61 . Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: durch den Verlag 6« Pfg. monatlich, durch di« Post » Mk. 6» Pfg. vierteljährlich für beibc Ausgaben zusammen.
Berlag: Langgafse 27.
19,000 Abonnenten.
Anzeigen-PreiSr
Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Pctitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
**•»*>*■»*« % tiHitlutti» für die Abend-Ausgabe bi» 12 Uhr mittag», für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst» lllf erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
||0. 360. BerlagsHernsprecher R». Ali».
Mittwoch» de« 3. August.
RedaktionEHernsprecher No. dl.
1902.
n. j
n
Abend - Ausgabe.
Papst Pius der Zehnte.
Das Konklave, welches vom Freitagabend bis zum Dienstagvormittag getagt und sich erst bei der siebenten Abstimmung auf einen Kandidaten geeinigt hat, har keine Überraschungen gebracht, sondern der Ausgang der Wahl hat den Vermutungen, die man darüber hegte, entsprochen. Nachdem die ersten Abstimmungen ergebnislos verlaufen waren, mußte man annehmen, daß es keinem derjenigen, die in erster Reihe als Papabili genannt waren, gelingen werde, die erforderliche Zweidrittelmehrheit zu erhalten, und daß aus dem Konklave ein sogenannter Kompromißkandidat hervorgehm werde. Und so ist es auch gekommen. Weder haben die „Gemäßigten" einm ihrer Kandidaten, Gotti, Vanutelli und Agliardi, noch die „Unversöhnlichen" einen der Ihrigen, Rampolla, Oreglia und di Pietro, durchgebracht, sondern bei der siebenten Abstimmung hat der Patriarch von Venedig, Kardinal Sarto, den wir wiederholt als den chancenreichsten Kompromißkandidaten bezeichnet hatten, den Sieg davongetragen.
Giuseppe Sarto, jetzt Pius X., wurde am 2. Juni 1835 zu Riese in der Provinz Treviso geboren, steht also im Alter von 68 Jahren. Vielen Besuchern der märchenhaft schönen Lagunenstadt Venedig, das ja gerade einen besonderen Anziehungspunkt für das deutsche Reisepublikum bildet, dürfte der Patriarch von Venedig keine unbekannte Größe sein. Schreiber dieses sah ihn im Herbst vorigen Jahres im Markusdom zu Venedig das Hochamt zelebrieren. Der neue Papst ist eine kräftige, stattliche Erscheinung von etwas mehr als Mittelgröße. In seinem feinen, klugen Gesicht fallen die lebhaften und doch außerordentlich mild und freundlich blickenden Augen auf. Die 68 Jahre steht niemand der rüstigen und zugleich vornehmen Erscheinung an.
Pius X. ist ein Mann von einfachster Herkunft, gilt aber als ganz hervorragend und umfassend gebildet. Sein Vater war ein Bauer mit sehr geringem Besitz, sein Bruder, hat eine kleine Trattoria (Schankwirtschaft) in Mantua; von seinen beiden Schwägern hat der eine eine Tabaktrafik in Riese, und der andere ist Organist in Salzano, wo Sarto lange Zeit als Pfarrer amtierte. Sartos Laufbahn war auf rein kirchliche Ämter beschränkt, und er hat niemals einen diplomatischen Posten oder ein Amt im Vatikan bekleidet. Im Jahre 1884 wurde er Bischof von Mantua, und seit dem Jahre 1893, also seit einem Jahrzehnt, ist er Kardinal und Patriarch von Venedig.
Es ist begreiflich, wenn hie und da der Versuch gemacht wird, aus der Vergangenheit Sartos einen Schluß
daraus zu ziehen, wie er sich in Zukunft als Papst verhalten wird, aber wir haben erst gestern dargelegt, daß diese Bemühungen ziemlich fruchtlos sind. Tenn einmal pflegt der Papst häufig genug ein ganz anderer zu sein, als es der Kardinal war, und zweitens ist auch der Papst abhängig von den Strömungen unter den Kardinälen. Immerhin läßt sich aus der Wahl Sartos ein Schluß ziehen, nämlich der, daß die Partei der Unversöhnlichen nicht über eine Mehrheit unter den Kardinälen verfügt.
