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51. Jahrgang.

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U0. 346. Berlags-Fernsprecher No. 2958.

Dienstag» den 28. Juli.

Nedaklions-FernfpreLcr No. 52. 1903.

Abend-Ausgabe.

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Zur UeZerfrage in der Union.

W. New York, 16. Juli.

Die Untaten des „Richters Lynch" scheinen in letzter Zeit in Europa und vor allem in Deutschland ganz be­sonders Entrüstung und Empörung hervorgerufen zu haben, obgleich mair nicht behaupten kann, daß er gerade jetzt schlimmer wütet als sonst. Vielleicht werden sie deshalb mehr beachtet und darüber gesprochen, weil die Vereinigten Staaten die einzigen sind, die offiziell einen Schritt zum Protest gegen die Vorgänge in Kischinew tun wollen und die anderen Länder, die dies unterlasset!, ihnen damit zu sagen wünschen, „kehrt lieber vor eurer eigenen Tür."

Ob es richtig nnd weise ist, wenn Präsident Roosevell sich zum Vermittler der Denkschrift der amerikanischen Juden macht, erscheint ja fraglich, es ist eigentlich unklug, etwas zu unternehmen, was man von vornherein als aussichtslos erkennt und gerade die Amerikaner sind doch diejenigen, die die Doktrin, daß eine Einmischung anderer Länder in ihre Angelegenheiten nicht stattfinder. darf, mit wahrem Fanatismus verteidigen.

Andererseits wäre es aber völlig falsch, wenn man behaupten wollte, die Aankees sähen den Splitter im Auge des anderen und nicht den Balken in ihrem eigenen. Diejenigen, welche gegen die furchtbaren Verbrechen in Kischinew protestieren wollen, Präsident Roosevelt an ihrer Spitze, beklagen die Schändlichkeiten, die gegen die Neger verübt werden, aufs tiefste, und gerade das jetzige Staatsoberhaupt gibt immer wieder Beweise davon, wie sehr es diesen Rassenhaß verurteilt. Er hat Farbige in öffentliche Ämter eingesetzt trotz der Unpopularität, dir ihm dadurch teilweise erwachsen ist, einige sogar rn sein Haus geladen, unb wenn er jetzt öffentlich gegen das

Lynchen der Neger sprechen will, so ist dies_ durchaus nicht, wie behauptet worden, weil er damit einem etwaigen „tu guogue" von Rußland begegnen möchte, sondern weil sein menschliches Gemüt, sein wirklich edles Herz von tiefstem Mitleid für seine farbigen Brüder erfüllt ist.

Ob es ihm gelingen wird, seinen Ansichten allge­meineren Eingang zu verschaffen, ist ebenso zweifelhaft, wie es fraglich erscheint, ob der Haß gegen die Juden, der nun schon lange Jahrhunderte währt, je verschwinden wird. Präsident Lincoln behauptete in 1861, daß zwischen der weißen und schwarzen Rasse ein solcher Unterschied bestände, daß sie nie in guter Übereinstim­mung und auf einem Fuße völliger Gleichheit leben könnten, und in neuesterZeit äußerte _ der srüherePräsident Cleveland sich dahin, daß wohl die Zeit von „Onkel Toms Hütte" nie wiederkehren werde, aber daß die Neger sich durch ihre Emanzipation in keiner Weise geändert hätten, ebenso unwissend, faul und lasterhaft seien wie vorher.

Diese letztere Ansicht entspricht den Tatsachen ebenso wenig, wie daß die Zeiten der Sklaverei für die unglück­lichen Schwarzen endgültig vorüber seien. Haben auch unter denselben sich noch nicht viele als schr bildungs­fähig und intelligent erwiesen — einzelne sind unge­wöhnlich begabt, ich nenne nur Prooker Washington, den bedeutenden Redner und Vorkämpfer für sein Volk — so mutz man doch bedenken, wie kurz die Zeit ift, seit es ihnen ermöglicht wird, sich aus dem Sumpf, in dem man sie mit Gewalt erhalten hat, emporzuarbeiten. Was Jahrhunderte verbrochen haben, ist nicht in einer Generation wieder gutzumachen.

