetzentwurf über die Unfallversicherung der industriellen Arbeiter in Vor-, bereitung, der sich vielfach an das deutsche Vorbild an­lehnt, in manchen Punkten es sogar üfcertrifft._ Auch in Ungarn wird der Kampf gegen den Alkohol mit Energie geführt, der Unterrichtsministec hat drei Verordnungen gegen den Alkoholismus erlassen.

In dev S chm e i z hat der Nationalrat einen Gesetz­entwurf zur Verkürzung der Arbeitszeit am Sonnabend in Fabriken und Werkstätten angenommen. In Genf hat der große Rat eiu Gesetz angenommen, welches die staat­liche Unterstützung des freiwilligen Krankenkassenwesens bezweckt. In St. Gallen hat die städtische gemeinnützige Gesellschaft mit Unterstützung der politischen Gemeinde die Errichtung von Arbeiterwohnungen in Aussicht ge­nommen. Dagegen ist in Basel die Errichtung einer Handelshochschule, in Aargau das neue Steuergesetz durch die Volksabstimmung äbgclehnt worden.

In Frankreich sind einige immerhin erwähnens­werte Fortschritte zu verzeichnen. Tie Deputierten­kammer hat einem allerdings noch sehr verbesserungs­bedürftigen Gesetzentwurf zugestimmt, der fiir bedürftige Greise von mehr als 70 Jahren die Unterstützung, aller­dings als einen Zweig der Armenpflege, obligatorisch macht. Weiter ist das Gesetz über die Hygiene und Sicherheit der Arbeiter, das bisher nur einen sehr be-

Mrrrslag» de« 11. August.

schränkten Wirkungskreis hatte, wesentlich erweitert wor­den und ihm namentlich auch die kleineren Betriebe und die Staatsunternehmungen, soweit dadurch nicht ein Staatsgeheimnis gefährdet wird, unterworfen worden. Dagegen wird die von Rouvier neueingebrachte Steuer­reform voraussichtlich das Schicksal ihrer Vorgängerinnen teilen.

.In England erregen die Chamberlainschen Zoll- pläne die öffentliche Meinung. Von Interesse ist hierbei der Wahlsieg des Arbeiterkandidaten in Durham, der überzeugter Gegner der Chamberlainschen Pläne ist. Im übrigen ist die parteipolitische Strömung unter den Ar­beitern noch stark in der Gärung begriffen. In einer Sitzung des parlamentarischen Komitees in London fand die offene Scheidung der sozialistischer Föderation von den übrigen Arbeitern statt. Mitte Juli wurde in Dub­lin der 5. Jahreskongreß der Britischen General-Föde­ration of Trades Unions abgehalten, der sich in erster Linie mit dem Verhalten der Trades Unions zu dem Tafs-Vale-Entschcid befaßte. Im Oberhaus wurde der Antrag gestellt, eine Kommission zur Untersuchung der nationalen Gesundheit einzusetzen.

In D e u t s ch I a n d ist mit Richard Rösicke einer der Männer aus dem Leben geschieden, die in den ersten Reiher: der Kämpfer für die soziale Reform stehen. Im privaten Leben in zahlreichen Vereinigungen, im Reichs­tage, dem er 12 Jahre angehörte und m den ihn seine Wähler auch in diesem Jahre wieder entsandten, überall ist er mR unermüdlichem Eifer für die Entwickelung der sozialpolitischen Gesetzgebung eingetreten und mancher große Fortschritt ist ihm in erster Linie zu danken. Sein Tod macht die erste Nachwahl zum Reichstag erforderlich. Im Reich schreiten die Vorbereitungen für die Straf­prozeßreform langsam fort. Die zu diesen: Behufe ein­gesetzte Kommission ist neuerdings zu mehrfachen Be­ratungen zusammengetreten. 'Besondere Aufmerksamkeit wenden die Reichsbehörden der Seuchenbekämpfung zu. Die immer gefahrdrohender auftretende Wurmkrankheit wird in den Hauptseuchengebieten studiert, sorgfältige Verhütuug einer Übertragung der Krankheit von einer Grube zur anderen ist vorgesehen. Vor kurzem ist im „Reichsanzeiger" ein Überblick über dm gegenwärtigen Stand der getroffenen Maßregeln gegeben worden. Die Kommission zur Untersuchung der Typhusherde hat ihre Untersuchungen beendet. Über die besten Maßregeln zur Bekämpfung der Tuberkulose hat eine Beratung im Reichsgesundheitsamt stattgefunden. In der Vorberei­tung befindet sich die dem Reichstage vom Grafen Posa- dowsky versprochene Denkschrift über die von den Einzel­staaten getroffenen Maßnahmm zur Verbesserung des Wohnungswesens, die eine Rcichswohnungsreform viel- leicht vorbereitet; die Pensionsversicherung der Privat- angestellten ist um einm Schritt ihrer Lösung näher gerückt.

Redaktions-Fernsprecher No. 62. 190S.

