si. Jahrgang.
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364 . Verlags-Fernsprecher R». AS».
Freitag» den 7. August.
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Ais und Trans.
Ein biederer Landbewohner, der zum ersten Male in der Oper war, folgte dem Solo, mit dem die Oper einsetzte, mit unverhohlenem Behagen. 2lls aber dem Solo ein Duett folgte, rief er entrüstet von der Galerie herunter: „Jetzt singen die Kerls schon zu zweien, damit es schneller alle wird!" Zu einem ganz ähnlichen Urteil könnte der unbefangene Beobachter veranlaßt werden, wenn er die Doppelkrisis in Österreich-Ungarn verfolgt/ In der Tat neigen pessimistische Beurteiler zu der Anschauung, daß das Krisenduett in Zis- unk Trans- leithanien leicht den Effekt haben konnte, das Verhältnis zwisckfen den beiden Reichshälsten unheilbar zu erschüttern.
Es ist schwer zu sagen, wem bei diesem Krisenrekord der Preis zuzuerkennen ist. In Österreich hatte sich die politische Situation derart verfahren, daß der Staats- Wagen weder vor- noch rückwärts konnte. In dieser Notlage wußte der Ministerpräsident v. Korber, der Mann mit den guten Absichten und den schlechten Erfolgen, keinen anderen Ausweg, als zu dem berüchtigten § 14 zu greisen, der noch stets der letzte Rettungsanker der österreichischen Regierungen war. Mit Hülfe dieses § 14 wurde ein sechsmonatiges Budgetprovisorium dekretiert und der Reichsrat nach Hause geschickt, und so ist man in Österreich bei jenem Provisorium angelangt, in dem freilich die ganze österreichische Politik der letzten Jahrzehnte besteht.
In Ungarn ist der neue Ministerpräsident Graf Khuen-Hedervary, obwohl er noch nicht viel mehr Wochen im Amt ist als Herr v. Körber Jahre, bereits in einer ebenso verfahrenen, wenn nicht noch schlimmeren
Mlerwühller Grund.
Roman von Anton Freiherr« von Persall.
(12. Fortsetzung.)
, Gottfried stand der Schweiß auf der Stirne, sein Tritt war unsicher, wankend folgte er dem jungen Mann. Der Lärm der Steinarbeiter drang aus dem Graben herauf. Nach einigen Schritten blitzte ihm mitten aus dem Grün des Waldes ein gelbes Loch entgegen, das angebohrte Kalkgestein — wie eine breite, häßliche Wunde.
Einige Stämme, die wohl im Weg gestanden, lagen gefällt umher, ihre abgerissenen, . zerzausten Wurzeln harrten ihm entgegen, und immer tiefer bohrten sich die Hämmer schwingenden Gesellen.
Ter Ingenieur zeigte auf einen schwarz glänzenden Strich, der sich zwischen dem Gelb dahinzog.
„Da haben Sie die Kohle!" sagte er kurz. „Der Graben durchschneidet offenbar das Flötz, wir hatten Glück mit dem Einschlag."
Gottfried lähmte förmlich der Anblick des schwarzen, matt schillernden Streifens, er berührte ihn, seine Finger schwärzten sich.
„Kohle! Die müssen wir holen!" sagte der Mann neben ihm. Er hatte noch nie ein Bergwerk gesehen, er sah nur einen riesiger: schwarzen Abgrund sich dehnen, über dem sein Haus, seine Felder, seine Wälder schweben. Auf was er so stolz war sein ganzes Leben, war nichts als eine dünne Erdkrume, das andere war ja nicht sein. — Da hatten ja am Ende die jungen Leute ganz recht, wenn sie nicht so viel darauf gaben.
. „Na, Ihr überlegt wohl, was der schwarze. Strich ernst tragen kann, wenn's zum Ablösen kommt!" sagte lachend der Markscheider. „Nur vernünftig, das Werk laßt schon mit sich reden — ja, so, euch kann es ja gleich sein, und die Jungen sind nicht so störrisch wie Ihr Alten I"
^ Von der frisch'n Höh herauf klangen die Töne der Musik, Büchsenknall, der Juchschrci der Zieler / Gottfried mußte wieder hinunter, sein Ausblerb°n zu sehr wider alle Sitte.
Situation als sein österreichischer Amts- und Letdens- geirosse. Das Mißgeschick des ungarischen Ministerpräsidenten wird nur noch durch sein Ungeschick übertroffen. War die Berufung des Grasen Khuen-Hedervary von vornherein nur ein Verlegenheitsakt, so hat er durch die bösartige Bestechungsaffatre den Karren so verfahren, daß, wre auch diese Affäre ausgeht, der Rücktritt des Ministerpräsidenten nur eine Frage der Zeit i[t._ Denn wenn der ehemalige Banns von Kroatien auch mit einem halbwegs blauen Auge aus der parlamentarischen Untersuchungskommission hervorgegangen ist, so wird doch der Verdacht immer an ihm haften bleiben, daß er das andere Auge bei der Bestechungsaffäre jedenfalls dann zugedrückt hätte, wenn sie erfolgreich und ohne öffentlichen Skandal ausgegangen wäre.
