Einzelbild herunterladen
 

1. Beilage 5 um Wiesbadener Tagklatt.

Us. 353. Morgen-Airsgave.

Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches Erlebnis, das immer wicderkommt.

Friedrich Nietzsche.

g

5> *

c%>

Jp^f»^»«#»#******#»*»*»»^**********?^*

(6. Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Walter Schmidt-Häßler.

„Wie ein Vogel, dein man den Käfig öffnet! und das bade ich selbst schon mal erlebt. In unserer Straße, als rch noch in die Schule ging, wohnte ini Souterrain eines Hauses ein Schuhmacher, der vor feinem Fenster in einem Holzkäfig eine Nachtigall eingesperrt hatte. Das arme Ding saß tagelang auf der kleinen Stange und sah mit den schwarzen, runden Perlaugen den blauen Himmel an. Aber singen hörte sic keiner, und das Herz tat mir jedes­mal weh, wenn ich vorbeiging, bis ich's nicht mehr aus- hielt. Zum Singen war sie doch nun mal da, nicht wahr, und für den Vogelbauer des Schusters war sie gewiß nicht aus dem Ei gekrochen. An einem wundervollen Frühlingsabend schlich ich mich vor das niedrige Fenster und hob mit eurem Stäbchen die Tür des Käfigs hoch. Noch heute erinnere ich mich, wie mir das Herz schlug. Erst merkte sie es gar nicht — lange, lange Zeit. Aus einmal hüpfte sie näher zu der offenen Tür, steckte das Köpfchen heraus, schlug ein paarmal mit den Flügeln, wie zum Versuche, und auf einmal war sie fort — hinüber in den Stadtpark! Noch am selben Abend hörte ich sie singen, drinnerr in den dunklen Wipfeln, und ich glaube, so schön hat noch nie eine Nachfigall geschlagen! Man hatte mich gesehen, die Geschichte wurde meinem Vater hinterbracht, und ich machte mit mit ordentlichem Stolz auf eine gehörige Strafe gefaßt. Aber Papa strich mir so liebevoll über das Haar und sah mich so zärtlich an, wie selten. Aber er sagte kein Wort. An die kleine, dumme Kindergeschichte habe ich eben wieder denken müssen,, und ich glaube, mein lieber seliger Vater würde mich wieder so zärllich ansehen, wenn er wüßte, was ich vorhabe! — Aber du brauchst vorläufig noch gar nichts zu wissen. Gib mir deinen Brief, ich will ihn besorgen. Und in einigen Tagen besuche ich dich! — Kopf hoch, liebste Ella, und denke an die kleine Kindergeschichte von der ge- fangenen Nachfigall."

*

Einige Tage später kam es zu einer heftigen <^ene zwischen Ella und ihren Eltern, die ihr kategorisch er- klärten, daß sie Doktor Ellrich zum nächsten Sonntag mit einigen anderen Bekannten zu Tisch geladen hätten, um die Verlobung nun endgülfig zu fixieren. Ella weinte und wehrte sich mit ihrer letzten Kraft. — Don Erna hatte sie nichts wieder gehört, und verlassen von aller Welt, hilflos und entmufigt, sah sie ihre letzte Hoffnung unter- gchen.

Eine grenzenlose Verachtung erfüllte sie gegen den Mann, der ihre Hand erzwingen wallte gegen ihren Willen, denn von ihrer Gleichgültigkeit für ihn mußte er überzeugt sein. Ein Grauen überkam sie bei dem Ge­danken an den bevorstehenden Sonntag, wo sie mitten in die feslliche Tischgesellschaft ihr energisches „Nein" hinein­rufen wollte. Was dann aus ihr wurde, war gleich-

Sonntag, den 2. August.

gültig. Heute war es Donnerstag, in drei Tagen also mußte sich ihr Geschick engültig entscheiden. ,

Am Nachmittag kam Erna zum Besuch, und m Ellas Seele leuchtete bei ihrem Kommen etwas wie Hoffnung auf. Schon der Anblick der Freundin, das sichere Auf­treten, die lebensfrohen Augen, die jo heiter und mutig in die Welt blickten, taten ihr wohl. Die Mutter war nicht zu Hause, und so konnte sie mit der Freundin auf ihrem Zimmer ungestört plaudern.

