Viksbs-kllkr Tmtilstt.
51. Jahrga«-.
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Mp« 33V. Verlags-Fernsprecher No. Ab».
Donnerstag» den 30. Juli.
Re»aktio«»Fer«sprecher No. SS.
1903.
flbend-flusgabe.
Jürr August uuö September:
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Drei Monate ex lex.
t. Budapest, 27. Juli.
Drei Monate sind- es nun schier, das; wir in Ungaril „ohne Gesetz" wirtschaften, und von einer Entwirrung dieser unselige:: Situation ist leider noch immer nicht die Rede. Die Steuern zeigen einen namhaften Ausfall., die brennendsten Fragen harren vergeblich ihrerLösungen, die Handelsverträge mit dem Auslande sollten erneuert werden, die Zuckerfrage drängt auf Entscheidung und Ungarn ist nach wie vor im Banne des „ex lex", der wie ein Alp aus unserem gesamten öffentlichen Leben liegt, jeden frischen Atemzug erstickend. Für einen Augenbltck glaubte man Mtte der verflossenen Woche wieder Hoff, nung schöpfen zu dürfen: Graf Albert Apponyt,
diese derzeit bedeutendste Persönlichkeit des ungarischen Parlaments, führte den ganzen Zauber seiner Beredsamkeit gegen die äußerst-linke Obstruktion ins Treffen. Er fand Akzente, die in. aller Brust Widerhall erwecken mußten, als er von dem enormen Schaden des alles lähmenden Totrede-Systems sprach. Er war stark und groß in der Verurteilung des Obstruierens um jeden Preis und dennoch ebenso patriotisch in seinen Wünschen und Hoffnungen für die Zukunft wie die Opposition selbst. Aber das feurige „Menetekel", welches er auf das politische Firmament Ungarns mit der Farbenlebendig- Mt seiner Eloquenz hinmalte, verblaßte ebenso rasch, wie das Wort seiner Rede vertönte. Die terroristisch gesinnte Obstruktionstruppe vom äußerst-lmken Flügel verschloß einfach vor diesem Feuerzeichen die Augen und vor hem patriotischen Warner ihr Ohr. Emen Augenblick lang hoffte man; es hieß, Graf Apponyl habe ferne Minister-Kandidatenrede gehalten, die Krone werde den Grafen mit der Mission betrauen, die nur. er, der ja auch
Dnterwühller Grund.
Roman von Anton Freiherr« von Pcrsall.
(5. Fortsetzung.)
Er fühlte sich unwohl in seiner Sphäre, jeder Sommer, der ihn in Verkehr mit Fremden brachte, nährte dieses Gefühl. Im Vergleich mit dem scheinbaren Wohl- leben dieser vornehm aussehenden, geistesgewandten, den Landleuten so überlegenen Leuten empfand er seine Lauernexistenz als unendlich ärmlich, schal und genußlos, sein rauher, ungebildeter Vater, der nie lachte, nichts kannte wie Arbeit, stieß ihn ab. Die derbe, ewig gleiche, ohne Genuß genossene Nahrung, die schlichten Wohn- und Kleidiingsverhältnisse erschienen im Licht der Annut, der Dürftigkeit — kurz, er fühlte und dachte nicht mehr als Bauernsohn. Franzl, die Tochter des_ Hoffffcher^ Lechleitner, hatte er vor einigen Jahren wirtlich gern gehabt, sie hatten sich schon als Kinder auf dem See und auf der Alm zusammen Herumgetrieben, seit langer Zeit schon kam sie ihm furchtbar einsaitig vor. ^hr züchtiges, zimperlick>es Wesen ihm gegenüber war ihm langweilig, da schäkerte und scherzte er viel lieber mit der städtischeil Kellnerin ans der frischen Hob.
Er wußte, daß der Vater all seine Hoffnung , aus eine Heirat mit der in seinen Augen unübertrefflichen Franzl setzte, aber er konnte sich , nicht entschließen, den Herzenswunsch des Alten zu erfüllen, dem er, sich von Jahr zu Jahr mehr entfremdete; so vernachlässigte er das Mädchen, die allgemein schon als seine Braut galt, auf kränkende Weise.
