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Wiesbadener Tsgblstt.

« m 97 Anrcigen-Prei-r _ .

m. Jahrgang.

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BrrlagS^ernsprecher R». MM.

Sonntag» den 26. Juli.

RedaktionS-Ferusprecher No. »>.

1903.

Horgen-Autflabe.

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Pas Crgkdiis der MhrnzsKdiistmz.

Die Währungskommission, welche auf Anregung der Vereinigten Staaten von Amerika und Mexiko in Berlin getagt HÄ, ist am Donnerstag mit ihren Beratungen zum Abschluß gÄommen und die Konfererrz ist geschlossen worden. Als seinerzeit Alexander von Battenberg der: Fürsten Bismarck um Rat fragte, ob er dem Rufe auf den bulgarischen Fürstenthron Folge leisten solle, meinte Fürst Bismarck, er werde immerhin eine angenehme Er­innerung davon haben! Dasselbe wird man den ameri­kanischen Delegierten sagen können, denn wenn auch die Währungskonferenz ausgegangen ist wie das Hornberger SGeßen, so werden die Delegierten doch eine angenehme Erinnerung an den amüsanren Aufenthalt in Berlin mit mach Hause nehme,:.

Was die Wührungskonferenz betrifft, so hat sie das getan, was man immer tut, wenn man nicht weiß, was TOttfi anfangen soll. „Wenn man nicht weiß wie und wo, so gründet man eine Eommissio!" Und wenn die lEomMissio dann nicht weiß wie und wo, dann faßt man kht« oder mehrere Resolutionen. Also hat auch die Wäh- !rungskommission getan. Aber damit niemand im Zweifel darüber ist, daß den Beratungen der Kommission und !ihren Resolutionen keine praktische Bedeutung zukomme, wird in dem offiziösen Bericht ausdrücklich erklärt, daß W Zweck der Verhandlungen „eine unverbindliche Aus­sprache über die wichtigsten Probleme der internationalen Geldverfassung" gewesen sei..

Die Resolutionen der Kommission machen, so weit sie eine Änderung des bestehenden Zustandes anstreben, in her Tat einen recht unverbindlichen Eindruck. Die erste Resolution erklärt die Einführung eines Goldvaluta­systems in den Ländern mit Silberumlauf, bestehend aus Silbermünzen mit unbeschränkter gesetzlicher Zah­lungskraft, aber mit einem festen Goldkurs, für wün­schenswert. Damit ist zugegeben, daß die Währungsder-

hältnisse in den Silberländern unhaltbar sind. Die zweite Resolution erklärt eine Währungsreform m Chma, wo die Geldverhältnisse in der Tat vollkommen zerrüttet sind, für dringend wünschenswert. , ,

Etwas schärfer geht die dritte Resolutton rns Zeug, indem sie in den Ländern mit Silberumlauf, welM künftig eine Goldvaluta annehmen, ein einheitliches Aus- münzungsverhältnis von Gold- und Silbermünzen für wünschenswert erklärt, und zwar soll dieses Wertver­hältnis auf etwa 32 zu 1 festgesetzt werden. Die Kom­mission scheint aber zu dieser Resolution selbst kein son­derliches Vertrauen gehabt zu haben, denn sie machte den Zusatz: „Falls keine weiteren ernstlichen Veränderungen im Silberpreis eintreten". Solche DeränderungM wer­den aber unbedingt eintreten, sobald Mexiko seine Ab­sicht verwirklicht, seine freie Silberprägung aufzuheben, und andere Silberländer diesem Beispiel folgen.

Eine vierte Resolution stellt endlich den Satz auf, daß die Schwankungen des Silberpreises durch eine verstän­dige Regelmäßigkeit in den SW erkaufen der Regierungen zu Münzzwecken in gewissem Umfange eingeschränkt wer­den können". Dieser Satz ist, man verzeihe uns das harte Wort, komisch. Also die Schwankungen des Silber­preises werden nicht, sondern sie „können" nur, und zwar nicht aufgehoben, sondern nur „eingeschränkt" werden, und auch das nur „in gewissem Umfange". Das ist das Messer ohne Heft, dem die Klinge fehlt. Es heißt auch weiter in der Resolutton, daß die, Silberankäufe den Ländern nur empfohlen lverden, so weit deren Münz- gesetzgebung und monetäre Bedürfnisse dem nicht ent- gegenjtehen. Die Vertreter der deutschen Regierung haben denn auch die ausdrückliche Erklärung abgegeben, daß Deutschland zunächst nicht in der Lage sein wird, jenem Wunsche Folge zu leisten, da bei uns der Silber- geldbeftand den Verkehrsbedarf um etwa 100 Millionen ubersteigt. Ties „zunächst" war eine Höflichkeitswendung gegenüber den Delegierten der Silberländer, denn wir werden auch nach dem „zunächst" kein Bedürfnis für Silberankäufe haben.