„Hast du meinen Brief besorgt?" war ihre erste angst­volle Frage, als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte.

„Auf dem sichersten Wege", antwortete Erna, „obwohl ihn Herr Berning jedenfalls noch nicht hat beantworten können. Ich wollte ganz sicher gehen und den Brief direkt in seine Hände gelangen lassen, und sandte euren Dienstmann damit in seine Wohnung, mit dem Auftrag, nur die Antwort zu bringen. Herr Berning aber ist seit einigen Tagen abgereist, hat sein Atelier aufgegeben und ist jetzt wahrscheinlich irgendwo im Süden. Die Wrrttn, bei der er gewohnt hat, kennt aber feine Adresse und wird ihm den Brief nachsenden."

Ella ließ traurig den Kopf hängen und in den langen Wimpern perlte eine Träne. Er war fort, ohne ?lbschied, weit fort, vielleicht für lange, wenn nicht gar für immer. So h atte auch er sie auf gegeben! Ein tiefes Weh schnürte ihr das Herz zusammen, als sie leise, mehr zu sich selbst, vor sich hinftüsterte: „Mein Gott, was soll denn nun werden?!" , v _

„Licht soll werden, Mädchen, und Klarheit. Deshalb komme ich ja. Ich bin so lange unten auf- und ab- gegangen, bis ich deine Mama cnis dem Hause kommen sah und sicher war, mit dir allein zu sprechen, denn deine Schwestern, die beiden trefflichen Gefangenenwärter, genieren mich nicht, wie du siehst. Ich wußte, daß deine Mutter heute bei Lengnings ihre Teegesellschaft hat, und, verzeih, daß sie da nie fehlt, wo der Klatsch der ver- gangenen Woche bei Windbeuteln mit Schlagsahne durch­gesprochen wird. Hat sich irgend etwas ereignet? _ Bei euch ereignet sich ja gewöhnlich etwas, was dich betrifft!"

Und nun erzählte Ella in wahrer Todesangst der auf­merksam zuhörenden Freundin, daß man sie am Sonntag bestimmt zu der verhaßten Verlobung zu zwingen be­absichtigte.

„Na", sagte Erna, indem ein triumphierendes Lächeln über ihr hübsches Gesicht sttahlte, „dann komme ich ja als ein deus ex machina mit meinen Nachrichten. Du wirst also am Sonntag nicht mit Herrn Doktor Ellrich dich verloben, wirst nicht bei Weißwein und Braten die lächelnde Braut abgeben müssen, sondern jetzt mal deinen ganzen Mut zusammennehmen und handeln, wie meine Nachtigall, als man ihr den Käsig öffnete. Und das war doch nur ein unvernünftiger kleiner Vogel. Mer der Freiheitstrieb ist mächttg, meine Lieb«, selbst im kleinsten Tier! Also Mut — und aufgepaßt!"

Ella horchte verwundert auf. Sie begriff noch nichts von allem, was die Freundin wollte, bis diese «irren großen Brief aus der Tasche zog. Hoch hielt sie ihn in der einerr Hand, während sie mit der anderen Ellas kalte Rechte herzlich drückte, und mit glänzenden Arrgen fuhr sie fort:

„Hier, rnein arnrer, gefangener Vogel, bringe ich dir

die Freiheit. Die Gitiertür ist offen, du braut nichts weiter zu tun, als zu fliegen, hinaus rn» ^«r, empor zum Licht. — Ich habe an deinen Lhrkel rn Berlin geschrieben, einen langen, eingehenden Bericht über alleL, was vorgefallen ist, habe ihm rückhaltlos geschildert, daß es sich hier um Sein und Nichtsein einer _ jungen, hofft nungsberechfigten Menschenseele handelt, die ohne rasche HUfe verloren ist. Und hier ist die Antwort, bester, herzlicher, als ich glaubte. Sein Haus und feine Arme stehen dir offen, er wird dein Führer und Berater, seine Gattin deine Freundin sein. Sogar Reisegeld hat _ er mitgeschickt, hier, den nagelneuen blauen Schein. Seine einzige Bedingung ist absolute Verschwiegenheit gegen jedermann! Und diese Bedingimg werden wir dem liebenswürdigen, alten Herrn gewiß gern erfüllen! Nun?! Hab' ich's recht gemacht?!" ,

Ella wußte nicht, was sie sagen, was sie zuerst denken sollte. Tausend Gedanken kreuzten in wilder Hagd ihren glühenden Kopf, ihre Wangen brannten wie im pfieber, und laut tveinend fiel sie Erna um den Hals. Es waren warme, wohltuende Tränen, die ihre Augen feuchteten, seit langer, langer Zeit Tränen des Glucks, die tief aus dem gequälten Herzen stiegen. ,

„Ich danke dir!" jubelte sie m unendlicher Wonne, „mein Glück, niein Leben, mich selbst hast du mir gerettet, und nie, nie werde ich es dir vergessen, selbswerstcmd- fich nehme ich das Anerbieten an, ohire mich zu bedenken, werfe ich mich in die Arme, die sich mir gastlich entgegen­strecken, und Gott wird seinen Segen geben zu dem, was ich tue, weil cs geschehen muß. O, du sollst nicht mehr schüchtern und verzagt sein werde . Mit dieser Hoffnung auf endliche Erlösung bin ich stark und mutig, und vor dem Kampf nfit dem Leben fürcht' ich mich mchfi Ich habe ja Gott sei Dank etwas gelernt, dumm bm ich auch nicht, und so werde ich mir schon einen Platz m der Allgemeinheit erobern!"

„Und — wann willst du fort?" fragte Erma. die mit wahrem Entzücken in Ellas entschlossen blitzmde Augen

sah- .

„Wann? So schnell wie nur möglich!

„Und wird der Entschluß dir nicht wieder leid wer­den, wenn du allein bist?"

„Dann erst recht nicht, verlaß dich darauf. Ich brmiche nur an den Herrn Doktor Ellrich zu denken, mit seinem roten Gesicht und den unverschämten Augen, mit seinem ewigen Cylinderhut und den zwei bissigen Mopsen, das genügt vollständig, um mich bis nach Amerika zu jagen. Gehofft und gettäumt habe ich nun genug. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo ich handeln darf — und das will ich' — Am Samstag ist Mama im Theater, meine jüngste Schwester begleitet sie. Papa kommt erst gegen 9 Uhr ans dem Geschäft. So sind nur meme Schwesrer Alma und unsere beiden Dienstmädchen zu Hause. ^ Um

7 Uhr besuchst du mich, und während Alma dich empfangt, verlasse ich mit einem kleinen Koffer das HauS, Du bringst einen Dienstmann mit, der unten wartet und mem Gepäck in Empfang nimmt — und im Warteznmner des Bahnhofs treffen wir uns. Ein Schnellzug geht gegen

8 Uhr, das weiß ich, weil Papa denselben rmmer benutzt, wenn er geschäftlich nach Nürnberg fährt, und ehe meine Eltern nÄ) Hause kommen, bin ich über alle Berge!

iFortsetzung folgt.)

f

r

in Krankenhäusern und in der Privatpraxis von vielen Aerzten wegen seiner Reinheit u. seines hoh. Gerbstoff-Gehaltes j mit gutem Erfolge bei

Magen- und Darm- Krankheiten, ins­besondere bei Diarrhoe und der­gleichen ange- .| U | UUIU uui llUill

wendet: 11 uuiuuui I

Bayer. Landesausstellung 1896: „Goldene Medaille für hervorragende Leistungen“; Staatsraedaille für „tadellos gute F abrikate“. Regelmässig kontrollirt von der Königl. IJntersuchungsanstalt für Nahrungs- und Genussm. in Erlangen.

