Anlage zum Wiesbadener Tagblatt.
Us. 347. Worgen-Arrsgabe.
Mittwock. den 29. Juli.
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3} Ich Hab« drei schöne Tage in meinem Leben gehabt: » « Marengo, Ansterlitz it»d Jettu. ü.soferiie man als vierten **■ ^ nicht jenen zählen will, an welchem ich einem Kaiser in einem 5i Straßengraben Audienz gegeben habe.
« Napoleon I.
(2. Fortsetzung.)
Frrikjrrt!
Roman von Walter Schmidt-Häßler.
Madame Rörmnger hatte sich mit ihren Töchtern ahnungslos in den festlichen Strudel gestürzt und einmal Mc ewig wachsamen Augen statt auf ihre Zllteste, auf die Triumphe der Jüngeren gerichtet.
Sie war heute ganz sonder Arg, da sie dm ihr unausstehlichen Maler in Berlin wußte. Der über war heimlich zurückgekommm und hatte sich mit einem seiner Freunde, der im Römingerschen Hause zuweilen verkehrte, Sohn eines Kommerzienrats war und deshalb bei Herrn und Frau Röminger glänzmd legitiiniert war, eine vorzügliche List ausgedacht.
Sie hatten sich beide ganz gleiche, ziemlich auffallende Dominos machm lassen, und da sie sich auch in der Erscheinung glichen, so konnte die geplante Verwechselung niemandem so leicht auffallm. So holte denn der liebenswürdige Mitschuldige Ella von der Seite der Mutter ah und übergab sie am Fuße der Treppe seinem Doppelgänger, während er selbst in einem der abgelegenen Weinzimmer verschwand.
Und so wandelte denn die glückstrahlende Ella am Arme des Geliebten durch den Saal, während von obm die mütterlichen Augen mit Wohlgefallen aus ihr und dem vermeintlichm Kommerzienratssohn rächten, der so auffallend mit ihr zusammen war und ihr wundervolle Dinge sagen mußte, den sie lachte einmal über das andere und beide nicktm oft und vertrarilich zu ihr hinauf.
An diesem Abend entschied sich Ellas Geschick, bei den schmeichelnden Weisen der Musik strömte es ihnen wann vom Herzen zum Herzen, und als sich sich trennten, wußten sie, daß sie einander gehörten fürs ■ ganze Leben. •
Von dieser Ballnacht an war aus dem wehmütigen Schwärmen ein heißes Sehnen geworden, das keine Ruhe, keine Rast ließ, die Knospe der Liebe war aufgegangen zur vollen, üpvigen Blume.
All diese Erinnerungen zogen cm ihr vorbei, während sie in der Sosaecke lag und vor sich hinträumte mit halbgeschlossenen Augen.
Sie hatte die Arme unter den: Kopfe verschränkt und fühlte sich allem, was sie umgab, weit entrückt in seligem Selbstvergessen.
,Sie kam sich heute so merkwürdig stark und entschluß- fähig vor. Ein Gefühl der Widerstandsfähigkeit war über sie gekommen, daß ihr eigentlich sonst ganz fremd war und sie selbst überraschte.
Alles hatte sie bisher geduldig, mit. einer gewissen Resignation über sich ergeben lassen, in kindlichem Gehorsam, in anerzogener Passivität, aber ihre Liehe sollte ihr nienmnd aus dem Herzen reißen wollen, denn alle Hoffnungen auf eine glückliche Zukunft nach langer, sehr freudloser Jugend gipfelten in dem Gedanken, die Seine zu werden.
Seit sie unumstößlich sicher wußte, wie sehr er sie siebte, war etwas in ihrem schüchternen Herzen gewaltig
zum Leben erwacht, dessen Vorhandensein sie bisher me- mals gefichlt hatte — der Wille.
Auch sie hatte ein heiliges Anrecht an das Glück, das jedem Lebewesen beschieden ist, ein Anrecht, das keine Autorität der Welt, selbst nicht die elterliche, ihr be- streiten konnte!
