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1. Sei läge ntnt Wiesdadener Tagdlatt.

Ko. 367. Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den 8. August.

51. Jahrgang. 1903.

*

Die Könige und die betrogenen Ehemänner sind immer die letzten, die die eigene lächerliche Situation gewahr werden.

Napoleon I.

*

(12. Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Walter Schmidt-Häßler.

Ohne sie zu unterbrechen, hörten die beiden zu. Me Hängelampe goß ihr volles Licht über die engbeschriebenen Blätter und über das blonde Haupt des jungen Mäd­chens, das sich Wer sie neigte, und zum ersten Male mit klopfendem Herzen die Kinder ihrer tiefinnersten Seele anderen preisgab.

Ein paar mal sahen Röminger und Anna sich über den Tisch an, ohne daß Ella es bemerkte, und der alte Herr nickte langsam und bedächtig zu seiner Gattin hin­über. Endlich schwieg das Mädchen und klappte leise das Buch zu. Dann lehnte sie sich rn den Stuhl zurück und wartete ohne Frage auf das, was nun kommen sollte, und wovon für sie so viel, so unendlich viel abhing, mehr als die beiden ahnten, die sie sich zu ihren Richtern erlesen hatte.

Frau Anna brach zuerst das Schweigen.

„Ich will ja dem Papa nicht vorgreifen, liebste Ella", sagte sie, „und maße mir nicht an, von Literatur irgend etwas zu verstehen. Aber wenn dir mit meinem Laien- urtell gedient ist, weißt du, so mit dem Eindruck, den das, was du gelesen hast, auf mich als ganz unbefangene Zuhörerin macht —"

„Nun?" fragte Ella gespannt, und sah die Tante mit förmlich angstvollen Augen an.

„Nun, so muß ich ehrlich sagen, daß es mir sehr ge­fällt, daß die kleine Geschichte sehr nett geschrieben rst, und daß der Inhalt fesselt, bis zum Schluß!"

„Und damit ist so ziemlich alles gesagt, was der harm­lose Leser so sagen kann!" fuhr Röminger fort, „wie es der Mama gefallen hat, so muß es jedem gefallen, der «3 mit denselben unbefangenen Augen liest, wie sie. Für mich ist diese kleine Vorlesung ganz anders interessant gewesen. Diesmal, mein liebes Kind, kann ich nicht, wie neulich, mit einem ernstgemeinten Abraten Wer die Sache hinweggehen. Es lohnt sich, diese Angelegenheit tiefer und eingehender zu besprechen!"

„Wirklich?!" entfuhr es Ella, und ihre Augen leuch­teten förmlich auf.

„Aber sehr!" fuhr Röminger fort. „Während du da lasest, ist mir vieles durch den Kopf gegangen uW klar geworden. Daß vor allen Dingen ern Mensch, in dem all so was gärt und schäumt wie junger Wein, der zur Vollendung lvill, heraus mußte aus allem, was ihn beengt, und seine Individualität knechtet, das sehe ich jetzt vollkommen ein. Ferner ist es mir klar, daß es sich bei dir um ein ganz beachtenswertes Talent handelt, dem es nur an der richtigen Leitung fehlt, um im richtigen Fahrwasser sicher und mühelos vorwärts zu steuern. Der Stil ist glatt, sehr leicht und gefällig, vielleicht hier und da ein bischen zu blumenreich, zu — weiblich, wenn ich

so sagen kann. Aber das, denk' ich, läßt sich achgewöhnen mit der Zeit.

Vor allem steckt eWas Sicheres drin, ein energischer Zug, eine ganz bestimmte Art — etwas ausgesprochen Persönliches. Und das ist's, was mir gefällt!"

„Also, meinst du, Onkel, ich könnte versuchen-"

„Damit dein Brot zu verdienen?! Um Gottes willen, KiW, nein, das meine ich nicht! — Darüber wür­den Jahre vergehen, lange Jahre voll Enttäuschungen und heimlicher Bitterkeit, die dir die Freude an all dem Schönen allmählich raWen würden. Aber nebenher dich damit beschäftigen, das sollst du, das mußt du! Mch üben, energisch weiterschreiben, dich bilden an guter Lek­türe, dazu rate ich dir ganz entschieden und mit ehrlicher Überzeugung. Denn Talent hast du zum Schreiben, und ein ganz großes noch dazu. Arbeite tüchtig,. versuche, nach und nach die Schwingen zum Flug, und ich wette, eines Tages wirst du es können. Aber das soll dich nicht hindern, dir dabei einen ordentlichen, regulären Beruf zu suchen, der deinem inneren Leben Halt und Festigkeit gibt! — Du mußt vor allen Dingen selbst mitten im Leben stehen, Eindrücke sammeln, Welt und Menschen beobachten, und dann in der Sfille das ver­arbeiten, was du in dich aufgenoigmen hast. Der Dichter muß das Leben erst kennen, ehe er es schildern will, denn nur, was direkt aus dem Menschenherzen strömt, wie ein Quell — kann auch wieder zum Herzen Anderer dringen. Das ist meine Meinung!"

