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Das Chaos in Dngarn.
„Und darum Ränder und Mörder!" So möchte man Angesichts der Entwickelung der politischen Krosis on Ungarn ausrufen. Deshalb mußte Koloman Szell geopfert und der Bonus von Kroatien. Graf Khuen-Hedervary, an die Spitze der Regierung berufen werden, damit diesem alle die Zugeständnisse gemacht wurden, doe man dem Grafen Szell in bezug auf dre ungarischen Forderungen verweigert hatte, und damit dann zunc Schluß doch der Widerstand der anti-österreichischen Elemente in Ungarn nahezu ungeschwächt fortdauert! Zn der Tat zeigt sich schon jetzt, daß die Berufung des Grafen Khuen-Hedervary ein so schwerer Fehler war, daß seine Begehung nicht ohne werteres zu erklären ist. Tie Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß es sich hrerber überhaupt nur um einen Verlegenhertsakt, handelte. Be- kanntlich ging der eigentliche Plan dahin, Koloman Szell durch den „starken Mann" Stefan Tisza zu ersetzen, und erst als man einsah, daß ein solcher Verstlch die Opposition in Ungarn zur Hellen Flamme entfachen würde, die das ganze Land in Brand setzen konnte, da ließ man erschreckt den Plan fallen und entschloß sich kurzer Hand, der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb zu dem Verlegenheitskabinett Khuen-Hedervary.
Und ein Verlegenheitskabinett ist es im vollsten Sinne des Wortes; in seinem bisherigen kurzen Dasein ist es aus der Verlegenheit noch nicht herausgekommen Was will der Sieg besagen, den das Kabinett in der Sitzung, die Mittwoch vormittag begann und erst Donnerstag früh schloß über die Obstruktion davontrug, denn wert schwerere Kämpfe stehen dem Kabinett noch bevor Aber die Opposition selbst ist gar nicht der gefährlichste Gegner, mit dem der Graf Khuen-Hedervary und mrt dem man auch in Österreich zu rechnen hat. Ein weit gefährlicherer
Dnlerwühller Grund.
Roman von Anton Freiherrn von Persall.
(6. Fortsetzung.)
i , „Wenn ich Ihnen aber sag', daß ich eben deswegen herkomm'n bin, Fräul'n", sagte er, „sind s mir dann
wieder gut?" . ....
„Und ich habe Sie am Ende mit meinem unnutzen Gondeln aufgehalten? — Zurück, Franzl! Auf der
^Si/spmzte^ihren kräftigen Körper mit aller G«valt gegen die Ruder, dasi der Kahn einen werten Kreis oe- schrieb und die Mutter, welche von den Unterhaltung in ihrer Schwerhörigkeit wenig vernahm, ihren nungsruf: „Aber Theresa!" ausstieß.
„Na, Franzl, red, darf ich zu Dem Vater gehen?
fragte Ambros. , ,, , „
„Vor alle Leut'? I schäm mich z tot Franzl warf das Ruder weg und hielt die blaue Schürze vor das Antlitz. , t
„Vor alle Leut'", entgegnet erregt Theresa. ,.^n- mitten dieser herrlichen Natur, im Angesicht eures . künftigen Heims, das sich hier im Wasser vor uns spiegelt vor einem Wesen, das es mit euch herzlich gut meint — gibt es einen besseren Platz? Franzl, sagt >?a, gebt eiich einen herzhaften Kuß imb genießt den schonen Augenblick, er ist mehr wert als einmalhunderttausend Mark, als eine Million, als alles Geld m der Welt, wenn' ihr euch recht gerne habt." ,
Ambros fühlte sich sonderbar bewegt, wie noch me, als Franzl setzt die Schürze weg tat und ec m ihr tranen- volles Antlitz blickte — da kam mich ihm das Wasser in die Augen, erfühlte in seinem wankelmütigen Herzen, in diesem Augenblick wirklich eine heftige Neigung zu dem Mädchen und dachte wirklich nicht an die einmal- hunderttailsend Mark, an Theresa vor ihm.