Aber die Frage, ob Graf Khuen-Hedervary geht oder bleibt, und wann er gehen wird, ist längst nicht mehr die wichtigste bei der Krisis in Ungarn. Weit wichtiger ist es, in welchen Bahnen die antiösterreichische Bewegung in Ungarn verlaufen wird, deren erschreckendes Anwachsen in den letzten Monaten die politischen Kreise in Österreich mit ernster Sorge erfüllt. Man ist in Österreich den Ungarn so weit entgegengekommen, daß nun „zu tun fast nichts mehr übrig bleibt". Durch das Zurückziehen der Wehrvorlage hat das anttösterreichisäie Magyarentum einen folgenschweren Sieg in einer Frage errungen, welche die Machtstellung und die Lebensinteressen der Gesamtmonarchie auf das empfindlichste berührt. Und auch dieses Opfer ist vergeblich gewesen, ja, es hat nur die Begehrlichkeit der magyarischen Chauvinisten, deren Anhang im Lande sichtbar wächst, weiter gesteigert. Bisher hatte das Vertrauen, daß die österreichisch-ungarische Armee einen unverrückbaren Fels innerhalb der politischen Brandung bildet, dem Pessimismus, der sich bei der Beurteilung der österreichisch-ungarischen Verhältnisse breit macht, die Wage gehalten. Jetzt ist auch dieses Vertrauen erschüttert.
Wenn die österreichische Regierung eine geschlossene parlamentarische Mehrheit hinter sich hätte, so könnte sie durch einen entsprechenden Druck auf Ungarn vielleicht den verfahrenen Karren noch ins Geleise bringen. Aber die Verhältnisse sind in Österreich selbst so verfahren und die Aussichten für die parlamentarische Zukunft so trostlos, daß der Übermut der intransigenten Elemente in Ungarn dadurch begreiflicher Weise noch verstärkt wird und die Los-von-Österreich-Bewegung immer neuen Boden gewinnt.
Wie ein Ausweg aus diesen Doppelwirren in Österreich-Ungarn gefunden werden soll, das ist fürs erste noch völlig unklar. Tie politischen Heißsporne in Trans- leithanien sollten freilich so viel gesunde Dernnnst haben, um sich darüber klar zu sein, daß sowohl Ungarn wie Österreich von der Rangstufe, die sie in Europa ein-
„Schlagt's mir net mehr nieder, als grad' sein muß!" bat er in gebrochenem Ton. „Wie der Wind 'rein kann, is alles hin, und alles, mein' ich, kann man um Geld doch net gut mach'n."
Der Markscheider gab ihm gern das Versprechen. Wie um zehn Jahre älter ging der Alte die Höhe herab, jeden Augenblick mußte er stehen bleiben, der Atem ging ihm aus.
Es ging schon gegen Abend. Auf der frisch'n Höh wimmelte es von Menschen, die ganze Seeleit'n toor vertreten, Bergleute, die trotz der Gebirgstracht an ihrer weißen, eigentümlich glänzenden Haut erkennbar waren, mischten sich zahlreich darunter, Touristen, die. von den Bergen herabkamen — das bäuerliche Element war ganz verdrängt.
Wie ganz anders war es doch auf seiner Hochzeit vor dreißig Jahren, da galt es als eine große Ehre in der ganzen Gegend, dazu eingeladen zu sein, und der Vater war recht sparsam damit.
Eben brach alles in wildem Durcheinander auf zur Schießstätte, wo die Preisverteilung war.
Man stand auf Tisch und Bänken, das schöne Nonei verteilte die bunten Seidenfahnen. Betäubendes Gejohle, dröhnender Tusch begrüßte jeden Preisträger, und die Zieler in bunter Narrentracht schlugen ihre Purzelbäume.
Ambros hatte das Beste auf der Ehrenscheibe, das Hintermooseranwesen war darauf gemalt.
Gottfried empfand eine wahre Freude darüber — sollte das am Ende eine gute Vorbedeutung sein?
Die Zieler schwangen hoch die bekränzte Scheibe. Franzl rief laut den Namen — Ambros erschien nicht. Ungeduldig sah sich der Vater um, alles fragte nach ihm. Zuletzt lief Gottfried in das Haus, ihn zu suchen — nirgends zu finden! Am Rückweg sah er im Halbdunkel bei den Stallungen zwei Männer stehen, in dem einen erkannte er Leinemann an seinen auffallenden Bewegungen. Er wollte schon vorüber, da hörte er deutlich Ambros' Stimme. „Jedenfalls will ich abwarten, was beim Schürfen herauskommt —"
„Aber, lieber Freund, was kümmert dich das Schürfen, wenn ich dir aeb' das Heidengeld?"
nehmen, tief heruntersteigen würden, wenn an die Stelle der gegenwärtigen Zusammengehörigkeit die von den magyarischen Chauvinisten angestrebte inhaltslose Personal-Union treten würde. Aber man ist zur Zeit nicht mehr sicher, ob aus dem Kampf zwischen dem Chauvinismus und der gesunden Vernunft in Ungarn die letztere als Sieger hervorgehen wird. Für uns Deutsche ist der Anblick dieser unheilvollen Zustände um so unerfreulicher, da diese innere Schwächung unseres Bundesgenossen nicht ohne Rückwirkung auf das Gewicht bleiben kann, das er in die Wagschale der europäischen Politik zu werfen vermag.
