Wesbsilemr TiiMt.
_ ff. 97 Ameigen-PreiSr _ .
*1. Jahrgang.
Erschein» tu zwei Ausgaben. — BezugS-Preis: durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post D Ml. s« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
LS HOO Abonnenten.
für auswärts 1 Mk.
Anzeige«-Annichmr SAULUWS K S
Jj0* 348. «erlags.Fernsprecher Wo. 295S. SllMSlltg» 85. Ittll.
RedaktionS-Fernsprecher No. 62.
1903.
Abend-Ausgabe. |
Aür: Airgrrst unö September
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
^n abonnieren, findet fich Gelegenheit
im Verlag Langgasse 27» bei den Ausgabestellen, den Zweig - Expeditionen
der Nachbarorte,
und bei sämtlichen deutschen Rrichspostanstaiten.
Politische Übersicht.
Der schwere Kampf, den die wunderbar widerstandsfähige Natur des greisen Papstes Leo XIII. während zweier Wochen mit dem unerbittlichen Tode gekämpft hatte, nahm zu Beginn dieser Woche den Ausgang, der angesichts der Natur der Krankheit und des ungewöhnlich hohen Alters des Papstes mit . Sicherheit erwartet worden war. Als der Tod, den die ärztliche Kunst nicht mehr zu bekämpfen versuchen konnte, Montagnachmittag eintrat, da bedeutete er für den Kranken nur noch eine Erlösung von seinen schweren Leiden.
von nah und fern in Rom die Teilnahms- - kundgebungen einliefen, und während mit dem üblichen glänzenden Prunk die Trauer- und Beisetzungsfeierlichkeiten vor sich gehen, haben auch bereits die Vorbereitungen zu dem Konklave ihren Anfang genommen. Darüber aber, wer aus dem Konklave als der Träger der Tiara hervorgehen wird, schwebt zur Zeit noch ein ebenso tiefes Geheimnis wie darüber, was in den täglichen Beratungen der Kardinale inr Vatikan verhandelt wird. Jedenfalls macht das Verhalten des Kardinals Oreglia, der bis zur Wahl des neuen Papstes im Vatikan das Heft in Händen hat, nicht den Eindruck, als ob man dort mit einer Änderung des Kurses gegenüber Italien und der italienischen Regierung rechnet.
Gegen die preußische Regierung sind in den letzten Tagen scharfe Angriffe gerichtet worden, weil sie gegenüber der H o ch w a s s e r k a t a st r o p h e i n Schlesien nicht die Energie und die schnelle Hülfs- bereitschaft an den Tag gelegt habe, welche angesichts der furchtbaren Verheerungen und der dadurch geschaffenen Notlage erwartet werden mußte. Vielfach wird gerügt, Laß die Regierung sich bei der ersten Hülfe in der Not üllzu sehr auf die private Wohltäsigkeit verlassen habe.
obwohl doch gerade in diesem Fall eine Durchbrechung der langsamen bureaukratischen Strategie dnngend notwendig ist. Mt allgemeiner Befriedigung rst es deshalb begrüßt worden, daß der Kaiser von ferner Nord- landsreise einen Bericht über den Ilmfang des Hochwasserschadens vom Breslauer Oberpräsidium eingefordert und schnelle und ausreichende Hülfe der- sprachen hat. . , v t . „ Y
Immer langsam voran! Das scheint auch dre Parole in dem unendlich langen Pommernbankprozetz zu sein, der nach 50-tägigen Verhandlungen ganz urplötzlich, und man weiß noch gar nicht auf wie lange Zeit, vertagt worden ist. Seit über zwei Zähren be- schäfsigt die Pommernbankaffäre die öffentliche Meinung und ebenso lange Zeit saßen die beiden Angeklagten Schulz und Romeick in Untersuchungshaft. Nach diesen langen Vorbereitungen und nach deir 60-tägigen gründlichen Verhandlungen mußte der auffallende Beschluß des Gerichtshofes ebenso Erstaunen erregen wie die Haftentlassung der Angeklagten. Hoffeiitlich bringt dre erneute Verhandlung im Pommernbankprozeß dem öffentlichen Rechtsgefühl die Genugtuung, welche dem schweren Unheil entspricht, das der Krach der Pommernbank über zahllose Existenzen gebracht hat.
Auch eine Art Finanzkrach ist es, der in S p a n i e n dem Kabinett Silvela den Todesstoß versetzt hat. Ungeachtet der schweren ^ finanziellen Miseren, in die Spanien durch die unglückliche Politik sinanzpolisischer Leichtfertigkeit und einer Großmannssucht, die zu den tatsächlichen Verhältnissen in scharfem Kontrast sicht, geraten ist, glaubte das Kabinett Silvela seine erschütterte Stellung durch chauvinistische Flottenpläne stützen zu können oder zu müssen. Allein angesichts des Wider- stcmdes, auf den diese Pläne im Volke stießen, widersetzte sich ihnen auch ein Teil des Kabinetts, und so brach ziemlich unerwartet eine Krisis aus, die zum. Sturze des Kabinetts Silvela und zur Bildung des K a b i n c t ts Villaverde führte. Auch der letzte Coup Silvelas, die Ankündigung der spanisch-französischen Einigung über die ma r o k k ani s ch en A ng e l e g enh eit en, hat das Schicksal des Kabinetts nicht zu wenden vermocht.
