Beilage zum Wiesbadener Tagbiatt.
Ms. 341. Morgen-Ausgabe.
Samstag, den 25. Juli.
81. Jahrgang. 1903.
K ************** *** ****************** *
*
Das ©cb Stifte bleib Dir imi'.icrbar,
Ein keusches Weib,
Ein Mann, der wahr.
Wilh. Jcnsen.
^0?f¥WWW¥¥WW¥99WWWT¥W4WW¥WW**¥WW¥*94*i
(Schluß-)
Keutnant Kammchens Abenteuer.
Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-GermaniS.
War Malve, die kindische, überrnütige, fast grausame Malve, inzwischen wirklich nur um einige Wochen älter geworden? . Lag alles, was er selbst erleb: hatte, in dieser einen kurzen Spanne Zeit? — Gedankenvoll ritt er zum Dorf hinaus, und fast unangenehm berührte es ihn, als Panchenau an seine Seite kam und gähnend sagte:
„Na, Lämmchen jubilierst du nicht über die wieder- wonnene Freiheit? Ich mutz sagen, ich bin auch ganz
ijj, daß die Geschichte zu Ende ist! War ja zuerst ganz amos bei den Twielendorfs, aber zuletzt gefrel eS mir
nicht mehr so recht. Zwischen all den Brautpaaren kam man sich ganz deplaziert vor. Sogar die schöne Melusine war ungenießbar geworden, und wenn einen mal die Lust anwandelte, den Liebenswürdigen zu spielen, stieß man immer auf eine Warnungstafel. übrigens: variatio delectat, der Reiz beruht im Wechsel. Ich nehme jetzt Urlaub urrd gehe nach Wiesbaden zu meiner verheirateten Schwster. Unter ihrer: Bekannten gibt's immer ein Paar reizende Mädel und jetzt soll eine Amerikanerin da sein — ich sage dir, Lämmchen, einfach großartig! Geld wie Heu, Diamanten wie Kieselsteine und dab« eine Schönheit ersten Ranges! Ein bißchen verwöhnt freilich — aber das schadet nichts. Ich weiß mit solchen Damen umzugehen, und ein Kavallerieoffizier von altem Adel — das zieht!"
Malve, Lies, Missy und Marie-Luise hatten den Herren noch gar nicht ordentlich Adieu gesagt, denn an einem der folgenden Tage, zum Schlüsse des Manövers, sollte das ganze Armeekorps einige Meilen von Süderan biwakieren, und sie hatten fest versprochen, ihre Dragoner im Biwak zu besuchen.
„Wir kommen, selbst im tollsten Ziegen kommen wir", batte Malve erklärt, und Lämmchen zweifelte nicht daran, daß sie Wort halten würde, aber er war doch sehr froh, als an dem betreffenden Tage das schönste Wetter war.
und er nüt Sicherheit auf das Erscheinen der Damen rechnen durfte. Immer wieder sah er nach der Uhr,
immer wieder spähte er den Weg entlang, auf dem der Dvielendorffche Wagen erscheinen mußte — aber lange vergeblich, und während der Rittmeister laut schinrpfte, verzehrte er sich in innerer Unruhe.
Endlich in der sechsten Stunde, gewahrte er den offenen Break mü den Apfelschimmeln und eilte ihm ent- gegen. um ihn durch andere Trrrppen hindurch zu geleiten. Won dem alten Baron, der selbst kutschierte, wurde er mir schallendem Lachen, von den Damen mit lauten Zurufen begrüßt, und erfuhr, daß sie seit Stunden in der Irre umhergesshven waren, che sie das Biwak fanden und erkundeten, wo die Dragoner ihr Lager aufgeschlagen hatten.
’— Nun, da sie mitten unter ihnen waren, fühlten sie sich wieder ganz heimisch, packten ein lukullisches Mahl aus, das sie vorsorglich mitgchracht hatten, und beluden Lämmchens Burschen, den braven Lembke, mit einem ganzen Korb voll Flaschen.
