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348* Lerlags-Fernlprecher No. 2953.
Mittwoch» den 29. Juli.
Rebaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
Abend-Ausgabe.
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Mk WenstW In Den Dminititni MM.
Die Berichte aus den Bereinigten Staaten von Amerika über Lynchmordean Negern, die mit Recht oder Unrecht schwerer Verbrechen bezichtigt wurden, haben sich in letzter Zeit in ganz erschreckender Weise gehäuft, und die kannibalische Bestialität, welche bei diesen Lynchakten, die noch dazu von der grotzen Menge als eine „Volksbelustigung" angesehen zu werden scheinen, zutage tritt, wirft ein scharfes Schlaglicht auf die moralische Seite der so viel gerühmten neuamerikanischen Kultur.
Nach einer amerikanischen Statistik, die aber noch recht lückenhaft sein dürfte, sind in den Vereinigten Staaten von Amerika in den Jahren 1884 bis 1889 975 Lynchmorde gegenüber 658 gesetzlichen Hinrichtungen zu verzeichnen gewesen. Die erwähnte Statistik hebt hervor, daß in den letzten Jahren nach dieser Richtung hin eine Besserung eingetreten sei, da im Jahre 1900 „nur" 81, im Jahre 1901 90 und im Jahre 1902 97 Neger gelyncht worden sind. Wenn diese Zahlen nicht untertrieben sind, was sich natürlich mit Sicherheit überhaupt nicht feststellcn läßt, so wird die Statistik jedenfalls in diesem Jahre ein noch wesentlich ungünstigeres Bild aufweisen, denn gerade in den letzten Monaten haben sich die Nachrichten über die furchtbaren Akte der Lynchjustiz in ganz erschreckender Weise gehäuft.
In den meisten Fällen, wie auch in dem letzten aus Danville berichteten, ist die Ursache der Lynchmorde in der gegen die Neger erhobenen Beschuldigung des Angriffs auf weiße Frauen oder Mädchen zu suchen. Solche Angriffe kommen in der Tat nicht selten vor, aber nicht minder häufig ist allem! Anschein nach der Fall, daß Neger auf haltlose Beschuldigungen hin gespießt, ver-
Unterwühlter Grund.
Roman von Anton Freiherr« von Persall.
(4. Fortsetzung.)
Tie Kleinindustrie der ganzen Gegend gedieh und wuchs durch die verschiedenartigen Bedürfnisse des Werkes, der durch die Arbeiter bedeutend vermehrten Bevölkerung, Grund und Boden gewann an Wert, der Staat verdiente durch die Bahn und durch die riesigen Steuern, die das Werk abwarf. So sah man überall nur Vorteile, erblickte im Werke nur das Heil der ganzen Landschaft, segnete die Kohle; den klaffenden Wunden m den Tälern, die Theresa so geschmerzt, die sich immer mehr ausbreiteten, schenkte man keine Beachtung, man berechnete nur das ungeheure Geld, tvelches von den unzähligen Wagenladungen junger Stämme gelöst wurde, die Tag für Tag in langen Zügen auf den Holzplatz des Werkes fuhren, ja man freute sich, man lachte über diese Nimmersatte Grube, die ganze Berge Holz verschlang, dafür gab sie ja reichlich Kohlen, baves Geld, von dom jeder einen Teil erhaschen konnte, lind noch etwas übersah man oder erkannte wenigstens nicht die Gefahr: Jede Woche sprach man von dem Verkauf eines Bauerngutes, ein Hof nach dcni andern auf den Höhen, in den Waldtälern umher wurde verlassen. , .