Von den Einzel st aaten hat Preußen einm sehr bemerkenswerten Gesetzesvorschlag zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse den Regierungspräsidenten zur Äußerung zugehen lassen, dem neuen Landtage wird seine Beratung als eine der ersten Aufgaben zufallen. An alle Regierungen ist erneut ein Ministerialerlaß über die Notwendigkeit einer energischen Bekämpfung der Trunksucht vom Gesamtministerium ergangen. Der Eisenbahnminister hat die Gewährung eines Erholungs­urlaubs für sämtliche mindestens drei Jahre beschäftigten Arbeiter angeordnet. In Bayern f>at die Regierung für Mittelfranken sehr eingehende, von sozialpolitischem Geiste getragene polizeiliche Vorschriften über die Woh­nungsaufsicht erlassen, die bei sinngemäßer Durchführung eine wesentliche Besserung des Wohnungswesens in Klein- und Schlafstellenwohnungen in sozialer, hygienischer und sittlicher Hinsicht hcrbeiführen werden. In Württemberg ist nach 5jährigen Kämpfen die Steuerreform endlich von beiden Kammern angenommen worden. Innerhalb der Arbeiterbewegung beginnt die Neigung zu Tarif­vereinbarungen, um durch solche unfruchtbare Arbeits­kämpfe zu vermeiden, in erfreulicher Weise an Boden zu gewinnen. Von neueren sozialpolitischen Veröffent­lichungen verdienen namentlich die Erhebungen der Ge­werbeinspektoren über den 10 - Stundentag der Fabrik­arbeiterinnen der Erwähnung, da sie fast durchweg die gesetzliche Festlegung desselben befürworten.

In Italien ist mit Leo XIII. ein Papst dahin- gegangen, dem seine Enzyklika „Herum novarum" einen dauernden Platz in der Geschichte der Sozialpolitik sichert. Unter den Arbeitern des Landes herrscht eine tiefgehende Erregung, die an vielen Stellen in Streiks zum Ausdruck kommt. In Mailand streiken die Metall­arbeiter, in den Reisfeldern der Po-Ebene gärt es ge­waltig, in der Provinz Ferrara sind sämtliche Land­arbeiter in den Streik getreten.

In Spanien beginnt die Arbeiterbewegung gleich­falls mehr und mehr Boden zu gewinnen. Die sozia­listische Partei nimmt an Stärke stetig zu und der kürz­lich in Barcelona abgehaltene Kongreß der regionalen Gewerkschaften Spaniens legte Zeugnis aB für eine kräftige, lebensfähige gewerkschaftliche Entwickelung.

Von den nordis chen Staaten lenkt die gewaltige Aussperrung in Schweden, die sich als ein Kampf der Unternehmer gegen die Arbeiterorganisationen doku­mentiert, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. In Norwegen ist das Fachvereinsgesetz, das den Arbeitern ein gewisses Koalitionsrccht verhieß, an dm Strafbe­stimmungen, die das Adelsthing yineinbringen wollte, gescheitert.

In Belgien ist das Unfallversicherungsgesetz in der Kammer zur Annahme gelangt. Es sieht die obli- gatorische Versicherung nicht vor, darin hat vielmehr eine geringe Majorität der Kammer der Negierung nach-

Mierwühller Grund.

Roman von Anton Freiherr« von Pcrsall.

(15. Fortsetzung.)

.. Ein u.chewußter Schauer der Ehrfurcht durchrieselte lbn vor dieser unbegreiflichen Macht, vor dieser Urkrait der dünnen Scholle, die alles Leben gebiert, alles Leben trägt und doch nichts ist wie ein dünner Hauch über den unendlichen Tiefen, in denen der Mensch nach Schätzen gräbt. Ja, noch mehr — all dieser stolze schwarze Äeichü'.m, den sie da herauf holen, welcher sie der: Wachs- baden jo verachten läßt, ist auch nur ein längst erstorbenes, bcrsteinertes Produkt dieser dünnen Kruste, die über sein Grob sich wölbt, endlos gebärend.

^ Ambros legte ihm nichts in den Weg, obwohl ein Fuhrwerk Pit Wochen ausschließlich in Verwendung war, um so mehr wunderte er sich, als er einige Tage nach dem Austritt mit der Mutter, wieder durch seine Tätigtet beruhigt, nach Hause kehrte und derselbe ihn schar^an- t>eß. Das könne nicht so fortgehen, das elendige Stück chioos koste ja zuletzt mehr als die Pflege seiner Grund­stücke. So sei das im Vertrag doch nicht gemeint gewesen, bas Erträgnis des Auwesens sei ja so viel geringer, als kr sich gedacht, und nimmer möchte ec unter dieser Be- ' '-ugung übernehmen.

, , Gottfried gewann den Eindruck, als suche Ambras absichtlich Streit mit ihm aus einem Grund, den er nur dunkel ahnte. Das machte ihn vorsichtig. Er setzte chm auseinander, daß ja das alles nur einmalige Unkosten «kirn, und diese Belastung binnen kurzem ja ganz in Weg­fall käme, daß er ihm in späteren Jahren, wenn er schon lange tot sei, gewiß Dank wissen werde, wenn er drüben zwanzig Tagwerk guten Wiesengrund besitze.

Ambros gab ihm zu verstehen, daß ihn: daran sehr b^irig liege, er weigere sich einfach, diese Leistung fortzu- fetzen.

