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Vergnügungssucht und Landflucht.
Wer die großen Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens der Gegenwart beobachtet und ein offenes Auge für die mannigfachen Schäden desselben hat, der wird auch an der Landflucht nicht achtlos vorübergehen können. Und es ist selbstverständlich, daß er sich dann die Frage vorlegt, was eigentlich die Ursache dieser Erscheinung ist, die von den Volkswirtschaftlern bedauert und von den Sozialpolitikern als eine unbedingt notwendige Folge unserer wirtschaftlichen Verhältnisse hingestellt wird. Zweifellos ist die Landflucht ein tief zu bedauerndes Übel und ebenso zweifellos ist es, daß sie notwendigerweise äus unserem Wirtschaftsleben resultiert, das sich mehr und mehr in den größeren Städten konzentriert und seine Hauptmacht dort entfaltet, wo das Kapital am mächtigsten ist. Ist aber die Landflucht eine Konsequenz der wirtschaftlichen Entwickelung der letzten Jahrzehnte, kann bann die Vergnügungssucht überhaupt noch bei ihrer Erklärung in Frage kommen?
Tausende wird es geben, die diese Frage sofort bejahen werden und unter diesen Tausenden werden sich mindestens achtzig Prozent befinden, die noch weiter gehen, die die Vergnügungssucht nicht nur als nebenbei in Frage kommend in Betracht gezogen haben wollen, sondern ihr vielmehr die Hauptschuld an der Landflucht beimessen. Die so weit gehen, befinden sich augenscheinlich im Irrtum.
Es fällt uns nicht ein, zu leugnen, daß ein großer Teil der Menschheit an der Vergnügungssucht leidet, und es wäre töricht, wollten wir die Arbeiter davon freisprechen. Aber dagegen möchten wir doch Einspruch erheben, daß man, wie das so häufig geschieht, lediglich die Arbeiterbevölkerung. als vergnügungssüchtlg hinstellt. Wir alle ohne Unterschied leiden an dieser
„Krankheit", wenn man sie einmal so nennen will, die einen weniger, die anderen mehr. Und auch darin unterscheiden wir uns, was wir als Vergnügen auffassen. Der feinere Geschmack wird vielfach an den Belustigungen, denen der geringe Mann mit Vorliebe nachlagt, nur wenig oder gar kein Vergnügen finden, er sucht sein Vergnügen wo anders als in der Kneipe, bei Vereinsfesten, im Tanzsaale. Das aber, was ihn dazu leitet, das eintönige Alltagsleben durch angenehme Zerstreuungen zu würzen, ist im Grunde derselbe Drang, der den Arbeiter auf seine Art Vergnügungen veranstalten und aufsuchen heißt. Da wir die Welt nicht als das Jammertal ansehen können, in dem keine Freude recht gedeihen kann, und da wir nicht glauben, daß es unserem Herrgott besser gefällt, wenn wir den sinnlichen Genuß lediglich auf das Matz beschränken, das zur Erhaltung des Lebens unbedingt erforderlich ist, so können wir die Vergnügungssucht nicht bedingungslos verdammen. Wir sind aber immer dabei, sie zu bekämpfen, wenn sie sich über das Maß des Vernünftigen und Zulässigen erhebt und zur wirklichen krankhaften Sucht wird. Und wenn es sich um die Veredelung der Vergnügungen handelt, so würden wir die letzten sein, die sich ablehnend verhalten.
