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M. Jahrg«»«.

Lrschetm in zwei Ausgabe». — BezugS-Prei»; durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post M Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasie 27.

Abouneute«.

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§t0* 355* VerlagS-Fernfprechcr No. 2958.

Sonntag, den 2. Anguss

Redaktions-Fernsprecher No. öS. 1903«

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Ersparnisse an der Armee.

(Bon unserem militärischen Mitarbeiter.)

I.

So oft noch stemdherrliche Offiziere deutschen Manövern und Paraden beigewohnt haben, erscheinen in den resp. ansländischen Blättern mehr oder weniger zutreffende Kritiken über unsere Armee.

In zwei Punkten stimmen diese Besprechungen unsere Wehrmacht betreffend stets überein, nämlich sie loben die straffe und gleichmäßige Ausbildung der Infanterie und tadeln das wenig gute Material der deutschen Reiterregimenter. Selbst der letzte Bericht der englisch«: Offiziere, welche nach dem Fiasko, das ihre Kavallerie in Südafrika erlitt, vollen Grund hatten zu schweigen, versagte es sich nicht, die mäßig aussehenden Rosse unserer Armee zu bekritteln.

Wie kommt es, daß das schöne und ausdauernde ostpreußische Pferd — denn um dieses handelt es sich hauptsächlich — so wenig Gnade vor dem Auslande findet?

Weil die Fremden zur Manöverzeit meist abgetriebene müde Rosse sehen, deren Äußeres nicht verrät, was in ihnen 'steckt.

Warum treiben wir unsere Pferde so ab, daß sie den ausländischen Gästen so wenig irnponieren?

Ja, weshalb? Weil es Mode ist, 15, 20, ja 30 Minuten lange Galopps zu reiten und unser edles teueres Material über Gebühr zu ruinieren l

Greffen wir zurück in die Glanzperiode der Kavallerie, in die Zeiten des siebenjährigen Krieges und der Feld­züge Napoleons I. Der Angriff begann im offenen Gelände auf 1000 Schritt mit Trab, ging in Galopp

Feuilleton.

Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Lindenberg.

Eia« „sonderbare" Gesellschaft. — Männlein nnd Wciblcin am Schlachtensee. — Die Waldspiele der Berliner Finkenschast. — Bon der „Renen Gemeinschaft" und ihrem Heim. — Peter Hille and seine Dichtungen. — Schauspielkunst im Grunemald. — Die

theaterloscn Abende Berlins. — Eine Premiere im Zoo.

„Ihr seid so sonderbar" -Elisabeth

von Thürjngm, die Heilige, mit langer, blonder Locken­perücke und weißen Ballschuhen sprach die Worte dumpfen Tones zu dem ihr etwas schuldbewußt entgegen­tretenden Paare Walter von der Vogelweide und Bar­bara, die unter endlosen Ltebesbeteuerungen eine gute halbe Stunde lang im Grünen gekuddelmuddelt hatten und deren heiße Minne selbst ein plätschernder Regenguß sucht abzukühlen vermochte. „Ihr seid so sonderbar —" das hätte unwillkürlich jedermann gerufen, der aus dem Waldesdickicht, unvorbereitet, wie er war, aufgetaucht wäre und plötzlich die merkwürdige Gesellschast erblickt hätte, die sich in einem Tannenhain oberhalb des Schlachtensees zusammengefunden, diese auf Stühlen oder Holzschemeln sitzend, jene auf dem durchfeuchteten Baden hockend, andere in möglichst malerischer Haltung an die dürren Stämme gelehnt. Und er hätte seinen Ausruf lebhaft wiederholt, wenn er dies aus etwa 150 bis 200 Personen bestehende Publikum ein wenig des iRüheren gemustert. Himnrel, welch eigentümliche Frauen- und Mädchenerscheinungen waren darunter, mit aufgeplusterten Wuschehaaren, die den Hellen Mid her Zulukafferndamen erregen konnten, mit schloddern- den Reformkleidern, die, was Farbe und Machart anbe- .traf, um den Preis der Geschmacklosigkeit stritten, mit Schuhen, welche vor langer, langer Zeit vielleicht mal !r:eu gewesen waren. Und ein Kreis edler Jünglinge Ibildete die würdige Ergänzung dazu: bei ihren von Schlapphüten halbverdeckten Mähnen dachte man unwill­kürlich an des „Armer: Heinrich" jahrelang unberührt gebliebenen Haarwuchs, und die vordere Wäsche, falls überhaupt welche vorhanden, verschwand unter stnge-

