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M. Jahrgang.

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Der Großstädter Ln der Dalur.

Eine erquickliche Sache ist es nicht, von dem Ver­hältnis des Großstädters zur Natur zu sprechen. Die meiste Zeit im Jahre kümmert er sich nicht viÄ um sie, aber wenn er im Sommer als Spaziergänger, Ferien­bummler, Sportsmann oder Sommerfrischler ins Freie hinauskommt, so beträgt er sich mitunter derart, als habe der liebe Gott die Natur nur geschaffen, damit er seinen Mutwillen an ihr übe. Zwischen den ersten Kätz­chen der Salweide im März und den rotbraunen Blattern der Eiche im Spätherbst liegt eine wahre Leidenszeit für die Natur, da wo der Großstädter als Masfener- scheinung sie berührt. Er ist gewohnt, an jeder Ecke einen Schutzmann zu sehen; wo dieser fehlt, ist ihm alles vogelfrei. Um eine Blume zu erlangen, die er am nächsten Kreuzweg wieder fortwirft, zertritt er das reisende Korn, einiger Blätter oder eines Blütenkätzchens wegen reißt er den ganzen Ast herunter. Die außer­ordentlich nützliche Blindschleiche, Ringelnatter und Eidechse ist für diese Art Grotzstadtmenschen ein wahres Ergötzen. Nicht, daß sie sich an den eleganten Bewegungen dieser für den Menschen völlig harmlosen Tierchen er­freuen und sich über ihr Treiben und ihren Zweck in der Natur zu belehren suchen. Für derart sinnige Natur­betrachtung besitzen nur noch wenige Großstädter Ver­ständnis. Der hoffnungsvolle Nachwuchs betrachtet manches Mal alles, was im Freien kreucht und fleucht, was wächst und sprießt, vom Standpunkt des Vernichters, wenn nicht Strafe droht. Selbst Erwachsene dünken sich Helden, wenn sie eine unglückliche Blindschleiche oder Ringelnatter erschlagen haben, weil sie meinen, einer !Giftschlange den Garaus gemacht zu haben.

Das lange Sündenregister soll hier nicht erschöpft werden; um so weniger, da es sich eigentlich um allgemein bekannte Tatsachen handelt. Das heißt allgemein be­kannt nicht in der Stadt, denn für seine eigenen Fehler ist man blind, sondern auf dem Lande. Der richtige

Dienstag» den 28. Inli.

Bauer ist daher auf die großstädtischen Ausflügler nicht gut zu sprechen, es sei denn, daß sie ihm ein Stück Geld einbringen. Unsere Vorfahren kannten den Schreckens­ruf „die Schweden kommen!" So kennt der heutige Dörfler den Ruf „die Städter kommen!" Namentlich in der Umgebung der Großstadt sind sie in der guten Jahreszeit eine ständige Plage der Bauern. Diese üben Selbstschutz, so gut sie können, durch Drahtzaun, Verbote, Aufsicht und auch in anderer Weise, wenn die Umstände es gestatten. Jedenfalls hat schon mancher Städter, der die Arbeit des Bauern nicht achtete, dessen kräftige Hand gefühlt. Auf manche Naturen wirkt der Verkehr mit der Natur unbedingt erzieherisch; im übrigen ist das aber nicht so allgemein zutreffend, als es behauptet wird. Überall, wo der Mensch der Natur als Tyrann und nicht als liebevoller Pfleger gegenüber tritt, kann man von erziehlichen Einflüssen natürlich nicht sprechen. Es ist traurig, daß man es noch so wenig versteht, die gemütsveredelnde Wirkung des verständnisvollen Natur- schauens, des liebevollen Eindringens in das Leben von Pflanze und Tier als Arznei gegen so manche Gifte der Großstadt zu verwenden. Cs könnte in dieser Beziehung mehr getan werden, wenn man für die gegebene Aufgabe das rechte Verständnis hätte. Ein so großer moralischer Heilfaktor, wie ihn die Natur bietet, möchte mtt seiner vollen Wirkung in den Dienst unserer sozialen Ent­wickelung gestellt werden.