Der gute Kern in ihm regte sich, die Schamrote stieg ihm in das Gesicht bei dem Gedanken an die Unter- Haltung mit Moses über Franzl, er fühlte emen plotz- lichen Drang, das alles wieder gut zu machen. Er
„Komm, Franzl, das Fräul'n hat recht. Vergiß,
Gegner als die Opposition ist, so Paradox , das auch klingen mag, die ungarische Regierungspartei.
Darin liegt die ungeheure Schwierigkeit der Situation in Ungarn, daß die liberale Regierungspartei, die in sich völlig zerfahren ist, im Grunde des Herzens mit den Forderungen der anti-österreichisch gesinnten Opposition sympathisiert. Die extremen Elemente _ m der Unabhängigkeitspartei fordern die Schaffung eines ungarischen Nationalheeres mit der ungarischen Dienst- sprache, welches nicht nur dem Herrscher den Treuschwur leisten, sondern vor allem auf die ungarische Verfassung vereidigt werden soll. Die liberale Regierungspartei bekämpft offiziell dies Programm, aber offiziös liebäugelt es mit demselben, und diese theoretische Liebäug-elei kann durch irgend eine plötzliche Wandlung der polrtrschen Lage eine sehr greifbare Gestalt annehmen.
Was die heikele und zerfahrene Lage m Ungarn noch gefährlicher macht, das ist einmal die Verschärfung der Differenzen zwischen Cisleithanien und Trans- leithanien. Während man in Österreich den ungarischen Militärforderungen gegenüber das weiteste, und zwar ein zu ivettes Entgegenkommen gezeigt und so ^ diest Differenz auf Kosten Österreichs ans der Welt geichafft hat, sind die Verhandlungen über den Zolltarif und insbesondere über die Zuckerfrage, in der sich die Interessen der beiden Reichshälften schroff gegenüberstehen, bisher ergebnislos geblieben. Weiin die Verhältnisse iilcht m Österreich auch so zerfahren wären, wie sie sind, würde man wahrscheinlich in Ungarn nicht so wie jetzt den unversöhnlichen Trotzkopf spielen. Mer die Herren Magyaren wissen aus jeder Blume Honig zu saugen. Den Umstand, daß die parlamentarische Maschine m Österreich aus den Fugen geraten ist, benutzen sie dazu, mit dem Recht des Stärkeren von Österreich Zugeständnisse zii erzwingen. Und den Umstand, daß der parlamentarische Apparat in Ungarn ins Stocken geraten ist, benutzen sie dazu, mit dem Recht des Schwächeren von Österreich die Gewährung von Zugeständnissen als „politische Notwendigkeit" zu verlangen.
Wie ein Ausweg aus dieser Sackgasse gefunden werden soll, das dürfte man zur Zeit weder in Budapest nach in Wien wissen. Es wird angekündigt, daß Graf Khuen-Hedervary bereits die Vollmacht zur Auflösung des Abgeordnetenhauses in der Tasche habe. Mer wenn Graf Khuen nicht so mit der Obstruktton fertig wird, wird ihm das bei den Neuwahlen gelingen? Die Aus schreibung von Neuwahlen wäre ein gefährliches Experi ment, denn wer will dafür garantieren, daß nicht die Unabhängigkeitspartei, die an Anhang im Lande wesent lich gewonnen hat, im Wahlkampf die liberale Re gierungspartei aus dem Sa ttel hebt? Geschähe das,
was ich Dir schon an'tan Hab', ich Hab' Di' doch reckst I
gern" *
Franzl erhob sich jäh, das Feuer der schwarzen Augen durchbrach jetzt alle Schranken, sie tat einen Schritt stör, Ambros drückte sie an seine Brust und küßte sie, über Theresa gebeugt, ein quellklarer, kräftiger Juchschrei ein himmlischer Jubelakkord klang über den spiegelglatten Sec, den verzweifelten Angstruf der Mutter ubertonend.
