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368* verlags-Fernsprecher No. 29U.
Montag» den 10. August»
RedaktionS-Ferusprecher No. SS.
1903.
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Die Verhandlungen über den russischen Handelsvertrag.
Gut Ding will Weile haben. Durch Jahr und Dag hat der von unserer Regierung eingesetzte wirtschaftliche Ausschuß zur Vorbereitung handelspolitischer Maßnahmen an Sachverständigen herangezogen, was nur irgend heranzuziehen möglich war. Jetzt sollen sich die ersten Früchte dieser Vorbereitungen zeigen. Unsere Unterhändler weilen seit letzten Montag in Petersburg, wo die vorläufigen Besprechungen über die Grundlagen eines neuen Handelsvertrages mit unseren östlichen Nachbarn begonnen haben. Hie und da hat man der Reichsregierung einen Vorwurf daraus gemacht, daß sie die deutsche Kommissare nach Petersburg entsandt hat. Man hätte lieber den Herren an der 9!ewa die Initiative überlassen sollen. Aber schließlich muß bei jeder Verhandlung einer anfangen und sie können auch nur an einem Orte stattfinden. Wer in diesem Punkte nachgibt, braucht sich deshalb noch nicht in Nachteil zu setzen. Die Hauptsache ist, daß unsere Kommissare mit guten Instruktionen versehen werden.
So leicht wie beim Abschluß des noch jetzt in Geltung stehendem deutsch-russischen Handels- und Schiffahrts- Vertrages vom Jahre 1894 werden sie es ja nicht haben. Da konnte im wesentlichen der damalige preußische Gesandte in Hamburg, der gegenwärtige Staatssekretär des Reichsschatzamts, Frhr. v. Thielmann, die Verhandlungen allein führen. Damals war ein Zollkrieg von sechsmonatiger Tauer zwischen beiden Vertragsstaaten den Verhandlungen voraufgegangen. Rußland, das sich vergeblich nach einem geeigneten Absatzgebiet für seine land
wirtschaftlichen Erzeugnisse umsah, dessen Rubelkurs während dieses Kampfes bedrohlich sank, war froh, daß der Kamps ein Ende nahm und besiegelte den Friedens- schluß gern durch Unterzeichnung des neuen Handelsvertrages. Es tat es sicherlich nicht zu seinem Schaden. Denn der Wert der Waren, die es nach Deutschland ausführt, betrug im Jahre 1893 nur 353 Millionen, im Jahre 1900 dagegen 729 Millionen Mark, seine Ausfuhr nach Deutschland hat sich also mehr als verdoppelt. Auch unsere Ausfuhr nach Rußland hat sich in der gleichen Zeit bedeutend gehoben. Sie stieg von 184 Millionen Mark im Jahre 1893 auf 359 Millionen Mark im Jahre 1900. Anscheinend sind in den letzten beiden Jahren die Verhältnisse ziemlich gleich geblieben.
Man darf aber nicht außer acht lassen, daß die russischen Staatsmänner, vor allem Herr Witte, mit vielem Eifer daran gegangen sind, Rußlands Industrie zu heben, es nach Möglichkeit vom ausländischen Markt unabhängig zu machen. Besitzt aber auch das große Zarenreich die wesentlichsten Bedmgungen für die Entwickelung einer heimischen Industrie, so fehlt ihm doch auch manches, um erfolgreich mit anderen Ländern, namentlich mit Deutschland in Wettbewerb treten zu können. Einmal sind in Rußland wenig große Kapitalien flüssig, die zur Anlage industrieller Unternehmungen verwandt werden können, zum andern fehlt es vor der Hand an einem geschulten Arbeiterstamm, der nicht bloß mechanisch einzelne Handgriffe oder schwere körperliche Arbeit verrichtet. Fast alle industrielle Uniernehmungen Rußlands, die nicht aus landwirtschaftlichem Betrieb erwachsen sind, haben an ihrer Spitze Ausländer, meist Deutsche oder Belgier, ebenso ist der eigentliche Stamm der Arbeiter, die eine gewisse Schulung und Intelligenz besitzen müssen, aus dem Auslande herbeigeholt. Erschwerend auf die gedeihliche Entwickelung der russischen Industrie, von der kaum mehr als die ersten Ansätze da sind, wirken die so häufigen Arbeiterrevolten, von denen man dank der strengen Preßzensur der russischen Machthaber im Auslande nur sehr wenig erfährt. In absehbarer Zeit wird also Rußland noch immer auf die meisten unserer industriellen Erzeugnisse, die bei uns trotz höherer Arbeitslöhne weit billiger und besser hergestellt werden, angewiesen sein. Dagegen ist bei den billigen Ozeanfrachten Rußland nicht das einzige Land, auf das wir bei Versorgung mit Brotkorn und Fleisch blicken müssen.