Man sagt, die Vergnügungssucht treibt die Arbeiter aus den Dörfern und Kleinstädten in die Großstädte. Dort wollen sie ihr Leben genießen, wie sie es in den beschränkten ländlichen und kleinstädtischen Verhältnissen nicht vermögen. Bei manchen mag das zutreffen, aber nicht bei allen, noch nicht einmal bei der Mehrzahl. Was sollte denn auch der Arbeiter in der Großstadt an Vergnügungen haben, die er auf dem Lande nicht haben könnte? Alle Vergnügungen, an denen der städtische Arbeiter teilnehmen kann, finden wir auch auf dem Lande, manche sogar noch reichhaltiger als in der Stadt. Theater, Konzerte — sind sie nicht den Arbeitern noch immer verschlossene Paradiese? Nicht nur deshalb, weil es ihre Mittel nicht erlauben, solche Vergnügungen aufzusuchen, sondern auch deshalb, weil es ihnen an derjenigen Bildung fehlt, die man haben mutz, will man im Theater und im Konzerte wirklich auf seine Rechnung kommen. Wenn das Volk sich auf eine Art vergnügt, die vielen Gebildeten unverständlich ist, so ist das zum weitaus größten Teile auf Rechnung der mangelhaften Bildung zu setzen, die man den unteren Volksklassen angedeihen läßt. Die Schuld liegt also nicht allein an dem Volke. Je gebildeter der Mann aus dem Volke ist, je weniger wird er an dem Übel leiden, das man als Vergnügungssucht bezeichnen kann, wenn es im Mißverhältnis zu den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen steht.
Was die Arbeiter und gerade die intelligentesten unter ihnen in die Städte treibt, das ist nur zu einem verschwindend kleinen Teile Vergnügungssucht. Btan frage einen Arbeiter, weshalb er in die Stadt gegangen
ist, und in neunzig von hundert Fällen wird man zweisel, los die Antwort erhalten: „Ja, weil ich mich draußen auf dem Lande nicht ernähren konnte." Und sollte nicht auch das Verlangen nach Wissen und Bildung einen Ein. fluß auf die Landflucht auSüben? Dann ist aber noch ein Punkt, der bei der Entscheidung der Frage, ob Lani oder Stadt, schwer in die Wagschale fällt. Das ist dif Sorge um die Existenz der Nachkommenschaft. Man wil! ja wohl herausgebracht haben, daß die vom Lande in di« Stadt verpflanzten Familien im dritten Miede bereits aussterben, indessen von dieser Möglichkeit läßt sich der dorf- und kleinstadtmüde Arbeiter nicht beeinflussen; si, liegt ihm zu ferne. Es ist auch Tatsache, daß eine erheb« liche Zahl der Lanbflüchtigen in den Städten nicht bas finden, was sie erwarteten, daß sie aus dem Regen in die Traufe kommen und ihre wirtschaftliche Lage verschlechtern statt sie zu verbessern; das würde aber nichts gegen die Annahme beweisen, daß die Landflucht trotz alledem ihre Ursache in wirtschaftlichen Verhältnissen hat. Wenn der Landflüchtige damit rechnet, daß es seiner Nachkommenschaft in der Stadt leichter wird, sich eine Existenz zu begründen, so rechnet er, wie die Erfahrung lehrt, durchaus nicht falsch. Die Ausbildung, mag sie aus ein Ziel hinauslaufen, auf welches sie will, wird in der Stadt wesentlich erleichtert. Ein junger Mensch, der ferne fünf Sinne beisammen hat, kann sich, wenn er will, in der Stadt immer vorwärts arbeiten. Auf dem Lande aber, wo es an Bildungsgelegenheiten, namentlich für den geringen Mann, überall mangelt, hilft selbst der beste Wille meistens nichts. Denn aus nichts kann kein Sterblicher etwas machen, auch nicht der gescheiteste.
Wer die Landflüchtigen ohne weiteres mit dem Hinweis aus die Vergnügungssucht abtun will, der beweist damit nur, daß er einen recht eng begrenzten Blick für soziale und wirtschaftliche Nöte und Mißstände hat. ä.
Deutsche» Deich.
Klaffen-Justiz.
Im Augustheft der „Preußischen Jahrbücher bespricht Professor Hans Delbrück mehrere auf^ fällige Gerichtsurteile der letzten Zeit, wie das Löbtauer, das wider Graf Pückler und das ober- kriegsgerichtliche gegen Hüssener, und schließt daran folgende Bemerkungen über „Klassen-Justiz":
Was verstehen wir unter Klassen-Justiz? Selbst die Sozialdemokratie behauptet nicht, daß es bewußte Parteilichkeit und Ungerechtigkeit sei, sie behauptet nur, daß die Inhaber der rich. lenden Gewalt bei uns unbewußt befangen sind in gcwiffen Bor. stcllungen ihres Standes und ihrer Klasse und aus diesem Vorstellungskreise heraus fortwährend Urteile sprechen, die von den niederen Klassen als schweres Unrecht empfunden werden. Ich glaube, daß tatsächlich hier der eigentliche Knotenpunkt unserer politischen Verwicklung ist. Worüber haben sich denn die untere» Klaffen bei uns eigentlich zu beklagen? Es ist ja eine Albernheit,
Feuilleton.
