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Unser Pariser Korrespondent schreibt uns:
Da nach dem Wiederzusammentritt des Parlaments im Herbst aller Wahrscheinlichkeit nach die heftigsten Kämpfe bevorstehen, welche leicht den Sturz des Kabinetts im Gefolge haben können, erscheint es angezeigt, einmal zu prüfen, in welcher Weise die am Ruder befindliche radikale Partei in den letzteir Jahren ihr Programni durchgeführt hat.
Von einem Hauptpunkte desselben, der Revision der Verfassung, ohne welche, wie sich frühere Wahlaufrufe ausdrückten, keine republikanische Arbeit möglich sei, ist es merkwürdig still geworden und keines der verschiedenen radikalen Ministerien hat sie in Vorschlag gebracht.
Ein weiterer Lieblingsgedanke der Radikalen ist die progressive Einkommensteuer, welche bei mehreren allgemeinen Wahlen als Parole diente. Besonders in der Wahlkampagne von 1898 paradierte sie an der Spitze des Programms. Als damals nach Beendigung der Wahlen Brisson ein radikales Kabinett bildete, hütete er sich wohl, die radikalen Wünsche betreffs der Einkommensteuer weiter zu verfechten, sondern eignete sich in dieser Frage ein bedeutend gemildertes Projekt des gemäßigten Republikaners Paul Delombre an, das aber nicht zur Ausführung kam. Wenn nun endlich nach vielen Jahren die radikalen Bestrebungen in Erfüllung zu gehen scheinen, so hat es die Partei dem nicht zu ihr gehörigen Finanzminister Rouvier zu danken, welcher die viel umstrittene Einkommensteuer durchsetzen wird — ob in einer Form, welche den ungeteilten Beifall der Radikalen findet, ist eine andere Frage.
Ein dritter wesentlicher Punkt des radikalen Programms ist die Trennung der Kirche vom Staate, welche
Feuilleton.
Skizzen ans Bulgarien.
Von vr. Ph. Wälder.
Das durch den Berliner Vertrag vom 13. Juli 1878, der dem russisch-türkischen Kriege ein Ende machte, neugeschaffene Fürstentum Bulgarien hat eben durch seine Treibereien in Makedonien wiederum die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.
Und deshalb dürfte es für den Leser gewiß von Interesse sein, etwas Näheres über Land und Leute von Bulgarien zu erfahren.
In unserer Erinnerung steht noch die Heldengestalt ecs Fürsten Alexander I., der den politischen Parteikämpfen, die den jungen Staat einem baldigen Untergänge entgegenzuführen und damit die „orientalische Frage" von neuem in Fluß zu bringen drohten, ein iähes Ende bereitete, indem er sich durch die große bulgarische Landesversammlung zu Sistowo vom 13. Juli >881 die Diktatur auf sieben Jahre übertragen ließ. Das Wirken dieses Fürsten und seine Lebensschicksale sind uns »ns der Geschichte bekannt. Das schwergeprüfte und vor Krieg und Hader zerwühlte Land ging nun einer ZcU der Ruhe und Befestigung entgegen, die seine reichen Hülfsmittel erschließen und Bulgarien zu einem Staate emporbringen sollte, der in enge Handels- und Verkehrsbeziehungen mit dem übrigen Europa trat. . . Nack Alexanders Abgang änderte sich indes gar vieles in Bulgarien und unter Fürst „Ferdinand" scheint ein Stillstand oder auch Rückgang in der Entwickelung öet Fürstentums etngetretcn zu sein. Gegenwärtig herrsch unter Bulgariens Bevölkerung nicht die Ruhe, die zu» Gedeihen eines Staatswcsens durchaus notwendig ist Doch diese ungesunden Verhältnisse und wirren Zustand, sollen hier nicht weiter erörtert werden,' sie gehören in«' "politische Gebiet", das wir in dieser Skizze nur strcifci wollen.
