Si. Jahrgang.
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Ag. 3 66 4 BerlagS.Aernsprechcr No. 2S52.
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Politische Übersicht.
In der vergangenen Woche ist die Welt um eine Spannung ärmer, aber nicht um eine Überraschung reicher geworden. Die P a p st w a h l hat diesmal zwar um vier Wahlgänge länger gedauert, als es bei Leo XIII. der Fall gewesen war, aber nicht so lange, um unter den im Konklave internierten Kardinalen ernstliche Opfer zu fordern. Abgesehen von einigen harmloseren Ohnmachtsanfällen ist nichts Schlimmes passiert, und die Sen-> sationsnachrichten italienischer Blätter, welche bereits mehrere Kardinale im Sterben liegen ließen, haben sich ebenso als Enten entpuppt, wie seiner Zeit die Alarm- meldungen über „vor Schrecken zusammengebrochenen, am Hitzschlag verstorbene oder irrsinnig gewordene" Journalisten, die angeblich auf dem Schlachtfelde der Berichterstattung über den Todeskampf des Papstes geblieben waren.
Auch was an den Vorgängen bei der Wahl des Papstes Pius X. Wahres, was daran Erfundenes ist, wird nicht so bald einwandsfrei festgestellt werden. Im- merhin scheint es Tatsache zu sein, daß von österreichischer Seite gegen den Kardinal Rampolla das Exklusivrecht geltend.gewacht worden war. Vielleicht tote man von österreichischer Seite Veranlassung nehmen, diese Meldung zu dementieren, aber Dementis stehen heute nicht hoch im Kurse. Viel, allzuviel ist in der Presse über den angeblich zu erwartenden Umschwung gefabelt worden, der sich an die Wahl Sartos zum Papste knüpfen soll. Die unerbittlichen Tatsachen haben unterdes dieser optimistischen Auffassung bereits einen starken Stoß versetzt. Der Vatikan hat sich bisher dem Quirinal nicht minder abweisend gegenübergestellt als unter Leo XIII. Wir sind nicht optimistisch genug veranlagt, um uns cinzu- s » . . . 1 '
Mterwühlter Grund.
Roman von Anton Freiherr« von Pcrfall.
(13. Fortsetzung.)
Sie gingen dem Seeufer zu; der Schilf verschwand allmählich, der Boden wurde fester.
Gottfried versuchte ihn, mit den Füßen tretend; bald traten sie auf den Grund, der jetzt vom ganzen Anwesen allein ihm gehörte. Man sah bereits die Frucht seiner Bemühungen. Der nach allen Seiten von Entwässerungsgräben durchschnittene Grund war seiner Moos- decke beraubt und mit festem Material gefüllt, Schutt aller Art, frische Erde, Straßenkot; auf einigen Strecken stand magerer, hochaufgeschossener, kümmerlicher Hafer oder bildete sich bereits eine großblättrige Grasdecke, überall lagen Haufen. Kompost und Dünger.
Gottfried sab mit sichtlichem Wohlbehagen auf diese ersten Zeichen neu erblühenden Lebens auf längst er- storbenem Alten. Der stolze Gedanke kam ihm, daß es ja eine viel größere Lust sei, eine viel größere Genugtuung für einen rechten Bauern, ein neues Wachstum zu schaffen, als das alte nur zu pflegen, er sah mit echter Baterfrende auf diesen werdenden Fruchtboden. Er war stoch zu etwas gut im Leben, der Austrägler! Das gab chm neue Kraft, er ließ sich diese Freude durch die hämi- lchen, spitzigen Bemerkungen des Mukenmichels nicht nehmen — er kannte ihn ja schon lange.
Kein Lüftchen wehte, die Mücken, welche wohl dem Mnkenmichel seinen Namen gaben, umtanzten die beiden ^ dichtem, goldenem Gewirr.
Mitten in dem blendenden Lichtrefler des Sees näherte nch, über die Gräben hüpfend und springend, ein sonder- bares Paar, ein Mann, in der sonderbaren Beleuchtung ^iesenhaft groß erscheinend, und ein Mädchen. Beide hatten offenbar so viel mit sich selbst zu tun und dem schlechten Weg, daß sie die beiden Männer nicht gewahr- len. Gottfried, die Hand vor den Augen, drehte ver- üblich nach allen Seiten den Kopf, die Nahenden zu er- kennen.
Kanrstag» de« 8. August.
reden, daß sich unter Pius X. Wandlungen vollziehen könnten, die garnicht von den Personen, sondern von den Institutionen abhängen.