Warum?
Badebilder von Hugo Klei».
I.
Man hat gar keine Idee, warum oft schöne Frauen rt die Bäder reisen. .
Gleich am ersten Tage meiner Ankunft m dem be- ühmten Badeorte machte ich die seltsamsten Erfahrungen, früh morgens am Brunnen traf ich eine schöne, blonde vame, in deren Salon in der Residenz ich im Wrnter lianche Stunde angenehm verplaudert habe. Es ist eine ehr schöne Blondine. Ach, wenn Sie sie kennten! Es ist >er Mühe wert, sie zu kennen. Denn sie ist nicht nur chön, sondern auch liebenswürdig und unterhaltend. Vir begrüßten uns herzlich, sie war aber öiesesmal nerkwürdig kurz angebunden. Sie hatte Eile. Den »ritten Becher hatte sie eben geleert, nun galt es zu mar- chieren!
„Wir sehen uns ja in der Frühstücksstation! Im Waldhäuschen, nicht? Also au revoir!"
„Au revoir!" Sehr löblich, dachte ich, nne die schöne Zrau die Kur hält! Was ihr nur fehlen mag? Ich habe iie gehört, daß ihr etwas fehlte.
Das Rätsel ihrer Eile wurde mir in der Frühstücks- ftatton gelöst. Das Frühstück war längst schon verzehrt, AS ich mit den Nachzüglern im Waldhäuschen anlangte. Die schöne Frau aber war mit bekannten Ehepaaren an einem Tische im Schatten einer mächtigen Linde wunderbar installaticrt. Dort wurde Poker gespielt. Jeden Tag nach dem Frühstück. Und auch an diesem Morgen.
Eben hatte die schöne Frau wieder einen starken Einsatz eingezogen. Die Kühnheit ihrer Einsätze hatte alle Partner zur Flucht gezwungen.
„Ich wette, sie hat wieder „geblufft .sagte ein Herr, der sich zum Spiele gesellt hatte. „Mit ihrem „Bluffen nimmt sie uns das ganze Geld ab."
Die blonde Schelmin lachte. Ja, sie mutzte wieder
»geblufft" habe«. , _ ,
<?ch „blussc" so gerne", sagte sic mir im Vertrauen, »es lieg: ein eigener Reiz darin, eigentlich gar nichts «per doch nichl viel in der. Karten zu haben, und die
anderen, denen ein besseres Blatt zugefallen, trotzdem in die Flucht zu treiben. Ich weiß, es gehört eine gewisse listige Vorspiegelung dazu, namentlich cm Blick, Miene und Geberde, die niemals etwas verraten dürfen, so daß die Partner nicht wiffen, woran sich zu haltem Ein gutes Blatt muß riesig ausgenützt werden. Durch Steigerung des Einsatzes natürlich. Halten die Leute das Spiel und fallen sie einmal hinein, so haben sie in der Folge Respekt. Und man kann, wenn man es versteht, bluffen. Bluffen soviel man will."
„Eigentlich ist das englische Wort bluff in der Bedeutung gleicki mit dem deutschen Verblüffen, nur ist es schärfer, mehr Abschrecken als Verblüffen. In dem Sinne aber, wie es die edlen Yankees im Pokerspiel gebrauchen, ist cs schon soviel wie schwindeln. Wissen Sie das, meine Gnädige?"
„Ach. die häßlichen Worte!" sagte die schöne Blondine mit einem kleinen Seufzer. „Es mag ja ein wenig Schwindel dabei sein, ich gebe es zu. Aber in diesem Kartenspiel ist er erlaubt. Und wer geschickt blufft, bezeugt die größte Fertigkeit, ist Sieger, Gewinner. Ist das nicht hübsch?"