Dazu genügt es aber nicht, den Großstadtmenschen einfach in die Natur hinauszustellen, in der er meistens ein Blinder ist. Er muß erst in dem tausendfältigen Leben zu seinen Füßen das ewige Gesetz und den weisen Zweck erkennen. Dann wird er nicht mehr Tyrann und Zerstörer, sondern Pfleger sein. Er wird unter den intimen Reizen des ihm vertrauten Lebens von Pflanze und Tier die Seele läutern und einen edleren Genuß finden, als in der Kneipe, die heute das einzige Ziel der meisten Ausflügler ist. An der Lösung dieser Auf­gabe zu arbeiten, ist vor allen: der ernste Zweck der Schule. Sie soll sich um die soziale Politik des Tages nicht kümmern, aber die Veredelung des Menschen, die Festigung des Charakters ist ihre Pflicht. Wenn sie das auch auf dem Wege des naturwissenschaftlichen Unter­richts erreichen kann, so hat sie ihn nach Möglichkeit so zu gestalten, daß dieser Zweck erfüllt wird. Da muß nun allerdings mit dem Hergebrachten in mancher Be­ziehung gebrochen werden. Soweit er das Leben von Tier und Pflanze betrifft, ist er recht dürftig. Die Großstadtjugend soll da Recht von Tier und Pflanze achten lernen. Die Unnatur der großstädttschen Stein- wüste rückt die Erkenntnis der wirklichen Natur in weite Fernen und diese zu überwinden, hat man bisher auch in der Pädagogik viel zu wenig getan. Nicht einmal das Material kann für den naturwissenschaftlichen Unter­richt in der Großstadt ausreichend heute beschafft werden.

Redaktions-Fernsprecher No. 6t 1903.

So schrieb vor einiger Zeit ein Berliner Blatt, in Lehrer» kreisen werde über die mangelhafte Lieferung von Pflanzen für den botanischen Unterricht in den städtischen Schulen geklagt. Die Pflanzen würden in so geringen: Mengen geliefert, daß der Bedarf nicht befriedigt werde. Die Pflanzen seien meistens welk, oft fehle ihnen die Wurzel, Früchte bekämen die Kinder noch seltener zu sehen. Auch wähle man häufig ganz seltene Pflanzen für den Unterricht aus, die selbst dem Lehrer zu wenig bekannt seien.

Daß unter solchen Verhältnissen ein Großstwdtkind für die Pflanzen kern Verständnis bekommt, ist erklärlich. Noch schwieriger ist es, bei der heuttgen Methode den Kindern das Leben der heimischen Tierwelt zu erschließen. Bildliche Darstellungen sind ein völlig ungenügender Notbehelf. Das lernende Kind mutz, wenigstens in der guten Jahreszeit, in die freie Natur hinausgeführt werden und Verständnis und Achtung vor der Natur sich in Wald und Flur erwerben! Auch für Großstadt- kinder ist das möglich. Die weite Entfernung des Stadt­kerns von der ländlichen Flur ist bei den heutigen Ver- kehrsmöglichkeiten kein Hindernis. Wenn es gemein­nützigen Vereinen möglich ist, aus gesundhettlickM Gründen Tausende von Schulkindern regelmäßig in den Wald hinaus zu befördern, so mutz es für Staat und Gemeinde auch erreichbar sein, etwa Schulzüge oder eine andere Beförderungsgelegenhett zu schaffen, um die Jugend zu Unterrichtszwecken der Natur näher zu bringen. Freilich darf man einem Lehrer nicht 40 und mehr Kinder ausbürden, sondern solchen Schulausflügen müssen noch untergeordnete Lehrkräfte, etwa ältere Seminaristen, beigegeben werden, die dann gruppenweise mit den Kindern gehen. Auch die Unterstützung der Bestrebungen für Kleingartenkultur wird hier manches bessern. Wir hoffen, daß schon in naher Zukunst auch auf diesein Gebiet neue Wege betteten werden. Die Verständnislosigkeit ffir die Werke des Schöpfers ist auch für die soziale Moral von übler Wrkung. c.