„Und die einzig richtige, Onkel!" sagte Ella. „Ich verstehe dich vollkommen, und ich danke dir herzlich. Denn du gibst mir vor allen Mngm den Mut, auf dem Wege, den ich schüchtern betreten habe, mit eWas festerem Schritte weiterzugehen. Ich weiß auch sehr wohl, daß alles noch fehlerhaft und ungeklärt ist, was ich zusammen- schreibe. Wo soll's denn auch Herkommen? Ich bin ja bis jetzt in den Maire rn einer Zwingburg aufgewachsen, hermetisch abgeschlossen von der Außenwelt, ängstlich verwahrt gegen jeden freien Luft- und Lichtstrom, der mich hätte erschüttern und erleuchten können. Habe ich nur die Gewißbeit, daß das Eine wirklich vorhanden ist, was keine Erziehung geben, kein Unterricht lehren kann, was angeboren sein muß, das Talent, dann soll es nicht an meinem Fleiß, nicht an der zähen Arbeitsfreudigkeit fehlen, die nötig sind, um mein Ziel zu erreichen!"

Röminger nickte freundlich und streckte ihr die Hand hin: „Siehst du, Mädel, so ist's recht! Wir Zwei der- stehen uns, und es wär ja ganz wunderbar, wenn's nicht so wäre. Meine Geigengriffe Hab' ich auch erst lernen müssen, jahrelang, mit eisernem Fleiß. Ich spielte jäm­merlich und stümperhaft — aber vor meinen Ohren und da drinnen in dem jungen Kopf, da schwirrte es von himmlischen Melodien, von einer wunderbaren Klang­fülle, und wenn ich's auch noch nicht wiedergeben konnte, so wußt' ich doch, daß es da war, daß die innere Berech­tigung nicht wegzuleugnen war, das Höchste zu versuchen. Und die Wonne, Kind, als ich in späteren Jahren dann meine erste Komposition verkaufte, als meine ersten Lieder gesungen wurden, und ich mit eignen Ohren hörte, was ich im tiefften Innersten empfimden hatte. Mese Selig­keit wünsche ich dir, und schneller, als es deinem alten Onkel vergönW war!"

„Wie lieb du bist, Onkel", erwiderte Ella tief gerührt,

und hielt seine Hand in langem Drucke fest. „Du grbst mir heute mehr, viel mehr, als du selber ahnst!'

„Meinst du, ich wüßte nicht genau, was jetzt in deinmr Herzchen vorgeht? Wie es da drinnen funkelt und leuchtet von Hoffnungen und Plänen? Hab' ich doch alles an mir selber erfahren! — Kenn' ich aW dem ff, diese jugendlich seligen Stunden, wo man den Weg zum Helikon offen siebt. Aber nun muß ich dir, mal noch was sagen: Hast du volles Vertrauen zu mrr."

„Aber, Onkel", klang es zurück, „was rst das für eine absonderliche Frage? Ob ich zu dir Vertrauen habe, zu dir, der mir in so kurzer Zeit mehr geworden rst, als mein ganzes Vaterhaus mir bis heute gewesen!"

„Na, also! Dann sei so gut und borg mir mal das Heftchen da auf ein paar Tage. Ich will mrr das, wa^ du da vorgelesen hast, noch mal allein so rn aller Ruhe und Beschaulichkeit durchlesen, wenn ich ganz allein brnl Willst du mir's anvertrauen?"

„Ta! Nimm's hin! Selbstredend vertraue rch s dir Wem sollt' ich's denn lieber in die Hände legen,

als dir?" „ ri .

„Na, Einen müßt' ich wohl schon!" lächelte Romrnger.

„So? — Und wer sollte denn das sein?!"

„Närrisches Mädel! Der Verleger!"

Alle lachten, und in fröhlichster Sümmung saßen W plaudernd noch lange beieinander um den langen Etztrsch mit der Wachstuchplatte, Papa Röminger war heute ge- sprächiger, als sonst, kramte tausend Erinnerungen aus Vergangenheit und Jugend aus, lustige Geschichten aus fröhlichen Wanderjahren und manches Trübe „aus der langen Zeit schmerzlicher Entbehrungen und mühevollen Ringens. Spät abends erst ging der kleine Kreis aus- einander. „, ,

Als Ella ihr Zimmer betrat, befand sie sich in einer wnz sonderlichen Stimmung, so leicht, so frei, wie seit ängem nicht. , „

Die Ereignisse des Slbends hatten sie lebhäst,angeregt, die frohe Hoffnungsfreudigkeit, die der Onkel in ihr er­weckt hatte, ließ ihr junges Herz schneller schlagen. Sie konnte noch nicht zu Bett gehen. Lebhaft öffnete sie den alten Sekretär, den ihr Frau Anna für ihre Sachen ein- geräumt hatte, iind nahm ihre kleinen Habseligkeiten an Briefen, Skripturen und Manuskripten heraus.

Me Lampe brannte so hell und freundlich unter dem rosigen Schirm, die Vorhänge waren zugezogen, und nur ab und zu klang das Geräusch.von der Straße herauf in das abseits gelegene Hinterstübchen.

Als sie traumverloren in den Papieren blätterte, fiel plötzlich eine kleine, blaue Schleife zwischen den beschrie- benen Seiten heraus, gerade auf ihren Schoß. Es war nur ein kleines Stückchen blaßblaues Seidenband, was da vor ihr lag, und doch genügte es, um mit einem Schlage oll den hellen Sonnenschein, der sie erfüllt hatte, zu ver­düstern, all ihren frohen Sinn mit schweren, dunklen Wolken zu umhüllen.

Dies kleine Schleifchen hatte sie bis heute treu be­wahrt als Andenken an eine selige Stunde, wo ihr Herz einmal in all der Enge ihrer Umgebung aufgejauchzt hatte in frohlockendem Glück.

(Fortsetzung folgt.)

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