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N». 381. _Dauoerstag, de» 8. August. «. 1908,
Morgen-Ausgabe.
fin Pott u die ju lauft ©cblicbtncn.
„Nord, Ost, Süd und West, zu Haus ist's am best'!" ist ein recht herzerquickender Ausruf solcher, die reise- müde nach wochenlanger Wanderung wieder mit erleichtertem Beutel und verärgert durch schlechtes Wetter oder auch übersättigt von all den neuen Eindrücken endlich am häuslichen Herd wieder anlangen, aber ein schlechter Trost für solche, die gern auch mit in die Ferne ziehen möchten, aber wegen Unabkömmlichkeit im Geschäft oder wegen unvorhergesehener Ausgaben nicht „fori können". Die alljährliche Sommerreise ist bis in die breitesten Schichten des Bürgertums schon so zur Mode geworden, daß man sich schämen möchte, wenn man sich's nicht leisten kann. Mit dem Schicksal der Tausende von Arbeitern, die an Fabrik, Hütte und Bergwerk beständig gefesselt sind oder mit den blutarmen Ladnerinnen, denen ein Monat Bergluft auch recht gut tun würde, sich zu trösten, ist nicht jedermanns Sache. Aber auch wer sich mit dieser Entsagung nicht zufrieden geben will, der kann noch genug Tröstliches finden, das ihm Ersatz für entgangene Modegenüsse gewährt; ja, manchem kann es gelingen, aus der Not eine Tugend zu machen!
Auch die zu Hause Gebliebenen genießen etwas mehr Muße als sonst. Das Geschäft ist stiller, die Lehrer und Schüler haben Ferien, die Vorgesetzten im Amt gewähren ab und zu einen halben Feiertag. So hat man Gelegenheit, in der Heimat recht heimisch zu werden. Ost genug muß uns erst Fremdenbesuch hinlocken zu den Merkwürdigkeiten des eigenen Wohnorts, in die Sammlungen, Kirchen, öffentlichen Gebäude. Man probiere einmal, selbst den Fremden in der heimatlichen^ Umgebung zu spielen und man wird staunen, wieviel Neues wir ent- decken! Architektonisch merkwürdige Gebäude, stimmungs- volle alte Gärten mit ihren Landhäusern, halbverfallene Grabdenkmäler auf Friedhöfen sind Punkte, an denen man in der Arbeitszeit achtlos vorübereilt, nun können sie Sprache gewinnen. Die Weltgeschichte ist dem „Gebildeten" geläufig, die Ortsgeschichte ist ihm oft fremd und doch' hat fast jeder ältere Ort seine eigenartige Geschichte und seine, wenn auch mitunter nur bescheidenen historischen Winkel. Man durchstreife einmal dies Gebiet und dehne seine Tages-Wanderungen auch auf die Provinz aus; treibe neben der Geschichtskunde wohl auch etwas Volkskunde, alles Wissensgebiete, die vielen eine Terra incognita sind und zu welchen die Wegweiser in Form von „Führern" und Ortsbeschreibungen in Buchhandlungen und städttschen Bibliotheken leicht zu beschaffen sind. Wie wenige Berliner kennen auch nur !
ihre alte Landeshauptstadt Brandenburg mit dem herr
lichen Dom, wie wenige Dresdner das malerische Bautzen, wie wenige Hamburger das altehrwürdige Lüneburg; und doch sind es Städte, zu denen man bequem in einem Tage hin und zurück mit mehreren Stunden. Aufenthafl gelangen kann; so daß man den Hotels entrinnt. Auch an ländlichen und landschaftlichen Reizen ist die Umgebung der meisten Städte viel reicher, als die meisten von deren Einwohnern ahnen. Alles strömt nach den Aussichtspunkten mit ihren modernen Restaurants, die Täler mit ihren traulichen Mühlen, . die Wälder mit ihren weltentrückten Forsthäusern bleiben einsam, ja vernachlässigt. Diese lauschigen Plätzchen genießen sich an den Ferientagen am gemütlichsten — und bringt man etwas System in solche Wanderungen, ist man mit geschichtlichem und naturkundlichem Interesse von Haus aus bedacht, so gestalten sich solche Spaziergänge und Ausflüge zu kleinen genußreichen Entdeckungsreisen.
Aber auch dem sozialen Empfinden kann der zu Hause Gebliebene Genüge tun. Nicht nur, daß er die Gelegenheit benützen kann, alle möglichen heimischen Veranstaltungen wie Asyle, Krankenhäuser, Schulgebäude, Volksbädcr und Speisehäuser einmal von innen anzusehen, so kann er sich vielfach auch an gar manchen Unternehmungen betätigen oder solche selbst ins Leben rufen; so z. B. an Tages- oder Nachmittags-Wanderungen mit Schülern, die sich gern der Leitung eines kundigen Mannes anvertrauen, ohne denselben aber planlos ihre Muße verzetteln. Auch zur Ausarbeitung ehrenamtlicher Pflichten eignen sich die Ferien vorzüglich. Wie manchem ist es, z. B. als Waisenrat, nicht möglich, im gewöhnlichen Gang der Geschäfte seinen Obliegenheiten nachzukommen!