Das Malchackverfahrrn ;ur Herstellung von Limons^Brol.

Bekanntlich wird bei dem allgemein angewandte« Trockenmüllerei-System das zur Brotbereitung in Aus­sicht genommene Korn in drei Teile: Hülsen, Keime und Mehl, gesondert. Das Brot wird dann meist nux aus Mehl gebacken. Es tritt nun G. Simons für eine andere Brotbereitung ein, indem er darauf hinweist, daß die Nährkraft in solchem Brot nicht zur genügenden Geltung kommt; voll und ganz müsse aber der Nährwert ausgenutzt werden und das geschehe durch das Malz- backverfahren.

Da bei Anwendung dieser neuen Methode eine be-

FeuiUeton.

Wärmelosrs Ficht.

Licht, ob es nun direkt durch die Sonne gespendet oder durch künstliche Mittel bei Nacht gewonnen wird, ist immer von mehr oder weniger Hitze begleitet. Eine Art Licht jedoch gibt es, das da scheint, ohne die geringste Spur von Wärrne zu verbreiten, welches selbst auf dm subtilsten Thermometer keinerlei Wirkung üben würde, es ist das als Phosphorescenz bekannte. Es hat diesen Namen nicht erhalten, weil die Substanzen, die das Phänomen zeigen, in irgend einer Weise zu Phosphor in Beziehung stehen, sondern weil das Licht, das sie aus­strahlen, augenscheinlich von derselben Natur ist wie das, welches durch die langsame Oxydierung von Phosphor hervorgebracht wird.

Wenn man auf die Geschichte dieser merkwürdigen Eigenschaft gewisser Körper zurückgeht, so muß man sich zuerst in das Jahr 1602 versetzen. Um diese Zest, da das ftebrische Suchen nach dem „Stein der Weisen" und der Traum, gewöhnliches Metall in Gold zu verwandeln, sich auf dem Höhepunkt befand, lebte in Bologna ein Schuster, Mcenzo Cascioroto mtt Namen, der manchmal Muhe fand, Ahle und Pechdraht beiseite zu legen, um sich ein wenig mit Alchemie zu befassen. Eines Tages, als er sich in der Umgebung der Stadt erging, las er einen Stein auf, dessen ungewöhnliche Schwere ihm so­fort auffiel. Konnte dies der Stein der Weisen sein? Er nahm ihn mtt nach Hause, legte ihn mit einigen Holz­kohlen in einen Schmelzttegel und wartete mit Ungeduld, daß Gold erscheinen sollte. In dieser Hoffnung sah er sich getäuscht, aber seine Bemühungen hatten ein Resultat, das ihn überraschte und ihm unverständlich war. Der Stein war leuchtend geworden, d. h. nachdem er dem Sonnenlickst ausgesetzt worden, zeigte er im Dunkeln das Licht, das er empfangen hatte. Ter Stein, den der Schuster aufgelesen, war Schwefelbaryum, das sich Schmelzttegel in Baryumsulphit verwandelt hatte, einem der bekannten phosphorisicrendsten Stoffe. Er wird

noch in manchen Ländern Bologneser-Stein genannt und wurde im vorigen Jahrhundert in den Straßen dieser Stadt als eine Kuriosität verkauft.

Einige Jahre später fand ein deutscher Chemiker, Markgraf, eine bequemere Methode, Baryumsulphit her- zustellen, und entdeckte auch, daß viele andere Substanzen dieselben eigentümlichen Eigenschaften besaßen. In 1663 stellte der englische Chemiker Boyle Phosphoreszenz bei gewissen Arten von Diamanten fest und einige Jahre später produzierte Brandt Phosphor selbst. Bemerkens­wert ist, daß auch diese Entdeckung dem unaufhörlichen Suchen nach dem Stein der Weiseir zuzuschreibcn ist.