Denn wenn auch über Sartos Charakter, da er in seinem Tun und Treiben stets sehr zurückhaltend war, die Meinungen ziemlich schwanken, so steht doch jedenfalls fest, daß er nicht zur Gruppe der schroff Unversöhn
lichen geyört. Er hat sich stets auf die Ausübung seines geistlichen Amtes beschränkt und sich an den Parteistreitigkeiten im Vatikan niemals beteiligt. Bis zu den siebziger Jahren gehörte Sarto sogar zu den kirchlich Liberalen, schwenkte jedoch dann zu der orthodoxen Richtung ab. Intransigente Neigungen hat Sarto niemals erkennen lassen, im Gegenteil hat er sich lebhaft an dem öffentlichen Leben in Venedig beteiligt und sich auch bemüht, ein leidliches Verhältnis zum Quirinal anzubahnen. So hat er seiner Zeit zum Ärger der schroff antiitalienischen Elemente im Vatikan dem König Humbert und der Königin Margherita bei ihrer Ankunft in Venedig einen feierlichen Empfang bereitet, und im vergangenen Jahre stattete er auch dem jetzigen Königspaar einen Besuch ab.
Aber es wäre trotzdem, wie schon betont, verfehlt, aus Sartos Verhalten als Kardinal einen Schluß auf die Politik des Papstes Pius X. zu ziehen. Noch unberech
tigter wäre es freilich, aus dem Umstande, daß der neu< Papst den Namen Pius X. angenommen hat, zu schließen^ daß er in den Bahnen des radikalen, alle diplomatischen! Rücksichten verschmähenden Pius IX. wandeln werde. Ter erste unlängst erfolgte Protest der Kardinäle gegeni die italienische Regierung hat gezeigt, daß in absehbare« Zeit kaum auf einen grundsätzlichen Wandel in der Stellung des Vatikans zum Quirinal zu rechnen ist. In de« Sache wird alles beim alten bleiben, wenn vielleicht auch in der Art und Weise des Verhaltens gegenüber der italienischen Monarchie eine etwas mildere Nuance Platz greifen wird. Die päpstliche Politik wird aller Voraus», sicht nach denselben Faden, wenn auch vielleicht um ein« Nummer feiner, weiterspinnen.
-ü
Pius der Zehnte genießt den Ruf großer Geschicklichkeit und Festigkeit. Er beteiligte sich rege an dem öffentlichen Leben Venedigs und der ganzen Provinz, Unter seinen Auspizien bildete sich dort eine Liga, welche in der gemäßigten Partei der Stadt und Provinz und in der katholischen Partei Anhänger gewann. Diese Liga gewann schließlich die Oberhand und maßgebenden Einfluß im Stadtrat und Provinzialrat. Sie war auch im letzten Jahre siegreich; ihre Anhänger bereiteten Sarto bei seiner Abreise nach Rom eine Huldigung. Er sagte indessen, er rechne nicht darauf, gewählt zu werden, und nahm ein Retourbillet.