Der alte Fischer am Ufer hielt in seiner Arbeit mne. legte die braune Hand schützend vor die Augen und blickte erstaunt hinaus auf die sonderbare Gruppe.
daiin würde in Ungarn die Parole: „Los vom Dualismus! Hoch die Personalunion!" notwendigerweise zur Regierungsparole werden, und das wäre der Anfang vom Ende des derzeitigen Verhältnisses zwischen den beiden Reichshälften. So ergibt sich, daß das bisherige rivrt- würsteln in Ungarn gefährlich, aber ein Experiment wie die Ausschreibung von Neuwahlen angesichts der jetzigen gespannten Situation noch gefährlicher wäre. Mithin würde sich selbst der zu erwartende endgültige Sieg des Kabinetts über die Obstruktion nicht als eine Lösung, sondern nur als eine Vertagung der politischen Krisis in Ungarn erweisen!
*
bä. Berlin, 80. Juli. Wie der „Voss. Ztg." aus Budapest telegraphiert wird, macht der „Magyar Orszag" die Enthüllung, daß die Journalisten Dienes und Singer, die als Vermittler in der Bestechungs- Affäre genannt wurden, gestern mit dem Verwalter des Grafen Szapary, Ritter, in der Wohnung des Grafen konferierten, worauf Dienes und Singer mit einem Advokaten nach Wien abreisten.
wb. Budapest, 31. Juli. Die verschiedenen oppositionellen Parteien angehörigenAnhänger derObstruktion beschlossen in einer Versammlung, einen Adretzentwurf an den König einzubringen, in dem erklärt wird, daß sie dre Obstruktion nicht eher einstcllen werden, als bis dre nach ihrer Ansfassung in den Gesetzen von 1867 gewährleisteten nationalen Forderungen erfüllt seren. Auch be- schlossen sie, morgen abermals im Abgeordnetenhause dre Bestechungs-Angelegenheit in schärferer Weise zu erörtern. — Wie verlautet, erklärte der Gouverneur von Fiume, Graf Ladislaus Szapary, daß er von verschiedenen politischen Abenteurern irregeführt und der alleinige Urheber der im Parlament gestern zur Sprache gekommenen Bestechungsversuche sei. Er sei bereit, vor der parla- inentarischen Untersuchungskommission zu erklären, oatz der Ministerpräsident von der ganzen Sache nicht dre geringste Kenntnis besaß, und er, Graf Szapary, voll- kommen auf eigene Faust handelte.
Drittes Kapitel.
Bei Gottfried war das Glück eingezogen mrt Theresa. Ambros war wie umgewandelt, er arbeitete rm stall und Feld, nahm sichtliches Interesse, an den Angelegen- heilen der Wirtschaft und drängte, was dem Alten am meisten Hoffnung gab auf gründliche Besserung, zur Hochzeit. Was diesem jedoch die Freude und innere Zufriedenheit verdarb, die er jetzt oft zu suhlen begann, war der Gedanke, dessen er nicht ledig wurde er folge in all dem, wie unbewußt, den Ratschlägen Moses Lerne- manns, Endziel und Zweck von all dem ser ja doch nur, den Vater zu einer günstigen Übergabe zu bewegen, dre ihm freie Hand ließ zum Verkauf, er war sichtlich gar nicht reif zu so schärrdlichem Betrug rrnd Heuchelei. Darm sprach ec sich in eine begcchrliche Liebe zu Franzl hinein, reizte sich selbst zu stürmischen Lerdenschafts- äußernngen, Liebesbezeugungen, die dieses einfache Kind
beglückten. . ... . t .