Fast 100 Jahre gingen hin, ohne daß die Sache eine weitere Entwicklung nahm, bis Canton durch die Kalzinierung von Austerschalen mit Schwefel Calcium- sulphit herstellle. Eine Glasröhre, die etwas von der Mischring enthält, die Canton selbst präparierte und die mtt dem Datum 1764 versehen ist, existiert noch, die Mschuno ist noch so stark phosphorisierend 'wie die neugemachten.

Nidpce, der mtt Daguerre zusammen arbeitete, hat durch Beobachtungen die merkwürdigsten Resultate er­zielt. Er fand z. B., daß, wenn ein Schlüssel auf ein Blatt weißes Papier gelegt wird, man das Ganze dann der Sonne aussetzt, darauf in ein dunkles Zimmer trägt und den Schlüssel fortnimmt, ein nach und nach verschwindendes Bild des Schlüssels sich für einige Sekunden auf dem Papier zeigt. Außerdem stellte er fest, daß ein so behandeltes Stuck Papier, das Monate beiseite gelegt war, das Bild des Schlüssels, wenn es erwärmt wird, wieder zeigt. Eine andere merkwürdige Entdeckung desselben Gelehrten ist. daß, falls ein Stich der Sonne ausgesetzt und nachher im Dunklen rn Be­rührung mit einem photographischen Papier gebracht wird, daS Bild auf der empfindlichen Oberfläche erscheint, obgleich diese selbst nie ans Licht gelangt ist.

Besonders eingehend mit dem Gegenstand beschäfügt hat sich aber der Franzose Becquerel, der nicht nur ge­zeigt, wie viele Substanzen phosphorisierend genannt werden können, sondern auch ein Instrument, das Phos-

phoroskop, erfand, durch welches noch zahlreiche der; Liste hinzugefügt werden. Das Phosphoroskop besteht aus einer geschwärzten Metallschachtel mit 2 Öffnungen^ eine für die Beleuchtung des zu prüfenden Gegenstandes, die andere für die Beobachtung desselben. Durch einen sich schnell drehenden Schirm sind nie beide zu gleicher Zeit offen, der Beobachter sieht den Gegenstand nur direkt, nachdem er dem Licht unterworfen worden ist. Auf diese Weise zeigt es sich, daß eine Menge Dinges von denen man nie gedacht hatte, daß sie Licht zurück- halten, wie Papier, Zähne :c., phosphorisierend sind.. Die Entdeckung der leuchtenden Farben ist den Unter­suchungen Edmond Becquerels indirekt zu verdanken.

Manche Blumen, besonders orangefarbene, zeigen unter gewissen atmosphärischen Bedingungen aiufleuch» tende Flammen, in Brasilien kennt man eine Pflanze, deren Gast, aus Papier gebracht, im Dunkeln phos- phorisiereud wird. Viele Pilze zeigen diese Eigenschaft und besonders eine Spezies, die auch in Deutschland an- zutteffen ist und vegetabilischer Glühwurm genannt wird.

Im Tierreich hat man viele Beispiele von Phosphores- zenz, und zwar begegnet man ihr fast ausschließlich bei den niederen Organismen. Das schöne leuchtende Aussehen des Meeres ist zum großen Teil winzigen Lebewesen zuzuschreiben, die Notiluca miliaris genannt werden. Auch unter den Mollusken, Krustazeen, Fischen ec. begegnet man vielen phosphorisierenden und ebenso unter den Insekten. Der Glühwurm hat Dichtern ein Thema geboten, seit es überhaupt Poeten gibt, aber noch heute weiß man nicht mit Besttmmtheit zu sagen, woher seine Leuchtkraft komint. Es scheint, daß er nach Belieben Licht ausstrahlen kann oder nicht und daß er dies nur zu gewissen Zeiten tut. Bewiesen ist, daß das Licht strahlt, ohne Wärme zu erzeugen. Gewisse anima­lische sowohl als vegetabilische Substanzen werden leuchtend, che sie in Fäulnis übergehen, und das Irrlicht, das auch schon so manche Dichter begeistert hat, ist nichts weniger als poetischen Ursprungs, es wird durch ver­wesende vegetabilische Stoffe erzeugt.