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51. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Prri-r durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post Z Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

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|(o. 367. Berlags-Fernsprecher No. 29U.

Morgen-Ausgabe.

Ersparnisse an der Armee.

(Bon unserem militärischen Mitarbeiter.)

II.

Es wäre für jedermann interessant, die Anzahl der Millionen und Hunderttausende zu erfahren, welche all­jährlich für Flurschäden zu zahlen sind, die unsere mili­tärischen Übungen herbeigeführt haben. Ist es not­wendig, daß solche gewaltigen Summen der K'riegs- sertigkert der Armee geopfert werden? Entspricht der verursachte Schaden wirklich den gezahlten Millionen?

Ich behaupte: „Nein!" Wir zahlen sehr oft viel mehr, als nötig ist und der Nachteil ausmacht, den der Landmanu erleidet!

Ein Beispiel für viele! Vor einigen Jahren übte die Brigade, bei der ich stand, in Lothringen aus einem Gelände, das an Schadenersatz einige Fahre vorher Strfa 12—1500 Mark gekostet hatte. Die Ernte war diesmal später als gewöhnlich und stand noch auf einem geringen Teil des Übungsplatzes ungeschnittmer Hafer und Wetzen. Auf Anordnung des Brigadekommandeurs stellten die Regimenter eine große Anzahl Leute, welche mit den Besitzern die Frucht schnitten und außerhalb des Platzes in die nächste Nähe der Ortschaften in Garben gebunden brachten. Weizen sowohl wie Hafer waren dollständig ausgereift, was ja die airliegenden, schon ilbgeernteten Äcker mit gleicher Fruchtart bewiesen.

Außer Klee und Getreidefeldern barg das Übungs- zelände 3 Wiesenstreifen, die sich vom Tal arrs gegen die Höhe in flachen Mulden hinzogen. Zu bewässern waren sie nicht und der zweite Schnitt des Grases stand an den meisten Stellen so dünn, daß es kaum verlohnte Su mähen. Der kalkige Boden der Felder, mit unzähligen Steinen besät, die sicher die Hälfte der Oberfläche deckten, war durch die Augustsonne steinhart gebacken, die schon amgeackerten Flächen zeigten Schollen, welche der schwer­sten Walze hohnlachten.

Der durch die zirka 17 Tage dauernde Übung ver­ursachte Schaden betrug nach meinem Dafürhalten etwa 10 Fuhren Grummet k 20 Zentner — 500 M. Ferner zertretener Hafer höchstens 40—50 Zentner — 350 M. Den schon zweimal abgeernteten Kleeäckern soll auch noch sine Einbuße von 200 M. zuerkanut werden, ebenso mögen die paar Rübenfelder 2—300 M. Verlust zu ver- ^ zeichnen haben. Genannte Summen entsprechen der p Wirklichkeit und sind kein Phantasiegemälde; da ich auf dem Lande groß geworden und selbst Besitzer bin, sowie oft Flurabschätzuirgskommissionen angehört habe, traue ich mir ein zutreffendes Urteil zu.

Sonntag» den 9. August.

Wie stellte sich nun tatsächlich die Entschädigungs­summe, die zirka 4 Wochen später von der Kommission festgestellt wurde? Sage und schreibe 43 000 M.!

Diese horrende Zahl entstand folgendermaßen. Selbst feststellen konnte die Kommission nur einige zusammen­getretene Stellen auf deir Wieserrstretsen, welche Kolonnen verursacht hatten, die mit dem alles vernichtenden Kom­mißstiefel darüberhin gestampft waren. Sonst war von irgend welcher Fruchtart absolut nichts mehr wahrnehm­bar, die Scheunen bargen längst den so arg beschädigt sein sollenden Ertrag der sterilen Felder. Der Bürger­meister des Ortes, der Flurschütz und die resp. Besitzer gaben Kunde, wo und wie die angerichteten Verwüstungen stattgefunden hatten und die vereidigten Sachverständigen sowie der politische Beamte, der Kreisdirektor, glaubten anscheinend den. Worten dieser interessierten Männer. Das vierte Rad am Abschätzungswagen, der Flurbe­schädigungsmajor, welcher die stehenden Früchte noch gesehen, konnte sagen, was er wollte, per majora stimmte man ab und damit war der unanfechtbare und unfehlbare Preis fixiert!

