Beilage zum Wiesbadener Tagklatt.
N-. 333. Morgen-Ausgabe.
Samstag» den 1. Angnst.
31. Jahrgang. 1903.
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In ein Gewebe wanden
Die Götter Freud' und Schmerz,
Sie webten und erfanden Ein armes Mcnschcnherz.
I. v. Herder.
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(5. Fortsetzung.)
Freiheit!
Roman von Walter Schmidt-Häßler.
Er hatte nicht eher nachgelassen, bis Reinhardt seine Einladung angenommen hatte, mit ihm einige Wochen nach dem Süden zu gehen, woran sich dann ein längerer Aufenthalt in Berlin anschließen sollte.
Me Welt war ja so groß und so voll von Eindrücken, die unwillkürlich ein tief verwundetes Künstlergemüt wieder mit Interesse am Dasein erfüllen mußten. Der arme Berning war vollständig gebrochen, und willenlos, wie ein Kind, ließ er seinen Freund mit sich machen, was er wollte. Das Atelier wird vorläufig abgeschlossen, und Remmingen, der überhaupt so unabhängig war, wie nur möglich ließ seine Wohnung in der Obhut seines absolut zuverlässigen Dieners zurück.
So konnten sie am nächsten Morgen schon reisen, und der Baron atmete hoch und erleichtert auf, als der Zug langsam aus der Halle hinausrollte.
Er hatte schon so viele schwere Fälle von unglücklicher Liebe gesehen in seinem Leben, die alle ganz außerordentlich gut geheilt waren, und da er auf diesem Gebiete ein Zuverlässiger Diagnostiker war, so wußte er, daß in all iesen Fällen Luftveränderungen stets von der ausgezeichnetsten Wirkung gewesen war.
Warum sollte dieses an und für sich so harmlose Mittel nicht auch hier seine Wirkung tun? Sie hatten lange noch, bis ttef in die Nacht, beisammen gesessen und alle Einzelheiten ganz genau und eingehend besprochen, alles mit der Sonde des logischen Denkens in möglichster Ruhe zergliedert, daß Ella nicht eine Zeile geschrieben, kein Wort zur Erklärung dieses für Reinhardt so furchtbaren Ereignisses gefunden hatte, war für beide ein unleugbarer Beweis ihres Einverständnisses gewesen. Im Vollgefühl ihrer eigenen persönlichen Freiheit hatten ja beide keine Ahnung davon, unter welchem entsetzlichen Druck das unglückliche Mädchen lebte, wie ihr jede Mög- lichkeft benommen war, dem Geliebten irgend eine Nachricht zukommen zu lassen.
Da hatte sich Reinhardts ttef beleidigter Stolz trotzig emporgebäumt, und der Gedanke, so leichten Kaufes aufgeben zu sein, batte sogar noch den Schmerz, der sein ftes zerwühlte, überwogen.
So war es denn dem Freunde leichter geworden, als er anfänglich glaubte, den Unglücklichen zur sofortigen Abreise zu besttmmen, und er war fest davon überzeugt, daS Richtige zu tun. Der Welt diese große, hoffnungsvolle Kunstterseele zu retten — darauf kam es ihm
hauptsächlich an, alles andere trat vor diesem Gedanken für ihn vollständig in den Hintergrund.-- —~ —
An einem der nächsten Nachmittage folgte Frau Röminger nüt ihren beiden ältesten Töchtern einer Einladung zu einer befreundeten Familie, wo sie, ohne un- lidbsam aufzufallen, für Ella , nicht gut absagen konnte. Es war fest langer Zeit zum ersten Male, daß sie sich irgendwo zeigte, und sie tat es auch nur, weil sie einen ganz bes 'mmten Zweck verfolgte. Sie hatte seit mehreren Tagen schon einen langen ausführlichen Brief an Reinhardt geschrieben, in welchem sie ihm klar und fest mit- teilte, daß sie auf keinen Fall dem Drängen ihrer Angehörigen nachgeben und ihm treu bleiben werde, um jeden Preis.. Sie hatte ihm geschildert, unter welch tyrannischem Drrick sie lebte, und daß sie fest entschlossen sei, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit sich diesen demüttgenden Fesseln zu entziehen. Er solle ihr vertrauen, wie sie auf ihn fest zu bauen gewillt sei, und ihr auf diese Zeilen eine postlagernde Antwort schicken, für die sie ihm eine bestimmte Chiffre angab.
Mit diesem Brief in der Tasche ging sie in die Gesellschaft an der Seite der unvermeidlichen Mutter. Sie hatte die zuversichtliche Hoffnung, im Hause des Kom- merzienrats Geßner irgend eine ihrer Freundinnen zu finden, die ihr den Brief besorgen würde.
Sie fand gleich beim Eintreten eine liebe Bekannte, und ihre Augen leuchteten fröhlich auf, als sie in Erna Förster eine Freundin begrüßte, mit der sie vor zwei Jahren gemeinsam englischen Unterricht gehabt hatte.
