erläge zum Wiesbadener Tagblatt.
N-. 361. Morgen-Ausgabe.
Donnerstag, den 6. August.
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4 Große Männer zeichne» sich mehr durch den Umfang ^ * »nd die Höhe als durch reine Originalität des Geistes aus. » ^ Auch besteht die wirkliche Originalität durchaus nicht ttt der J J Verschiedenheit von anderen. — Der größte Genius ist zu- ^ lE gleich auch der größte Entlchner. Emerson. |*
(9. Fortsetzung.)
Freiheit!
Roman von Walter Schmidt-Häßler.
Reinhardt saß bei der Arbeit, wie gewöhnlich, wenn der Freund kam, um mit ihm zu plaudern oder ihn zu einem Rundgmige durch die Galerien der ewigen Stadt abzuholen.
„Leg' mal Pinsel und Palette bei Seite, lieber Junge", sagte Remmingen, „steck' dir eine Zigarette an, dabei läßt sich's bequemer plaudern. Und dann hör' nur mal aufmerksam zu. Doch, das wirst du schon von sÄber tun, wenn ich mit meinen Neuigkeiten herausrücke. Ich habe heute mit der ersten Post Nachrichten aus der Heimat bekommen, die dich ganz ungemein interessieren werden!"
„Was sollte mich da noch interessieren? erwiderte Berning ernst, „du weißt, ich habe abgeschlossen und alles Vergangene begraben."
„Vielleicht war das ein bißchen voreilig, mein Junge", suhr der andere fort. „Jedenfalls bin ich überzeugt, daß du mir heute sehr aufmerksam lauschen wirst, selbst gegen deinen Willen!"
Damit hatte er sich bequem in die Sofaecke gelehnt und einen dicken Brief aus der Tasche gezogen.
Auch Reinhardt hatte sich herumgedreht und den Pinsel weggelegt, und schaute den Freund, wie er da saß mit der geheimnisvollen Miene, erwartungsvoll an.
„Meine Nachrichten sind authentisch", begann dieser, „sie kormnen von meinem Diener Jean, der ja, wie du weißt, ein gewisses Talent zum Detektiv hat. Also, vor allen Dingen die Hauptsache: Fräulein Ella Röminger ist mit Herrn Doktor Ellrich weder verheiratet, noch hat ihre Verlobung stattgefunden!"
Reinhardt fuhr auf. Ein glühendes Rot flog über sein hübsches Gesicht, und zum erstenmal seit langer Zeit lächelten seine Lippen.
„Was — sagst du da?!" stieß er heraus. „Sie ist nicht verlobt?! Ja, wie ist denn das möglich?"
„DeS Herrn Wege find wunderbar!" lachte Franz. „Die Verlobung ist einfach — nicht zu ermöglichen gewesen!"
„Me soll ich das verstehen?!"
„Sehr edrfack! Weil die Braut im letzten Moment, am Abend vor der feierlichen Handlung, kurz entschlossen auf und davon gegangen ist. Als man sie in ihrem 'immer suchte, war sie fort! Spurlos verschwunden und oh aller Bemühungen nicht zu finden!"
„Um Gottes willen!" schrie Reinhardt aufspringend, sie wird sich doch kein Leid angetan haben?!"
„Nein, mein Bester, das erscheint gottlob ausge
schlossen.: denn sie hat ihren Reisekoffer und viele not-
wendige Sachen mitgenommen, die man zu einer Rerse in die. Ewigkeit nicht einzupacken Pflegt. Auch einen Brief hat sie hinterlassen an die lieben Eltern, damrt sre sich nicht unnötig ängstigen, worin sie ihnen sehr vernünftig und leidenschaftslos angegeben haben soll, welche Gründe sie zu ihrer respektwidrigen Handlungsweise bestimmen und berechtigen. Du hast also vor allen Dingen die tröstliche Gewißheit, daß kein anderer das geliebte Wesen besitzt und daß sie eine Flucht aus dem Eltern- hause der glänzenden Position als Frau voetor meckicinae vorgezogen hat, um ihrem Künstler treu zu bleiben. Wie mir das imponiert, kann ich dir gar nicht sagen! Fast könnte ich dich beneiden um das Glück, das ein Hauch selten gewordener Romantik noch erhöht. Mir zu Liebe ist nie ein Mädchen aus dem Elternhause ge- flüchtet!" . _ .
„Ja; aber Franz, das eine sage nur nur noch, und meine Seligkeit kennt keine Grenzen. Wo finde ich sw? Wo soll ich sie suchen?" ,
Remmingen zuckte die Achseln: „Das ist der wunde Punkt an der Geschichte, der Tropfen Wermut, der sich eben jeder Freiide beimischt. Wohin sie gegangen ist, m welchem Erdenwinkel sie sich vorläufig verborgen hält und bei wem, das hat selbst mein guter Jean trotz aller Bemühungen nicht herausbekommen können; denn ■ die lieben Eltern und Verwandten wissen es selber nicht. Im Anfang hat man die ganze Sache natürlich ängstlich ge- heim gehalten, von einer Reise gesprochen und sich m mysteriöses Schweigen gehüllt. Aber du kennst ja unsere guten Mitbürger mit ihrem ruhelosen Bestreben, deii Angelegenheiten anderer auf den Grund zu kommen. Heute weiß es natürlich die ganze Stadt, und auf den füllen Wegen der Promenade flüstern's die Bäume einander zu. Die Familie Röminger ist selbswerstand- lich außer sich, wid die liebevolle Mutter errötet unter der Lage von pouckre de riz auf der Straße vor jedem Bekannten, der sie grüßt. Ich gönne ihr diese Strafe von ganzem Herzen. Sie hat sie reichlich verdient durch all das, was sie an dem armen Mädchen gesündigt hat all die langen Jahre." ^ *, .