Die Nähe Theresas, dre sich setzt für ihren zwei- monatigen Urlaub völlig im Hause eingerichtet hatte machte auf ihn genau die gegenteilige Wirkung als Moses Leinemann wohl erwartet. Ihre Worte damals im Kahn — „glauben Sie denn, ich wurde mrt Ihnen reden, wenn Sie der Privatter Herr Hintermooser waren, ich, die Theresa Giorgi?" — die ja gewiß scherzhaft gemeint waren, machten einen tiefen Eindruck auf ihn, die souveräne Verachtung des Geldes, die dann lag, imponierte ihm und ließ ihm diesen Privatier Hlnter- niooser plötzlich in einem ganz andern, Lichte erscheinen — matt, verschwommen dämmerte m ihm der Gedanke auf, der Vater' könne doch das Rechte haben mit seinem zähen Bauernstolz.
Dach dem Tode Papst Leos XIII.
wb. Rom, 30. Juli. Die Sixtinische Kapelle ist für das Konklave fertig. 64 Thronsitze sind errichtet, die violett sind, mit Ausnahme des Sitzes des Kardinals Oreglia, der grün ist.
bä. Berlin, 36. Juli. Die „Nat.-Ztg." bezeichnet die Behauptung des „Figaro", daß der deutsche Kaiser Mit besonderer Beharrlichkeit im Einvernehmen mit Österreich seinen ganzen Einfluß zu gunsten eines Kardinals, eines früheren Nunziu s, aufbiete, dessen Wahl für das
Gottfried hatte sich auch auffallend verändert, dev hellere Zug, den Theresas Geplauder auf soin sirenges Antlitz zu zaubern wußte, hinterließ für ständig fernen wohltuenden Schimmer darauf, dazu kam die, imuge Herzensfreude, die er viel stärker empfand als äußerte, über die bevorstehende Heirat seines Sohnes und dessen sichtlich zu seinem Vorteil verändertes Wesen.
Die stillen Sommerabende, vor dem Hause in dem kleinen Sommerhaus aus Rinden, welches Gottfried errichten liesi, zeigten am deutlichsten, wer der gute Genius war, unter dessen geheimnisvollen Ausströmungen das alles so geworden. Wenn Theresas Lieder ertönten, bald voll stürmischen Drängens, bald voll wehmütiger Klage, bald gewaltig, als „kams g'rad vom Himmel abe", wie der Alte sagte, bald unendlich lieblich, alles auflösend in weiches Sehnen, unverstandenes Wünschen und Hoffen, da hielt sich das junge Paar fester umschlungen, Franzls schmiegsame, sonnige Natur zitterte in allen Fasern, und auch der haltlos umhertastende, leicht bewegliche Ambros fühlte sich heilsam erschüttert, er machte dann ein recht trotziges Gesicht, . alv wolle er sich gegen eine fremde Macht erwehren in fernem ^nnern« und drückte die Braut fester an sich.
Die beiden Väter, der Hintermooser und der Lech- leitner, die Geschäftliches bespracheio. taten dre Pfeife aus dem Munde omd lauschten in ernster Andacht. Dann sah Gottfried gar nicht mehr so trotzig darein, auch sein Auge bekam einen sinnenden Ausdruck, und wie dünne Erinnerungen eines andern, unbekannten Seins zog es
über seine'kräftige Stirne
Der schweigsame, gemessene Fischer ließ sogar cm „dat is aber wirkst schön!" hören und warf Theresa einen Blick zu, über den er vor dem Spiegel sellist erschrocken wäre, daß ihm noch so was passieren könne. _
Dazu ihre einfache, ungezwungene Heiterkeit, ihr Verständnis und ihr Interesse für den engen Lebens- kreis dieser Leute. — Und das war eine Künstlerin — eine vom Theater! , „
Gottfried war tödlich erschrocken, als es ihm Nonei den Tag loach der Ankunft der Damen sagte, und wenn sie es ihm nicht am selben Abend schon angetan hätte mit dem schönen Lied vom Wald, hätte er sic gewiß nicht im Hause behalten. Sein Mißtrauen gegen die Person