über und nahm die letzten 160—200 Schritt in der Karriere. Man trug so der Waffenwirknng Rechnung und stellte an die Kraft der Pferde teine größeren An­forderungen, als nöffg.

Friedrich der Große war auf Sparsamkeit angewiesen und würde Wohl heftig mit dem Krückstock gefnchtelt haben, wenn ihm eines seiner Regimenter mit dem Material von heute begegnet wäre. Ebenso mußte Napoleon I. vorsichtig mit seiner Reiterei umgehen, denn sie ersetzte sich nicht so leicht wie die Infanterie.

Brauchen wir bei der veränderten Waffentechnik Galopps bis zu 30 Minuten, ist es nötig, daß wir unsere Pferde so über Gebühr anstrengen und vorzeitig ruinieren? Nein! Mehr leisten als früher muß die Kavallerie, wenn sie im offenen Gelände attackieren soll; die Gefechtszone hat sich von 1000 Schritt auf 2—3000 Meter erhöht, also müßte es vollständig genügen, wenn ein Anreiten zum Angriff in ebenem Gelände von 2500 Meter Länge verlangt würde. Solche Entfernung querfeldein stellt schon enorme Ansprüche an die Pferde- beine und Lungen, aber es ist zu, leisten, ohne das Material auf den Standpunkt zu bringen, auf welchem es heute leider vielfach sicht.

Das Streben, immer mehr zu leisten als ein anderer, welches auch bei der Infanterie den 60 und mehr Kilo­meter-Rekord zeitigte, hat in Hannover die 25 Kilometer- Jagden entstehen lassen. Solche „langer: Beispiele" eifern an und das Resultat sind abgetriebene, lahme Pferde, welche vor der gefüllten Krippe stehen und vor Elend nicht fressen können.

1900 im Sommer übte eine Kavallerie-Brigade unter einem überaus schneidigen Führer, daß Kies und Funken stoben. Ohne Anmarsch dauerte das Exerzieren und Fechten 3—4 Stunden und ich sah fast nur Be­wegungen in rascher Gangart. Am Besichtigungstage fehlten pro Schwadron über 30 Pferde, die lahm in fließendem Wasser standen, und, weitere 20 konnten vor Steifigkeit kaum aus der Stalltüre. Nach einem Jahre befand sich die Brigade noch nicht wieder in der guten Verfassung, in welü>er sie der schneidige Mann, über­nommen hatte. Auch tote Rosse konnte, der Zuschauer trotz des Friedens fast täglich sehen, an einem Tage lagen 3 prächtige Kürassierpferde auf der Strecke!

Ist Deutschland so reich, daß es solchen Rosse mor­denden Sport sich leisten kann? Angesichts des Defizits muß jeder „nein" sagen.

Kehren wir zu der so viel gerühmten und als un­erreichbares Ideal vorgehaltenen friedericianischen Zeit zurück, verzichten wir aus 25 .Kilometer-Galopps und schonen aus Menschlichkeit und Sparsamkeit unser edles braves Pferd. Die Art zu reiten, wie jetzt vielfach üblich, ist grausam, unklug und verschwenderisch, sie 1 entspringt der Streberei, unter allen Umständen aus-

