Sn. Jahrgang.
«rscheinr tn zwei Ausgabe«. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
19,000 Abonnenten.
Nnzeigen-PreiSr
Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
Anzeige« - Annahme
für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittag«, für die Morgen.Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur nächst» erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
U0. 362. «e,lagS^er»,precher 31». 29M. DottNerSlag» fettt 6. Anglist.
RedaktiimSHernsprecher No. 52.
1908.
Abend -Ausgabe.
Reise - Abonnements
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
können täglich begonnen werden und kosten wöchentlich bei freier Zustellung in's fjaus
nadj Grien in DeutUM und Werreily-Unglirn Kv Ug.
.. .. lw AnsillNd.90
Bestellungen beliebe man genaue lvohnungsadreffe beizufügen.
Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.
Handelsschulen.
Mt der immer größeren Ausdehnung, die Deutschlands Handel gewinnt, die aber auch den Wettbewerb der anderen Länder mehr und- mehr anspornt, ist die Frage der Errichtung staatlicher Handelsschulen sehr in den Vordergrund gedrängt worden, denn man mutz gut ausgerüstet sein, um jetzt mit Ehren zu bestehen. Leider hat man es bisher über theoretische Besprechungen in dieser Hinsicht eigentlich noch nicht gebracht, so daß mit Ausnahme einiger weniger städtischer Anstalten dieser Art der Handelsunterricht in den Händen Privater liegt. Diese geben ihren Instituten hochklingende Namen, die oft direkt irreführend sind, und nicht selten werden die Schüler stark ausgebeutet und tauschen für ihr gutes Geld ein solches Mnimum an Kenntnissen ein, daß es ihnen für ihr Fortkomnien fast garnichts nützt.
In ganz anderer Weise hat man in anderen Ländern das schwierige Problem zu lösen gewußt, diejenigen, welche vor allem berufen sind, die Prosperität eines Volkes zu begründen, für den schweren Kampf auszu- rüsten. In erster Linie ist hier Belgien zu nennen. Es gibt dort verschiedene Institute, in denen nur Handelswissenschaften gelehrt werden, das bedeutendste aber ist das in Antwerpen, welches in 1882 durch die Regierung im Verein mit den städtischen Behörden ins Leben gerufen wurde. Schüler, die das Gymnasium durchgemacht haben, werden dort ohne Prüfung ausgenommen. Der Kursus dauert 2 Jahre, worauf Diplome verteilt werden. Die Zahl der Hörenden beläuft sich auf zirka 300, von denen nur die Hälfte Belgier sind. Unter diesen erhalten diejenigen, welche sich besonders ausgezeichnet haben, Sftpendien von der Regierung, die ihnen gestatten, sich 3 Jahre in fremden Ländern aufzuhalten, um sich in Sprachen zu vervollkommnen, die wirtschaftliche Bedingungen zu studieren rc. Alles was von ihnen ver
langt wird, ist, daß sie von Zeft zu Zeft über ihre Beobachtungen berichten. Diese jungen Leute gehen Zn alle Welt hinaus, nach den entferntesten Ländern, einige bleiben dort als selbständige Kaufleute oder Agenten, manche sind als Lehrer in japanische und- chinesische Dienste getreten, alle aber verbleiben Pioniere des belgischen Handels und zahlen die Kosten, die sie verursacht haben, so mit Zinsen zurück. Das Stipendium beträgt 4000 M. per Jahr.
Die kleine Schweiz hat ebenfalls und ganz besonders im letzten Jahrzehnt große Fortschritte in der handelswissenschaftlichen Erziehung ihrer Bewohner gemacht. In 1900 gab es dort sieben Handelsschulen, die Subventionen von der Regierung erhielten, in Bern, Chaux-de-Fonds, Genf, Nauenburg, Solothurn, Winterthur und Luzern. Diese Schulen werden von zirka 500 Lernenden jährlich besucht. Der Zuschuß des Staates beträgt 48 000 M. jährlich, von denen 4000 als Stipendien Verwendung finden. Man beabsichtigt in allen bedeuteirden Städten des Landes derarftge Schulen zu errichten. Der Kursus dauert 2 Jahre und umfaßt alle einschlägigen Fächer. Von Sprachen werden die deutsche, englische, französische, italienische und spanische gelehrt. Fremde Hörer werden zugelassen, müssen aber den doppelten Preis entrichten. In einzelnen Städten sind in den höheren Mädchenschulen Handelsklassen errichtet; diese werden aber vom Staate nicht subventioniert, dagegen werden es die niederen Handelsschulen für Lehrlinge, die zirka 150 000 M. kosten.