Sind somit diese ganzen Resolutionen nach Lage der Sache „Druckerschwärze auf Papier", so kommt eine praktische Bedeutung nur der einen von der Kommission beschlossenen Erklärung zu, daß „eine Änderung der Münzgesetzgebung der Goldwährungsländer, insbesondere die Einführung des internationalen Bimetallismus, weder beabsichtigt, noch für aussichtsvoll gehalten" wird. Cstgenüber dieser unzweideutigen Absage an die bime- tcllistischen Bestrebungen, die also sogar von den Ver­tretern der Silberländer als aussichtslos angesehen wer- den, will die rein theoretische Erörterung über die Mög­lichkeit eines festen Wertverhältnisses zwischen Gold und Silber nichts besagen. Im übrigen sind die Verehrer des „weißen Metalls" bescheidener geworden. Noch vor einem Jahrzehnt, auf der Brüsseler Münzkonferenz von

1892, wurde die Fixierung eines Wertverhältnisses von 15y 2 zu 1 gefordert; heute will man sich schon mit 32 zu 1 begnügen, währeird das tatsächliche Wertverhältnis von Gold und Silber 38 zu 1 beträgt., Diese Wand­lungen zeigen am deutlichsten, daß e:ne solche Wertstft- setzung immer an der unerbittlichen Logik der Tatsachen scheitern wird. Der Epilog zur Währungskonferenz lautet: Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stotzeir sich die Sachen!

Dr. Entarte leint für nerlnffenc Mer in Man.

London ist die Stadt der schärfsten sozialen Gegen­sätze, der größten Extreme in bezug auf reich und arnu Wenn einem heute im Hydepark beim Anblick des nicht endenwollenden Korsos der eleganten Lebewelt zu Pferd, zu Wagen, zu Fuß und im Automobil vor dem Glanz des zur Schau getragenen Luxus die Augen übergehen, so traut man morgen diesen nämlichen Augen nicht, wenn sie im Osten Londons in den «lnms von Whitechapel Bethnal Green und Stepney Bilder der abschreckerrdften Armut und Verkommenheit zu sehen bekommen. Auf den vor Schmutz starrenden Schwellen jammervoller Wohnstätten hocken, sitzen und liegen Weiber und Kinder mit struvpigen Haaren in zerrissemn Lumpen umher, den Albdruck blöder Apathie und Physischer Leiden im Gesicht, Der Fuß kann, nur langsam auf dem klebrigen Straßen- Pflaster vorwärts, ein widerlicher Geruch von Schmutz, schlechtem Fett und verdorbener Stubenluft entttrömt den offenen Haustürei:. Hier wohnt der Bodensatz der modernen englischen Gesellschaft. Das Elend dieser ver­armten, herabgekommenen Bevölkerung ist so groß, daß viele von ihnen nicht einmal einer der jämmerlichen Wohnstätten oder einen Teil einer solchen ihr eigen nennen. Obdachlos irren hier nachts zahlreiche ver­lassene Weiber und Kinder umher, in Torgängen, Hutter Kirchen und Mauervorsprüngen sich verbergend.

Bis in die Mitte der 60 er Jahre kümmerte sich nie­mand um das jammervolle Schicksal dieser von früher Jugend an der Straße, dem Vagabundentum und schließ­lich dem Laster und Verbrechen anheimfallenden heimat­losen Kinder. Da wurde ein 21-jähriger Student dev Medizin, Thomas Barnardo, durch zufällige Bekannt­schaft mit einem solchen kleinen Straßenaraber auf den brennenden Notstand aufmerksam und, voll leidenschaft­licher Liebe zu den Ausgestoßenen und Enterbten dev Gesellschaft, widmete er hinfort seine Lebenskraft dev Rettung und Erziehung dieser Ärmsten unter den Armen, den verlassenen und verkommener: Kindern seines Heimat­landes.