Und dann haben sie ja auch fast unausgesetzt ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten, den Ungerechtigkeiten und Verfolgungen zu entgehen, denen sie nach wie vor zum Opfer fallen. Die Zeiten von „Onkel Toms Hütte" sind zwar insofern vorüber, als der L-chwarze kein Leib­eigener mehr isr, sein Herr nicht über ihn wie über ein Stück Vieh verfügen kann, aber zum Frondienst wird er noch immer gezwungen. In einzelnen Staaten wird er, wenn er eine Geldstrafe, die ihm irgend eines Ver­gehens halber auferlegt ist, nicht bezahlen kann, als „Conviet Lubourer" (Sträflingsarbeiter) auf eine be­stimmte Zeit jemand überlassen, der das Geld für ihn entrichtet. Diesem ist er dann gewöhnlich ganz und gar verfallen. Aufs grausamste behändest, lehnt er sich auf, wird wieder zu einer Geldstrafe verurteilt und so geht es fort, bis er endlich der schlechten Behandlung unter­liegt oder durch dieselbe seine Kräfte verliert und un­brauchbar wird, worauf ihn dann sein Herr auf die

Straße wirft. Wahrlich eine schlimmere Sklaverei als früher, wo der Besitzer den Neger noch einigermaßen schonte, um sich seine Arbeitskraft zu erhalten und wo er ihn, auch wenn er diese verloren, ernähren mußte.

Am furchtbarsten zeigt es sich aber, daß die Farbigen nicht nur sozial, sondern auch vor dem Gesetze nicht als gleichberechtigt gelten, dadurch, daß man dem Lynchen derselben nicht'nur keinen Einhalt tut, sondern daß dasselbe immer mehr um sich greift. Teilweise ist letzteres natürlich darauf zurückzuführen, daß die Schwarzen doch mehr und mehr mit den Weißen in Be­rührung kommen und dadurch mehr Verbrechen an ihnen 'begehen und nur die an Weißen vollführten werden in dieser summarischen Weise geahndet. Andererseits aber ist es auch keine Frage, daß das Lynchen für den Pöbel zu einer Art Sport geworden ist. Wenn Man behauptet, die ordentlichen Gerichte wären nicht zuverlässig und schnell genug, so trifft dies nur bezüglich der Weißen zu, ist ein Schwarzer mit dem Gesetze in Konflikt ge­kommen, dann findet dieses mit wunderbarster Raschheit und in größter Strenge Anwendung. Auch daß man die Lynchjustiz zur Warnung üben müsse, da die Neger in wachsenden Mengen sich gegen Weiße vergingen und ein gerichtliches Verfahren sie nicht genügend zurück­schreckte, ist nicht stichhaltig, denn es ist notorisch, daß mehr Farbige durch Weiße vergewaltigt werden als um­gekehrt.

Das Lynchen ist aber nicht nur für die Schwarzen, sondern auch für die Weißen eine Gefahr. Es weckt die in fast jedern Menschen schlummernden tierischen Eigen­schaften. die Grausamkeit, die Mordgier, und wenn nicht aus Mitleid gegen die Neger, so sollte ihm schon dieser- halb Estchalt getan werden, sonst wird es, wie es schon an und für sich einen Rückschritt bedeutet, noch weiters gewaltige im Gefolge haben.

Uach dem Tode Papst Leos XIII.

