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«l. Jahrgang.

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und bei sämtlichen deutschen Reichspostanstalten.

Die Stellung der l\imm in der sGeflslyrn Wajsersuot.

L. Berlin, 25. Juli.

Das Staatsministerium trat gestern 31 : einer Sitzung zusammen, in der beschlossen wurde, für die in der Pro­vinz Schlesien durch die Hochwasserschäden erforderlich ge­wordenen Maßnahmen die notigen Staatsmittel unge­säumt zur Verfügung zu stellen. Durch diesen Beschlutz Kat die preußische Regierung mit der Fabius Cunctator- ^aktik gebrochen, die sie anfangs in der Angelegenheit zu befolgen Miene machte. Indem ein schlesisches Blatt auf einen Vorgang vom Jahre 1882 Bezug nahm, wo die Regierung den durch -eine Rheinüberschwemmung be­schädigten Landesteilen verhältnismäßig schnell mit emer beträchtlichen Summe beisprang, erreichte die abfällige Kritik, die ziemlich in der gesamten deutschen Presse an der diesmaligen Saumseligkeit der Regierung geübt wurde, ihren Höhepunkt. Ob es wahr ist, daß schließlich der Kaiser das nötige Feuer hinter die Sache gemacht hat oder ob die Regierung so klug war, aus eigener Kraft der Entschließung dem Druck der öffentlichen Meinung nachzugeben, wird sich wohl einstweilen nicht mit Sicher­heit feststellen lassen. Nach dem Wiederzusammentritt des Landtags, der inzwischen neu zu wählen ist, wird dann alles wünschenswerte Licht in die Angelegenheit kommen Das ist aber noch reichlich ein halbes Jahr hin, und mittlerweile wird etliches von der Saat der Unzu­friedenheit aufgehen, die durch die Zögerung der Re­gierung entstanden ist, sofort die erforderlichen Mittel bereit zu stellen. Es kann ine Frage entstehen, ob der Verlauf der Dinge, wenn das Staatsministerium voll­zählig in Berlin anwesend gewesen wäre, bis dahin ein anderes Bild gezeigt haben dürfte. Das eine steht jeden­falls fest, daß, selbst wenn der eine ober andere dm augen-

Mterwlihlter Grund.

Roman von Anton Freiherr« vo« Pcrfall.

(2. Fortsetzung.)

Sie errötete tief und ihr Augenaufschlag war dies­mal nicht gefälscht. , r

„Bravo, Mukl, bravo!" erschallte es ringsumher. „Das wäre eine Acquisition, Herr Perlmann, zur Nonei, ein neuer Beitrag zur Kunstgeschichte —"

Noneis klare Stimme zog sich in kleine Faltchen, sie griff jäh in die Saiten, ber Akkord klang tote etn >oorn-

^Ein Lied schmetterte sie in die Mondnacht hinaus. Mukl lauschte, ohne einen Blick von ihr zu wenden, auf seinen Bergstock gestützt. .. „

Da rasselte ein Wagen auf der Straße, die Klange eines Posthornes mischten sich in den Gesang. Spate Gäste, und das Haus war schon bis auf den Dachboden

gefüllt. , , ,, r . m

Zwei Damen stiegen aus, eine zunge mit elastischem Sprung, in geschmackvoller Sommertoilette, ein Hut aus einem Stück hellgrauen Filz ohne jeden Zierrat als einen lose herumgewundenen Farnkrautwedel, verdeckte, weit vorragend, das Gesicht, und eine alte behäbige Frau, der es viel Mühe machte, mit Hülfe der jungen vom hohen Trittbrett h-erabzukommen, wobei ein weißes Seidenhütchen, das sie krampfhaft unter dem Arm hielt, nicht gerade förderlich war. , . ,

Agl, die Hausfrau, kam geschäftig heraus, das Herrenpublikum begann sich für den neuen Zuwachs sehr zu interessieren.

„Noch Platz?" tönte eine kräftige silberhelle Stimme. Agl schlug bedauernd die Hände zusammen.

