1. Sei läge sutn Wiesbadener Tagblatt.
P-. 343. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, ben 26. Juli.
61. Jahrgang. 1903.
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Dar Leben ist ein heilig Buch Von Gottes Hand geschrieben; M
Drei Worte stehen fianimcnd drin: j*
^.i Stampf«!!, leiden, lieben I L
2 Grs. Stubenberg. b»
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Freiheit!
Roman von Walter Schmidt-Häßler.
Ein wundervoller Wintertag lag über der altersgrauen Residenzstadt.
Die Lust hatte schon etwas Lenzhaftes, Weiches, der Himmel war blau und wolkenlos. Auf der grünen Flut des kleinen Sees, auf dem noch vor wenigen Wochen die Schlittschuhe ihre Kreise gezogen hatten, glitten die Enten und Schwäne hin, und unwillkürlich hätte man heim Spazierengehen sich bücken mögen, um unter den Päumen nach^den ersten Veilchen zu suchen.
Es war Sonntag. Bon der nahen Kreuzkirche herüber klangen die Glocken; in dem Stadtpark und aus den Wegen der Promenaden wimmelte es von Spazier, gangern.
In einer Seitenallee gingen zwei Männer in rrnstem Gespräch nebeneinander her.
Der eirw, hochgewachsen und schlank, von ausgesprochen aristokratischem Äußern, srmrzösischem Spitzbcn-f und tadelloser Toilette. Der andere, bei weitem jüngere, verriet auf den ersten Blick den Künstler. Das dunkel- braune lockige Haar unter dem breitkrämpigen Filzhute, der graue,^ etwas altmodische Havelock und das Ungezwungene im ganzen Anzuge stimmten jedoch harmonisch zu dem hübschen, ausgesprochenen Künstlergesicht, daß man sich Reinhardt Berning gar nicht anders hätte denken können, ebenso, wie sein Freund und Mäcen, Baron Franz von Remmingen unmöglich anders hätte sein können, als in kull ckress.
Und wie sie nun einmal waren, so stimmten sie wunderbar zueinander, obwohl sie in Bezug auf ihre Lebensstellung, auf die Art und Weise, sich ihre Existenz Rnzurichten, ja sogar bis auf einen beträchtlichen Teil ihrer Ansichten grundverschieden voneinander waren.
„Ich verstehe dich nicht, mein Junge", fuhr der ältere in dem Gespräche fort, „wenn du tatsächlich so unheilbar verliebt bist und du obendrein die beruhigende ^Gewißheit hast, ebenso wiedergeliebt zu werden, so mach doch diesem Hangen und Bangen ein vernünftiges Ende, und heirate!"
„Du hast gut reden!" brummte der andere, „als ob ich daS so einfach, könnte. Erstens habe ich nichts — so gut wie nichts, imd mit meinen Aussichten auf die Zukunft kann ich keinen eigenen Herd bauen. Wenn ich so ohne weiteres heiraten könnte, wie ich möchte, dann würde ich mich wahrhaftig nicht lange besinnen, selbst Hc 'Schwiegermutter würde ich mit in den Kauf nehmen!"
„Na ja — die ist ja keine besonders sympathische Mitbürgerin, daS geb' ich zu! Ich habe sie ja nur ein paarmal gesehen, auf öffentlichen Bazaren und Wohltätigkeitsfesten ; aber selbst in so homöopathischen Dosen verabreicht, konnte sie mir keinen Geschmack abgewinnen. Übrigens ist sie — der Wahrheit die Ehre — eine ganz
auffallend hübsche Frau, und wenn man ihren Eheherrn, den geborenen Bourgeois, nicht gerade neben rhr sieht, macht sie sogar einen leidlich distinguierten Eindruck.^ „Das ist ja eben das Unglück, daß sie sich^ so famos konserviert hat. Sie ist lebenslustig und dabei bodenlos eitel, wie alle oberflächlichen Frauen ihres Genres, und so sind ihr die drei Töchter viel zu früh erwachsen, namentlich Ella, deren einundzwanzig Jahre sich doch nun mal nicht wegleugnen lassen, besonders hier m dem Neste, wo inan sie von Kindesbeinen an kennt, so erscheint rhr natürlich die Älteste wie ein beständiger lebendiger Vor- Wurf!" w c . . _. ,
„Dann würde ich an deiner Stelle dieser lebensfreudigen Mama den Gefallen tun, ihr diese Älteste so weit als möglich aus dem Gesichtskreise zu entfuhren Heirate sie und geh' mit ihr in die Welt, £» 01 » du wirst doch nicht die sträfliche Absicht haben, hier rn diesem Schildburg dein ganzes Leben zu verbringen? Der Alte hat Geld genug — und es muß ihm doch eme Ehre sein, einen Künstler von Gottes Gnaden, und der bist du, mein Junge, in seine Familie zu bekommen! Em Mensch, der mit dreiundzwanzig Jahren den goldenen Preis aus der Ausstellung bekommen hat, den: daher die ganze Welt offen steht, der kann doch wahrhaftig an jeder Tur cnklopfen!" .,
„Nur an dieser nicht!" erwiderte Reinhardt mit einem spöttischen Zucken um den hübschen Mund. „Hätte ich statt der goldenen Medaille ein Patent für Wasser- dichte Baumwolle auszuweisen — ä la bonheur , dann könnte ich inich schon eher sehen lassen. Und dann hat mein armer Bater sein ganzes Leben als einfacher Kanzlist dahin gelebt, hat seinem Sohne nichts hinterlassen, als eine ehrlich zusammengesparte Gymnasialbildung und die Studien aus der Akademie. Glaubst dir, das könnte diesen Leuten imponieren? Für sie bleibe ich der Sekretärsjunge aus dem vierten Stock!"