Er horchte gestern, wie sem Vater, auf den Gesang Theresas von seiner Stube aus, aber er war sittlich schon zu sehr angefressen, als daß derselbe eine ähnliche Wirkung auf ihn gemacht hätte wie auf diesen; ber ihm bestand sie darin, daß er mit fieberndem Kopf 31 t Bett ging sein Los verfluchend, das ihn zum Bauernsohn bestimmt, und mit wirklichem Mißbehagen an eine Verbindung mit Franzl dachte.
Die Theorie, welche eben Moses entwickelte, leuchtete ihm ein Er hatte von derlei unerlaubten Verhältnissen schon oft erzählen hören, solche oft selbst in der Sommer- frische beobachtet; dunkle Bedenken, die rn ihm schwach ausstiegen, schlug der Gedanke an die achtzigtausend Mark
vermöge seiner Vergangenheit der Opposition am nächsten stehe, während er gleichzeitig auf Grund seiner letzten Rede das gelockerte Band,, das ihn und die Seinigen mit der Majoritäts-Partei verband, neu gefestigt hätte, lösen könne. Graf Apponyt werde das Dffnisterpräsidium übernehmen und Graf K h u e n werde auf den Posten des verstorbenen gemeinsamen Finanzministers für Bosnien und Herzegowina berufen werden. Aber diese Version verstummte ebenso rasch, wie die Wirkung seiner großen oratorischen Leistung auf die Opposition, die gleich am nächsten Tage , ihr zersetzendes Obsrruktionswerk mit neuem Eifer wieder fortsetzte. Dann setzten wieder neue Gerüchte — ebenso viele geplante Notbehelfe — ein, welche der, unhaltbaren Situation ein Ende machen sollten. Es hieß und heißt auch jetzt noch immer, daß Graf Khuen selber vom Monarchen neue, weitgehende Vollmachten erhalten werde, Vollmachten, auf deren Grundlage einer seiner Getreuen — man nennt den apponyistischen Abgeordneten Bolyur, den Aspiranten aus den Posten eines Staatssekretärs im Hontwd-Ministerium — demnächst einen Beschluß- antrag einbringen werde, den sich auch die Regierung zu eigen mache,: tvird, demzufolge die verlangten mili- tärischen Konzessionen in einem kurz befristeten Zeitraum zur Tatsache werden sollen. Eine dritte Version wieder spricht von der Fortsetzung des Widerstandes seitens der Majorität und einer Verlängerung der Sitzungen bis Mitternacht oder auch, wenn nötig, von der Nicht-Unterbrechung der Sitzungen durch Tage hindurch, ähnlich wie dies in Österreich der Fall gewesen, wo das Parlament drei Tage und drei Nächte hintereinander beisammenzubleiben gezwungen war. Letztere Maßregel wäre in Ungarn allerdings nicht gerade die glücklichste Lösung, denn es ist sicher, daß bei der Siedehitze der Gemüter eine derartige Verfügung zu noch nie dagewesenen Tumulten und blutigen Straßenkrawallen führen würde, so gerechtfertigt auch die Ungeduld der Regierung wäre. Und so wird — so schmerzlich dies auch so manchen Wiener Kreisen werden dürste, welche dem Grafen Albert Apponyt seine nationale Offenherzigkeit, mit der er sich als Endzweck auch für die ungarische Kommando-Sprache einsetzte, nicht verzeihen können, — kaum ein anderer Ausweg übrig bleiben, als über kurz oder lang dennoch den Versuch zu unternehmen, das unleugbar große parlamentarische Talent, die hohe staatsmännische Begabung des Grafen A p p 0 n y i, das einsam und hochragend auf dem Präsidenteusitze inproduktiv zu verkümmern droht, dem ungarischen Vater- lande durch eine Berufung an die Spitze der Geschäfte auch praktisch dienstbar zu machen.
nieder. Er war eben noch ein einfältiger Bauernbursche, den muß man ausziehen, wenn man etwas vorstellen will.
„Der Alt' wird sich hübsch einspreiz'n, wenn's ans Verkaufen ging, da könnte was passieren", memte, mcht mehr von dem Gedanken lassend, Ambros.