Ein Klopfen an der Tür weckte sie aus ihrem Sinnen; man rief sie zu Tisch.
Über der ganzen Familie lag heute etwas Feierliches, das ihr auffiel. Namentlich der Vater war heute noch schweigsamer als sonst und schien an einem ganz gewaltigen Entschlüsse zu arbeiten.
Mehrere Male bemerkte Ella, daß die Mama dem Gatten einen aufmunternden Blick zuwarf, wie es immer geschah, wenn sie seine hausherrliche Autorität zu Hülfe rief.
Er war ja sonst eine Null, der gute Papa, das wußten alle im Hause, von der ältesten Tochter bis zum Dienstmädchen, aber wenn er „im Namen der Familie" sprach, so war dies so gut, als wenn die allgewaltige Mutter höchstihren Willen durch einen Herold bekannt gab.
Endlich begann Herr Röminger, indem er sich an seine älteste Tochter wandte: „Liebe Ella! Wir haben heute vormittag einen wichtigen Besuch gehabt, der uns ungemein viel Freude bereitet hat. Herr Doktor Ellrich ist bei uns gewesen und hat bei uns in aller Form um deine Hand angehalten!"
Alle drei Mädchen machten große Augen, erwiderten aber nichts, und der Hausherr fuhr fort: „Deine Mutter und ich sind natürlich überzeugt, daß du die Ehre, die ein so hervorragender Mann dir erweist, in vollem Umfange zu schätzen weißt, und so haben wir ihm selbstverständlich auch in deinem Namen das ersehnte Jawort gegeben!"
Eine lange Pause trat ein, während Herr Röminger nach der Anstrengung, die ihm dieser Aufwand von Energie gekostet hatte, wieder in sich zusammensank. Alle Augen hingen an Ella, die weiß geworden war wie das sonntägliche Tischtuch und sich unmuttg auf die Lippen biß.
„Nun?!" begann jetzt die Mutter mit dem ihr eigenen scharfen Tone, „wir warten auf deine Antwort, liebes Kind?!"
Ella richtete sich hoch aus.. Sie fühlte, wie ihr das Blut wieder in die Wangen strömte, und ruhig, ohne eine Mime zu verziehen, sagte sie, als ob es sich um eine gleichgültige geschäfttiche Mitteilung gehandelt hätte: „Ich finde es, wenn ihr nach meiner Ansicht fragt, sehr verfrüht, auch in meinem Namen „Ja" gesagt zu haben, noch bevor ihr mich fragtet, ob ich mit dieser Wahl auch nur im entferntesten einverstanden sei. Ter Herr Doktor mag ein ganz angenehmer Mensch sein — ich habe ihn mir daraufhin allerdings noch nie angesehen, er mag eine gute Praxis haben, was ich ihm wünsche, und mag ein ganz -ausgezeichneter Arzt sein, was ich seinen Patienten wünschen will. Aber daß ich ihn mir deshalb zum Lebensgefährten wählen sollte, was kann doch unmöglich euer Ernst sein. Ich weiß die Ehre zu schätzen, aber seine Gatttn werde ich unter keiner Bedingung!"
Frau Berta war sprachlos — aber nur einen Moment, dann begann sie im härtesten Tone, dessen sie fähig war: „Du — willst nicht? — Ja, hör' ich denn wirklich recht? Deine Eltern geben sich die erdenklichste Miihe für dich endlich eine passende Partie zu stände zu bringen, und der Dank dafür ist ein kurzes „Ich will nicht!" — Willst du dich vielleicht herablassen uns für diese merkwürdige Weigerung Gründe anzugeben?"