„Alles besetzt. Gnädige." . Q „ .

„Habe ich es Dir nicht gezagt, Thereja?' begann die Alte in weinerlichem Ton. „Sie müssen Platz haben, gute Frau. — Die Stimme meiner Tochter steht aus dem Spiel, wenn wir noch lange in der feuchten Luft — Theresa, was guckst Tu denn? Tu siehst doch meine

Aufregung —" „ ro , , r . . _

Theresa blickte nach der Terrasse, als suche sie etwas.

Nonei kam eben herbei.

blicklich nicht in den Ferien weilenden Minister schon vor acht Tagen etwa eine Anregung in demSinne hmte er­gehen lassen, in dem der gestrige Beschluß des staats- Ministeriums gefallen ist, die Einholung der Voten der sich auf Urlaub befindenden Kollegen immerhin eine ge- raume Zeit in Anspruch nahm. Auch mit Hülfe des Telegraphen ist es unter Umständen einigermaßen schwierig, im Staatsministerium denjenigen Grad der Einhelligkeit herzustellen, der zu einer geordneten Be­schlußfassung gehört. So lange über die Vorgeschichte des gestrigen Beschlusses so wenig bekannt ist, wie zur Zeit der Fall, ist eine Urteilsbildung darüber, ob und wo etwa gefehlt worden ist, schiver möglich. Es darf dabei auch nicht außer acht gelassen werden, daß augenblicklich die Stelle des ersten verantwortlichen Staatsbeamten der Provinz Schlesien unbesetzt ist.. Hoffentlich wirkt aber die Erfahrung, die das Ministerium mit der öffent­lichen Kritik diesmal gemacht hat, insofern belehrend, als in Zukunft für die Zeit der Sommerurlaube von vornherein dafür gesorgt wird, daß in Fällen, wie m dem hier in Frage stehenden, diejenige praktische Ent­schlossenheit der Regierung sich nicht vermissen läßt, die selbst dann, wenn sie einmal fehlgeht, ein kleiiieres Übel darstellt als die Zanderseligkeit und Bedenklich­keit, die in der schlesischen Hochwasser-AngLlegenheit eine Zeitlang die Oberhand behalten zu sollen schienen. Welche Unsummen von Unzufriedenheit eine während der Zeit der Sommer-Urlaube leicht zutage tretende ministerielle Gleichgültigkeit gegen die öffentliche Kritik zeitigen kann, dessen ist der Fall Löhning ein Zeugnis. Es ist sehr dankenswert, daß man diesmal im Ministerium noch im richtigen Augenblick oder wenigstens so lange es noch nicht gar zu spät war, es verstanden Hat, eine bessere Taktik an Stelle- einer minder guten einzuschlagen.

*

M. Berlin, 27. Juli. Wie die Blätter melden, ist die Reise des Kultnsministers Dr. Studt in das Über­schwemmungsgebiet zur Besichtigung der gesundheitlich gefährdeten Gegenden um eine Woche verschoben worden.

Zur Linderung des durch die Wasserschäden in Schlesien hervorgerufenen Notstandes hat das Staats­ministerium in seiner Sitzung vom letzten Freitag einen Kredit bis zur Höhe von 10 Millionen Mark unter Vor­behalt der Genehmigung des Landtages zur Verfügung gestellt. Die Festsetzung Dieses Betrages und die sofortige Flüssigmachung eines Teiles der Summe ist, wie die „Nordd. Allg. Ztg." hört, auf direkte Veranlassung des Ministerpräsidenten erfolgt. — Der Finanzministcr Freiherr v. Rheinbaben hat sich Samstag vormittag nach Breslau begeben, um in Gemeinschaft mit dem Vertreter des Oberpräsidenten und dem Landeshauptmann über die

Verwendung der zur Linderung der Uberschwemmungs- schäden in Schlesien bereitgestellten Staatsmittel zu be­raten. — Der deutsche Kriegerbund und der preußische Landeskriegcr-Verband haben für ihre durch das Hoch­wasser in Schlesien geschädigten Kameraden aus ihrem Notstandsfonds zusammen 10 000 M. bewilligt und dem Provinzial-Krieger-Verbanö für Schlesien sofort nach Bekanntwerden der Katastrophe telegraphisch übermittelt.