So behaupteten die Besitzer nebst Bürgermeister und Feldhüter, das Getreide habe durch den Transport in Garben vom Entstehungsort zum Dorfe gelitten und schätzten den Verlust pro Ar auf einige Mark. Dm Wiesen wurden Ernten zugebilligt, welche die besten Erträge der Rieselfelder in den Schatten stellen; es ging hoch in die Tausende, was dort vertreten sein sollte. Das Phänomenalste war aber, daß den Besitzern auch noch eine Entschädigung für festgetretene Ackerkrume und dadurch erschwerte Bearbeitung des Bodens bewilligt wurde. Wenn es auch nur eine geringe Summe pro Ar war, so summierte sich dies auf einem Wschnitt von solcher Größe gewaltig.

Diese letztere Gratifikation war geradezu lächerlich, denn auf dem knochenharten Boden mit den unzähligen Kalkplatten sah man nicht den Tritt des Hufes, viel weniger den des menschlichen Fußes. Wo hie und da die Felder vor den Übungen schon umgebrochen waren, hätten die Besitzer eher für zertretene Schollen bezahlen müssen, anstatt daß sie noch etwas herausbekamen.

Als letzte Quote fungierte der Ersatz für verhinderte Feldarbeit, auch pro Ar so und so viel Pfennige. Da während der ganzen Übungszeit kein Tropen Regen fiel und eine Bearbeitung der Fluren unmöglich war, so zahlte der Fiskus auch diese Summe zu unrecht.

Wie es hier in Lothringen gegangen, so geht es viel­fach auch anderwärts, so daß die Bauern immer die beste Ernte machen, wenn dieselbe durch Truppenübungen ge­schädigt sein soll.

In Fällen wie der vorstehend erzählte müßten sofort am letzten Übungstage die Schäden festgestellt und so törichte Ansprüche, wie sestgetretener Boden oder Ar­

Re-aktionö-Ferrilpretber No. 5*. 1863»

beitsverhinderung, wo Bestellung unmöglich ist, zurnck- gewiesen werden.

Ganz anders liegen die Verhältnisse bei den sogen. Winterübungen und zum Teil auch bei Schäden, die vor der Ernte,gemacht sind.

Im Norden und Osten unseres Vaterlandes wintert es jedes Jahr meist so gründlich, daß mit allen Waffen die schneebedeckten Felder passiert werden können, ohne daß Spuren Zurückbleiben. Ganz anders ist dies in Süddeutschland und vor allem in Elsaß-Lothringen. Winterübungen sollen abgehalten werden und jedes Armeekorps bekommt eine sehr große Summe, um ent­stehende Flurschäden bei dieser:, sowie auch sonst im Jahre außerhalb des Manövers gemachten Übungen zu ersetzen.

Ter Sparsamkeit wegen verlegt man diese kleinen Kriege auf Frosttage, resp. sucht an solchen Tagen rasch sein Gesechtspensum zu absolvieren. Nichts ist aber unbeständiger als die Winterkälte im Süden unseres Vaterlandes. Früh 8 Uhr knistert noch der Schnee und um 11 Uhr vormittags läuft das Schmelzwasser die Ackerfurchen errtlang. So endigen diese Frostübungcn fast jedesmal mit einer erschreckend hohen Summe, welche für geschädigt sein sollende Saaten bezahlt wer­den niuß.

Ich sage „geschädigt sein sollende"; denn fast immer ist der Schaden — ± 0, was freilich erst im Frühsommer resp. zur Erntezeit zu beweisen ist. Eine im Januar 1898 mehrfach angesagte urrd dann des milden Wetters wegen wieder abbestellte Übung lief endlich vom Stapel, Der in der Frühe gefrorene Boden war schon gegen 10 Uhr vormittags weich und außerordentlich anhäng­lich, als die gegnerischen Spitzen sich berührten. Der kommandierende General, der selbst zugegen war, befahl, um Schaden zu vermeiden, den Abbruch der Übung, was aber nicht mehr verhindern konnte, daß die von der ver­änderten Kriegslage nicht benachrichtigte_ Kavallerie- brtgade einen prächtiger: Angriff über die mit Winterung bestellten Fluren machte, daß Schmutz und Steine flogen. Während der Kritik näherte sich das Oberhaupt der Ge­meinde, dessen Fluren die Attacke sahen, und erklärte dem vermittelnden Korpsadjutanten, daß seiner Schätzung nach 20 000 M. nicht hiureichen dürften, um die Betrof­fenen zu entschädigen. Wenn auch nicht 20 000, so er­hielten die schmunzelnden Bauern doch 13 000 M. und — machten im Sommer trotz der vernichtet sein sollenden Aussaat eine normale sehr gute Ernte.