Der neue Papst steht im 69. Lebensjahre. „Es war uns vergönnt" — schreibt die „Köln. Volksztg." — „ihn Ende April bei einem fesllichen Ereignisse zu sehen, da» für die alte Dogenstadt wie für die Patriarchalkirche vor» San Marco von hoher Bedeutung war: bei der Grundsteinlegung für den neuen Markusturm. Der Kardinal- Patriarch bildete mit seinem Klerus den Mittelpunkt dieser Feier, zu der als Vertreter des Königs der Gral von Turin erschienen war. Die Beziehungen zwischen geistlich und weltlich gestalteten sich bei dieser Gelegen!- heit naturgemäß freundlich, da das Band gemeinsamer großer Erinnerungen, der Erinnerungen der einstigen glänzenden Beherrscherin der Meere, alle umfaßte. Patriarch segnete den Grundstein, und sofort nach Vollziehung dieses Aktes scharten sich der Graf von Turin und sein Gefolge um den Patriarchen. Dieser reichte bei dcch Einlassung des Steines, obwohl er nach dem ZeremoniÄ zuerst an der Reihe gewesen wäre, dem- Grafen von Turn» die silberne Kelle, legte daraus das Ornat ab und hieK eine Ansprache, in der er seiner Freude Ausdruck gab) daß gerade ein öffentlicher religiöser Akt den Wiederaufbau des Markusturmes einleite. Venedig sei ja von Anfang an eine treue Anhängerin der christlichen Kirche gewesen." — , Joseph Sarto machte seine Stu- dien in Treviso und Padua. Zum Priester am 18. Sep^
MlerwUhlter Grund.
Roman von Anton Freiherr« von Perfall.
(10. Fortsetzung.)
Er hatte sich in einen heiligen Zorn hineingesprochen, seine Faust dröhnte auf dem Ahorntisch.
Ambros verletzte dieser herrische Ton, jetzt war doch er der Herr, gab er jetzt nach, war seine Stellung für immer verloren.
„Das wirst schon mir überlass'n!" entgegnete Ambros.
„Wenn's d' Schneid net dazu hast?" entgegnete höhnisch Gottfried.
„Dann g'schieht eben nix und die Sach' wird friedlich beigelegt."
„Das will ich aber net!" schrie der Alte, die Anspielung des Sohnes in seiner Wut nicht merkend.
Ambros zuckte die Achseln.
„Was icf)' will, auf das kommt's doch jetzt an seit heut", sagte er scharf, jedes Wort betonend, wie Haß blitzte es auf in seinen Augen.
Gottfried fuhr zurück, er traute seinen Ohren nicht.
„Seit heut!" Das dröhnte an sein Ohr wie Donner, dann ergriff ihn wahnsinnige Wut, die Zornader schwoll chm auf der Stirne wie eine Sehne.
„Bub, elender, das traust du dir deinem Vater z' sog'n und is d' Sonn' no net untergang'n über die Übergab'? Sag's no amal und ich will dir zeigen, daß ich trotz allem dein Vater bin und bleib'."
Er drang mit geballter Faust auf ihn ein.
„Sag's, auf wen kommt's an seit heut?"
„Auf mich allein, wenn's d' no amal hören willst."
Ambros wich keinen Schritt, er fühlte sich jetzt als der Herr, das gab ihm Mut zu dem Unglaublichen, seinem erzürnten Vater zu widerstehen.
, Dieser hob aus zunr Schlag, dann ließ er plötzlich dre Arme kraftlos sinken.
„Recht hast", keuchte er ermattet, ließ sich auf die Bank nieder und verbarg sein Antlitz in die Hände.
Ambros hatte erreicht, was er wollte, jetzt empfand er sogar Mitleid.
„Mach doch kei' so Wef'n, Vater", sa>gte er gutmütig, „schau, 's hat ja an andern Grund, warum rch Dein' Willen net tu'. D' Schneid fehlt mir net und leicht möglich, daß ich für 'n Augenblick was erreich', aber, schau, wenn's dann do amal so wert käm', die vom Bergwerk lassen net aus, wenn es sich wirkli die Arbeit lohnt, und z'letzt setzen ste's doch durch, und wenn's dann wirklich so käm', wie du vorhin g'sagt, mit an neuen Schacht oder so was, auf unfern Grund — und wenn's halt dann doch zu einer Abtretung — oder ein — Verkauf kommen tat’ —"
Gottfried wurde bleicher, er blickte mit offenem Munde seinen Sohn an.
„Dann — dann —"
Ambros wagte sich noch nicht recht heraus mit der Sprache, der Alte blickte zu kraß.
„Na, dann, mein' ich, täten die halt auch ihren Kopf aufsetzen, wenn's ans Ablösen ging — wenn ich's jetzt in d' Hitz bring' — das ist der Grund."