hcuren schwarzen Krawatten, die zwar nicht neu, aber dafür auch nicht fleckenlos waren. Zwischen, diesen komischen Weiblein und Männlein, sämtlich über die Kleinigkeiten des Alltaglebens hinwegsehend und auf irgendwelchen Ruhm irgendwelcher kommenden „Tage, hoffend, bemerkte man eine ganze Zahl sehr vernünftig aussehender Zeitgenossen und -Genossinnen, die ihrer Umgebung mehr Beachtung widmeten als den sich vor ihnen auf einer kleinen Lichtung ab spielenden Dingen. Dort tauchten gleichfalls seltsame Gestalten auf in farbigen, wallenden Gewändern, sie sprachen viel, von Liebe, Lust und Verlangen, gelegentlich ertönte hinter einer ans Zweigen errichtete:: Wand „ ein klagendes Harmonium, oder es zeigte ein schwindsüchtiges Tamtam durch einen wehmütigen Laut an, daß irgend etwas zu Ende sei oder irgend etwas Neri es beginnen solle. Ver­wundert schüttelten die Tannei: ihre Häupter, und ob all des Menschenleides, das da unten in rührender Sprache angestimmt ward, machte der Himmel ein betrübtes Ge­sicht und vergoß Träne um Träne, durch das Rauschen und Raunen des Waldes ging es aber immer wieder und wieder wie ein staunendes: „Ihr seid so sonderbar!" — Dies ungewöhnliche Schauspiel aber benamste sich Waldspiele der literarischen Abteilung der Berliner Finkenschaft, und zwar hatten diese „freien" Studenten zu ihren Spielen ausschließlich Dichtungen von Peter Hille gewählt, die sie am Mittwochabend im Forst der „Neuen Gemüin- s ch a f t" oberhalb des tannenumrahmten Schlachtensees zur Aufführung brachte::. Die „Neue Gemeinschaft" seht sich aus jüngeren, strebsamen Dichtern und Künstlern zusammen, welche den: Trubel der Weltstadt entflohen nnd sich innntten des Grunewaldes ein eigen Heim gründeten in einem früheren Sanatorium, dessei: Äußeres allerdings mehr nach einer Fabrik wie nach einem Musentempel ausschaut. Destomehr entspricht das Innere den gegenwärtigen Zwecken; unten eine zum ge- meinsamen Beisammensein dienende Halle mit weiß- leuchtcnderNietzsche-Büste nnd wechselvollem künstlerischen Schmuck, von ihr ein asphaltierter Gang hinaufführend zum oberen, mit einer hölzernen Jnnengnlerie ver­sehenen Stockwerk, das gleich dem unteren Geschoß eine

zufallen. Solches Streben erzeugt überbürdung und! leider oft genug Mißhandlung der Untergebenen, welche dem Ehrgeiz ihrer Vorgesetzten nicht folgen können und zeitigt Fälle, die vor Gericht zum Schaden des Ossiziec- korps vor dem ganzen Volke verhandelt werden!

Bei unserer Feldartillerie treten dieselben Erschei­nungen zutage wie bei der Kavallerie. Es wird auch bei ihr heute mehr an Beweglichkeit, an schnellen Gang­arten von überlanger Dauer verlangt als nöüg ist nnd je im Ernstfälle Vorkommen kann. Wenn ich auch hier nicht auf die Zeit des großen Königs zurnckkommeic möchte, wo die Artillerie nur Schritt fuhr, so halte ich es doch für geboten, daß aus denselben Gründen wie bei unserer Reiterei zurückgeschraubt wird.

Im Ernstfälle marschiert die schwere Waffe in der. allgemeinen Marschkolonne Schritt vor Schritt, dem Tencho der Infanterie entsprechend. Kommt es zum Kampfe, so wird dieselbe meist vorgezogen, um das' Gefecht einzuleiten und ist dieses Vorgehen der einzig« Moment in einem ganz«: Feldzuge, wo an die Pferds größere Anforderungen gestellt werden. In den Feld­zügen 1866 und 1870—71 ist sicher keine Batteris unserer Armee drei Kilometer vorgetrabt, um dann in Stellung zu gehen. Dafür bedarf sie zu sehr des Schutzes der anderen Waffen.

Was bedeuten aber heute drei Kilometer Trab bei der Artillerie? Man wohne der Besichtigung einer Batterie oder Wteilung mit der Uhr in der Hand bei; 30—40 Minuten Trab und Galopp bergauf, bergab in oft tiefem Boden ist die Normalleistung! „Daß solche Übungen nur auf Kosten des Materials möglich sind^ wird mir jeder Pferdekenner zugeben.