Aber auch, wer vor allem seiner Gesundheit leben will und lebhaft bedauert, daß er nicht ein paar Wochen ins Bad reisen kann, wird vielleicht nicht nur wohlfeilere, sondern auch dauerndere Erquickung und Stärkung finden, wenn er in der „flauen Gurkenzeit" sich daran gewöhnen will, seine Lebensweise etwas rationeller zu gestalten. Im alltäglichen Geschäftstrott glauben viele nicht zu regelmäßigem Hausturnen (Freiübungen) und Schwimmen oder Baden die halbe Stunde erübrigen zu können. Jetzt hat man dazu Muße, und in kurzer Zeit werden viele solchen Genuß an diesen Dingen finden, daß sie ihnen für immer zur lieben Gepflogenheit werden.
Aus solche Weise kann man aus den zu Hause verlebten Ferien oder auch aus der ferienlosen Sommerzeit, in der die Zügel doch weniger straff als sonst angezogen werden, Bereicherung an Wissen und Einsicht schöpfen, inniger mit seiner nächsten Umgebung verwachsen und aus der Not eine Tugend machen lernen! P. S.
Die Insignien des Papstes.
Der zum Papst erwählte Kardinal Sarto wird alsbald nach der Wahl mit den päpstlichen Insignien bekleidet. Wir führen diese letzteren, bestehlend aus der dreifachen Tiara und den beiden Schlüsseln, unseren Lesern beistehend im Bilde vor. Erst der feierliche Akt
der Krönung des Papstes wird feit dem elften Jahrhundert als der Anfang des Pontifikats des Erwählten angesehen. Die Tiara besteht aus drei übereinandergesetzten Kronen und bildet seit dem dreizehnten Jahrhundert das Würdeabzeichen der Päpste.
Deutsches Deich.
* Die Kaiserin wird sich, wie schon kurz erwähnt, am Sonntagabend von Kabinen aus, „den eigenen, wie den Wünschen des Kaisers entsprechend" — so schreibt der „Reichs-Anzeiger" — zunächst nach Schlesien und Posen begeben, um der durch die Elementar-Er- eignisse heimgesuchten Bevölkerung Teilnahme zu beweisen, sowie die Anerkennung für die in den Tagen der Gefahr geleistete Hülfe kundzugebcn. Es ist der ausdrückliche Wunsch der Kaiserin, daß bei diesem Anlaß jeder festliche Empfang unterbleiben soll, auch wird die hohe Frau es sich versagen, Blumenspenden entgegenzunehmen. Am Montag wird die Kaiserin in Schlesien ein- treffen. In Aussicht genommen ist hier eine Besichtigung
Feuilleton.
Dekorativer Kpasiergang.
(Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Als vor zehn Jahren die neue kunstgewerbliche Bewegung cinsetztc, fand man für sie in Anlehnung an den englischen Ausdruck das Wort „Angewandte Kunst."
Im Anfang hatte dieser Begriff „angewandt" nur eine recht beschränkte Bedeutung. Die Gebrauchs- Segenstände, die von Künstlern herrührten, waren im Grunde nur Luxusobjekte. Sie blieben in der Sphäre des Ateliers oder der Amateursammlung, sie drangen nicht in die Öffentlichkeit; wer sie sehen oder kaufen wollte, fand sie nicht in den Läden, er mußte sie in einer Kunsthandlung suchen. Dies ganze dekorative Neuland führte zunächst eine völlig isolierte Existenz für sich, nur den Kennern bekannt, und Skeptiker konnten wohl weinen, das würde auch sein Zukunftsschicksal bleiben.
Hierin hat sich aber nun — und das ist interessant Senug, um festgestellt zu werden — ein ganz entschiedener Umschwung vollzogen.
Die artistischen Liebhabereien sind nun wirklich zur weiten Anwendung gekommen, aus der Separation, aus der Sonder-Existenz gewannen sie praktisch-wirksame Lebenszusammenhänge. ....
Kein Symptom dafür ist bezeichnender, als daß die Industrie, die kaufmännische Welt, die anfangs ruhig ihren Traditionsweg ging, ohne im geringsten um die neuen Zeichen sich zu kümmern, heute deutlich Fühlung nimmt und Bündnis schließt mit dieser „angewandten Kunst".
*
Im Guten und im Bösen zeigt sich das. Im Bösen in den mißverstandenen, rein äußerlichen Nachahmungen woderner Formen durch Massenmöbelfabriken, die, wie sie früher Renaissance-Ornamente aufleimtcn, heute geschwungene belgische Linien führen, grüne und graue Beizen anwcnden, langstielige Blumen, haarnmflatterte vranenköpfe und Ttsfany-Berglasungen als Zierat am Gingen, und stolz diese pscudomodernc Maskerade — di Ernsthaften der modernen Dekorativen gehen nicht auf
den äußeren Schmuck aus, sondern auf Einfachheit, ! organischen Aufbau und Proportionsschönheit — als Jugend-Stil oder Stil Sezession anpreiscn.