So sehr sich auch Herr Witte in Positur wirft, er weiß nur zu gut, daß sich über Nacht eine Industrie nicht aus der Erde stampfen läßt, selbst wenn man noch weit mchr fremdes Kapital und fremde Unternehmer ins Land lockt. Von seinem russischen Standpunkt handelt er ja vollkommen richtig. Hoffentlich sind aber unsere Unterhändler, die in verhältnismäßig großer Zahl nach der
Newa Strande abgereist sind, ihm und seinen Räten gewachsen. Auch ein Handelsvertrag ist schließlich ein Geschäft, bei dem jeder seinen Vorteil zu wahren sucht.
Wenn auch das Ende der Verhandlungen vorläufig nicht abzusehen ist, so werden sie hoffentlich zu. einem erfreulichen Abschluß gediehen sein, bevor das Scheide» stündlein des jetzt bestehenden Vertrags geschlagen hat.
*
hd. Berlin, 8. August. An den Verhandlungen in Petersburg für den deutsch-russischen Handelsvertrag nehmen außer den schon genannten Unterhändlern noch folgende Vortragende Räte teil: der Geheime Legationsrat im Auswärtigen Amt, vr. Goebel v. Harrant, der Geheime Regierungsrat im Retchsamt des Innern, Müller, und der Geheime Regierungsrat im preußischen Finanzministerium, Ronnenberg.
23. Deutscher Haustreschertng.
8. F. Dresden, 7. August.
Gestern abend fand im Festsaale des Ansstellungspalastes eine gemeinschaftliche Tafel statt. Bei dieser wurde mitgeteilt, daß der Kaiser und der König von Sachsen für die übersandten Huldigungsdrahtungen in kurzen Telegrammen dem Verbandstage „herzlichen Dank" übermittelt haben. — In der heutigen dritten und letzten Sitzung beschäftigte sich der Verbandstag mit den Einqartierungslasten in den Großstädten. Stadtrat Barth (Erfurt) führte in längerer Rede aus, daß die Einquartierungslasten in den Großstädten sehr ungleichmäßig und ungerecht verteilt seien. Er sehe nicht ein, weshalb nur Vermieter Etnquartie- rungslasten zu tragen haben, und nicht auch die Mieter. Die Söhne der letzteren tragen doch ebenso den Rock des Königs wie die der Vermieter, es sei daher nicht mehr als billig, wenn man den Vermietern die Einqnartie- rungslasten nicht allein aufbürdete. Die Räumlichkeiten der Vermieter seien im allgemeinen so beschränkt, daß jeder Mehrbewohner arge Unbequemlichkeiten bereite. Wenn noch Krankheiten und Todesfälle hinzukommen, so werde die Einquartierung geradezu zu einer Kalamität. Diese werde auch nicht beseitigt oder wesentlich gemildert, wenn man auch die Mieter zu den Einquartierungslasten heranziche. Es sei daher notwendig, Rärckn- lichkeiten zu mieten, in denen das Militär einquartiert werde. Selbstverständlich wären alsdann die Verpflichteten mit einem entsprechenden Geldbeiträge zu den Kosten heranzuziehen. Der Magistrat zu Halle an der Saale habe bereits die Allgemeinheit zu den Einquartie- rungslasten herangezogen. (Beifall.) Es sei dringend notwendig, Material über den Umfang der die Vermieter bedrückenden Einquarttcrungslast zu sammeln und ihm
Dnterwühller Grund.