Nach dem Tode Papst Leos XIII.

bä. Berlin, 25. Juli. Der „B. L.-A." meldet aus Rom: Die Ausstellung der Leiche des Papstes ist ge­schlossen worden, nachdem seit 6 Uhr ein ununterbrochener Zug Neugieriger und Frommer vorbeidefilierte. — In bezug auf die Vertretung des Kaisers bei den Be­erdigungs-Feierlichkeiten des Papstes wird die Nachricht verbreitet, der Kaiser werde einen königlichen Prinzen mit seiner Vertretung beauftragen. Obwohl die Frage noch nicht entschieden ist, spricht die größere Wahrschein­lichkeit doch dafür, daß der Kaiser sich durch den Gesandten Freiherrn von Rothenhahn vertreten lassen wird.

wb. Rom, 25. Juli. Nachmittags um 7 Uhr begann die Feier der vorläufigen Beisetzung des Pap st es in der Peterskirchc. Nachdem auch unter Voran­tritt der kerzentragendcn Pönitentiare der Peterskirche das vatikanische Kapitel in der Kapelle erschienen war, segnete der Dekan des Kapitels die Leiche ein und stimmte das Miserere an, in das der Sängerchor einfiel. Sodann wurde die Leiche in feierlichem Zuge aus der Sakraments­kapelle durch das Mittelschiff der Kirche um den päpst­lichen Altar herum nach der Chorkapelle getragen. Voran schritten die Stabträger des Kapitels. Es folgten das vatikanische Seminar, die Pönitentiare und das Kapitel von Sankt Peter. Hinter ihnen trugen Mitglieder der Kapelle die Bahre mit der Leiche, von Nobelgarden «nd Mitgliedern der Erzbruderschaft San Michele in Borgo umgeben, die brennende Fackeln trugen. Die päpstlichen Hofwürdenträger, die Ehrenkämmerer und Prälaten und eine Abteilung der Palastwachen beendeten den Zug. Ihm schlossen sich zahlreiche Vertreter katholischer Vereine und Pfarrkörperschaften an. Die Leiche wurde mitten in der Chorkapelle mit dem Haupt gegen den Altar niedergestellt. In der Chorkapelle waren die Mitglieder des heiligen Kollegiums, die hier anwesend sind, bereits vollzählig versammelt. In der Kapelle nahmen ferner das diplomatische Korps, sowie Vertreter des römischen Adels ans besonderen Bänken Platz. Die übrigen Teil­nehmer des Zuges stellten sich rechts und links von der Bahre auf, die Vereine und Körperschaften blieben außerhalb der Kapelle, deren Gitter darauf geschlossen wurde. Nunmehr eröffnete der Chorgesang die eigent­liche Feier. Der Dekan des vatikanischen Kapitels er­teilte der Leiche, die er mit Weihwasser besprengte, die

„Ist das die Sängerin?" fragte sie unbekümmert

um die besorgte Mutter, Agl. -

„Meine Tochter hat eben gesungen, ja wohl. Gnädige.

„Ja, das ist ja reizend!" Sie eilte Mif das Mädchen zu. „Hören Sie, Kind, Sie haben mich ja entzückt! O, da lasse ich mich nicht so einfach abweisen.

Da stürmte der dicke Perlmann, einen ganzen Tisch mit Biergläsern umstürzend, herbei, machte einen tiefen Knir vor den Damen, richtete sich dann, mit dein Zwicker spielend, gravitätisch auf.

„Fräulein Giorgi, ich bin selig, Sw hier begrüßen zu können! Nein — in einem solchen Ziest — das nenne ich Glück!"

Tie Damen sahen sichtlich unangenehm berührt auf den Mann. .

„Kennen Sie mich wirklich nicht! Erinnern Sie sich nicht mehr an Teschen? Allerdings schon lange Zeit Theateragent Perlmann, Oskar Perlmann!"