Moses Augen schillerten, auf seinen runden Wangen erschienen rote Flecken; daß er seinem Lieblmgsplan, das wertvolle Hmtermooser Anwesen zu erwerben, so nahe rücke, ließ ihn fast alle Vorsicht vergessen.
„Das kommt nur auf die Übergabe an — das mutz mau eben verstehen, junger Freund —"
Er setzte sich so, daß ihm niemand in das Gesicht sehen konnte, und näherte seine dicke Lippe dem Ohre Ambros.
„Laß ihm alle möglichen Vorteile — g'wandt (kleiden) ihn zweimal, wenn ers einmal verlangt, gib ihm zwanzig Mark in d' Taschen, wenn er zehn Mark verlangt tm Monat, gib ibm das schönste Zimmer, und Kost, was er verlangt, red', als war' das all's nur so a Form und all's blieb' doch beim alten, nur — das volle Eigentums- recht wahr Dir, junger Mann, davon laß kein Tüpfelchen weg, nix von ein' Einspruchsrecht beim Verkauf oder Tausch, in die Wirtschaft, nix, gar nix — dann bist gut heraus und 's Einspreiz'n wird sem umsonst von dem alten, groben Mann! — Nicht daß ich Dir schlecht raten will gegen Deinen Vater — beileib' net — nur daß D' Franzl net hetrat'st umsonst und mir kein Vorwurf machst später."
Ambros hörte andächtig zu. .
„Wenn er's spannt, ist's aus, nachher stirbt er auf dem Hof", flüsterte ec dem Händler zu, „drum Vorsicht,
Herr Leinemann." ^
„Ich?" Ter Jude lächelte überlege,:. „Das rat ich Dir, Ambros; wie a Knecht mußt Du arbeiten setzt, a rechte Freud zeig'n am Hof, ^wegschaueu vom Weg, wenn der Leinemann kommt —"
Einige Fuhrleute traten ein und setzten sich an den Tisch nebenan Moses zwinkerte bedeutungsvoll m:t den Augendeckeln, stand plötzlich auf mit einem ober- flächlichen Gruß, als sei er nur zufälllg neben Ambros gesessen, und ging. Die Arbeiter erhoben sich alle von ibren Sitzen und grüßten ihn so ehrerbietig wie den Herrn Direktor, und er winkte gnädig ab.
„Bleibt sitz'n, Leut'I"
In Ambros gärte es wild durchelnaiider, er empfand
Dach dem Tode Papst Leos XIII
Z»r Papstwahl
wird uns von wohlinformierter, hochstehender Seite geschrieben: Es erscheint nur zu begreiflich, daß das bevorstehende Konklave die Aufmerksamkeit des ganzen Erdenrundes in Anspruch nimmt, wie kein sonstiges politisches Ereignis. Ist doch die Frage, welche Persönlichkeit den heiligen Stuhl besteigt, weit wichtiger für die gesamte Welt, als irgend ein Thronwechsel, selbst im mächtigsten Reiche. Ein Monarch hat sogar in dem am meisten absolut regierten Staate die Wünsche der Bevölkerung in höherem oder geringerem Grade zu berücksichtigen, während der Papst vollständig nach seinem Gutdünken handeln kann und doch sicher sein darf, in seiner enormen Einflußsphäre unbedingten Gehorsam zu finden. Für Deutschland erschöpft sich das Interesse an dem bevorstehenden Ereignis jedoch durchaus nicht in diesen allgemeinen Gesichtspunkten, sondern wir müssen auch nicht vergessen, daß wir gegen 20 Millionen katholische Mitbürger haben, und daß ferner in unseren Beziehungen zu dem Auslande und endlich auf kolonialem Gebiet es für uns von unendlicher Wichtigkeit ist, ob wir auf die moralische Unterstützung des Vatikans rechnen dürfen oder nicht. Schon Fürst Bismarck hat dieser Frage die größte Aufmerksamkeit zugewendet und bereits bedeutsam im Jahre 1873 im Reichstage erklärt, daß die deutsche Regierung zwar keinen Druck bei einer etwaigen Papstwahl ausüben, aber prüfen werde, ob sie unter legitimen Umständen vollzogen worden