Mage zum Wiesbadener Tagklatt.
Mo. 359. Morgen-Ausgabe.
Mittwoch, den 6. August.
61. Jahrgang. 1903.
Steckt fein Problem darin, wer wird'? beklagen? Man kommt ancb einmal ohne Tiefsinn au?.
Und könnt ibr keine Frucht nach Hause tragen,
So nehmt euch ein paar Blumen mit nach Hans.
Gustav Falke.
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(8. Fortsetzung.)
Freiheit!
Roman von Walter Schmidt-Häßler.
Immer, wenn sie einige Zeit in ihrem Zimmer allein sein konnte, ohne daß es aufsiel, öffnete sie ihren Schrank, um in den kleinen Handkoffer, der darin versteckt war, irgend ein Stuck ihrer Habseligkeiten einzupacken. Nur das Notwendigste nahm sie mit, und die kleinen lieben Dinge, die der Wert der Erinnerung ihr unersetzlich machte. Als sie nach dem Essen eine Stunde ganz ungestört sein konnte, öffnete sie ihren kleinen Schreibtisch, der die harmlosen Geheimnisse ihrer ganzen Jugend enthielt. Sie nahm ein engbeschriebenes Heft heraus, ihr Tagebuch, in das sie in langen, einsamen Nächten mit ihrem Herzblut alles Schmerzliche und das karg bemessene Glück treulich niedergeschrieben hatte. Dann entnahm sie dem Fache einen kleinen Stoß Hefte, und leise lächelte sie vor sich hin, als sie eines derselben ausschlug. Sie errötete beinahe vor sich selbst, als hätte sie sich auf etwas Unrechtem ertappt. „Novellen" waren es, die sie geschrieben hatte, keine literarische Versuche eines schüchternen Talents, von dessen Vorhandensein niemand etwas geahnt hatte bis zum heutigen Tage.
Hier bleiben dursten sie nicht, verbrennen wollte sie die kleinen Schreibübungen auch nicht, denn sie hatte sie lieb, wenn sie auch jedenfalls wertlos waren. Ein Stückchen ihres Lebens hing ja an den Blättern. Mochten sie mit ihr hinausziehen in die Welt, ins Ungewisse.
Um sieben Uhr verließ die Mutter mit der älteren Schwester das Haus, um ins Theater zu gehen. Ella hörte in ihrem Zimmer, wie Frau Röminger auf dem Korridor noch mit Alma und dem Zimmermädchen sprach und für morgen noch einige Aufträge gab. Dann fiel die Korridortiir ins Schloß. Sie hatte die Sfimm« der Mutter zum letzten Male für lange Zeit gehört.
Sie legte die Hand aufs Herz. Ein unbeschreiblich wehes Gefühl stahl sich mit einem Male in ihr bisher so entschlossenes Gemüt. Sonderbar war es; aber sie empfand, daß das ethische Gefühl doch jeder normal gearteten Menschenbnist ein ganz seltsames Ding ist, daß das verwandtschastlicheBlut das einzelne Individuum doch mit zähen Banden an die Scholle kettet, dre es gebar. Und dennoch mußte sie sich losreißen. Es mutzte sein, das war gewiß; aber es ward ihr schwerer, als st« geglaubt hatte.
Langsam ging sie an den Schreibtisch und setzte sich, eine Träne stahl sich brennend in ihr Auge, als sie die ersten Worte schrieb: „Liebe Eltern!" — Sie schrieb, erst langsam, dann immer geschwinder. Endlich flog die Feder über- das Papier. Sie empfand eine grausame Wollust darin, alles Schmerzliche in sich auszuwühlen und alles Herbe noch einmal durchzuempfinden, in der Stunde, wo sie sich losriß von Heimat und Elternhaus.
Sie war ja nun mündig. Niemand konnte sie halten, sie hatte ein Reckt, zu gehen, wohin sie wollte, und von diesem Rechte machte sie Gebrauch.
Sie schrieb sich alles von der Seele,_ ohne bittere und verletzende Worte, einfach, klar und mit völliger Objektivität! Sie nahm Abschied von den Ihren, unwider- ruflichen Abschied.
Wohin sie ging, deutete sie mit keinem Worte an, und daß man sie bei ihrem Onkel nicht suchen würde, dessen war sie gewiß.
Tann schloß sie den Brief und steckte ihn in die Tasche. Und nun zog sie ihr Winterjackett an, setzte den Hut auf und band sich einen dichten Schleier vors Gesicht. Dann wartete sie in der Sofaecke, vor sich den Koffer.
Alles war still um sie her, nur der Regen schlug anS Fenster. Aus dem Wohnzimmer klang gedämpft das Piano, auf dem ihre Schwester sich mit dem „Gebet der Jungfrau" die Zeit Vertrieb. Lange saß Ella, ohne sich zu rühren. Es dünkte ihr eine Ewigkeit.
Wenn Erna nicht kam? Der Gedanke ließ ihr fast das Herz still stehen vor namenloser Angst.
Endlich klang die Entreeglocke. Sie hörte, wie geöffnet wurde, hörte Ernas Stimme, und das Klavier- sprel abbrechen. Dann ging die Tür zum Wohnzimmer und schloß sich wieder. , „ .
Das Dienstmädchen klopfte bei ihr. „Fräulein Förster ist da!" meldete dasselbe von draußen.
„Ich weiß!" rief Ella znrück, „ich hab's gehört, Anna! Sagen Sie, ich käme gleich. Ich zieh« mich nur um!"