Also auch hier erscheint aus denselben Gründen wie bei der Kavallerie eine sachgemäßere und, schonender« Behandlung des teuren Materials notwendig.

Ersparnisse, welche unsere Finanzlage dringend er­fordert, werden nicht sofort bei unfern, berittenen Waffen in die Erscheinung treten, wenn die bisherige über­schraubte Praxis gemildert würde, denn sogleich wenige« Remonten einstellen erlaubt das in seiner Qucklität arg reduzierte Material nicht, aber in wenigen Jahren schon könnte mit geringere:: Ersatzzahlen gerechnet und große Summen erübrigt werden.

Daß die d«:tsche Kavallerie und Artillerie an Leistungsfähigkeit verlöre, wenn das Anspumpen der Pferde bis zum letzten Atemzuge nachließe, wird kein wirklich Sachverständiger behaupten, im Gegenteil, die größte Mehrzahl unserer Kavallerieosfiziere dürsten meiner Ansicht sein und gern müdere Seiten auffpannem

Alljährlich im Spätherbst finden Versteigerungen der ausrangierten Militärpferde statt und ich bitte denjenigen, der an meinen Auslassungen zweifelt oder mich für einen Schwarzmaler hält, sich eine solche Auktion anzusehen..

Reihe Zimmer enthält, deren Fenster auf den Wald und den sich an das Haus schließenden großen Obst- und Ge­müsegarten gehen. Peter Hilter nun, gehört gleichfalls zu dieser literarisch-künstlerisch«: Vereinigung und wird von deren Mitaliedern wie von ihren Freunden und Freundinnen hingebend als Poet wie Mensch verehrt, was er durchaus verdient. Sein großes, reiches, freilich sich auch oft überschwänglich gebendes Talent ist bisher nur von wenigen anerkannt worden und dürste sich kaum die Gunst der großen Menge erringen, dazu ist es zu fremdartig, überschäumend, modern-romantisch.,, Ter Dichter schwelgt in phantastischen Bildern glühender». Sinnlichkeit und prunkender Pracht, nicht genug kann sich seine Sprache tun in einer Fülle flammender Worte, und Gleichnisse, der volle Eindruck aber wird leider häufig beeinträchtigt durch ein zuviel des Guten und Originellen, der eigentliche Kern der Dichtungen verschwindet unter einer Flut bald verzückter, bald wunderlicher Träum« und Schäume. Und dieser Poet, der sich gern in die be- rückende Welt des festfreudigsten Altertums versenkt, der so schwelgerisch die tollste Taseinslust zu, malm nnd heißeste Liebessehnsucht wie Erfüllung in lodernden Versen wiederzugeben versteht, dieser schüchterne, weit- fremde Mensch mit dem ergrauendm, zottigm Bart und dem hülflos guten Blick, der blauen Augen, er hat des Daseins Schattenseiten vollauf kennen gelernt und es mag für ihn viele, viele Tage gegebm haben, wo er sich vergeblich umgesehen nach einem gefüllt«: Teller, und nicht minder viele Nächte, wo er nicht gewußt, wohin er das müde Haupt bettelt sollte. Tenn Peter Hille ist ein echter und rechter Typus jenes Zigeunertums, wie es und Henry Murgcr in unvergänglichen Szenen beschrieben« der seltsam«: Welt, aus der es nur zwei Wege gibt — der eine führt zum Spital, der andere zum Ruhm.

Durchaus verständlich ist es, daß sich auf eine An- rcgung hin unsere leichtbegeisterten Musensöhne des auch in. seinm persönlichen Eigenschaften sympathischen Dichters annahmen nnd ihn ans ihr Schild erhoben. Aber die Art und Weise, wie es geschah, war falsch. Es sollte recht was Weihevolles zustande kommen, und die Sache streifte bedenklich das Lächerliche. Zwei dramatische Stücklein gelaugt«: zur Aufführung: „Hirtenliebe"