sei. Aus diesem Grunde machte auch die Veröffentlichung einer Bulle Pius IX. im Jahre 1874, die sich übrigens später als gefälscht herausstellte, ungeheueres Aufsehen, denn im Gegensatz zu der Erklärung des eisernen Kanzlers besagte dieselbe, im Falle des Todes Pius IX. sei der Nachfolger „sofort" zu erwählen, damit nicht unter fremdem Einfluß ein Papst erkürt werde, der ein Feind der katholischen Kirche sei. Ein Jahr später wurde auch in der „Post", dem damaligen offiziösen Blatte, der Vorschlag gemacht, eine internationale Verständigung herbeizuführen, um die Bedingungen für ein Konklave und für die päpstlichen Erlasse auf ihre Berechtigung und Wirksamkeit gegenüber den Mächten festzusetzen. Beim Tode Pius IX. befand sich Deutschland mitten im Kulturkampf, und Fürst Bismarck konnte.natürlich nicht erwarten, daß man damals seine „Wünsche" im heiligen Kollegium berücksichtigen würde. Nichtsdestoweniger beauftragte er unseren Vertreter in Rom, v. Keudell, bei dem Konklave das Vetorecht Deutschlands als Erben und Nachfolger des heiligen, römischen Reiches in Erinnerung zu bringen. Leo XIII. wurde indes ohne Protest erwählt und teilte
das Bedürfnis in seiner unruhigen Seele, sofort etwas für die Sache zu tun; er ging, niemand grüßte rhn, jetzt fiel ihm das auf.
Draußen rasselte, stöhnte, zischte es auf allen Sesten, über ihm liefen geschäftig die mächtigen Treibriemen durch die glühende Luft, welche das große Schwungrad trieben im Maschinenbaus. In einer langgestreckten Halle rasselten ganze Züge kohlengefüllter Hunte, d:e eben gefördert wurden, der Bahnladestelle zu; überall tausendfältiges Leben wie in einem Ameisenhaufen. — Da wurde Geld verdient, ganze Züge voll bares Geld. Das war ein Unternehmen, so etwas vermag nur das Kapital, die Industrie, und sein toller Vater w:ll sich dagegen stemme:: mit seinem Bauerntum, will diesem unerschöpflichen Reichtum eine fünfundzwanzig Zentimeter dicke Erdschichte entgegensetzen, die cm bißchen Gras und Wald hervorbringt, mit der sich sein Geschlecht seit einem Jahrhundert und darüber abgemüht Jahr für Jahr, ohne mehr zu gewinnen als das tägliche Brot. Die Wehen einer neuen, aufgeklärten Zeit, in der man mit solche:: Albernheiten brechen mußte, durchwitterten ihn, — Achtziqtausend Mark! Was kann man damit machen, ganz was anders wie Heu und Kalb'ln — hunderttausende — eine Million! Und das Leben daberl Gine Künstlerin zur Geliebten, Pferd und Wagen — ganz herrisch halt.
So sinnierte er ans-dem Waldweg zur Seeleit n und köpfte dabei nüt seinem Knotcnstock alle Disteln, Schwämme und anderes derartiges freches Gesindel, was ihn: in den Weg kam.
Er wußte selbst nicht, wie das kam, plötzlich stand er vor dem stattlichen Hause des Fischers Josef Lechleitner. Der hing eben Netze zum Trocknen auf, ein breitschultriger, großer Mann, der mit dem vorn übergeschnallten Lederschurz, mit den sehnige::, nackter: Armen eher einem Schmiede glich.
Er nickte kaum merklich mit dem Kopf bei Ambros' Gruß, es lag gerade nicht der Ausdruck besonderer: Wohl- wollens darin, auf verschiedene schüchterne Fragen des jungen Mannes, der sein selbstbewußtes Leben ganz verloren zu haben schien, gab er gar keine oder zwischer: Zähnen und Pffife nur kaum verständliche Antwort — da ertönte helles Lachen hinter dem Hause, dem See zu, das Klatschen von Rudern im Wasser, ein ängstlicher