Das Mädchen ging, machte in, Wohnzimmer dre Meldung und dann schloß sich geräuschvoll die Tür, die zur Küche führte. Mit einem Ruck fuhr jetzt Ella empor. Jetzt war es Zeit.
Leise öffnete sie die Tür ihres Zimmers. Alles war still, das Flurlicht brannte noch nicht, und so huschte sie leise über den Korridor, unhörbar öffnete sie die Entreetür, die sie hinter sich nur anlehnte, und sturmschnell floh sie die Treppe hinunter. Auf der Straße stand der Dienstmann, auch eine Droschke fand sich nach wenigen Schritten, und eine Viertelstunde später war sie auf dem Bahnhofe. Sie tat alles mechanisch, wie im Traume, wie im Fieber.
Das Billet war schon gelöst, als Erna in größter Erregung ankam.
„Schnell, schnell, in§ Coups!" waren ihre ersten Worte, „Alma sucht dich überall bei den Bekannten; denn du warst kaum fort, so ging sie, um dich zu holen. Daß du geflohen bist, ahnt sie ja noch nicht: aber schnell genug wird sie zur Erkenntnis kommen!" Beide Freundinmen eilten, so rasch sie konnten, auf den Perron, Ella stieg in ein Coupch wo sie sich tief in die Ecke drückte, und Erna verließ lange vor Abgang des Zuges den Bahnsteig; denn wie leicht hätte man sie erkennen und daraus einen Anhaltspunkt gewinnen können.
Ella rührte sich nicht. Sie wagte nicht zu atmen. Endlich ertönte das Abfahrtssignal. We ein Messer schnitt der schrille Pfiff durch ihre Seele nnd leise schauerte sie, wie im Frost, zusammen. Dann rückte der Zug an. Langsam rollte er aus der erleuchteten Halle. Dann ward es dunkel um sie her. dunkel, wie ihre Zukunft.
Erst jetzt kam sie allmählich zum Bewußtsein, zur klaren Zergliederung ihres verworrenen D-nkens. Sie
war frei! — Ein seltsam banges, und doch nicht schmerzvolles Gefühl beschlich sie beim Gedanken daran. Frei —- und allein! -—- Allein war sie ja stets gewesen, das Bewußtsein hatte nichts Erschreckendes für sie. Sie hafte es ja gewollt! In einer Stunde, pünktlich um neun llhr, würde der Dicnstmann den Brief beim Porfter im Elternhause abgeben, bevor das Haus geschlossen wurde. Dann war sie schon weit, weit fort, und niemand wußte, wohin.
Man würde sie morgen in der ganzen Stadt suchen; denn daß sie nicht über die geringsten Geldmittel verfügte, wußten sie ja zu Hause.
Und Herr Doktor Ellrich würde höchst verlegen sich an den Spitzen seines prachtvollen Schnurrbartes zupfen und den Ihrigen suchen helfen nach der verschwundene Braut. Der Gedanke hatte etwas unwiderstehftch Lustiges für sie, und unwillkürlich mußte sie lächeln, toemt sie sich des Bräutigams verdutztes Gesicht vorstellte.
Und so fing sie an, immer klarer zum Bewußtsein zu kommen, daß sie das einzig Richtige getan. Sie hatte vor der Wahl gestanden, ein langes Leben der Lüge und der Selbstentwürdigung zu beginnen, _ einen frivolen Meineid abzulegen am Altar im Angesichte Gottes — oder sich loszureißen von der Vergangenheit und allem, was dazu gehörte, und allein und einsam ihren künftigen Weg zu gehen, wohin er auch führte. Es war besser so, daß sie sich fteu blieb — und ihm, dessen Bild fte begleitete, tief im Herzen, wie ein letzter, wehmütiger Gruß aus der Kindheit. Sie war mit sich zufrieden und einig mit sich selbst.
*
Remmingen hafte sich verrechnet. Es war wunderbar, war ihm ganz unerklärlich, es erschien ihm völlig widersinnig — aber es war so. Reinhardt hatte sich seelisch von dem Schlage, der ihn getroffen hatte, nicht wieder erholt, war wenigstens nicht wieder der Alte geworden. Sein froher Lebensmut schien unwiederbringlich dahin, aus dem heiteren Jüngling mit den lachenden Augen war ein frühzeitig ernster Mann geworden. Slber der Künstler war gereift. Das tröstete den Freund über vieles hinweg.
Tatsächlich lvar aber Franz auch über etwas anderes noch enttäuscht, obwohl er es niemals geaen den Freund eingestand. Er hatte fest erwartet, daß Ella doch wenigstens einmal Nachricht von sich geben oder mit irgend einer Mtteilung ihre Handlungsweise rechtfertigen würde. Aber nichts war eingetroffen seit drei langen Monaten. Er hatte geglaubt, die Frauen zu kennen. hatte hier ein tiefgehendes, großes, heiliges Gefühl für den Jugendfreund vorausgesetzt. Und nun? — Nicht eine Zeile war gekommen in der langen Zeit. Das ging über sein Begriffsvermögen.
Eines Morgens kam Remmingen früher, als er sonst pflegte, in Reinhardts Wohnung, hoch oben im fünften Stock, wo er sich sein kleines, primitives Atelier eingerichtet hatte, wo die Morgensone ungehindert herein- störnfte, und wo vor dem Fenster sich das ganze Rom in all seiner Herrlichkeit ausbreitete, bis zur Via Appia hinuter. Weit hinter dem bezaubernden Bilde zogen die bläulichen Berge der Kampagne hin und verschwamme« am Horizont in einem Nebel von Licht und schleirigem Dunst.
sFortsetzung folgt.)
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