Roman von Anton Freiherr« von Persall.
(14. Fortsetzung.)
Siebentes Kapitel.
Ambros arbeitete mit einer Hast, einem Fleiß, der mn alten Hintermooser keinen recht gesunden, normalen Eindruck machte; die wohltuende, ernste Ruhe in der Arbeit fehlte, die dem echten Bauer so eigentümlich ist. Alles geschah überhastet, sprungweise, planlos und oft infolge dessen doppelt; er wurde mit nichts fertig, obwohl Nn Herbst die Arbeit eher ab- als zunimmt und ein Knecht inehr eingestellt war.
Franzl zog sich dabei die ersten Vorwürfe ihres Mannes zu über ihre Langsamkeit. Ihm konnte es nicht schnell genug gehen, wie es geschah, ob gründlich oder Oberflächlich, darum kümmerte er sich wenig. Die pünkt- nche Pflege des Viehes, die außerordentliche Sorgfalt bsisür, die Franzi vom Vater überkommen hatte, entging Ml vollständig; er sah nur immer zu wenig verwert- bares Produkt, Milch, Butter, Käse. — Der Vater konnte ss nicht vermeiden, hie und da hineinznreden, er konnte in nicht sein ohne Tätigkeit, da stand er immer auf »ranzls Seite; so natürlich das war, so unnatürlich fand es Ambros: es reizte ihn gegen beide, deren Herr er zu sein sich fühlte.
. Der Vater ließ sich! mehrmals rauhe Worte, manche 'hu schmerzende Anspielung auf seine Stellung im Hause Mallen, zufrieden in den: Gedanken, daß Ambros sich boch wenigstens lebhaft für die Wirtschaft interessierte; stwst ein Starrkopf, nahm er die Starrköpfigkeit am wenigsten übel. Ihn beunruhigten nur die Schürf- Zweiten, die einige Wochen dauerten. Ein Loch nach dem Mern wurde geschlagen, Schuß auf Schuß dröhnte durch °en Waid,
'' Da verstummte plötzlich aller Arbeitslärm, es wurde ^uz still im Hofgraben; die Arbeiter waren fort. Jetzt Sy ihm ans einmal noch banger vor einem unbekannten schrecken, der drohte. Sie hatten zu lange gearbeitet, er an die Nutzlosigkeit der Arbeit hätte glauben ^Ainen, außerdem hatte er ja noch immer das Kohlcn-
stückchen in der Tasche, das ihm der Ingenieur damals gegeben. Sie wußten jetzt offenbar genug. Diese Sorge ließ ihn alle anderen, seine neue Stellung, alles vergessen!
Ta auf einmal, es waren sechs Wochen vergangen seit der Hochzeit, von der Höhe blitzte es schon weiß herab und der Hirschschrei ertönte aus den Waldschluchten zur Nachtzeit, hörte Ambros auf, in die Wirtschaft darein zu reden und überließ alles Franzi und ihm, war tagelang aus, und wenn er heim kam, fand er alles in Ordnung; obwohl im Stall kein Glück, einige Kälber verloren gegangen und eine Kuh umgestanden: dabei war er freundlicher wie je, besonders mit ihm, brachte Franzl kleine Geschenke, eine Aufmerksamkeit, die sie zu Tränen rührte und alle rauhen Worte von früher vergessen ließ. Das beunruhigte Gottfried, das alte Wesen seines Sohnes, das ihm so verhaßt, leuchtete heraus aus dieser scheinbaren Heiterkeit.