Rom, 27. Juli. Wie ich aus guter Quelle erfahre, ist es der feste Wille der Regierung, das Konklave nicht zu beeinflussen. Obschon die Provinzkardinäle mit den italienischen Behörden auf gutem Fuße stehen, hat Italien unter den Kardinalen weder einen Vertrauensmann, noch einen Kandidaten. Es neige freilich am meisten zu Eapccelatro, obwohl dieser als Papst seine Ansichten wechseln könnte. Die Chancen der Wahl sind nach An­sicht der Regierung folgende: In erster Linie Vanutelli, Götti und Oreglia, in zweiter Linie dt Pietro, Sarto und Capecelatro. Vielleicht werde Sonntag schon das Resul­tat der Papstwahl bekannt. Oreglia ließ die Regierung

'nauf und mach alles z'recht. Müssen sich halt bequema

die eine Nacht, Fräul'n", sagte er und sah ihr fest rn das Auge.

Ambros machte einen tiefen Knix.

Nachdem Nonei, glücklich über den unerhofften guten Ausgang ihres gewagten Unternehmens, die Damen einquartiert, ging sie zurück aus die frische Höh, wo die Mutter sie erwartete.

Die Lobsprüche Theresas, der berühmten Sängerin gingen ihr nicht aus dem Köpfchen, sie ließen ihr die rcnömmistischen Anträge Perlmanns nicht mehr so halt- los erscheinen, die Warnung, der wohlmeinende Rat Theresas, ihn: die Türe zu weisen, schienen ihr ktgegen von gar keinem Belang.

„Tie kann gut warnen", dachte sie, was lag der daran, wenn sie hier wie eine Magd verkam und am Ende

— auch der Gedanke blieb nicht aus — ist doch auch ein bischen Künstlerneid dabei; sie ist eben vorsichtig, wer weiß, was aus ihr werden könnte. — Sie glühte vor Er­regung. sinnverwirrende Bilder wob ihr Gehirn, sie stolperte geistesabwesend des Weges, plötzlich erhob sich eine lange Gestalt vor ihr, sie stieß einen lauten Angst- schrei aus. Mukl war es mit der „Kirm", die ihn im Mondlicht wie ein Fabeltier erscheinen ließ.

Sein Vater stach Torf über dern See drüben für den Hintermooser, und er 'hatte noch einen Auftrag zu be­sorgen im Hof.

„Hast du ’n doch zwunga, den Alt'n? Ja, wen zwingst du net! Aber a Gesicht wird er g'macht hab'n

— was?" redete sie Mukl an.

„A G'sicht? Der macht keiner a G'sicht, auch der Vater net, so eine Künstlerin wickelt die ganze Welt um den klein' Finger."

„Nachher bist du no die größer', wenn's auf das an­kommt."

„Und wer sagt dir denn, daß i net wirklich keine Word'?" erwiderte sie schnippisch. „Du verstehst das freili net."

„Meinst, Nouei? No, hast ja am End' recht, von der Künstlerschaft versteht der Mukl freili nix. Das ist a herrische Sache, die man g'lernt hab'n mutz, sag'n 's: aber i mein halt die größte Knust wär', all's da driun so aufruhr'n mit 'n G'süng wie du Nouei, und bist doch keine Künstlerische net."

UntermWIrr Grund.

Roman von Anton Freiherr« von Pcrfall.

(3. Fortsetzung.)

Gottfried trat dicht vor ihn hin, seine mächtige Faust schlug drohend auf den Tisch.

Ambros erhob sich aus seiner nachlässigen Lage und nahm die Zigarre aus dem Munde.

„Weißt, was i d'rauf g'sagt hätt'? Und mein Vater selig, und mein Großvater selig, und alle Hintermooser d'rauf g'sagt hätt'n? Herr Verwalter, hätt'n die g'sagt, wenn alle Ihre Kohl'n Geld wär'n und Sie geb'n uns all das Geld, so bekommst! 's doch net das Hintermooser- vnwes'n. Aber ihr lumpige Bürschl, wie 's jetzt auf- wachs'n, habt's ja kein Schneid und kein Stolz mehr auf enem Stand, auf euer ehrwürdig's Heim. Ihr möcht's den Herrisch'n alles nachmach'n, ob'n 'naus sein, kein richt'ger Bauer mehr, kein' Ehrfurchr mehr habt 's vor nix, vor kein Herrgott, vor kein Eltern net, a net vor dem Grund und Bod'n, auf dem 's aufg'wachs'n seid 's! Jeder daherg'lauf'ne Jud' kann euch kaufst! mit Leib und Seel ums lumpige Geld — lach, net, Mensch!"