Ost er reich -Ungarn besitzt eine große Anzahl von subventionierten Handelsschulen und in Ungarn speziell gibt es sogar ein Gesetz, welches besagt, daß wenn sich in einer Gemeinde 50 Lehrlinge befänden, Unterricht in Handelsfächern an diese erteilt werden müsse, und zwar während 10 Monaten im Jahre. Die Lehrlinge sind durch Gesetz gezwungen an diesem Unterricht teilzunehmen.
In Norwegen bestehen höhere Handelsschulen seit 1875, in ivelchem Jahre das Handelsinstitut in Christiania errichtet wurde; bis dahin gab es nur Privatanstalten. Jetzt zählt Norwegen 3 öffentliche Anstalten dieser Art in Christiania, Bergen und Bodö. Der Kursus ist zweijährig.
In Schweden gibt es zwei sehr gut organisierte Handelsschulen, die eine in Stockholm, die andere in Gothenburg. Jede derselben erhält 8000 M. jährliche Staatsunterstützung, außerdem- von den Handelsvereinigungen Zuschüsse.
Sehr große Aufmerksamkeit ist seit 1870 in Frankreich den Handelsschulen zugewendet worden. Seitens der Regierung wurden allerdings keine ins Leben gerufen, aber dieselbe unterstützt in jeder Weise die HandAs- kammern, die sich dieser Aufgabe mit Eifer widmen. Drei Gruppen derartiger Institute sind vorhanden, untere Handelsschulen, Handelsschulen und höhere
Handelsschulen genannt. Erster« gibt es in fast jeder französischen Stadt, die nur einige industrielle Bedeutung besitzt. Es wird dort Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch und Spanisch gelehrt, sowie Rechnen und Korrespondenz. Diese Institute sind fast alle sowohl für Küab-en als für Mädchen bestimmt. Bon den Handelsschulen sind 14 für männliche, 7 für weibliche Lernende; ihre Erhaltung kostet zirka 8000 M. jährlich. Endlich sind 8 höhere Handelsschulen vorhanden, und zwar 3 in Paris, 1 in Lyon, 1 in Bordeaux, 1 in Havre, 1 in Lille und 1 in Marseille. Der Kursus dauert 2 Jähre bei einem durchschnittlichen wöchentlichen Unterricht von 30 Stunden.
Endlich sei hier noch der Niederlande Erwähnung getan, wo sich drei Handelshochschulen befinden, die der Staat unterhält, nämlich in Amsterdam, Rotterdam und Enschede. Dieselben haben ein sehr umfassendes Lehrprogramm und werden stark besucht.
Wie ersichtlich, ist in den meisten Ländern mehr fiiv eine rationelle kommerzielle Erziehung getan als in Deutschland, was um so mehr wundernehmen muß, als wir sonst bezüglich des Unterrichtswesens eine allererste Stelle einnehmen. Hoffentlich wird darin bald Wandel geschaffen und auch Deutschland mit Handelshochschulen versehen, die seiner Machtstellung auch aus handelspolitischem Gebiete entsprechen.
Nach der Papstwuh!.