„Gewiß will ich das", entgegnete Ella, indem sie setzt den Kopf trotzig erhob, „und ich hoffe, daß meine Gründe euch einleuchten werden. Ich fühle mich sogar verpflichtet, klar und offen meine Meinung über diesen Punkt auszusprechen, schon um euch die Mühe zu ersparen, ein zweites Mal so voreilig um meine Zukunft bemüht zu fein. Die Frau eines Mannes zu werden, den ich nicht liebe, für den mein Herz auch nicht das Mindeste empfindet, erscheint mir so in höchstem Grade unmoralisch und widersinnig, daß ich keine Worte finde, um den Abscheu auszudrücken, den mir der bloße Gedanke einflößt. In allererster Linie, denke ich, muß doch wohl das Herz eines Mädchens das entscheidende Wort, aussprechen, wenn eine Ehe, ein lebenslanges, gemeinsames Zusammenleben, sich auf einer gesundm Basis aufbauen soll!"
„Ta haben wir die Frucht der geistteichen Lektüre, die das hochgebildete Fräulein nächtelang heimlich verschlingt", erwiderte Frau Berta, in höchstem Grade gereizt, „Romanideen, schöne, hochttabende Redensarten ohne jeden Prakttschen Hintergrund! Das Leben ist wahr- hafttg kern Ballsaal, in dem zwei verliebte Menschen sorglos hiirtändeln können. Die Liebe ist ein sehr kurzer und flüchtiger Rausch, eine kindliche Selbsttäuschung, aus der man nur zu oft bitter enttäuscht aufwacht zu einer sehr ernsten Wirklichkeit.
Mit schönen Phrasen aus Büchern baut man sich keinen soliden heimischen Herd, und wenn wirklich ein ernst zu nehmender Mann um ein Mädchen anhält, die schon einundzwanzig Jahre alt ist, so sind dies Chancen sür die Zukunft, die man mit dankbarer Gesinnung an- nehmen sollte, statt von allerlei imhaltbaren Phantastereien zu faseln, wie ein P-ensionsmädchen. Ehen, die die Vernunft schließt, sind stets die gesündesten und darum auch die einzig glücklichen. Die Liebe kommt in der Ehe. Das weiß ich am besten!"
„Die Gewohnheit, willst du sagen, Mama", entgegnete Ella mit einem fast mileidigen Blick auf den Vater,^ der sich in seiner langen Ehe wirklich an vieles. gewöhnt hatte. „Ich bin nun einmal nicht so geartet, ein so verantwortungsvolles Spiel zu beginnen, mit der Hoffnung auf einen so bescheidenen Gewinn. Nein, der Manu, den ich mir wähle, muß vom ersten Augenblicke an auch meine volle Neigung besitzen, ich muß wissen, daß mich in der Verbindung mit ihm nicht bloß eine Versorgung, sondern auch das Glück erwartet. Und jedes Wesen, dem Gott eine Seele zum Fühlen und Empfinden gegeben hat, hat auch ein Recht an das Glück, das ihm kein Mensch der- weigern, keine Gewalt der Erde streitig machen kann. Ich bin, Gott sei Dank, nicht oberflächlich genug, um mir damit genügen zu lassen, den Namen irgend eines mir innerlich fremden Mannes zu tragen, der . zufällig ein Herr Doktor oder Herr Leuttmnt ist, ihm sein Haus in Ordnung zu halten und mich in seine Launen zu fügen. Ich will in erster Linie den Mann, den ich mir wähle, selbst lieben, lieben von ganzer Seele, und alles, was ich ihm an Schönem und Herzlichem erweise, aus diesem Gefühl der Neigung für ihn tun. Deshalb werde ich den von euch erwählten Herrn Doktor niemals heiraten, denn ich empfinde nichts für ihn, als Gleichgültigkeit, und werde nie und nimmer etwas anderes für ihn empfinden. Mein Hauptgrund aber" — und hier richtete sie die großen blauen Augen fest auf dis zürnende Mutter — „ist der, daß mein Herz bereits nicht mehr frei ist, und meine Hand ohne diese wichtige Zugabe zu verschenken, ist mir unmöglich!" (Fortsetzung folgt.)
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