Betrachten wir im folgenden Land und Leute vv! Bulgarien etwas näher. Bon Rumänien im Norden Serbien im Westen, Ostrumenien im Süden umschlossen,
„täglich dringend notwendiger wird". Wenn dem so ist, so hatten die radikalen Ministerien ein unfehlbares Mittel, diese Trennung zu beschleunigen. Sie brauchten nur die Kammern einzuladen, das Kultusbudget und die Gesandtschaft beim Vatikan zu unterdrücken. Was man ungestüm gefordert hatte, so lange man in der Opposition war, hielt man plötzlich für äußerst gefährlich, als man zur Macht gelangt war, mit anderen Worten, Ministerpräsident Combes beschwur noch kürzlich seine Getreuen, am Kultusbudget und an der Gesandtschaft beim Vatikan nicht zu rütteln. Selbst die in ihrer Mehrheit radikale Budgetkommission, beguemte sich heuer dazu, das Kultusbudget zu genehmigen, nachdem sie es im vorigen Jahre geftrid£)en hatte.
Aus diesen Ausführungen dürfte erhellen, daß die radikale Partei in der Verwirklichung ihres Programms nicht sehr glücklich gewesen ist. Die erörterten drei Hauptpunkte desselben harren noch der Erledigung. Zwei, die Verfassungsrevision und die Trennung zwischen Kirche und Staat, sind noch gar nicht in Angriff genommen, der dritte, die in Vorbereitung befindliche Einkommensteuer, dürfte in einer Form das Licht der Welt erblicken, welche den gemäßigten Republikanern mehr zusagt als den radikalen. Kein Wunder, wenn einzelne Pariser Zeitungen, den Mund etwas voll nehmend, von einem Bankerott des Radikalismus sprechen. Zwar beruft sich der letztere, um wenigstens einige fertige Arbeit vorweisen zu können, auf zwei kürzlich beschlossene Gesetze, welche den deir Greisen, Siechen und Unheilbaren zu gewährenden Beistand und die zweijährige Militärdienstzeit betreffen. In dieser Hinsicht muß man aber sagen, daß andere Parteien ebenso viel und vielleicht mehr zum Zustandekommen dieser Neuerungen beigetragen haben. Was das elftere Gesetz betrifft, so haben gemäßigte Ministerien es vorbereitet und was das zweite anbelangt, so gaben sich die Republikaner des Zentrums alle erdenkliche Mühe, den Gesetzentwurf so zu gestalten, daß durch die verminderte Soldatenzahl nicht direkte Gefahren für das Land heraufbeschworen wurden. Also auch in diesen beiden Angelegenheiten, welche übrigens noch nicht zur Gesetzeskraft gediehen sind, darf sich die radikale Partei keine besonderen Verdienste zuschreiben.
Viele Franzosen begrüßen den angeblichen Bankerott des Radikalismus mit großer Genugtuung. Es fragt sich, wie lange ihre Freude währen wird. Die Mißerfolge desselben dürften sich leicht wieder reparieren lassen, wenn er sich, wie es den Anschein hat, immer mehr in das Schlepptau der Sozialisten begibt, die nun ein- mal in Frankreich die erste Geige spielen. Besonders hervorragende Größen zählt der Radikalismus gegenwärtig nicht und die Gefahr liegt nahe, daß der Abgott Jean Jauräs sein Netz immer dichter um denselben zieht, so sehr auch, besonders in der Frage des Kulttrrkampfes, der radikale Goblet davor warnt.
während die Ostgrenze vom Schwarzen Meere gebildet wird, umfaßt das Fürstentum ungefähr 63 600 Quadratkilometer mit einer Einwohnerzahl von ca. 2 Millionen Köpfen. Die Mehrzahl der Bevölkerung bilden die eigentlichen Bulgaren, deren Typus sich von denen der anderen Bewohner des Fürstentums ziemlich scharf unterscheidet.