„Ans Ablösen? Was ablösen?" fragte der Alte starr.
„Herrgott, sei nur net so stützt", fuhr ungeduldig Ambros auf, „was ablösen? Den Hof — alles, was ihnen im Weg ist! Ter Verwalter hat's ja schon damals g'sagt, wie er 's Holz von dir hat haben wollen in der Grimsl — Hab' ich's dir net erzählt?"
„Ambros", die Stimme klang gebrochen, „das ist Dein Ernst net, gelt? Das sagst nur aus Trotz, gelt? Du tust Di do eher d'erschlag'n lass'n da auf 'n Fleck, als daß — na, Ambros", er lachte gezwungen, „das weiß ich schon, das tust net — aber — aber — wie kannst Du nur so reden", donnerte er ihn Plötzlich an, „elendiger Bua!"
„Hast mi ja selber drauf bracht mit Dei'm Schacht und Stoll'n, an die jetzt no niemand denkt — was willst denn machen dann? — D'erschlagen lassen!" Er lachte hell auf. „Recht zahlen lassen, das ist besser, meine ich."
„Und was nachher?" fragte beklommen der Alte.
„Nachher, nachher is nimmer hciklich", erwiderte Ambros lachend.
Da stand der Alte auf, wischte sich die feuchten Augen, trat vor dm Sohn und spuckte verächtlich aus.
„Pfui Teufel!"
„Vater!" bmuste Ambros auf.
Ta trat Theresa ein, die den heftigen Wortstreit schon längst mit Besorgnis vernommen, sie schlug wie gewöhnlich in solchen Fällen einm heiteren Ton an.
„Aber, Kinder, ich dachte, es wird lustig hergehsn dm Abend zur Feier der Übergabe?"
Gottfried wollte sie nichts merken lassen.
„Wir reden halt a bißl lauter, wir Bauersleut', daß man gleich meinm könnt', wir streiten —"
„War' noch schöner der Sohn mit dem Vater, an dem Tag, wo er von ihm einen Hof gefckimkt bekomnvt", entgegnet« mit vielsagendem Blick auf Ambros, der darunter tief errötete, Theresa. „Das müßt ein netter Herr sein, so ein Sohn. Der würde ja bei uns in der Stadt Verve rächtet werden, und erst bei mch, dem biederm, gefühlvollen Gebirgsvolk, von dem alle unsere Achter schwärmen! Nein, Herr Ambros, ich weiß schon, daß Sie ein dankbarer, braver Sohn sind, der wohl weiß, daß sein alter Vater doch der Vater bleibt! — Kein Fest also, nun, dann wollen wir's im stillm feiern heute abend, nicht wahr? Ganz klanglos kann doch, meine ich, der Tag nicht vergehen — wenigstens die Franzl und ihr Vater müssen doch auch dabei sein."
„Machen Sie's nur,. Fräul'n", Gottfried drückte ihr die Hand, „Sie verstehen das alles ja am besten", und ging hinaus.
Nach einer viertelstündigen Unterhaltung mit Ambros lief dieser selbst ins Dorf hinüber, um Franzl und den Vater für dm Abend einzuladm, und bestellte zugleich frisches Bier und Wurstwarm für das Gesinde; er ärgerte sich jetzt, daß er nicht selbst auf dm Gedanken gekommen ist, das wäre viel anständiger und gescheiter gewesen, als mit dem Vater um des Kaisers Bart zu streiten.
Und es war doch ein kleines Fest, wie sich Theresa es in den Kopf gesetzt, auch Nonei und die Mutter kamen auf eine Stunde herauf. Ein paar Geigm — das Gesinde tanzte und stainpfte auf einem auf der großen Wiese provisorischem Tanzbodm. Im Sommerhaus« saßen die Familienangehörigen und Theresa in größter Eintracht beim Tirolerwein.
Ambros suchte sichtlich sein Benehmen von heute