Ähnliche Fälle sind mir und bielen anderen massen­haft bekannt und hierin müßte im Interesse des Staats­säckels gründlich Rat geschaffen werden.

Die Jahre folgen sich, aber sie gleichen sich rricht, wo- gegen die Herbstübungen mit übergroßer Konsequenz fast stets um dieselbe Zeit beginnen. Auch hierin müßte Änderung geschaffen urrd nach der früheren oder späteren

Feuilleton.

berliner Brief.

(Von unserem Berichterstatter.) öerlin kehrt zurück. — Premieren. — „Fedora" als Oper. — Der Kellermeister. — Eine Raubtier - Spiclschule.

Berlin beginnt wieder nach Berlin zurückzukehren. -ln den bekannten Plätzen, bet Josty, im Caf6 Kaiser- S»f, im Caf6 Austria erscheinen langsam wieder die be­kannten Gesichter, und der unermüdliche Witz: „Sie sehen tber sehr zurückgekommen aus" macht wieder die unver­meidliche Runde. In den Zügen der Vorortbahnen macht !>ch die Heimkehr der Ferien-Ausflügler besonders deul- lich bemerkbar. Ganze Familien trifft man, mit Ruck­sack, Bergstock, Handkoffer und — dem hergebrachten vlurnerrstrauß der aufmerksamen Wirtsleute in der Hand. Unsere Damen haben es sich angewöhnt, dieses Geschenk wres Abschtedsstrautzes als einer: Akt der Liebenswürdig­keit aufzufassen. Mag sein, daß viele Wirtinnen ihren Sommergästen wirklich eine Freude machen wollen. Des- Mb sinh aber Blumensträrrße zum Abschied, bei längerer, "leist zumal, ein sehr störendes und lästiges Gepäck, und ist eine jener unausrottbaren Selbsttäuschungen, daß "Du sich über solche Blumenspenden freut. Wer ein Herz für Blumen hat, dem müssen die armen Kinder Floras leid tun, wie sie während der langen Bahnfahrt von Station zu Station trauriger die Köpfchen hängen lassen und schließlich verstaribt und unansehnlich ankom- wen, um dann in ihrer Einfachheit im großstädtischen Salon ungefähr die Rolle des Mädchens vom Lande zu spielen, das in seiner ländlichen Tracht nicht in die Ele­ganz der großen Welt hinempaßt. Armes Mädchen — arme Blumen aus ländlichem Garten! ....

Allzu viel Neues werden die heimkehrenden Ans- slugler in Berlin nicht vorfinden. Der Juli hat keine Evolutionären Neigungen. Sie . werden den Riesen riächnow noch immer an den Säulen erblicken, auch über Aga zerbricht sich Berlin den Kopf noch immer und bse am Sonnabend zum Teil bereits wieder erofsneten Theater sind auch vorläufig noch den Zugstücken des

Winters treu geblieben, und wenn es wirklich rroch Leuie geben sollte, die „Morrna Vanna" noch nicht kennen uni* weder im „Nachtasyl" erneu Abend zugebracht, noch im „Theater des Westens" sich an „100 000 Taler" erfreut haben, so können sie jetzt das Versäumte nachholen und sogar eine Art freilich stark abgeschwächten Premieren­gefühls genießen, denn die Besetzung ist fast überall neu, und es ist jetzt die Zeit, wo die große Zahl der engagierten Darsteller, die sozusagen die zweite Garnitur bilden und in der Hochsaison gar nicht oder nur irr kleinen Rollen ^be­schäftigt werden, den Triumph genießen, an einem ersten Berliner Theater erste Rollen zu spielen. Wobei es sich gar rricht selten herausstellt, daß sie solchen Ausgaben viel eher gewachsen sind als der Wiedergabe kleinerer Rollen, bei denen bekanntlich große Begabung mir ein Hindernis sein kann. Auch zum „ersten Ritter" oder zum „Herold" usw. muß mau geboren sein! . . . .