Mit Hülfe seines ersten kleiner: Schützlings entdeckte er bald eine ganze Anzahl heimatloser Kinder, die auf

Feuilleton.

Die Knnjlnnssteünng im Münchener MMW.

(Eigener Bericht für das „Wiesbadener Tagblatt".)

Es goß — es donnerte — es blitzte — lauter An­zeichen. Außerdem war Freitag. Machen Sie nie etwas am Freitag; ich bin abergläubisch geworden. Ich ging in den Glaspalast. Kennen Sie unseren Glaspalast? — Nein? — Sie Glücklicher, Sie wissen nicht, was schön ist. Der Glaspalast ist immer schön — von außen und das Innere hält ihm meist die Wage. Der Vorraum — stilvoll — Teppiche, Spiegel, würdige Beamte mit zur Mutze erhobenen Honneurfingern (jeder Deutsche ist so­fort Soldat, sobald er eine Mütze auf hat), weiterhin zwei reizende Ausstellungsdamen, die rechts ist entschie­den die hübschere, geradeaus das Bassin. Ich sage das Bassin, denn ich sehe es schon das dritte Jahr. Es schim­merte einst bläulich, jetzt sieht es sehr griesgrämig drein - das arme Bassin. Dieses Jahr fehlt ihm sein Parade- kamerad: die Prinzregentstatue zu Rotz. Statt dessen eine einfache Bronzebüste. Und drum herum Azaleen, Rhododendren, Akazien, Bänke und Plasttken, von denen die letzteren die schönsten sind, denn wir sind in der Kunstausstellung. Es wird kein anständiger Normal­mensch bezweifeln, daß das eine Kunst ist, denn er kann's nicht; aber ein unanständiger Nichtnormalmensch, zu denen gehöre leider auch ich, der wird sagen, so ein Haufen banales Zeug war schon lange nicht mehr da. Immer wieder Kinderköpfe, süße Weiberschädel, ver­rückte Recken, blinde Hessen, Totenmale, nicht ein packen­des, fesselndes, originelles Werk — halt, ein kleines Ding ist mir ausgefallen von G. Morin, eine Nymphe auf galoppierendem Faun. Die Proportionen sind nicht ganz ausgeglichen, aber man kann sich drüber freuen. A. Torr liefert auch etwas Interessantes: einen Zulu­krieger, der gebückt, zum Sprung bereit, das Auge gierig auf sein Opfer richtet. Das ist wenigstens was anderes als jene Banalität, wie sie Heinrich W a d e r ä s „Letzter Gruß" beweist. Eine Bronzetüre in Marmor­rahmen, davor eine Bronzefigur, eine Rose reichend —,

