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Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.
N». 349. Morgen-Ausgabe.
Donnerstag, den 30. Juli.
61. Jahrgang. 1903.
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Der Tanz ist das fünfte Element; ^
Dem Lebcnslünstler ein Sakrament!
Wer recht kann tanzen, ist Herr der Welt;
Er hat sein Nichts auf das All gestellt!
Ellen Key.
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(3. Fortsetzung.)
Freiheit!
Roman von Walter Schmidt-Häßler.
„Und darf man vielleicht wissen", mischte sich jetzt der Vater ins Gespräch, „wer der Glückliche ist, dem meine selbständige Tochter hinter dem Rücken ihrer Eltern ihre Neigung geschenkt hat?"
„Gern, lieber Vater, denn ich sehe dirrchans nicht ein, warnm ich meine wahren Empfindungen vor euch länger verbergen sollte. Ich liebe einen Menschen, der dieser Zuneigung in höchstem Grade würdig ist und der auch der einzige sein wird, dem ich ins Leben folge!"
„Der Herr Reinhardt!!" platzte die jüngste Schwester Beate heraus nnt einem kurzen höhnischen Gelächter.
„Ja, der Herr Reinhardt", bestäsigte Ella und richtete sich hoch auf, als gewähre es ihr eine beispiellose Genugtuung endlich einmal auszusprechen, was sie so lange heimlich im Herzen getragen hatte.
„Wer?!" fragten der Vater und die Mutter zugleich. „Ich habe wohl nicht recht gehört", siihr Herr Röminger, jetzt ernstlich aufgebracht, fort. „Der FarbenklMr, der kaum so viel verdient, daß er sein Leben fristen kann, der nichts gelernt hat, was irgend welchen praktischen Sinn hat? — Glaubst du im Ernst, wir würden jemals unsere Einwilligung geben zu einer Heirat mit einem Menschen, dessen Eltern in unserem Haufe vier Treppen hoch nach hinten hinaus gewohnt haben und ihr Lebtag nichts zu erübrigen verstanden?"
„Du willst uns wohl in der ganzen Stadt lächerlich machen, meine Liebe?" schrie Frau Berta förmlich auf in maßlosem Entsetzen. „Ich könnte ja keiner meiner Bekannten mehr unter die Augen treten, könnte es nicht mehr wagen, mich in der Öffentlichkeit zu zeigen. —. Ein Künstler als Schwiegersohn in ein ehrsames Fabri- kantenhaus?! Das fehlte noch!"
„Dann heirate ich eben gar nicht!" erwiderte Ella, indem sie sich erhob und ihren Stuhl zurückschob. Sie war fest entschlossen, ihre Liebe bis aufs äußerste zu verteidigen, denn sie fühlte, daß sie verloren war, wenn sie auch nur um eine Linie nachgab. — Sie wußte genau, daß jetzt eine Szene erfolgen mußte, wie sie im elterlichen Hause noch keine erlebt hatte — und sie hatte sich nicht getäuscht.
Die Mutter brach in Tränen auS, schon weil sie wußte, daß dies ihren Mann aufs höchste erregte und zur Wut aufstacheln konnte, denn so unterdrückt der gute
Herr Röminger auch war, so wenig er einen eigenen Willen kundgcben durfte, so heftig war er auch — tote alle im Grunde gutmütigen Menschen — wenn er durfte! — Und so steigerten denn die stromweis flteßenden Tränen der Mutter und der starre Trotz Ellas den schwachen Menschen nach und nach in eine jo hochgradige Erregung hinein, daß er sich tatsächlich als Herr im Hause vorkam und sich in dieser Täuschung bis zur Kopflosigkeit berauschte.
Aber Ella blieb fest. Ohne mit einer Wimper zu zucken, ließ sie den ganzen Strom des entfesselten Zornes über sich ergehen, und beharrte auf ihrer Weigerung, Iretz nicht ab von dem einmal gefaßten Entschluß, bis sie endlich das Zimmer verließ und sich in ihrem Zirnmer em- schloß. —Erst dort löste sich der, Krampf,, der ihre Brust wie in einem Schraubstock gepreßt hielt, in einen Strom heißer, ohnmächtiger Tränen, und in fassungsloser Verzweiflung brach sie auf dem Sofa, zusammen.. Sie war nie eine schlechte Tochter gewesen, im Gegenteil, von den drei Mädchen hatte sie ganz entschieden den reichsten Fonds an Herz und Gemüt, und hing an ihren Eltern mit aufrichtiger Ergebenheit. Sie war klug genug, all die harte Verurteilung ihres so ganz anders gearteten Geisteslebens dem beschränkten Horizont der Eltern,, den beengenden Verhältnissen der entsetzlich spießbürgerlichen Stadt zuzumessen: aber in diesem Falle nachzugeben,
wäre ihr wie ein Verbrechen, wie eine frivole Entheiligung ihres Selbst erschienen, und so sehr sie sich quälte, einen rettenden Ausweg zu, finden, in langen, martervollen Stunden des Alleinseins, sie fand nur das eine — fest zu bleiben, unbeugsam fest bis aufs äußerste! —-
Von diesem Tage an begann für sie eine schwere Zen des härtesten Druckes, der grausam chre ganze Seele ver- wundete. Die strenge Kontrolle über ihr Tun und Lassen steigerte sich bis zur Unträglichkeit, so daß sie oft nahe daran war. Physisch und seelisch zusammenztchrechen. Es war ein erbitterter Kampf zwischen ihr und der Familie, die sich zur Aufgabe gestellt hatte, chren Willen zu brechen, während sie den festen Entschluß gefaßt hatte, sich um keinen Preis ihrer Liebe abwendig machen zu lassen.