Moses Leincmann, der Händler, mit seinem ewig lächelnden, feisten Antlitz, seinen gutmütigen kleinen Augen, seinem ewig gefüllten Geldsack rasselte in seinem Einspänner unablässig durch die ganze Gegend. Ihm öffneten sich diese verschlossenen, sonst von Mißtrauen erfüllten Herzen ivie dem Geistlichen in der österlichen Beichte in der Dorfkirche, er faiid besser wie dieser den Schlüssel zii jeder Brust; das leiseste Gefühl der Unzu- friedenheit, jeden häuslichen Zwist, jede getäuschte Hoffnung, jede habsüchtige oder neidische Regung, die er an - die Oberfläche hervorzulocken verstand, wußte er zu benützen. Er kam nie zur Unrechten Zeit, nie zii einer glücklichen Stuiide, er trat immer unter einem Gewitter oder wenigstens Regenwolken ein, nie unter lachendein Him- ; Mel; er verstand es, mit wenigen Worten dem Mann . allen Stolz an seinen: Besitz auszureden, alle Freude daran zu vergällen, er erwürgte den Bauern in ihm,
brannt, totgetrampelt oder auf sonst eine amerikanische Methode vom Leben zum Tode befördert werden. Die Behörden stehen diesen blutigen Vorkommnissen gegenüber nahezu machtlos da, so weit sie überhaupt einigen Eifer zeigen, diese Lynchmorde zu verhindern. Man kann sich somit nicht wundern, wenn die Neger anfangen, sich zusammenzuschließen, um sich nach Kräften mit bewaffneter Hand gegen die brutalen Gewaltakte der „zivilisierten" weißen Rasse, die sich insbesondere in den südamerikanischen Staaten skrupellos über Recht und Gesetz hinwegsetzt, zu schützen.
An mehreren Orten ist es denn auch bereits zu scharfen und blutigen Zusammenstößen zwischei: der
schwarzen und der weißen Bevölkerung gekommen, und man verschließt sich in den leitenden Kreisen der Union nicht mehr der Erkenntnis, daß die Rassenscage zu dem gefährlichsten politischen Problem zu werden droht oder eigentlich schon geworden ist. Der Neger ist in den Vereinigten Staaten von Amerika immerhin nicht so in der Minderheit, daß man ihn ungestört aufspießen oder verbrennen kann. Bei der letzten Volkszählung wurden unter der Bevölkerung von rund 76 Millionen zirka 8 850 000 Neger gezählt, das ist also beinahe der neunte Teil der Bevölkerung.
Die Rassenftage gewinnt neben ihrer moralischen und rechtlichen schon dadurch eine aktuelle politische Bedeutung, daß die Neger entschlossen sind, die Frage ihrer Gleichberechtigung zurParole bei den nächstenWahIen zu machen. Tie Gleichberechtigung der schwarzen Rasse steht in der Union tatsächlich nur auf dem Papier, während in der Praxis von den Folgen der Negerbefreiung nicht allzuviel ^zu merken ist. Gesellschaftlich sind die Neger und auch die halbblütigen Abkömmlinge der Neger vollständig geächtet. In den Krankenhäusern, den Arbeitsanstalten, in allen öffentlichen Wohltätigkeitsinstituten und in den Gefängnissen werden die Neger von den anderen Insassen abgefonderk wie die Pestkranken, und in den Eisenbahnen weist man ihnen für teures Geld die schlechtesten Plätze an. Selbst die hervorragendsten und bedeutendsten Neger, wie Booker T. Washington, dessen Leistungen ihm einen Weltruf erworben haben, der ein Freund des verstorbenen Präsidenten Mc Kinley war und der erst unlängst von: Präsidenten Roosevelt empfangen wurde, haben unter diesem allgemeinen Rassenvorurteil zu leiden.
Auch die Gleichberechtigung beim Wahlrecht steht für den Neger nur auf dem Papier, obwohl die Verfassung der Union bestimmt, daß das Wahlrecht nicht auf Grund von Rasse, Farbe oder früherer Dienstbarkeit beschrankt werden dürfe. Aber die Einzelstaaten habest sich durch Bestimmungen geholfen, mit deren Hülfe sie den
zertrat alle Tradition, alle Geschichte unter seinen
plumpen Füßen und warf einen klirrenden Geldhaufen auf all die beschmutzten Trümmer, dessen Schimmer alles verdunkelte, Hof und Wald, Vieh und Weide, und nur ihn mit einem dämonischen, verführerischen Schein umgab, aus dem er so gut und fromm herausblickte, wie irgend ein Heiliger in der Torfkirche.