Die halbamtliche „N. Allg. Ztg." läßt sich über den Papst wie folgt aus: Der neue Papst Pius X. wird in der deutschen Presse mit der Sympathie begrüßt, auf die er nach seinem durch Frömmigkeit, Reinheit der Sitten, Wohltätigkeit und milden Sinnesart ausgezeichneten Vorleben Anspruch hat. Eine Meinung über die politische Richtung des neugewählten Papstes zu äußern, wäre verfrüht. Der Nachfolger Leos XIII. hegt wohl bei Antritt seiner Regierung keine Voreingenommenheit für oder gegen -einzelne Mächte. Seine Wahl ruft, so weit sich übersehen läßt, in allen Ländern Befriedigung hervor und die katholische Welt ist mit Genugtuung darüber erfüllt, daß nach dem Heimgange eines hervorragenden Papstes die Tiara von neuem einen ihrer so> würdigen Träger gefunden habe. — „Giornale d'Jtalia" veröffentlicht eine Unterredung mit einem venetiani- schen Prälaten, der Sarto genau kennt. Der Prälat erklärte, Sarto wäre das Illuster eines Seelenhirten, aber im Grunde, wenn keine anderen Einflüsse auf ihn einwirkten, ein Intransigent. Er sei so gut, daß er sich nur allzu leicht von anderen überreden laste. Alles hänge nunmehr von der Persönlichkeit des Staatssekretärs ab. In vatikanischen Kreisen heißt cs, anläßlich des Krönungsfestes werde der Papst die Menge wahrscheinlich von der äußeren Loggia der Peterskirche aus segnen. — Die Pariser Blätter kommentieren in längeren
Mierwühtter Grund.
Roman von Anton Freiherr« von Perfall.
(11. Fortsetzung.)
Gottfried in seiner altmodischen Tracht, seinem würdigen, steifen Wesen, die Mutter, bei welcher eine verunglückte Modernisierung noch- stärker wirkte; all die altertümlichen Frauen, Ähnln und Bafeln, die von weither zusammenkamen, der ganze Zug, wie er sich auf den ftstlich geschmückten Festplatz begab, umdrängt von Städtern, kokett berglerisch gekleideten Burschen und- Mädchen, Gesellen, Dienstboten oder auch Töchtern und Söhnen Gewerbetreibender in der Seeleit'n, ohne eine Spur von Gebirgstypus in dm rasselosen Alltagsgesichtern, machte den Eindruck, als käme er vom Kirchhof heraus, als hätten sich längst verwachsene Gräber geöffnet. Es ging auch wirklich ein ordentlicher Modergeruch aus von all den alten, Jahrhunderte- hindurch ungebrauchten. in Kästen luftdicht verschlossenen Festkleidern. Tie gemesfenm, schwerfälligen Gebräuche und Redensarten, die noch von gesunden Nerven . zeugen, waren den nieisten empfundmen Gebräuchen in jedem Herzen, das noch nicht ganz verstockt, Hervorrufen, hinter einem rohen Scherze zu verbergen. Auf der Wiese am Berg knallte von 10 Uhr an die Büchse, ein Kuriosum, sie wurden mit iiberlegmem Geist belacht, ohne daß man ihren tiefen Sinn verstand, oder mit dem gewissen, sich erhaben fühlenden Wohlwollen ausgenommen.-
Die eingeborenen jungen Leute selbst suchten allem eine komische Seite abzugewinnen.
Da sah man noch herrliche männliche Gestalten aus den umliegenden Tälern, die einm schneidenden Kontrast bildeten mit dem kostümierten Völkchen oben auf dem Tcinzplatz; da hörte man noch kernige Laute, herzliches Zachen, chrlichen Handschlag.
Franzl, die Braut, überstrahlte heute alles in sinniger Schönheit. Holde Erregung gab dem zarten Braun ihres Antlitzes ein unbeschreibliches Inkarnat, die feine Lippe brannte fmerrot, aus dem tiefschwarzcn Haar hob sich das
saftige Grün des hohm Brautkranzes und warf einen leisen, feingetöntcn Schattm über das fmchte Rehauge, das beim Tanze in unnachahmlicher, keuscher Grazie sich mit den langen Wimpern senkte; da konnte selbst das schöne Nonei, glänzend in eitel Sammet und Seide, in raffiniert gewichlten, satten Farben, mit seinem freien, energischen Wesen und kühnen Blicken nicht dagegen auf- kommen,
Perlmann machte sich möglichst breit, die Hände in den Hosentaschen, einen grauen Hut mit Gemsbart aus dem edlen Haupt, drängte er sich überall hindurch, machte überall seine geistreichen Bemerkungen, erlaubte sich alle möglichen Frechheiten gegerr die jungen Mädchen. Er gerierte sich wie der Regisseur einer Provinzbühne, als ob alles nach seiner Anordnung von statten ginge, er gab sich den Anschein, als betrachte er alles mit dem überlegenen Auge des Künstlers, zu gleicher Zeit warf er seine Schlingen nach neuen Opfern für sein großes Unternehmen, betitelt:
„Erste oberbaherische Tänzer- und Sängergesellschaft unter Führung „der schönen Nonei"!"