Bulgarien ist zum Teil gebirgig, zum Teil eben. Die ganze bulgarische Ebene vom Schwarzen Meer bis Widdin gestattet meist nur Viehzucht. Die Bergreglon des Landes zeigt tiefe Taleinsenkungeu und Kessel. Hervorzuheben ist namentlich der tiefe Talgrund von Sofia. Der für Bulgarien in Betracht kommende Teil des „Balkangebirgcs" streicht zwischen der Taleinsenkung von Sofia und dem Schwarzen Meere hin, und zwar liegt der höchste Teil desselben, der Chodscha-Balkan, zwischen den Quellen der Jantra und der Ebene von Philippopel. Er ist mit Wäldern bedeckt, wenig bebaut und dünn bevölkert und sehr unwegsam und öde. Infolge der spärlichen Bewässerung des Landes ist die Vegetation Bulgariens keineswegs reich. . . .
Betrachten wir die Bewohner Bulgariens, so kommen wir zu folgendem Resultat: Die Bulgaren sind im allgemeinen ein kräftiger, gedrungener Menschenschlag mit muskulösen, eher mageren als fetten Körper- formcn. Das Gesicht zeigt ein schönes Oval: die Nase ist mehr geradlinig als gebogen, die Augen sind klein und verraten Schlauheit und Intelligenz mit Ernst und Beharrlichkeit gepaart, welcher Eindruck noch durch die hcrvorstehcndc Stirn verstärkt wird. Das weibliche Geschlecht ist in der Jugend von ansprechender Schönheit, die sich jedoch bald verliert, da der bulgarischen Frau nach ihrer Verheiratung die Verrichtung der schwersten häuslichen Arbeiten obliegt, wie dies bei allen Sttd- lavcn der Brauch ist. Der Bulgare ist nüchtern, fleißig ,nd liebt Spiel, Gesang und Tanz: seine Hauptbeschäftigung bildet der Ackerbau, den das Land reichlich whnt, da Bulgarien einer der reichsten und fruchtbarsten ?audstriche der illyrischen Halbinsel ist.
Die muselmanischen Dörfer sind reinlich, aber öde,- die christlichen Ortschaften dagegen sind belebt, haben
RetaktiouSHernspreSer N». 68. 1903 »
25. Deutscher Hausbesitzerin
8. u. H., Dresden, 5. August.
In Gegenwart des Oberbürgermeisters Beutler und des Bürgermeisters Leupold-Dresden, sowie vieler Stadtverordneter trat heute vormittag im „Evangelischen Vereinshause" der Zentralverbaud der städtischen Hausund Grundbesitzer-Vereine Deutschlands zu seiner 25. Jubiläums-Hauptversammlung unter dem Vorsitz seines Präsidenten, des Baumeisters und Stadtrats Hartwig- Dresden zusammen. Die Beteiligung an der Tagung ist eine außerordentlich starke. Insgesamt sind 209 Verbandsvereine mit 109 000 Mitgliedern durch 416 Delegierte vertreten.
Unter anderen sind vertreten: Vereine von Altona, Augsburg, Berlin (mit 17 Vereinen), Braunschweig, Breslau (mit 2 Vereinen), Bromberg, Chemnitz, Cöln (mit 2 Vereinen), Danzig, Dresden (mit 3 Vereinen), Düsseldorf, Eisenach, Elberfeld, Elbing, Frankfurt a. M., Gera, Grauöeuz, Hamburg (mit 2 Vereinen), Hannover, Karlsruhe, Kassel, Kiel, Königsberg i. Pr., Leipzig (mit 18 Vereinen), Magdeburg (mit 3 Vereinen), Mannheim, München, Posen, Stuttgart, Weimar, Wiesbaden und Zwickau (mit 2 Vereinen).