Seine Angebote erschienen den trotz ihrer Schlauheit geschäftlich ungeschulten Leuten, die nicht Schritte hielten mit der sich vorwärts bewegenden, alle Verhältnisse ändernden Zeit ungeheuerlich — dazu in bar ausbezahlt, da konnte man nicht widerstehen. Zn spät erst oder nie erfuhren sie, daß der Moses durch Fällung und Verkauf des Holzes an das Bergwerk den ganzen Kaufschrllmg herausbekommen, die Äcker und Wiesen, Vieh und Hof aber ihin als reiner Verdienst oder vielmehr reiner Raub zufielen. Ter eine oder der andere, der in seiner Einöde vom Gesetz und Recht ziemlich verworrene, kindliche Begriffe hegte, glaubte wohl, sobald ihm ein guter Freund zu spät die Augen öffnete, „der Kini könne ja doch so was net zugeb'n; an jed'n, der nur an Rehbock stiehlt drauß'n im Wald, laßt er ja a paar Wachst: cin- sperr'n, niid der Moses dürft ganze G'höft stehlen? Das war' no schön'r!" Entweder er ging zuin Gericht, kehrte von dort, um seinen heiligen Glauben an seinen König und an das unbeugsame Recht gebracht, zuriick, um m seiner Verzweiflung, in seiner völligen Haltlosigkeit den kürzesten Weg zu seinen: völligen wirtschaftlichen Ruin einzuschlagen und das ihm verhaßte, ungewohnte (Seid möglichst bald los zu werden, oder er blieb von Anfang an auf seinem Standpunkt stehen, daß das ganze Gerede nur Neid sei und eine böse, gehässige Verleumdung des Moses, der ja schon lang ein rcickier Mann sein müßte, wenn das alles wahr wäre, und nicht in seinem Ein- spännerl von Hof zu Hof fahren tät' und handeln — das Endresultat war gewöhnlich auch in diesen: Fall das gleiche.
Ter Moses jammerte über den schlechten Verdienst, über sein gutes Herz, das ihn zum schlechten Geschäfts- mann mache, verkaufte dabei das halbwüchsige Holz, das der Bauer wenig schätzt, um hohen Preis als Stützholz in das Bergwerk, zerriß den Grundbesitz mit geschickter Behandlung des lokalm Bedürfnisses ii: kleine Teile, die
Schwarzen auf Umwegen das Wahlrecht nehmen. So geben einzelne Staaten nur denen das Wahlrecht, welche lesen und schreiben oder welche einen Paragraphen der Verfassung erklären können. Da hierbei die Entscheidung vollkommen in die Hand der Standesbeamten, die mit dieser Prüfung betraut sind, gelegt ist, so kann man sich es selbst ausmalen, wie dieser Modus den Schwarzen gegenüber gehandhabt wird. In anderen Einzelstaaten trägt man die Schwarzen einfach nicht in die Wahllisten ein und läßt alle Reklamationen unberücksichtigt.
Jedenfalls droht die Rassenfrage, da die Neger sich gegen die Vergewaltigung durch die weiße Bevölkerung zusammenzuschließen beginnen, zu einer ernsten Gefahr für die Union zu werden, deren Tragweite heute noch garnicht zu übersehen ist.
In Milwaukee, wo er zu Besuch weilte, erklärte Richter David G. Brever vom Oberbundesgericht in Washington, wer an einem Lyuchgericht teilnehme, sei einfach ein Mörder und könne von jedem Gericht des Landes als solcher behandelt werden. Seiner Meinung nach werde bald in der Denkweise der Nation ein derartiger Umschwung eintreten, daß Lyncher nicht mehr der verdienten Strafe entgehen können. Die Presse der Vereinigten Staaten findet die Worte des Richters sehr zeitgemäß und erwartet, daß an Lynchmördern ein warnendes Beispiel aufgestellt werde. Ob das viel helfen wird?
Dach dem Tode Papst Leos XIII.