wenn das nicht für den Friedhof von Trudering bestellt ist, dann wird's wohl bald werden. Lassen wir den Nest und fliehen wir zum Ol. Den Reigen eröffnet die L.-Gr. (Luitpoldgruppe). Es ist verteufelt wenig da, was sich über den Rahmen der Durchfchnittsarbeit erhebt. Gewiß, wer ahnt, was in so einem Werke für Mühe, Liebe, Hoffnungen stecken, dem wird's schwer, sagen zu müssen, man geht fast an allem vorbei ohne sich weiter drum zu kümmern, denn von Eigenart ist blutwenig zu spüren. Und ob Herr Maier, Müller, Kunze, Schund Bilder malen, ist mir furchtbar egal. Und selbst die Namen — ja, mein Gott, Walter G e f f ck e n verrät uns, daß er besser malen könnte, Walter Thor gibt Porträts, die auch nicht seine Höhe zeigen; Edm. Stepp es ist gut, scharf, charakteristisch, während Richard Strebe! noch eine Idee weicher ist als im Vorjahre. Er bringt zwei Hunde, dann nochmal zwei Hunde — Summa vier, kämen noch zwei, wären es sechs. Hans Bartels gibt frische, frohe Dünenbilder. Diese hellen, schreienden Farben tun nach all der gedämpften vornehm tuenden Harmonie ordentlich wohl. Karl M a r r hat in einem Riesenbild, „Ein Mädlein im Kahn" bei Abendbeleuch­tung, eingesehen, wie schwer es ist, den rotgoldenen Reflex des Abendlichtes auf dem Wasser wtederzugeben, drum läßt er ihn ganz weg und bepurpurt nur den Kahn. Und nun kommt die dl. K.-0-. (Münchener Künstler- Genossenschaft). Auch hier viel, viel — wenig, wenig. Anton Braith gibt nette Schafe. Dazwischen diese elenden Vauernstücke, die einem schon so zum Hals herauswachsen, wie die „Original-Schlierseer mit echtem Schuhplattlertanz, ausgezeichnet durch Se. Majestät den deutschen Kaiser". Defregger bringt diesmal einen „Wuildera". Den großartigsten Theaterbösewicht, den man sich denken kann, aber wenigstens ohne Mirdei, Seppei, Kathci, Marei usw. Der Virtuose des Salon­porträts, Friedr. A. v. Kaulbach, ist sehr stark ver­treten. „Ein süßes Mädel" (Baronesse £.), eine Carmen, ein Kindlein klein, kurz, eine ganze Wand voll Porträts — alle mit dem gleichen Schwung, derselben Routtne ge­malt. Der Troglodyt Frz. v. Lcnbach schneidet dies­mal schlechter ab. Das Weib ist ohnehin nicht Lenbachs stärkste Seite — und diesmal gibt er fast nur Damen­

porträts. Da ist die rote Schönheit 1, die rote Schön­

heit 2, Marion a, b, c, d, e, die braune^ Dame, die schwarze Dame, die nackte Dame —, denken Sie sich dazu Waldteufels „Estudiantina" und das Bariätä ist fertig. Warum denn das? — Da soll man hinterher von Adams Katzen, Kronbergers Bauernköpfen, W. Baders Nachtphantasien erzählen, die alle gute, fein ausgeführte Sachen sind. Aber da krieg einer Laune, und dann kommt Hermann Urban mit einem Böcklin gewidmeten Böcklinbilde, begleitet von schlechten Versen Langheinrichs, und Richard Friese malt ein großes Schneefeld, was er gar nicht kann, und darauf ein kleines Bärchen, das ausgezeichnet ist und den Tiermaler von der besten Seite zeigt, und — das Meer beruhigt doch immer. Diese grünen, durchsichtigen Wellenkümme, das leichte Schaumgekränsel, die dunstige Salzluft — das wirkt immer, selbst wenn's gemalt ist, d. h. gut gemalt ist, etwa so, wie das Hans v. P e t e r s e n kann. Sma­ragdsee — gelbfahler Himmel — mir hat lange keine Marine so gefallen. Marie Haushofer gibt ein hübsches Selbstporträt und Ad. E ch t l e r malt eine weinende Schönheit, halbnackt in violetten Schleiern, nnd „vis-ä-ris" dieselbe Schönheit, lachend, ganz nackt in violetten Schleiern — lacht sie. weil sie sich weinen sieht?, weint sie, weil .... — das letztere, das letztere. Dann war noch ein Bild da, das Wilhelm II. ausge­zeichnet hatte, wie dran stand. Von wem und was weiß ich nicht mehr. Ebenso wie ich nichts weiß von der Italiener-Gruppe und nicht viel von den Düsseldorfern. Überhaupt haben die Zimmer der Gäste durchweg einen sehr gequälten Zug. Von den Württembergern ist mir Plauer im Gedächtnis, der einen famosen Grobton entwickelt in seinen Bergarbeitern und in dem Vorortszttgle; die Plastik in der Farbe ist ihm jedenfalls sehr gut gelungen. Die Schotten sind genau so lang­weilig wie im Vorjahre und Frankfurt-Cron- b e r g zeigt in Paul K l i m s ch einen guten, manchmal zwar bizarren (stehe Robbengreis) Vertreter. Auch R. Gudden und Ottilie Roederstein haben Be­wußtes und wirklich Gutes gegeben. I. Bergmann ist Karlsruher. Er bietet wohl das schärfste von diesen. Seine Schilfernte (Am Wasser) ist ein famoses Stück.