Reinhardt ging mit glühendem Gesicht tnt Zimmer auf und ab, sein Atem flog, und lebhaft gestikulrerte er mit beiden Armen in höchster Erregung, während er sprach. „Vor allen Dingen muß ich sie jetzt finden, finden um jeden Preis! Wer weiß, in welchem Elend st« steckt, hülflos, von aller Welt verlassen, vielleicht liegt sie irgendwo krank I Das wäre ja nicht zum ausdenken! Sie hat doch entschieden kein Geld — hat ja nie rm Leben einen roten Heller gehabt, über dessen Verwendung sie nicht zehnmal Rechenschaft geben mußte! Deshalb kann sie auch nicht weit sein. Und ich sollte hier müßrg zusehen, waS aus ihr wird, die meinetwegen, hörst du's? meinetwegen diesen tmgeheuerlichen Entschluß gefaßt hat; ich sollte ihr nicht helfen, wie ich nur kann?" Damit stürzte er auf seine Kommode zu, die er mit zitternden Händen öffnete und zwischen seinen Habseligkeiten seine Brief- tasche hervorsuchte. Hasfig zählte er ihren Inhalt, seine Ersparnisse, oder richtiger: sein ganzes Besitztum.
„Na, gottlob!" rief er jubelnd aus, „es rercht doch
wenigstens fürs erste. Das Geld von dem ^Amerikaner für meinen „Sonntag auf Capri" und das Honorar für die drei kleinen Sachen, von dem Münchener Kunsthänd- ler — alles noch vorhanden! Also, Franz, morgen geht's heim ■— und dann fange ich an zu suchen!"
„Liebster Junge", begann jetzt der Freund, der thn ruhig hatte ausreden lassen, „nun sei mal, bitte, vernünftig und laß dich nicht von der ersten Wallung wieder fortreißen. Erlaube mir, wie schon öfter,, auch diesmal für dich zu denken, damit wir dann gemeinsam handeln können. Geh' nicht wieder mit dem Starrkopfe durch dre Wand, sondern laß die Dinge hübsch ruhig und logisch ihren Lauf nehmen. Nur so kommt man zum Ziel, ^ch freue mich herzlich, daß ich mich in Ella getäuscht habe, und zwar so angenehm getäuscht; denn in dem blonden Mädchen scheint mir ein ganzer Mensch zu stecken. Sre liebt dich und bleibt dir treu! Das steht fest und das ist die Hauptsache. Nun laß uns weiter denken. Auf jeden Fall hat sie dir irgend eine Nachricht zugehen lassen, davon bin ich jetzt überzeugt."
„Und diese Nachricht?" drängte Reinhardt, indem er Remmingen aufgeregt bei der Hand faßte, der ruhig fortfuhr:
„Diese Nachricht ist verloren gegangen, oder unter- schlagen worden, das ist doch sehr einfach! Nun ward ein Weilchen vergehen, und dann wird vom sicheren Hafen aus eine zweite Botschaft um so zuverlässiger, einlaufen. Auf dem Postamte zu Hause hat man ja deine Adresse, du verbirgst dich ja nicht, also wird man dich finden, wenn man dich sucht. Diese zweite Nachricht müssen wir ruhig abwarten." . . .
„Und wenn keine zweite Botschaft erntnsst?! nef Reinhardt halb verzweifelt bei dem Gedanken.
„Dann gcht es nur eine Möglichkeit, daß Ella auch von dir vorläufig nicht gefunden sein will. Ich taxiere sie, glaube ich, ganz richtig. Sie ist ein stolzer und sehr energischer Charakter, der sich seinen Weg mit großer Korrektheit vorzeichnet, ohii« auf das Drangen deS Herzens Rücksicht zu nehmen. Wer weiß, was sie vorhat, welche Zukunstspläne sie hegt? Kann , sie nicht irgend ern« Freundin, eine Verwandte haben, die ihr hilft, dre ihr mst ihrem Rat und vor allen Dingen durch die Tat zur Seite steht; denn dazu haste ich das Mädchen für zu klug, um aufs Geratewohl in die Welt hinauszulaufen. Hab ich nicht recht?"
„Leider!" sagte der andere rnißmutig, indem er sich m einen Stuhl warf und sinnend vor sich hinblickte. ,M ist deinen Ausführungen die kalte, unerbittliche Logik nicht abzusprechen. Aber —- was soll ich nun tun?"
Abwarten! So grausam das Wort auch klingen mag" es ist das Einzige, was du tun kannst Vielleicht erwartet sie e§ sogar als ein Zeichen deines unbedingten Vertrauens!" - , m _
„Also — gut denn!" erwiderte Reinhardt. „Ich werde warten, so lange ich diesen Zustand ertrcmen kann, Qual genug wird es mich ja kosten; aber auch ich sch« vorläufig keinen anderen Ausweg." Er war ans Fenster getreten, hatte den Kopf in die Hand gestützt und blickte hinaus.
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