„Nun ja", sagte ich lächelnd, „man läßt sich von einer schönen Frau sogar gern hinters Licht führen."
„Wirklich? Sie auch? Sie müssen einmal mitspieleu. . . . Ist dieser Tisch hier unter der Linde nicht ein herrliches Plätzchen zum Kartenspiel? Hier ist es immer kühl, ein frisches Lüftchen streicht erfrischend, liebkosend förmlich vom Wasser herüber . . . Glauben Sie mir, aus dieses Spielchen hier freue ich mich am meisten bei meiner Badereise. Andere Frauen kommen her, ihre Toiletten zu zeigen, zu flierten, sich zu vergnügen Ich reise eigentlich nur ins Bad, um unter dieser Linde pokern zu können. Seltsam, nicht wahr? Aber es ist so."
II.
Die schöne Braune kennen Sie auch nicht? Wie schade! Es ist wahr, sic hat die herrlichsten, kostspieligsten Toiletten, aber man muß es verstehen, sie auch zu tragen. So wie diese schöne Braune kleiden die märchenhaften Roben selten eine Frau. Meistens schillert ihr Haar ins l Rötliche, das gibt dem schönen Antlitz einen neuen, i warmen, entzückenden Rahmen. Ich erkundigte mich I nach ihrem Befinden.
„Ach", sagte sie, und sie schlug die Augen mit einem gefühlvollen Blicke zu mir auf, „Sie haben keine Idee, wie angestrengt man hier ist."
»Ist Ihre Kur eine so strenge?"
„Das nicht. Ich habe mich vielleicht nicht gut ausgedrückt. Ich wollte sagen, man sei hier schrecklich in Anspruch genommen. Und es ist schon eine Anstrengung, alles mitzumachen, was man doch, wenn man einmal hier ist, mitmachcn soll. Wir sind eine große Gesellschaft, die zusammenhält. Wollen Sie mittun? Wir machen alle Tage einen anderen Ausflug zehn Meilen in der Runde, in Wagen, auf der Eisenbahn, mit dem Fahrrad, dem Automobil. Dann machen wir große Fußpartien nach schönen Aussichtspunkten oder ausgezeichneten Restaurants im Grünen. Wir machen Kahnfahrten, wir spielen Lawntennis. Jede Woche veranstalten bedeutende Künstler hier ein, zwei Konzerte, die man doch anhören muß. Im Theater sind berühmte Schauspieler zu Gaste. Sie werden sagen, es sei ein seltsames Vergnügen, hier im Bade, bei 80 Grad Celsius im Schatten, sich „Nathan den Weisen" anzusehen. Wenn aber alles geht, werden Sie zu Hause bleiben? Das Theater war übervoll, schon um 10 Uhr früh zahlte man Agio für die Sitze. Dann die Rennen. Diese Woche haben wir drei Renntage. Glauben Sie, daß „Spcranza" laufen wird? Doch, was frage ich, Sie kümmern sich ja nicht um den Sport. Dann nehmen wir gern an der abendlichen Kur- musik im Park teil. Im Knrhause ist jeden Sonntag Tanzkränzchen. Morgen besichtigen wir ein altes Schloß im Gebirge... Ja, verehrter Freund, glauben Sie nicht, daß es ein Kunststück ist für ein armes, schwaches Weib, das alles zu leisten, das alles mitzumachen? Wobei man noch wenigstens dreimal in der Woche mit der Schneiderin zu tun hat, was jedesmal zwei Stunden verschlingt. Die Bäder sollte man eigentlich auch nehmen. Wissen Sie, daß ich die letzte Woche nicht dazu gekommen bin, ein Bad zu nehmen? Und ich brauchte es so sehr, der Arzt hat so ernsthaft vor der Abreise mit mir gesprochen."
„Ja, meine Gnädige, mir scheint selbst, das wird hier eine sehr zweifelhafte Erholung für Sic sein."
„Erholnng? Wie könnte das Erholung sein? Diese Mühen, diese Eile, diese Hetze. Nein, Erholung ist das nicht. Zur Erholung habe ich übrigens im Winter Zeit