Vor einigen Tagen war auch die Mutter mit der Nonei herausgezogen von der frisch'n Höh, die Saison war vorüber. Sie empfand nach so langer Zeit wieder ein Bedürfnis, mit ihrem Gottfried zu hausen, und auch dieser schloß sich in dem unwillkürlichen Bewußtsein der innigen Zusammengehörigkeit, die kein Alter, keine Umstände aufheben können, enger an sie an, als sonst seine Gewohnheit war.
Nonei war in der übelsten Laune, an allem hatte sie etwas auszusetzen, Franzl war die Zielscheibe ihrer schlechten Witze, und mit Ambros wechselte sie verständ- nisvolle Blicke.
Gottfried teilte seine neueste Beobachtung betreffs Ambros der Mutter mit, er erzählte ihr bei dieser Gelegenheit das belauschte Gespräch desselben mit dem Händler am Hochzeitstag, er sprach den Verdacht aus, daß ihm am Ende solche Gedanken durch den Kopf gingen.
Die Mutter beugte sich tiefer über das Spinnrad und suchte es ihm auszureden.
„Der Ambros hat, mein' ich, am wenigstens Grund, nnznfried'n z' sein — was soll denn dann 's Nonei sagen? Für a jung's Mädel, wie die is, is da heroben wirkli kei rechter Platz."
Gottfried horchte auf.
„Wo wär' denn dann ihr rechter Platz?" fragte er spöttisch.
„In der Welt draußen", entgegnete die Mutter; „schau, heutzutag is nimmer so wie früher! Heutzutag müssen d' Leut 'naus und was fehlen und lernen."
„Und mit an Kerl, den ich net anrühr'n macht', um* einand' fahr'n wie d' Seiltänzer — Bauerntöchter — heutzutag!"
Agl schaute erschrocken auf, er wußte mehr, als ihr lieb war, doch nachdem er so viel wußte, schien ihr auch alles Leugnen vergeblich — lieber die Gelegenheit benützen, die sie schon lange suchte.
„Na, weißt, Alter, du stellst dir die Geschichte doch a bißl anders vor, als sie ist — muß ich dir sagen — da du doch einmal weißt davon — die Nonei hat —"
„'s Maul halt!" fuhr er mit Donnerstimme auf. „Nix hat's als a verdorbenes Gemüt und a narrete Einbildung! Jetzt will ich dir was sagen", er trat dicht vor sie hin, daß sie sich unwillkürlich duckte, „wenn ihr miteinander — ja, miteinander — 's ist a Schand in deinem Alter, aber 's ist net anders — wenn ihr miteinander die Dummheiten euch net cnis dem Kopf schlagt — Herrgott!" Es kam ihm plötzlich der Gedanke — „wenn am Ende der Ambros und du, und der elende Racker, 's Nonei, alle miteinander hinter meinem Rücken — ich sag' dir's, Agl", seine Lippen waren weiß, sein Auge rollte unstät — „es gang net gut aus, wenn ich auch nur mehr ein Austraglev bin — der Hintermooser bleib' ich, bis ich stirb."
Agl stotterte Ausreden, Entschuldigungen.
Gottfried verließ das Zimmer, schlug die Türe hinter sich drohend zu; tagelang war er nicht mehr zu sehen, er verbrachte sie unten im Moos bei den Kulturarbeiten. Der Alte hatte ein noch sonderbareres, noch scheueres Wesen angenommen, er war nur schwer zu bewegen, die Hütte zu verlassen, und ließ sie während der Arbeit nie aus dem Auge.
Der Hintermooser fragte ihn einmal, ob er denn wirk- sich einen Schatz darin verborgen habe, wie die Leute erzählen, da warf er zuerst einm forschenden Blick auf Mukl, der neben ihm arbeitete, und als dieser gar nicht aussah, brach er los, alles mit Schmähungen überhäufend, und drohte sogar, er werde den Platz für immer ver-