Der Vorsitzende, Baumeister Hartwig, eröffnete die Verhandlungen mit einem Rückblick auf die von dem Verbände im Laufe seines 25jährigen Bestehens geleistete Arbeit. Er betonte dabei, daß diese Arbeit niemals der Erlangung von Sondervorteilen gedient habe, sondern die H c r st e l l u n g eines guten V e r h ä l n i s s e s z u d e n M i e t e r n die Hauptaufgabe des Verbandes gewesen sei. Gegenüber den Neidern und Feinden des städtischen Haus- und Grundbesitzes verweise er in dieser Beziehung auf die Auslegung der bekannten Reichs- gerichtsentschcidung durch den Verbandsvorstand, nach welcher dem Hauswirt, der zwar an die unpsändbaren Sachen des Mieters mit einer Pfändung nicht heran kann, doch die Möglichkeit gegeben ist, sich durch Vertrag das Zurückhaltungsrechk daran zu sichern und so deu Mieter unter einen fühlbaren Zwang zu setzen. Tneses Reichsgerichtserkenntnis habe die Wirte nicht etwa in Frende und Hellen Jubel versetzt, sondern der Vorstand habe vielmehr ausdrücklich die Erklärung abgegeben: Wir können nicht anraten, davon bei armen Mietern, namentlich bei solchen mit Kindern und am allerwenigsten bei denen, die unverschuldet in Not geraten sind, von diesem Zurückhaltungsrechte Gebrauch zu machen. „Man vergreife sich nicht an dem kümmerlichen Hausrat des verarmten Mietsrestanten, man enthalte der Familie eines solchen nichts vor von dem vorhandenen unentbehrlichen Hausrat, man verzichte lieber auf einen Teil des schuldigen Mietzinses, als daß man sein Recht und seine Ansprüche bis zum letzten Ende verfolge, hierbei immer vorausgesetzt, daß es sich um bemitleidenswerte Leute handelt und nicht um Böswilligkeit." (Lebhafter Beifall.) Diese Sätze habe der gesamte Verband im vorigen Jahre
neue Hütten, und der Landbau wird rationell betrieben. Die eigentlichen Bulgaren sind übrigens im ganzen Lande verbreitet. Die nördlichen Bulgaren unterscheiden sich von den südlichen durch charakteristische Züge. Jene haben außer ihrem Dialekt, der sich stark dem russischen nähert, viel mebr Tatarisches in ihren Sitten beibe- haltcn, als die fast ganz hcllenisierten Bulgaren des Südens. Wild und roh, sind sie minder gastfrei gegen Fremde, unterwürfiger gegen den Herrn und sprechen mit großer Schnelligkeit, während die Sprache der südlichen Bulgaren, stark mit ferbischcn und griechischen Wendungen gemifcht, einen sanfteren, harmonischen Klang hat. Ihre von den Straßen ans selten sichtbaren, gleich den Hütten der Wilden versteckten Dörfer (Selos genannt) dehnen sich längs einer Wiese oder am Rand eines Baches aus und bestehen aus 4—5, durch Gras- platze getrennten Höfen, die, von einer dicken Hecke umschlossen, wie Inseln im grünen Meer erscheinen. Die Hütten aus Wcidengeflecht gleichen großen Körben, sind in die Erde eingesenkt und mit einem konischen Dach von Stroh oder über einander geworfenen Baumzweigen gedeckt. Hier haben alle Haustiere, Hühner, Schafe, Schweine, Ochsen, Pferde, ihre besondere Wohnung: und inmitten aller bewohnt der bulgarische Bauer eine ähnliche Hütte, die ibm zugleich als Keller, Kornkammer, Küche und Schlafzimmer dient. Man schläft an der Erde auf Fellen, die um den Herd, ö. h. um ein rundes Loch, ausgebreitet sind.
Die Hausgerätschaften sind dem niedrigen Kultur» zustaud des Volkes angemessen. Die Frauen spinnen und weben und liefern auch für die Männer größtenteils die Schneiderarbeit. Die industrielle Tätigkeit der Bewohner besteht in der Fabrikation von groben braunen Tuchen, die zu Winterkleidern dienen, etwas Leinwand, die aber immer mehr durch von auswärts eingeführten Baumwollstoff verdrängt wird, hänfenen Geweben, seidenen Stoffen, Teppichen und Lederwaren . . .
Die Hauptstadt Bulgariens ist Sofia. Sie liegt an der Hauptstraße von Konstantinopel nach Belgrad und an der Bogana, einem kleinen Flüßchen, und bildet den Mittelpunkt eines ansehnlichen Straßennetzes. Der