M. Berlin, 29. Juli. Nach einem Telegramm des „B. L.-A." aus Rom wurde gestern von Kardinal Vanutelli in der Sixtinischen Kapelle ein Totenamt zelebriert, an dem 59 Kardinale, die meisten Mitglieder des diplomatischen Korps und die Spitzen der römischen Gesellschaft teilnahmen. Jeder Kardinal erteilte zum Schluß dem Toten die Absolution.
wb. Berlin, 29. Juli. Der „B. L.-A." meldet aus Rom: Bei dem gestrigen Totenamt in der Sixrinischen Kapelle war die Hitze so groß, daß ein wachcstehender Adelsgardist, Graf Stampa, ohnmächtig zusammenficl.
hd. Rom, 29. Juli. Durch den spanischen Ministerwechsel sind die Aussichten Rampollas gestiegen. Sämtliche spanischen Kardinäle werden auf Veranlassung der Regierung für ihn stimmen. Auch die Stimmen der französischen Kardinäle sind Rampvlla gesichert.
hd. Paris, 29. Juli. „New York Herald" veröffentlicht ein Interview mit dem amerikanischen Kardinal Gibbon. Derselbe erklärte, es sei das erste Mal, daß ein amerikanischer Kardinal dem Konklave beiwohne. Beim nächsten Male würde Amerika sicherlich nicht durch einen,
er leicht und vorteilhaft an den Mann brachte, überließ den alten, wertlosen Hof entweder sich selbst, der zerstörenden Zeit, oder verkaufte ihn als völlige Nebensache um billigen Preis an villeggiatursüchtige Städler oder alte Häuser liebende Künstler und lachte sich in die Faust.
War einem besonders schwer beizukommen, auf dessen Gut er sein Auge warf, hatte er ein vortreffliches Mittel- chen, das besonders bei alten, ängstlichen Leuten selten fehlschlug. Er nahm eine bedenkliche, sorgenvolle Miene an, sprach in geheimnisvollen: Ton von Gerüchten, die im Bergwerk umgingen, immer neue Stollen werden nach der'Richtung geschlagen, man verspricht sich eine große Ausbeute, es müsse doch ein eigentümliches Gefühl sein, so feinen eigenen Grund und Boden unterwühlt zu wissen, daran knüpfte er dann schlimme Beispiele von Bodensenkungen, Nachstürzungen, Rissen in den Häusern'; meinten dann die guten Leute, das Gesetz müsse sie doch schützen in ihrem' Eigentum, so zog er ein abgerissenes Büchelchen hervor und las ihnen die Bestimmungen über Schürfen und Muten, machte ihnen die Hölle heiß mit drohenden Prozessen, Expropriationen und wie die grausen Folterwerkzeuge alle heißen, bis der Bauer mürbe war, die Bäuerin zitterte vor Angst, und beide es verzogen, dem wohlmeinenden Moses um eine so sündhaft hohe Summe das Anwesen zu verkaufen, als es auf diese Schrecknisse ankommcn zu lassen und den Boden sich unter den Füßen wegnehmen zu lassen. So zog unablässig dieser Aasgeier seine räuberischen Kreise über diese gottbegnadete Landschaft, immer enger, immer enger, ergriff mit scharfen, sicheren Klauen im günstigsten Augenblick sein willenloses Opfer und hinterließ nichts als be- schmutzte, zerrissene Fetzen, um sich auf ein neues zu stürze::.
In der Grnbenschcnke saß Ambros bei dem Platzmeister und berichtete ihm von der Unbeugsamkeit des Vaters in bezug auf das Holzgeschäft in der Grimsl; der schnitt ein fnchstcufelwildes Gesicht und machte ihm die größten Vorwürfe, wie er dennVersprechungen machen könne, wenn er die Null in, Hanse sei, murmelte etwas von Dickköpfen, zog sein Notizbuch heraus, strich zornig einen Posten aus, den er wohl schwer verniißte, und er- hob sich mit mürrischem Gruß.
Ambros, seinen Hut auf den Tisch werfend und sich