Gottfried war das ganze Treiben oben auf der frisch'n Höh lästig, diese kindische und zugleich rücksichtslose Neugierde der Städter, die sich überall hcreindrängten, jeden Bissen zählten, der aufgetragen wurde, mit einer Un- gmiertheit während des Mahles hcrumstanden, horchten und guckten, die ihm einen sonderbaren Begriff von städtischer Lebensart und Bildung beibrachten, war ihm unerträglich. Er wollte von Anfang an die Hochzeit oben im Hofe halten, aber da hatte er es mit allen zu tun, er mußte nachgeben. Gerade krank machte ihn der Perlmann, der auch ihn mit seiner Aufdringlichkeit verfolgte, und nach Gewohnheit dieser Leute einen möglichst gemütlichen, volkstümlichen Ton mit ihm anschlug. Da mußte er noch sehen, daß dieser Mensch von seiner Tochter und Frau mit größter Rücksicht behandelt wurde, ja, daß er niit crsterer auf dem Vertraucusfuße stand, der ihm unbegreiflich war. Da war ihm die Schießstätte ein erwünschter Zufluchtsort — Pcrlmann haßte den Pulverdampf, das Kugelpfeifen/
„So ein Ding tonnt' ja leicht ein Unglück anrich-ten". Pflegte -er mit scheuem Blick auf die blitzenden Büchsen» löch-er zu sagen.
Ter Alte war früher selbst ein vortrefflicher Schütze, ja er schoß noch im vorigen Jahre mit, heute ließ er sich um keinen Preis von Ainbros dazu bewegen.
Er sei zu alt, und — für einen „Austrägler" schick' -es sich überhaupt nicht mehr.
Wenn der Hintermooser einen Spaß machen wollte, klang es immer ernst. Und er hielt Wort, er rührte kein Gewehr an, so lustig es um ihn in allen Ständen knallte, und die bunt gekleideten Zieler ihre Juchschreie ertönen ließen. Er stand hinter Ambros und sagte immer genau den einfallenden Schuß, so scharf war noch sein Auge. Eben blitzte es noch wieder auf bei Ambras, der Rauch verzog sich.
„A Blattl!" rief der Alte freudig, ehe der Zieler noch an die Scheibe trat, gleich darauf schwang dieser, in die Höhe springend, die rote Fahne.
„Bravo, Herr Hintermooser, gratulier'! Was a Schütz sie sind!" ertönte eine schnarrende Stimme hinter Gottfried.
Der wandte sich um. Moses Leinemann stand vor ihm. Er maß ihn von Kopf bis zu den Füßen und kehrte ihm wieder den Rücken.
Ambros verließ mit vor Schützenfreude geröteten Wangen den Stand; er war jetzt in seinem schmucken Anzug wirklich ein bildschöner Mann.
Leinemann drängte ihm seine Hand auf.
„Was sie a Glück haben, ein Jübiläumsschütz! Sie könnten reisen darauf und Geld verdienen damit!"
Er beachtete den Alten gar nicht, auch nicht Ambros abweisende Haltung.
„lind das schöne Weibchen! Feiner Geschmack, Herr Ambros! Und der Herr Vater den Hof übergeben —" er verneigte sich gegen Gottfried — „das laß' ich mir gefallen! Alles in einer Wollten! — Was ich fragen wollte, Herr Hintermooser — was wird denn vermessen bei Ihnen oben? Werden doch nix verkaufen, ein Mann wie Sie —"