Diese Surrogat- und Talmi-Produktton, häufig in schlechten Farben und falscher Extravaganz des Aufbaues, ist sehr unerfreulich; sie irritiert auch das Publikum, das den Blick zur Unterscheidung noch nicht geschärft hat, und sie schädigt die echte Arbeit, die nun unter der Abneigung gegen die „janze Richtung" mit leiden muß. Aber so fatal „Jugendstil" und Stil Sezession auch den Kunst- und Geschmacksreifen sind, sie geben immerhin indirekt den Beweis, wie sehr moderne Ideen sich durchgesetzt haben. Man imitiert eine Sache doch erst dann und bildet sie billig nach, wenn sie Geltung hat und die Käufer ihr Nachfragen.
Neben den Zerrbildern und Karikaturen, die übrigens bei keiner Entwicklung fehlen, gibt es eine Fülle guter Fortschritte.
Und hier ist das Markanteste, daß sich eine Allianz zwischen Künstler und Großindustrie herausbildet, daß man für Dinge, die früher im Massenbetrieb nach der Schablone hergestellt wurden, den Entwurf eines Künstlers verlangt, und daß das „Signe", die Autorchiffre, für den Gebrauchsgegenstand Bedeutung gewonnen hat.
Eine Menge von Beispielen lassen sich anführen. Und nicht mehr die Kunsthandlungen haben baS Monopol für angewandte Kunst, sondern alle großen Geschäfte, die auf sich halten, verkaufen signierte Künstlerwaren. Ja, ein Warenhaus gab neulich zwölf Künstlern Jnterieur- aufträge.
Teppiche- und Tapetenläben, die früher dem Durch- schnittsnivcau dienten, halten jetzt die koloristtsch weich abgetönten und in ruhevoller Linienführung sich gliedernden Teppiche und Tapeten des zu früh verstorbenen Professors Otto Eckmann auf Lager, und auch an Leisti- kowschcn Arbeiten fehlt cs nicht.
In den Seidcngcschästen ist ein stehender Artikel die Krcfcldcr Künstlerseide geworden, Christiansen, van der Beide, Mohrbutter lieferten die Entwtirfe dafür.
Will man Gläser wählen, so bekommt man zur Aus- ivahl die wundervoll wie aus eigenem Wachstum auf
geblühten schlanken Kelche von Peter Behrens, die ge
wellten Formen Olbrichs, die Ptkanterien Kolo Mosers, des kapriziösen, einfallsreichen Wieners, der seine Becher mit angeschmolzenen farbigen Tropfen schmückt.
Derselbe Kolo Moser, der auf der Hohen Warte im Wiener Cottage-Viertel die gelungensten und ausgeglichensten Gesamt-Interieurs gebaut hat, sorgte auch sonst für die Tafel. Äußerst apart ist sein Kaffee-Service, weiß mit orange Tupfen, und graziös sind seine Kristall- schalen, die in einer Durchbruchmontierung aus glatten Silberbändern ruhen.
An diesen Stücken erkennt man ein Prinzip moderner Dekoration. Den Dingen wird der Schmuck nicht aufgeheftct, das Glas ist nicht „brillant" geschliffen, das Silber nicht mit plastischen Figuren oder gravierten Blumen versehen, sondern die Komposition wirkt fabelhast einfach und unendlich bestrickend nur durch die reinen Materialeffekte: durch das Spiel des Glases zwischen den umarmenden Spangen, durch die Durchblicke, die man auf die vergoldete Innenfläche der Fassung erhält.
Gut wird diese Art noch durch eine Menage illustriert, die Moser für eine der geschmackfeinsten Wienerinnen, die Frau des Hofoperndircktors Gustav Mahler, entwarf. Die Olslasche steht hier halb in einer Silberhülse, die ein zierliches Schachbrett-Ausschnittmuster hat. und durch dieses silberne Gitterwerk schimmert nun gleich bernsteinfarbenem Email das Gelb des Flascheninhalts. Dieser Gegenstand schmückt sich so gewissermaßen selbst. Es ist nichts Überflüssiges an ihm, kein Ausputz um des Ausputzes willen, er stellt sachlich seinen Zweck dar und beweist, daß dies nicht nüchtern zu geschehen braucht, sondern den Reiz nuancierten Epigramms haben kann. Aus solcher Behandlung, die das Schmückende aus dem Wesen der Dinge sich selber bilden läßt, kommt für den Beschauer eine große ästhetische Befriedigung.
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Doch ich bin von der Öffentlichkeit in die Privat- wohnung geraten und will nun wieder die Kunst in der Straße aussuchcn.
An jeder Säule kann man sie — nicht immer einwandsfrei, aber mir kommt cs hier nicht auf die Einzel- Icistung, sondern auf das Symptom an — in den Plakaten