Gottfried vergaß darüber alle seine, Zurückhaltung und bestand, flammend vor Zorn, aui seinem Recht, auf 'einem Vertrag

Sie gingen zum ersten Male mit tiefem, unvermit­teltem Groll im Herzen auseinander.

Die Nacht schloß der Hintermooser kein Auge, er fühlte es in allen Knochen. Es war ein furchtbares Ge­witter im Anzug. Am Horizont hinter den jetzt be­schneiten Wäldern wetterleuchtete es die ganze Nacht hin­durch — das nimmersatte Ungeheuer schlief nie.

Unter ihm hörte er deutlich Ambros stundenlang auf- und abgehcn. Dann und wann wurde ein Stuhl heftig gerückt. Namenlose Bangigkeit befiel ihn, er fühlte alle seine Mannheit schwinden, er weinte im Dunkeln wie ein Kind. Nebenan in der Kammer schlief sein Weib — sollte er sie wecken? Er ertrug es fast nicht allein. Doch sie wird ihn ja doch nicht verstehen, sie wird am Ende dem Sohn recht geben? — Die Haare sträubten sich ihm, er sprang mis dem Bett und zog sich an — immer noch tönten von unten die Tritte.

Ten: Ambros war wohl ebenso , zu Mute, voll Zweifel die Brust. Er ist ja doch noch immer der Vater! Vielleicht wenn er jetzt zu ihm ginge? — „Ambros, du darfst — du kannst es nicht tun!" Es kam ihm ja selbst schwer an, er hörte es aus jedem Tritt — „vielleicht ist alles noch zu retten! — Was denn zu retten? — Das Anwesen — die alte, ehrliche Scholle — alles, alles!" schrie es plötzlich auf in seinem Innern.

Mit zitternden Händen warf er den Rock über, eilte in den Socken aus dem Zimmer die Stiege hinab, an der Wand tastend. Unten vor der Tür blieb er stehen, es war stockdunkel. Sinnlose Worte drangen heraus — stoßweises Gelächter — die Tritte Ambros' — das Tick- tack einer Uhr — ein schmaler Lichtstreif. Gegenüber rasselten die Ketten der Pferde und Kühe, tönte das Schnauben der schlummernden Tiere, das eigentünlliche rhythmische Geräusch des Wiederkäuens, warmer Stall- dunst drang heraus. Es war seine Atmosphäre, sie stärkte seine zerrütteten Nerven.

Er öffnete. Ambros, halb angekleidet, mit zerwühl­tem Haar, stand vor einem Tisch, angefüllt mit beschrie­benen Papicrfetzcn, Briefen, Akten; er wandte sich mit

unwilliger Geberde gegen den Eintretenden, die in jähes Erstaunen überging, als er den Vater erkannte.

„Ambros", begann dieser in herzlichem, fast flehendem Ton, „sag, was läßt dir denn keine Ruh' die ganze Nacht? Vielleicht weiß ich doch an Rat dafür als alter Mann."

Er war an der Türe stehen geblieben, sein Auge haf­tete auf den Papieren am Tisch.

Ambros stampfte mit dem Fuß, fuhr sich in das wirre Haar, stierte bald auf den Boden, bald auf den regungs­losen Vater.

„Mir ließ es schon a Ruh', wenn ich allein wär' — wär' kurz fertig! Ich pfeifet auf den ganzen Kram, der nix einbringt als Arbeit und Ärger — wißt mir leicht was Besseres! Aber du mit deine altm Stzrüch' machst mi alleweil irr', tust ja, als wenn's a Verbrechen wär', nur daran z' denken! Ganz irr' wird man — und was nutzt's denn? Zuletzt wird ma doch g'zwung'n dazu — da —" Er reichte ihm mit zornigem Griff ein Schreiben.

„Lies! So fangen 's an."

Gottfried trat vor an das Licht und griff darnach, er konnte kaum lesen, so zitterte seine Hand. Ec kannte die Schrift, das Format — vom Bergwerk!

„Nach Mitteilung unserer Beamten ist ein Erwerb Ihrer Grundstücke, Hofgraben und Hofanger, im ganzen laut Plan ein Areal von achtzig Tagbau unsererseits zur Notwendigkeit geworden, da auf demselben verschie­denartige Betriebsbauten aufzuführen, wahrscheinlich so­gar ein Schachthaus zu errichten ist. Wir laden Sie dem- nach auf nächsten Sonntag, den 16. Oktober, zu diesbezüg­lichen Unterhandlungen ein."

Er las das alles abgebrochen, mit fragendem Blick auf Ambros; als er geendet, setzte er sich wankend auf die Bank, durchlas das Schreiben noch einmal.

„Das ist hart, der Hofgraben, der Hofanger, achtzig Tagbau, das Herz von: Anwesen — und wenn du's net tust — ich weiß ja — ich weiß ja —"

Er wehrte Ambros ab, der sprechen wollte.

„Var an Jahr' hätt' ich's noch net für möglich g'halten, daß so was sein darf in unserm Land — aber 's is so, da hilft kein Wehren, und schau —"