Süss Mk. 1.—, herb Mk. 0 90 per ‘/«-Liter- Klasclie mit Glas.

Vertreter für Wiosbadea« ApotH. Ernst Hocke. Westend- Drogerie, Nedanplafz 1.

Weitere Niederlagen: Apoth. Otto Sickert, Marktstr., öscnr Sickert.

Taunusstr., Clir. Tauber. Kirchgasse, Vriedr. Groll, Goethestrasse. 1846

TM-Alisverkaus.

Herren-Hüte, Mützen, Schirme, Stöcke zu erheblich billigen Preisen zu verkaufen ft 242

MWrche 18 », Elte Wbeiistr.

Der Konkursverwalter.

Wym..Goldeve Kette".

Lanaaassk V 1 . ._

Thermal - Bäder a 50 Pf

im Abonnement billftcr.

•9

1861

Sommerfrische Schweizerhans Bellevue.

Nassau a Lahn.

Klimatischer Luftkurort. Aerztl. empfohlen.

10 Minuten von Bad Ems, praohtyoll, direct am "Walde pelegen, mit herrl. Aussicht.

Für Ruhesuchende sehr zu empfehlen. Billige Pensionpreise, besonders für Familien, Jagd und Forellenfisoherei,' empfiehlt

Carl RHinor.

Allee 72a.

6. Schönhauser (E. B. 3470) F152

Nähmaschinen

aller Systeme, anSden rcnommirtesten Fabriken Deutschlands, mit den neuesten, über­haupt efistirenden Ber- bessernngen cmpf. bestens. Ratenzahlung. Langjährige Garantie, j lü.äu kllk, Mechaniker,

____ Kirchgasse 24.

Eigene Reparatnr-Werkstätte. 1316

Achtung! Bei Einkäufen in Eolonialwaaren, LandeSprodukten Flaschenbieren 3 Prozent Rabatt, Kohle», wegen Räumung der Lagers, z. Consmn- pkki«. Pr. Walter, Hirschgraben 18 a.

Grosse Räumungs-Versteigerung.

Montau, den ». August er., 1 . Vormittags 9V* Uhr und Uieoutaff, ,, 41. August ,, ) J Nachmittags 2 1 /« , beginnend,

sftmmtliohe von dieser Saison zurück-

lasse ich in meinem Geschäftslokal ®5

gebliebenen .......... Co.- »»-.

die ^-Keaaate»t<c^»^N,^,^ehe. ferner: Wo»- und *eiden«toffe für <o.t>. ...... n.ouuen «.ad Putter-

zwecke, HesUtue tu Npltien, Paaemeutrle, Litzeo, Knüpfe etc. etc.

meistbietend durch Herrn Auotionator W. l«ell>lcl., 8ohwalbacherstra.se 7. versteigern.

Die Waaren sind 2 Stunden bevor Versteigerung zu besichtigen.

Bis zur lentclgerung Badet der Verkauf zu Jedem annelimbnrc. Oebot statt.

F. Crakauer, Grosse Burgstrasse 5.

Futter-Taillen

mit Kragen- u. Aermelfutter. Fertig zur Anprobe.

D. It. G. M. 167610.

Mit Verwendung einer solchen Futter- Taille ist jede Dame im Stande, ohne Mühe Kleider mit sehr gut sitzender Taille herzu­stellen. Schneiderinnen, welche hiervon verschied. Grössen vorrätig haben, können ohne Vorbereitung gleich die erste Anprobe machen. Aenderungen sind nur an den gehefteten Nähten erforderlich, in welche auch der Oberstolf eingenäht wird. 1907

Vorrätig in den Weiten 42—BO cm in weife, oröme, hellgrau, mittelgrau, mode Satin-Köper u. zweiseitiger Satin-Köper, eine Seite schwarz, eine Seite grau.

Das Stück mit Kragen- u. Aermelfutter 2.00-

Ch. Hem mep,

Wcbnrgaue 21.