Die Sache liegt ganz ähnlich bet der noch immer mit einer der Jahreszeit entsprechenden Hitze erörterter Zeit- und Streitfrage, ob die SozialdemokratieAnspruch auf einen Posten im Reichstagspräsidium erheben und ob dieser Anspruch anerkannt werden soll. Wir gehören auch hier nicht zu den Optimisten, welche meinen, daß, wenn Herr Singer oder Herr von Vollmar im Reichstag die Glocke schwingen wird, daß dann diese die parlamentarischen und sonstigen Radaugepflogenheiten der Sozialdemokratie zu Grabe läuten wird. Im übrigen aber sind wir nicht einseitig genug, um nicht auch für die Auffassung Verständnis zu haben, daß man der Sozialdemokratie Gelegenheit geben solle, durch die eigene praktische Mitarbeit sich entweder zu mäßigen oder aber sich als ad. absurdum zu führen. Doch glauben wir nicht, daß sich im Reichstag eine Mehrheit finden wird, welche das sozialdemokratische Vize- präsidenten-Experiment wird machen wollen. Neben dieser Erörterung hat sich auch die über die angeblich demnächst akut werdende Krisis im preußischen Ministerium ein Plätzchen in der Öffentlichkeit gesichert, aber cs läßt sich fürs erste nicht recht erkennen, was an diesen Gerüchten begründet ist und wieviel davon auf die alljährlichen Sommerkrisengerüchte kommt.
In ein sehr akutes Stadium ist die Krisis in U n - g a r n getreten, die nnt dem Amtsantritt des Grasen Khuen-Hedervary zu einer chronischen geworden ist. Ter ehemalige Banns von Kroatien hat sich die Sache schr leicht gedacht, aber was in Kroatien ging, geht noch nicht in Ungarn. Zwar aus der recht verdächtigen Bestcchungs- affäre ist Graf Khucn noch mit einigen leichteren Bles- suren herausgchauen worden, aber die Meinung ist trotzdem allgemein, daß der neue Ministerpräsident abgewirtschaftet hat, bevor er anfängt zu wirtschaften. Jedenfalls ist die Lage in Ungarn eine schr kritische und um so bedenklicher, als sich die Differenzen zwischen den beiden Reichshälstcn in der bedrohlichsten Weise zugesprtzt haben.
Wenn es ein Trost ist. Genossen im Unglück zu haben, dann können sich die leitenden Männer in Österreich und Ungarn mit ihren Kollegen in S p a n i e n trösten. „Fern im Süd' das schöne Spanien" hat längst den höchsten Rekord der Krisen geschlagen, denn dort läßt sich die eine Krisis gar nicht Zeit zur Beendigung, weil sie immer schon von der anderen überholt wird. Kanin ist die ministerielle Krisis beendigt, und schon macht sich wieder die wirtschaftliche Krisis in Gestalt umfassender Streiks gefahrdrohend geltend. Ein unlauterer Wettbewerb wird übrigens den Spaniern auf dem Gebiete der Streiks zur Zeit durch Frankreich und Rußland bereitet, wo die Arbeiter-Aufstände vielfach zu schweren Ausschreitungen und ernsten Unruhen geführt haben.
Jetzt waren sie auf wenige Schritte da, nur ein Graben trennte sie noch.
Mnkenmichel blinzelte zu Gottfried hinauf.; dieser war starr vor Erstaunen.
„Hopp!" rief die lange Erscheinung und .half seiner Gefährtin über den Graben — 1 jetzt standen sie dicht vor den beiden Männern. Der Lange stürzte wie geblendet zurück — das Mädchen schrie hell auf. — Mnkl und Nonei!
„Was hast du da z' suchen?" fragte Gottfried.
„Nix, gar nix, Vater". Sie sah, tief errötend, auf ihre kotbespritzten weißen Strümpfe herab; „grad' a bisserl Luft schöpfen!"
„Im Maos?" fuhr Gottfried auf. „Das paßt sich gut für dich! Ich mein' eher, bit willst dem Mnkenmichel wieder die schöne G'schicht erzählen vom Reisen als Tänzer und Sänger und vom. Reichwerdcn, he! Bist dir net z' gut zu so an Geschwätz — daß 's nur a Geschwätz is, das is do selbstverständlich!"
Nonei warf plötzlich resolut den Kopf in die Höhe, Trotz lag in ihrem Antlitz.
„Warum g'rad a Geschwätz? Fräulein Theresa, mit der du gar so 'tan hast, is auch a Sängerin und fahrt in der Welt umcinand'."
„Du bist eben kein Fräulein, du bist a Vaucrn- tochter", brauste er auf, seinen Stock in den weichen Grund stoßend, „und dann — dann — ich versteh' ja davon nix — aber das ist doch was ganz anders mit der Fräulein Theresa ihrem Singen und dein'm. G'lernt muß alles sein, mein' ich, und dann — überhaupt, schlag dir die Dummheiten ans 'm Kopf!"
„Dummheiten! Red nur mit dem Herrn Pcrlmann, der wird dir die Sach' schon auscinandersetzen", sagte sic selbstbewußt.
„Ter Herr Perlmann — der Herr Leinemann — ja, Herrgott, was Hab' ich denn für Kinder! Was wollt's mit den Blutsaugern, wo mir der Groll schon aufsteigt, wenn ich's nur seh'! Net duld't hätte mans zu meiner Zeit in der Gegend!"