*
bck. Budapest, 6. August. Wie in liberalen Kreisen verlautet, wird der nach Ischl abgereiste Ministerpräsident Graf Khuen die Krone vor die Wahl stellen, entweder das Parlament aufzulösen oder die Demission des gesamten Kabinetts anzunehmen. — Die Blättermeldungen, wonach die Stellung des Grafen Khuen unhaltbar wäre, entbehren jeder Grundlage. Diese Meldungen seien zurneist Budapester Oppositionsblättern entnommen und entsprächen hauptsächlich den Wünschen der Opposition.
hd. Berlin, 7. August. Das „B. T." meldet aus B u d a p e st: Der letzte Ministerrat verlief sehr stürmisch, weil Graf Khuen noch immer glaubt, durch eine Auflösung des Abgeordnetenhauses die Situation klären zu können. Infolge des Widerstandes mehrerer Minister wurde aber schließlich doch die Überreichung der Demission beschlossen. Nach den neuesten Berichten, ist eine rasche Lösung der Krisis nicht zu erwarten, da die Aristokratie daran arbeitet, Graf Khuen zu halten. Dieser soll gestern in Ischl vom Kaiser sehr huldvoll empfangen worden sein.
Der Aar.
Aus Petersburg, 3. August, schreibt man uns:
Als Nikolaus II. den Thron bestieg, zeichnete er sich nach keiner Richtung hin aus; er war fast in jeder Beziehung ein Mann der anrea mediocritas, mit einer ausgesprochenen Neigung zur Schwäche. Deshalb gab er auch nach kurzer Zeit den Versuch auf, eigene Wege zu ivandeln, da das, was er begann, sich nicht durchführen ließ, weil es ihm eben an der nötigen Energie mangelte, den passiven Widerstand seiner Umgebung zu besiegen. So gelang es denir dem Oberprokurator des Heiligen Synod, Pobiedonoschew, sich wieder den Einfluß über den jungen Herrscher zu verschaffen, den er bei dem weit tat- kräftigeren Alerander III. ausgeübt hatte. Dieser Ein- flutz wuchs noch, da infolge der Unzufriedenheit im Volke sich die Attentatsversuche gegen den Zaren vermehrten, so daß dieser in einer fortwährenden Angst um sein und
Ambros lachte laut auf. .
Leinemann zog ihn ganz zu sich und flüsterte ihm etwas in das Ohr. , ,
In Gottfried bäumte sich alles auf, er verzehrte die Gestalt des Juden mit seinem Wutblick. Vor, und weder mit dem Wolf, zuckte es in ihm aus! Da faßte er sich noch zur rechten Zeit, trat ungesehen vor und schlug Arm bros auf die Schulter.
„Hol dein Preis! Unser Haus ist drauf auf der Scheib'n, wie a Schloß so stolz! Ja, wer ist denn das?"
Er tat, als erkenne er jetzt erst den Händler.
„No schöner, weg'n so ein' die Ehr versäumen als Schütz — komm!" , .
Er faßte ihn, rmsanfter, als er vielleicht wollte, beim Arm und führte ihn weg.
Moses Leinemann drückte sich lautlos in den Schatten der Stallungen.
Ambros folgte wie ein ertappter Schuljunge und nahm unter allgemeinem Jubel, Fahnenschwenken, Böllerschüssen, die Ehreiuscheibe aris der Hand seines glückstrahlenden, jungen Weibes.
„Slmbros Hintcrmooser, Bauer am Biehl. soll leben! Hoch, hoch, hoch! Und sein liebes Weiberl daneben! Hoch, hoch! Abermals hoch!"
Rotes bengalisches Feuer beleuchtete die farbenreiche, lebensvolle Gruppe — das bekränzte Hintermooser-An- wesen auf der Scheibe — das bleiche, ernste Gesicht Gottfrieds, der sich auf seinen Stock stützte itnb mit feuchten Augen auf das leuchtende Bild blickte.
„Schau, net amal genialt will's an andern g'hör'n wie dir!" sagte er in vorwurfsvollem Ton, der Ambros tief in die Seele drang.
Sechstes Kapitel.
Ter Herbst war im Land. Aus dem jetzt rötlichen, mannshohen Schilf im Moos ragte ein windschiefes, moosüberzogenes Bretterdach mit einem hohen geschwärz- ten Blechkamin wie der Rumpf eines Wracks hervor —- die Behausung des alten Mukenmichel, der seit einem Menschenalter hier Torf stach, teils auf eigenem Boden, teils im Dienste des Hintermoosers. Man sah ihn seit Jahren nie das Moos verlassen, er galt allgemein als