„Böotier!" sagte Remmingen verächtlich. „Verzeih' mir der Himmel meinen Widerwillen gegen dieses Geschlecht; aber als Großstädter verstehe ich nun mal diese Spezies von Menschen nicht, in deren Hirn sich die Welt mit Farben malt, die für unsereinen auf keiner Palette mehr existieren! Aber deine Ella ist doch großjährig — kann doch schließlich tun und lassen, was sie will!"
Reinhardt lachte kurz aus. „Hast du denn eine Ahnung von der geistigen Sklaverei, in der sie ihr Dasein dahinlebt? Trotz ihrer Großjährigkeit! In dem Wahne, ungemein sittenstreng und moralisch zu sein, übt diese Mutter ja eine geradezu vernichtende Zensur über das Geistesleben ihrer Kinder. Bei den beiden anderen will das ja nichts sagen, denn das sind oberflächliche Lebe- wesen, wie sie der Herrgott in Rudeln erschafft. Sie kochen, häkeln und nähen, die eine malt aus Glas, Holz und alles, was stillhalten muß, und die andere bearbeitet das landesübliche Klavier. Nebenbei sind sie rechtschaffen kokett, wenn's die Mama nicht sieht, und gehen jeden Sonntag in die Kirche, um die Zeit totzuschlagen. Daß die Älteste so aus der Art geschlagen ist, Freude an Kunst und Literatur zu empfinden, gern ins Theater zu gehen, nicht bloß um den Abonnementsplatz abzusitzen, sondern sich wirklich zu erbauen — das geht über den Horizont der Dlutter und macht ihr schlaflose Nächte. Sie selbst ist ja, was höhere Bildung anbelangt, rührend unschuldig
und rein wie ein Engel, und darum erscheint rhr jedes Buch in den Händen ihrer Tochter, das nach dem >MstS 1860 gedruckt und gar in Berlin verlegt ist, als em offener Protest gegen ihr moralisches Gefühl, Natürlich liest das arme Ding nun heimlich, Nächte lang, und ryrs Lektüre erscheint ihr wie ein großes offenes Fenster, durch das sie arts ihrer Sklaverei die herrliche Gottevwelt locken und winken sieht in all ihrer Schönheit. Aber das Fenster liegt im vierten Stock und — die Dummheit halt vor der Tür Wache. Siehst du, das ist s was mich ängstigt und unglücklich macht, daß ich das mit ansehen muß und nicht Helsen kann!" , . . ,
„Weißt du, Reinhardt", sagte Remmmgen fast weich, „es hat doch etwas unendlich Rührendes, so eme Jugendliebe. Trotz aller momentanen Tragik und Aus- sichtslosigkeit könnte nran dich darum beireiden. Wenn man so anfängt, älter zu werden,. wie ich, und sich vor dem unerbittlichen Spiegel ängstlich die ersten grauen Haare an den Schläfen auszupst, dann möchte man mit Wonne seine ganze Junggesellenherrlichkeit mit so einer unglücklichen Jugendliebe vertauschen. Du hast doch immerhin noch Chancen, mein Junge, bist jung, bist fähig, all den poetischen Zauber zu empfinden, der so riesig glücklich macht, während ich mich allinahlich in ein Aspic von Philosophie und Misogyne einkapsele — zu besserer Konservierung!" , ,
„Weshalb hast du eigentlich nicht geheiratet? fragte Reinhardt, und blieb stehen.
„Warum?!" wiederholte der Baron und schlug mit der Stockspitze einen Kiesel weg, daß er irch weitem Bogen über die Beete flog, „weil ich das verpaßt habe, was du dir so gern erkämpfen möchtest und auch erkämpfen wirst - - die Jugendliebe. _ Ich war ein flotter Leutnant und steckte naturgemäß bis über die Ohren m Schulden. Dabei war ich verliebt, wie man eben nur zum erstenmal verliebt sein kann. Aber ich sollte reich heiraten, sehr reich, und sie, aus der mein Auge mit Wohlgefallen ruhte, hatte gar nichts als einen Adelsbrief, der bis zu den ersten Kreuzfahrern zurückreichte. Aber das war zu wenig! Da ich mich nun nicht entschließen konnte, ohne Liebe zu heiraten, so erregte ich den Zorn der mermgen im höchsten Grade. Man bezahlte meine Schulden mcht mehr, und ich war gezwungen, meinen Abschied zu nehmen. So kam ich allen am schnellsten aus den Augen, und — auch ihr! Aber ich blieb ledig! — Arm, aber ehrlich — war meine Devise."
„Nun — und sie, die du liebtest?"
„Du lieber Gott, mein Sohn, die Sache endete gar nicht so furchtbar tragisch. Es war die alte Geschichte, von der Heinrich Heine singt. — Ich ging in die Welt, und als mein Vetter wider Erwarten das Zeitlich« segnete und mich mit, indem er mir das reiche Majorat hinterließ, da hatte sie einen anderen heiraten — müssen! Ich sah sie nie wieder, forschte nie nach ihr — aber auch geliebt habe ich nicht wieder!"
„Niemals wieder hat dein Herz für ein anderes Weib geschlagen?"
„Nein! Es ist merkwürdig; aber wahr! Vielleicht ist es auf einen Defekt meiner seelischen Funktionen zurückzusühren: aber die große Liebe, die gewöhnlich
auf die erste Neigung folgen loll, blieb aus. Und jetzt vrwrte irfi ttiffif mehr darauf." fftortfetutna folat.t
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