NeLaktions-Fernfprecher No. 52. 1903«
Erwähnen wir zum Schluß noch, daß in Makedonien die Bandenkämpfe noch immer fortdauern, daß in Bulgarien die Situation eine sehr gespannte ist, daß in China noch immer gemordet und daß in Marokko der Prätendent den „amtlichen" Nachrichten zufolge in gemessenen Zwischenräumen gefangen geuom- men und hingerichtet wird, so daß man. sich über sein zähes Leben wundern muß, so haben wir zur Genüge gezeigt, daß es in der Saurengurkenzeit lebhaft genug in der Welt zugeht.
Deutsches Reich.
Die schlesischen „Spitzen".
Mit berechtigter Spannung fragt man sich, ob nach der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr des Kaisers von der Nordlandreise die schlesische Oberpräsiöenten- frage zur Erledigung gebracht werden wird. Wenn neuerdings verschiedentlich angenommen zu werden scheint, cs werde doch vielleicht der vormalige Regierungspräsident von der Heydebrand und der Lasa als erster Staatsbeamter an die Spitze seiner Heimatprvvinz berufen werden, so muß abgewartet werden, ob es sich hier mehr um Wünsche und Kombinationen handelt, oder ob Gründe zu der Annahme vorlicgen, der Genannte sei nunmehr vom Staatsministerium vorgeschlagen und habe Aussicht, an entscheidender Stelle gewählt zu werden. Sein Ausscheiden aus dem aktiven Dienste und das Nicht- zurückgrcifcn der maßgebenden Kreise auf seine Person bei der Wiederbesetzung des Posener Oberpräsidentenpostens wurde seiner Zeit damit begründet, daß ihm seine schwankende Gesundheit die Übernahme einer immerhin verantwvrtungsreichen Stellung widerrate. Freiherr von Heydebrand ist reich verheiratet. Dies würde ihm in Breslau zugute kommen. An den dortigen Oberpräsidenten werden nicht unerhebliche Anforderungen in bezug auf Repräsentation gestellt. Bekanntlich ist auch der Fürstbischof, Kardinal Kopp, einigermaßen mit Glücksgütern gesegnet, und zum Armee-Kommandanten wird meist auch eine Persönlichkeit ausersehen, die es aushalten kann. Immerhin ist gerade letzteres nicht so ohne weiteres wichtig. Trotz der ziemlich reichlich bemessenen Rcpräsentationsgelder nimmt man es den Korpskommandeurs nicht sehr übel, wenn sie Sparsamkeit üben. Der „alte Blumenthal" gab, als er Korpskommandeur in Magdeburg war, in der Regel einmal im Jahre eine große Gesellschaft. Die Eingeladenen standen dann bis in die Vorräume der Wohnung und erholten sich, wenn ihnen der Weg zu den Büffets ver- sperrt war, später anderweitig. Es geht halt auch so.
Znr Revision des deutsch-schweizerischen Handelsvertrags.
Außer dem deutsch-russischen Handelsvertrag scheint in erster Linie der deutsch-schweizerische derjenigen Revision unterzogen werden zu sollen, die sich nötig erweist, wenn die Erneuerung der Handelsverträge nicht
Mukl stand sprachlos daneben, der Torfstecher lachte vergnügt in sich hinein.
„No, bin ich noch a boshafter Narr?" sagte er höhnisch. „Ja, die jungen Leute — da kommst recht."
Seine kleinen Augen schweiften von Nonei zu Mnkl.
„Was kommen soll, das konrmt, da laßt sich nix auf- halten."
„War' noch schöner! Dein Geschäft is, glaub' ich, aus hier, und Luft hast daheim auch genug", herrschte der Hintermooscr, „komm, Nonei!"
Ohne einen Gruß ging er fort quer über die Fläche. Nonei winkte Mukl trotzig zu, und ging verdrossen hinter dem Vater her.-
„Was habt 's denn wollen?" fragte der Torfstecher seinen Sohn, halb ängstlich, halb freridig an ihm hinaus-
sehend.
Mttkl sah scheu dem sich entfernenden Bauer nach.
„Fort soll ich mir ihr!" platzte er heraus.
Des Alten Züge wurden länger, alle Verschmitztheit verschwand daraus.
„Fort — du — und ich?"
„Das is ja eben, sonst —" entgegnete Mukl.
„Du gehst also net, wegen mir net, Mukl, net wahr? Ich kann's ja nimmer d'crmachen ganz allein auf der Welt, schau —"
Seine Stimme klang flehend.
„D'rmach'n, wegen dem — tat’ scho Geld schien — war's weniger", meinte Mukl unschlüssig.
„Geld!" ergrimmt, zwischen den Zähnen sprach es der Alte; „mit dem verdammten Geld allweil! Sag, Mukl, 's Geld treibt dich dazu, net?"
Mukl zögerte verlegen.
Ter Alte sah sich vorsichtig uni, sein Antlitz hatte jetzt etwas gcicrhaft Spähendes — „dann — dann bleibst!" stieß er dumpf heraus.
Mukl blickte erstaunt auf.
„Aber, Vater!"
„Dann bleibst, sag' ich — weil— weil —" er würgte an den Worten. „ES laßt dich net aus, wenn ich's dir net sag', und ich kann dich net geh'n lass'n — weil ick