Mt ihr saß sie in einem der Seitenzimmer beisammen, und die Herzlichkeit, mit der Erna ihr entgegenkam, ließ sie Mrt fassen, ihr das ganze gequälte Herz auszuschütten. Erna war etwa drei Jahre älter als sie, eine ungemein kluge und weltgewandte junge Dame, die für Ellas poesievoll und weich veranlagtes Gemüt von jeher Verständnis und warme Sympathie gehabt hatte. Sie hörte die Beichte des jungen Mädchens mit aufrichttgem Mitgefühl an, und war mit Freuden bereit, ihr zu helfen, wo sie nur konnte.
„Ein solches Verhältnis zwischen Eltern und Kind", sagte sie, „ist ja auf die Dauer unhaltbar. Es muH hier irgend etwas geschehen, was eine endgülttge Lösung dieser peinlichen Spannung zu stände bringt. Ich selbst kann ja so etwas kaum aus denken, denn zwisckien mir imb meiner Mama herrscht gottlob ein geradezu ideales Verhältnis. Aber um so lieber, beste Ella, möchte ich dir helfen! Ich mache mir nach allem, was du mir heute er- zählt hast, durchaus kein Gewissen daraus, mich hinter dem Rücken der Deinen auf deine Seite zu stellen, und sollte ich ein bißchen Komödie spielen und intrigieren müssen, um so besser, so ist das mal eine kleine Abwechse- lung in der bodenlosen Langeweile unserer Stadt!"
„Wenn aber alles beim Alten bleibt", entgegnete Ella muttos, „wenn mein Mderstand schließlich doch gebrochen wird, denn ich bin ja nur ein Mensch, nichts weiter als ein wehrloses Mädchen!"
„Aber doch im Grunde genommen ein recht energisches Mädchen, liebe Freundin, die sehr genau weiß, was sie will. Das hast du schon oft genug in tausend Kleinigkeiten bewiesen. Warum sollte diese Energie dich denn im Stiche lassen, wenn es sich um etwas Großes handelt? Nur aufraffen muß man sich einmal. Alles andere findet sich dann von selbst. Ein Mädchen heutzutage ist ja nicht mehr das sklavisch gedrückte Individuum von früher. Es hat eine jede von uns das Recht, trt den Kampf des Daseiirs einzutreten und sich nützlich zu machen in der Allgemeinheit. Wäre ich an deiner Stelle, ich wäre längst auf und davongegangen, in die Welt hinaus, die für alle Platz hat, und hätte meine Kenntnisse ver- wertet, anstatt nach unter ein unerträgliches Joch zu beugen!" 0
„Wohin sollte ich mich wenden, selbst wenn ich wollte?" erwiderte Ella. „Wer sollte ein Mädchen, das den Eltern davonläuft, wie eine Abenteurerin, aufnehmen in sein Haus ohne Vorurteil?"
„Hast du mir nicht einmal gesagt, daß in Berlin ein Bruder deines Vaters lebt, der mit ihm völlig zer- fallen ist?"
„Jawohl, weil er Künsller geworden ist und ettt ganz armes Mädchen geheiratet hat. Meine Eltern haben sich nie um die Familie bekümmert, und zwischen uns hat niemals ein wenn auch noch so loser Verkehr bestanden!"
„Und was ist dieser Onkel, Ella?",, fuhr Erna eifrig fort. „Halte meine Frage nicht für müßige Neugieq; rch habe einen Gedanken, der eben ganz plötzlich in mir auftaucht, und den ich dir noch nicht verraten will. Vielleicht könnte es glücken, was mir da durch den Kopf schießt. Was ist der Onkel?"
„So viel ich weiß, Musiker, und zwar, ein sehr tüchtiger Violinspieler im Orchester der Königlichen Oper. Wer was hast du eigentlich vor? Lage mir, woran du denkst!"
„An dein Glück, du armes, verschüchtertes Kind!" erwiderte Erna treuherzig. „Ich meine es gut ,mit dir, besser, wie deine ganze Familie. Glaubst du mir das?
„Ja, Erna, ich glaube dir", sagte Ella strahlend vor Glück, indem sie der unerwartet gefundenen Bundesgenossin dankbar die Hand drückte. „Ich glaube dir und komme mir dir gegenüber so klein, so unbeholfen vor, wie ein Schulmädchen!"
Erna lachte. „Wer das ist doch natürlich, da man dir jede Selbständigkeit gewaltsam unterbunden hat mit eisernen Fesseln. Wer fühle dich nur einmal erst frei, stehe selbständig im großen gesunden Strome des Lebens, dann kommt auch her muttge Wille und mit dem Willen die Kraft." _
„Und glaubst du, daß daS jemals erntreten könnte?" fragte Ella mit traurigem Lächeln. „Hältst du es für möglich, daß ich einmal anders fühlen und denken lernen, einmal aufatmen könnte von all dem grausamen Zwang?" lFortsetzung folgt.)
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