Die Damen sahen sich erst das eigenartige Leben und Treiben im Biwak an und ließen sich dieses urrd jenes er- klären, dann setzte man sich in bunter Reihe neben einem Offizierszelt um eine große Kiste herum, die mit einer Serviette keusch verhüllt war, und erfreute sich in bester Laune an den hüten Speisen und Getränken, welche man darauf serviert batte, Dabei wurde viel gesprochen, ge- ' scherzt und gelacht. Immer mehr Offiziere kamen herbei und ließen sich vorstellen, immer lustiger wurde die Stimmung. Mitunter gab es auch eine improvisierte kleine Vorstellung durch die Mannschaften, die hohe Vor
gesetzte ungestraft kopierten, indenr , ein Mann einen anderen auf seinen Schultern trug und rn charakteristischer Weise mit ihm umhergaloppierte, oder man führte besondere Turnübungen auf. Überall war Freude und Be- tvegung, Lärm und harmlose Fröhlichkeit. den L-tall- gassen zwisckien den Pferden und den Truppen rmt rhren bunten Uniformen sah man allenthalben verrunzelte Civilisten, die gekommen waren, um ihre neu gewonnenen Freunde zu besuchen, und als die Dämmerung verein-
brach, wurde das Schauspiel immer eigenartrger. Auf Meilen in der Run
.....und« flammten die Wachtfeuer
auf, von den Leuten im .Kreise umlagert, und Malve, die nun neben Lämmchen auf einer kleinen Anhohe stand und von dort aus das Garrze bequem übersah, war ganz ergriffen von dem großarügen Anblick. Darm kam der Mond hervor und goß sein mildes, zauberhaftes Lrcht über die wellige Landschaft, während der Wind als erfrischender Hauch über die Felder strich und abgerissene, vereinzelte Tön« zu ihnen herauftrug, wie das Wreheru eines Pferdes, sanfte Harmonikaklänge und Hundegebell.
„Wie schön das ist", sagte Malve, „wie stimmungs- voll! Ich werde diesen Abend niemals vergessen. Man glaubt in einer anderen Welt zu sein, und nie hätte rch geglaubt, daß über einem riesigen Feldlager ern so poetischer Hauch liegen könne."
„Ah", sagte er, ,das Beste kommt noch, das sogenannte Abendgebet", und er hatte Recht. Es war großartig und erhaben, der Eindruck geradezu überwältigend, und alles lausckite unter freiem Himmel in andachtsvoller Haltung. Zuerst blie r die Kavallerie die Retrcrrte, dann schlugen die Spielleute der Infanterie an, und schließlich spielten alle Kapellen zusaminerr das berühmte Zlbend- lied „Ich bete cm die Macht der Liebe".
Als ein gewaltiger Hymnus sfieg es zum wolkenlosen Himmel empor, bewegte die Herzen und erfüllte die Luft mit überirdischen Harmonieen. Dann schlugen die Spielleute ab, die Mannschaften begaben sich zur Ruh, und die Civilisten räumten das Lager.
■ Auch Twielendorfs dachten ernstlich an den Aufbruch, aber so schnell konnte man sich noch nicht trennen.
Der alte Baron stand mit dem Major und dem Obersten im eifrigen Gespräch, Missy und Marie-Luise waren von einer ganzen Schar junger Offiziere umlagert, die ihnen zum Schlüsse noch ein wenig den Hof machten. Der Rittmeister hielt sich mit seiner Braut im Schatten seines Zeltes auf, wo es etwas dunkler war, und Malve und Lämmchen standen abseits, aber weithin sichtbar, einander gegenüber.
Minutenlang schwiegen beide, denn es war ihnen eigentümlich weh und beklommen zu Mut, dann sagte Malve zögernd mit leiser Stimme:
„Ich wollte Sie eigenllich fragen, ob Sie mir noch böse sind, Leutnant Lämmchen, wegen neulich, als ich so unartig war, und Ihr Bild zerriß!"