Von Premieren ist aber auch in dieser stillen Zeit zu berichten: das Berliner Theater, in den Ferienmonaten die Stätte der Morwitz - Oper, die sich in durchaus richtigem Gefühle von Neuheiten ferrrhält, brachte am Sonnabend die lyrische Oper „F edor a" des italieni­schen Komponisten Umberto Giordano und konnte befriedigt sehen, wie sich der Abend zu -einem starken Er- folge gestaltete. Erfolg und Aufführung verdanken wir dem gefeierten Gaste, der allsommerlich zri längerem Verweilen in Berlin eintrifft, Frau Francesca P r e - v o st i. Ohne sie hätte Herr Marwitz nicht daran gedacht, dieses Werk einzustudieren —• ohne sie hätte er auch nicht daran denken können. Nur eine Sängerin von so aus­gesprochen dramatischem Temperament wird ohne Mühe den Stil treffen, durch den uns dieses Kolportagedrama von Sardou erträglich wird. Nur ihrer Leistung gegen­über vergißt man, wie arm an rein musikalischen Schön­heiten das Werk ist. Sicherlich zer,gt es trotzdem von großem Können und kann nicht leichthin abgetan werden, aber es ist doch nur Virtuosentum, effektvolle Mache, keine warmblütige/ empfindungslriahre Musik. Wie sollte auch der Stoff, dieses Thema, das grit nur für einen Hinter- trcPpen-Roman paßte, einen Künstler zu echter B-egeiste- rung wecken! Wie könnte ec es fertig bringen, uns für i diese Theaterheroine Fedora zu erwärmen, deren ganzes

Wesen die hohlste Phrase ist und die weder bei Sardou, noch bei Giordanos Librettisten Colautti auch nur ein Wort spricht, das auf eine empfindende Seele deutet! So bleibt uns denn Fedora auch fern, wenn sie ihre Rache- Schwüre und ihr Intrigenspiel urrd ihre Liebe singt, und die Musik ist nur ein Aufputz, nicht der Ausdruck echter Enrpfindung. Sie ist auch nicht charakteristisch. Sie versucht nicht, zu gestalten. Sie hat nur jene Verve — Schwung würde schon zu viel gesagt sein —, die seit Mascagni in der neuer: italienischen Musik aufgekommen ist und sich eine Zeitlang als dramatische Kraft geben konnte, jenes Blenden, das der Romane so leicht zur Ver­fügung. hat, das uns aber auf die Dauer so wenig im­poniert,' wie sein blitzendes und drohend rollendes Auge und seine wilde Gebärdensprache, die schon bei ganz harm­losen Anlässen in Tätigkeit treten. Aber die Prevosti bietet eine Leistung, um derentwillen es sich lohnt, die Oper zu hören. Sie tritt weit aus dem Rahmen des übrigens ganz achtbaren Ensembles heraus. Sie lebt die Rolle, möchte man fast sagen, wenn da etwas innerlich zu erleben wäre!

An dem gleichen Abende gab es draußen im N e u e n Königlichen Operntheater — der Berliner sagt noch immer „bei Kroll" — ebenfalls eine Premiere, eine nachgelassene Operette des Wiener Komponisten Zeller: „Der Kellermeister", die fast durch- weg mit recht freundlichem Beifall ausgenommen wurde und sich wohl einige Zeit halten wird. Die Operette ist von Brandl musikalisch „eingerichtet": es scheint, daß sich diese Einrichtung auch auf Neu-Komposition erstreckt hat: dabei hat jedoch der Einrichter keine besonders glückliche Hand gehabt.

Einer dritten „Prcmiere" wohnte ich in der vorigen Woche bei, einer Premiere ganz eigener Art, deren Schauplatz die Arena unseres Zoologischen Gartens war und dessen Rollen „in der Hand" von Löwen, Leo­pard, Bär und Hyäne lagen. Es war die Raubtier- s p i e I s ch u I e des Zoologischen Gartens. Man hat mit Absicht diesen etwas absonderlichen Namen gewählt uird es vermieden, von Dressur oder anderem zu sprechen. Der Zweck dieser neuen Vorführung ist nämlich, zu zeigen, wie man Raubtiere durch liebevolles und freund-