Er erhob wie zum Schlag die Faust, daß der schmäch­tige Ambros erschreckt sich duckte. Er hörte in seiner Wut den Wagen nicht, der vor dem Hause hielt. Jetzt ging die Tür auf, Nonei trat ein mit Theresa, sie wollte zurücklneichen, als sie die drohende Stellung des Vaters sah: die alte Dame schrie laut auf, doch Theresa trat furckstlos vor.

Gottfried sah erstaunt auf die ungewohnte, vor- nehme Erscheinung.

„Entschuldigen Sie, daß wir Sie so spät noch stören", begann sie, „aber wir sind obdachlos, meine alte Mutter und ich, und Ihre Tochter war so liebenswürdig, uns hier Quartier anzubieten."

Der Alte warf Nonei einen bösen Blick zu, sein ganzes Inneres gärte, er befand sich noch nie in so Pein- sicher Lage.

„Die Nonei weiß doch, daß wir net eing'richt't sind für Fremde", brummte er unwirsch.

„Tut nichts, lieber Mann, wir sind mit allem, zu- frieden und morgen wird sich schon anderswo ein Plätzchen für uns finden."

Sie trat an das offene Fenster, her Mond stand eben über dem Buchenwald auf der Höhe, säumte seine welligen Konturen mit feinem Silberrand und beleuchtete grell die massigen, in seinem Licht fast weiß erscheinenden Stämme der Ahorn im Vordergrund.

„Sieh nur, Mutter, welche Pracht! Gehört der Wald Ihnen?" wandte sie sich an Gottfried; „und die herrlichen alten Bäume?"

„Das gehört alles mir."

Er schaute sich jetzt erst das Mädchen an.

„Das muß eine Freude sein, so ein uralter Besitz! Sie sind gewiß recht stolz darauf?" fuhr sie fort.

„Ich schon Fräul'n", war die kurze Antwort.

„Und lassen gewiß keine so häßlichen Lücken hinein­schlagen, wie sie die ganze Landschaft hier entstellen? Es hat mir ordentlich weh getan heute nachmittag, als wir von Griesbach herauffuhren."

Gottfried lachte bitter, dann sah er erstaunt auf die Fremde.

„Weh hat's Ihnen getan, Fräul'n? Das hat mir noch kein'r g'sagt, Sie hab'n ihn also gern, den Wald?"

„Wer hat ihn denn nicht gern?"

„Ter dort, Fräul'n, mein eig'ner Sohn!" Er deutete auf Ambros, der verlegen seinen Hut abnahm und sich erhob. „Der lacht dazu, wenn die alten Ahorn dort fallen." Theresa betrachtete erstaunt durch ihr Lorgnon den jungen Mann. „Setzt' ihm g'rad den Kopf zurecht. — Ta hör amal daS Fräul'n aus der Stadt und schäm Dich!"

Sein Gesicht war nicht mehr so verdrießlich. '

Theresa ging auf Ambros zu.

„Sagen Sie, junger Mann, könnten Sie wirklich diesen schönen Wald vernichten?" sagte sie mit komischem Pathos.

Ambros drehte verlegen den Hut in den Händen, sein Gesicht glühte jetzt.

„Dann schlafe ich auch nicht unter einem Dache mit Ihnen."

Er stammelte verlegene Worte und schlug den Blick zu Boden vor Theresa.

„Aber, um Gottes willen, Kind, wir müssen zur Ruhe!" bat die Mutter, die sich erschöpft auf die Ofen­bank niedergelassen inmitten ihres zahlreichen Gepäckes.

„Nonei, führ die Herrschaft'!! in die alte Stub'n