„Bose?" — er wurde verlegen — „ganz im Gegenteil, ich freue mich, daß es Ihnen mißfiel, aber offen ge- standen, ich möchte doch gern ein anderes dafür haben. Nicht, um es einrahmen zu lassen, nein, sondern nur für mich, für mich ganz allein. Niemand soll es sehen!"
„Wieder eine Karikatur?"
„Bewahre", meinte er erschreckt, „keine Karikatur, sondern ein schönes liebes Porträt, so ähnlich wie nur möglich, angesertigt von Fräulein Marie-Luise von Twielendorf."
Sie sah ihn von der Seite an.
„Ja — aber wen soll's denn darstellen?"
„Eine gewisse junge Dame, die behauptet, sie sähe ans wie ein wilder, brauner Zigeunerbub, und die mir gerade so am besten gefällt."
„Also mein Bild? — Aber Leutnant Lämmchen, das geht ja nicht."
„Doch es geht", meinte er vergnügt. „Ihre Schwester tut es mir zu Lieb'e — als Freund von Heinz kann ich alles von ihr verlangen — und wir machen's ganz heimlich. Wollen Sie?"
„Ich weiß doch nicht — ?"
„Sie müssen es tun. gnädiges Fräulein, Sie sind mir überhaupt nocki ein Geschenk schuldig."
„Wirklich?"
„Ja, wissen Sie nicht? Für die verlorene Wette
Sie nickte. „Ach ja, ich entsinne nnch, wert rch das Gruseln schließlich doch lernte. Jedenfalls war es nett von mir, daß ich es cingestand." ^ o ..
„Sehr nett, ich hätte es aber auch ohnedies gewußt. Ich selbst war es, der Sie erschreckte." .
„Sie?" Malve sah ihn ungläubig an. „Das rst ia gar nicht möglich!" ,
„Doch, ich verirrte mich in einen geheimen Gang, wre, erzähle ich Jhnerr ein anderes Mal, und beobachtete Sie« Als ich nieste, entflohen Sie." , ,
„Das ist abscheulich, da verdienen Sie gar kern Gs> schenk." ,
„Ich denke doch, aber nun schnell noch erns — ich sehe schon, Ihr Herr Papa winkt schon! Der Oberförster hat mich eingeladen, das Weihnachtsfest bei ihm zu verleben, um einen .Keiler und ein paar Hasen zu schießen. Laoll icb die Einladung annehmen?"
Malve hatte bis dahin tadellos die junge Dame markiert, nun siel sie mit einem Male aus der ungewohn-
ten Rolle und in ihre frische, jungenhafte Art zurück ' ' r ’ lri -- zauberhaft
„Aber natürlich", sagte sie schnell, „das ist ja za -
und beinah so nett, als wären Sie bei uns.^ Sie kommen dann recht oft nach Süderau, wir machen zusammen Schlittenpartien, durchstöbern die Bibliothek, lausen Schlittschuh, zanken uns, vertragen uns wieder und —
„Lernen uns immer besser kennen!"
Sie lachten beide, und mit diesem Lachen schwand das unklare Schmerzgefühl, das sie vorher bedrückt hatte.
„Sie kommen also ganz gewiß?"
„Ganz gewiß, Fräulein Malve."
„Dann also auf Wiedersehen in •—• warten Sie mal — zehn, zwölf, vierzehn Wochen ungefähr."
„Auf Medersehen!" Ein warmer Blick, ein fester Händedruck, ein schnelles Hinüberschreiten zu den anderen' dann sprang sie in den Wagen, die Pferde zogen an, die -Offiziere verneigten sich zum letzten Mal, ein paar Taschentücher wehten, dann verschwand der Wagen, und die Herren kehrten langsam zu ihren Zelten zurück.