Der Besuch des Theaters, ihre einzige Freude, die sie über das traurige Niveau des Alltagslebens erhob und sie auf Stunden freundlich über alles Leid hinwegtäuschte, wurde chr ein für allemal untersagt, jede Möglichkeit, sich Lektüre zu verschaffen, wurde ihr abgeschnitten, und selbst auf ihren Spaziergängen war sie von der Mutter oder einer der Schwestern begleitet. — Sie lebte, wie eine Gefangene, und litt buchstäblich Qualen, die allmählich ihre zarte Gesundheit untergruben; aber ihr Wille beugte sich nicht! — Dem Geliebten eine Nachricht zukommen zu lassen, war unmöglich; denn im ganzen Haufe hatte sie niemand, der Mitleid mit ihr oder Verständnis für fie gehabt hätte. Ihre Schwestern, denen ihre gejsttge Superiorstät stets ein stummer Vorwurf für ihre eigene Minderwertigkeit gewesen war, freuten sich ihrer De
mütigung und waren nicht nur willenlose, sondern dienst
bereite Werkzeuge in den Händen der, Mutter.
Reinhardt war unglücklich im höchsten Grade. Seit jener flüchsigen Begegnung auf der Parade hatte er, dte Geliebte nicht wieder gesehen, und so sehr er nach entet Gelegenheit suchte, so eifrig er überall forschte, wo sich eine Möglichkeit bieten konnte, Ella zu begegnen, so er. folglos blieb sein Bemühen. —
Eines Morgens, als Baron Remmingen eben aufge- standen war und sich im Speisezimmer seiner eleganten Gar?onwohnung beim Frühstück befand, wurde ihm, der Besuch seines jungen Freundes gemeldet, und einen Augenblick später trat Reinhardt ins Zimmer, blaß und mit einem so unbeschreiblichen Ausdruck des Schreckens in dem sonst so heiteren Gesicht, daß Franz unwillkürlich aufs höchste bestürzt von seinem Sitze aufsprang.
„Um Gottes willen, Mensch!" rief er aus, „was ist denn vorgefallen, du siehst ja aus, daß ich dich, kaum wiedererkenne? -— Vor allen Dingen setz dich, trink ein Glas Wein und dann erzähle!" —
Reinhardt sank aus den nächsten besten Stuhl;, das dargereichte Glas schob er zurück und starrte, wie gerstes- abwesend, vor sich hin.
Remmingen setzte sich neben ihn, legte den Arm um seine Schulter und sprach ihm mit herzlichstem Tone zu: „Komm, mein armer Freund, sprich dich aus, wie du es doch imnrer getan hast, denn deshalb bist du doch zu mir gekommen! Was hat's denn so Furchtbares gegeben, das dich, den Ruhigen, den allezeit so Heiteren, so aus der Balance bringen konnte?!" —
„Franz —" begann Reinhardt, indem er, die Hand des Freundes ergriff. „Ich komme zu dir, weil ich keine klaren Gedanken mehr fassen, mich nicht mehr beherrschen kann. Ich brauche einen Menschen, an dessen mitfühlende Brust ich mich werfen kann, der mich aufrichtet, wenn ich nicht zu Grunde gehen soll! —" Und in ausbrechender Verzweiflung schlug er beide Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen wie ein Kind.
Remmingen war aufs tiefste erschüttert. Er kannte seines Freundes leicht erregbares Gemüt, wußte nur zu gut, daß diese flexible Künstlerseele den wechselvollsten Erregungen zugänglich war.
Er hatte chn ja schon oft mutlos, verzagt,, oder auch recht unwillig gesehen, wenn ihm dies oder jenes mißglückt war; aber Tränen hatte er noch nicht in seinen Augen gesehen, und nun gar Tränen wie diese, die so. offenbar aus den ttefften Tiefen seines Herzens kamen.
„Fasse dich, Reinhardt", sagte er leise, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte, „und sei ein Mann! — Nimm dich zusammen, so gut es eben geht, und sage mir alles, was du auf dem Herzen hast. Du weißt ja, mein Kopf ist bereit, zu jeder Stunde, für dich zu denken, wenn du selbst in der Erregung nicht dazu fähig bist. — Sag' mir, was vorgefallen ist, und wir wollen dann gemeinsam miteinander beraten! Komm!" — (Fortsetzung folgt.)
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Bekanntmachung.
Donnerstag, den 30. Jnli er.. Nachmittags 4 Uhr, werden in der Behausung Schlachthausstrahe 6/7 hierselbft:
ca. 600/1 Nasche» Wch«»
(1880er Schloß Bollradser, 1805er Nackenheimer) öffentlich zwangsweise gegen Baarzahlung versteigert. §261
Wiesbaden, den 20. Juli 1003.
W ollenlaaiipt,
_ Gerichtsvollzieher. _
Männergesang-Verein 0@üi3€iS*llii£9n
Samstag, den 1. August er.:
n. Families-Abend
bei Mitglied Pauly (Adolfslsöhe),
wozu böfl. einladet B 355
Der Vorstand.
AM© Adolfslaöh©.
Morgen »und jeden Donnerstag bei günstiger Witterung:
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ausgeführt von der Kapelle des Hess. Füsilier-Regiments Nr. 80, L., Entree frei — Anfang 4 Uhr — Ende gegen 11 Uhr,
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