Dabei sah er sich selbstbewußt im Kreise um, der Wirkung, den dieser Name auf die Dame machen werde, offenbar sicher — doch die blieb sichtlich aus, weder der Theateragent noch der Perlmann zog.

„Kann mich wirftich nicht erinnern", entgegnete sie kurz und wqndte sich zur Nonei trotz des Zupfens der alten Frau, offenbar ihrer Mutter, am Kleid.

Oskar Perlmann ließ sich aber nicht irre machen.

„Meine .Herren, ich habe die Ehre. Fräulein Theresa Giorgi, die Perle der Frankfurter Oper begrüßen zu können", erklärte er feierlich. „Nuii Frau Giorgi, Sie erinnern sich doch noch? Die Jugend ist ja vergeßlich in diesen Dingen", wandte er sich an die alte Frau. Jch vermittelte damals —"

„Fa, ich erinnere mich jetzt, Herr Perlmann", fiel ihm diese sichtlich eilig in die Rede, „seitdem hat sich jedoch sehr viel —"

„Sehr viel verändert, meineii Sie. in Bezug auf Ihre Tochter? Ganz richtig! Wie bei mir, ganz wie bei mir. War damals auch in kleinen Verhältnissen und bin jetzt der Perlmann, freut mich, Madame, freut mich!"

Er sprach das alles absichtlich laut mit höhnischen Seitenblicken auf die Herren, welche ihm Trapez und Flaschenpyramiden empfohlen.

„Aber, Theresa", jammerte die Mutter wieder, „Du nrst Dich -erkälten in der feuchten Nachtluft! — Sw Innen es nicht verantworten, Frau Wirtin, wenn Sie ns nicht Quartier verschaffen!" ,

„Kein Quartier? Fräulein Theresa Georgi?" mischte ch entrüstet Perlmann hinein. „Das wäre ein ewiger Schandfleck für Ihr H-aiis, Frau. — Meine Herren, das ürfeii wir nicht gestatten. Ich bin sofort bereit, den )amen mein Zimmer abzutreten und auf dem Hm zu lbernachten. Eine Künstlerin, ein Fräulein Gwrgr, ine ehemalige Klientin! Das wäre noch schöner", chwadronierte er weiter, rmbekümmert um die ent- chiedene Abweisung von seiten der Damen.

„Ist nicht nötig, danke Jhnm!" wandte sich- diese u dem Dicken. „Fräulein Anna wird uns Quartier erschaffen —"

„Aber, Nonei, wo dmn?" meinte besorgt Agl.

„Beim Vater auf'm Biehl, ich führe die Herrschaften inauf, dort ist Platz genug."

„Aber, Nonei, weißt ja, wie er ist und jetzt in der ?acht —" warnte Agl.

„Ich werds schon machen, Mutter. Der Herr, der lat ganz recht, ein Schandfleck wär's für unser Häusl vo eine hohe Herrschaft."

Fräulein Theresa hatte sie von dem ersten Augen- >lick an gewonnen — eine berühmte Sängerin erging ich in Löbsprüchen über ihre Stimme, eine Künstlerin! — Das war ja ihr Höchstes, schon bei den Reden des ,icken Perlmann vorhin stieg ihr das Blut in das Gesicht md jetzt sagte ihr dasselbe eine Theresa Giorgi.

Sie rief den Wagen herbei, die Mutter mit dem v-eidenpintscher stieg ächzend und jammernd ein, dann Lheresa und Nonei. Die Herren grüßten ehrerbietig ind ärgerten sich, den interessanten Gast verloren zu jab-en.

Langsam ging es bergauf auf holperigm Feldwegen, wischen engen Zäunen, an plätschernden Brunnen, chlafenden, dunklen Bauernhäusern vorüber. Unten ilitzte der See herauf im Mondschimmer. Fräulein rheresa war sichtlich ergriffen von der großartigen Ruhe tt ber Statur.

„Wie glücklich sind Sie, Sie wissen es ja gar nicht!" j-egann sitz