Doch nicht, um zu schlafen. Trinkend rmd rauchend saßen sie bei einer Bowle noch lange beisammen, rmd als sie sich endlich zur Ruhe begaben, sagte der dicke Mazor:
„Na, Kinder, in ein paar Tagen sind mir wieder da- heim, und man hat dann seine Bequemlichkeit, aber schön war es doch dieses Mal. Glorioses Wetter und famoses Quartier! Ter Himmel bescheere uns im nächsten Dian öder eüvas Ähnliches."
Damit ist nun die Geschichte von Leutnant Lämmchens Abenteuern eigentlich zu Ende, denn auf seiner
Lebensbahn fand fortan kein Hindernisrennen mehr
‘ nser -*
statt, wenn sich aber jemand für unseren Helden besonders interessieren sollte, so kann ich ihm verraten, daß di« Radikalkur ihm ausgezeichnet bekommen ist und seine Beziehungen zu der Familre von Twtelendors sich immer inniger gestaltet haben. Er besuchte Süderau nicht nur zu Weihnachten von der Oberförsterei cms, sondern wurd« auf Mannias besonderen Wunsch auch zu ihrer HochzRt geladen. Dann, im wundervollen Monat Mai, besucht« Malve die Familie von Wacht in der Garrüsorr, wo Lres sehr beliebt war und Lämmchen als ihr Hausfreund eins große Rolle spielte. Ja, eS gelang dem jungen Offizier nach vielen Schwierigkeiten sogar eine Versöhnung zwr- scheu seinem Freunde Heinz, der irrzwischen an einem Hof. theater engagiert worden war, urrd dessen Eltern anzubahnen, und seitdem hat er auch bei der Domina einen Stein im Brett. Sie interessiert sich für seine Karriere und hat über seine Vermögensverhältnisse genaue Ev- kundigrrngen einqezogen.
Dieselben sind sehr befriedigend ausgefallen. Lamm- chen gehört zu den beneidenswerten Leuten, die immer mehr haben, als sie brauchen, und besitzt außerdem das schöne Talent, entfernte Verwandte mit Erfolg zu be. erben. Marie-Luise nennt ihn seit der letzten Erbschaft scherzend „das Lämmchen mit dem goldenen BIi«h", abev Malve mag dergleichen gar nicht mehr hören. Für sie ist er jetzt Baron Bock und nur Baron Bock, und wann sie einmal seine Frau Baronin wird, ist einfach eine Frag« d-r Zeit.
Wiesbadener Männergesang-Verein. E. V.
Nächsten Samstag, den 25. Juli 1903:
Familien - Abend
Schiitzenhaus bei John,
wozu wir unsere verehr!. Mitglieder ergebenst einladen.
Der Vorstand.
Zur gesl. Mittheiluiig: Anfangs Angust Familien-Ausflug i. d. Rhcingau, 30. August Rheinfallrt mit Extradampfcr d. Köln-Düsseld.-Gesellschaft. F 369
(j rösste5pecial-läbrik für
JOtt.VfliLL4W REPBCNEiD. 1
Zu haben in allen besseren JnsfallafiorV gesshäffenilan verlange Gäiaiog gralu-fanca.
Waldeck“
Sommerfrische und feines Restaurant dicht am Walde. —Telefon 646.
Haltestelle der elektr. Bahn der Linie Bahnhöfe-Eicher
Schattige Terrassen. Kartenhalle. Helle luftige Pensionszimmer.
Täglich: Mittagstisch, Kaffee, Abendtisch. 1686
Reine Weine und Biere. — Dickmilch.
SB
Hydraulisch® Pressen
(Keltern) für Grossbetrieb, mit 2 ausfahrbaren Körben oder □ Kasten F 524
Obst- u. Tranben-MiHileii.
PL Mayfarth & Co
Frankfurt a/M.,
ch Snerialfahrlk für
Specialfabrlk fUr Obstverwertung-sgerUte.
L