Tie Verkündung dieses Einvernehmens hat rn England, wo man noch in der Erinnerung an den Besuch des Präsidenten Loubet geschwelgt hatte, sehr ernüchternd gewirkt. Die ernsthafteren Politiker hatten sich freilich von vornherein nicht mit allzu weittragenden Hoffnungen auf eine Realisierung der englisch-französischen An- tyastung getragen. Die heißblütiger veranlagten Politiker aber haben unterdeß durch den Besuch der Vertreter der französischen SÄiedsgerichts- g r u p p e n des Senats und der Deputiertenkammer eine
neue Handhabe gefunden, ihre englisch-französischen Ver- brüderungspläne auszuspinnen und durch Tischreden zu bekräftigen. Aber freilich, auch hier wird das Word gelten: Nach Tische liest man's anders ! ,
Das gleiche Mißtrauen ist dm begeisterten Berichten gegenüber geboten, welche die englische Presse über dm Empfang des Königs E'duard in Irland bringt. Wenn die Engländer die Iren dauernd versöhnen wollen, dann werden sie ihnen so weitgehende Zugeständnisse machen müssm, daß dies einen vollkommenen Bruch mit der bisherigen englischen Politik bedeuten würde. Welches Mißtrauen dm Ankündigungen solcher Versöhnungs- aktionm gegenüber geboten ist, das zeigt am deutlichsten die Entwickelung der Dinge in Südafrika, wo die Gegensätze hmte trotz der Chamberlainschen Dersöhnungs- reise fast ebenso scharf sind, als sie es vor dem Ausbruch des Burenkrieges waren.
Aach dem Tode Papst Leos XIII.
Rom, 22. Juli. Gestern hat Dr. Lapponi mit sechs anderen Ärzten die Einbalsamierung der Leiche Pap st Leos vorgenommen. Nobelgarden trugen sie aus dem Sterbezimmer in die „Anticamera Segreta" und legten sie dort in schiefer Lage auf den Operationstisch. Vor der Einbalsamierung unterzogen die Arzte den Leichnam einer äußeren Untersuchung und entdeckten dabei, daß die vor vier Jahren von Professor Mazzoni operierte Geschwulst vollständig vernarbt war. Zunächst wurden nur füulnisvcrhindernde Stoffe in die Blutadern gespritzt und die Eingeweide aus der Bauchhöhle entfernt. — Bei der Öffnung der Brusthöhle entleerte sich sofort eine gelbliche Flüssigkeit — ein Zeichen, daß eine Rippenfellentzündung wirklich bestanden. Der mittlere und untere Lappen der rechten Lunge zeigte sich verhärtet (hepatisiert). Die Hepatisation war offenkundig, wenn man diese eben genannten Lappen mit dem oberen Lappen, dem des untersuchten rechten Lungenflügels mit dem gesund gebliebenen linken Lungenflügel verglich. Darauf wurden die beiden Lungenflügel und das Herz getrocknet und zusammen mit den Eingeweiden in eine eigens präparierte und mit Formalin und anderen füulnisverhindernden Lösungen gefüllte Amphora gelegt. Sodann schritt man zur Rekonstruierung der Züge, die nicht geringe Schwierigkeiten bot. Man desinfizierte Nasenlöcher und Gaumen, füllte Bauch- und Thoraxhöhle mit antiseptischer Watte und nähte schließlich die Schnittränder zu. Nachdem man noch den Leichnam in einem Benzin- und Alkoholbad gewaschen, umwickelte man zuerst die unteren und oberen Gliedmaßen, dann den Rumpf mit Binden, die mit einer Art Firnis bestrichen wurden. Alsdann wurde das Protokoll auf-
Mtterwühtter Grund.
Roman von Anton Freiherr« vou Perfall.
(I. Fortsetzung.)
Er setzte das nackte Kind irr die stark duftenden Kräuter, es wälzte sich und jauchzte laut auf, zerknüllte die roten Blumen mit den Händchen, zuletzt war es ganz in den Haufen versunken, nur das pausbackige Gesichtchen sah noch heraus. Da hob er es_ hellauslachend in die Höhe, daß ein Blumenregen es berieselte, und küßte ganz närrisch, dm kernigen, vom frischen Pflanzensaft duftenden Kinderleib. Dann ging er vor die Stalltüre, da sah man über das ganze grün, gelb, blau gesprenkelte Feld, in dem die Mäher standen bis über die Kniee; wo es aufhörte, begann sein Wald, hochstämmiger, schlagbarer Wald, wie der Staat ihn nicht schöner hatte, über hundert Tagbau.
Das alles zeigte er Ambros, doch der fing ganz unbändig zu heulen und zu schreien an. Gottfried wollte ihn beruhigen —■ vergebens -— da stieg ihm die Zornesröte in das Gesicht; er trug ihn eilig zurück und legte den Schreier unsanft vor die Wöchnerin. Das Kind tappte gierig nach der Mutterbrust und sah dann in wonnigem Ziehen mit so komischer Furcht auf den Vater, er möchte es am Ende noch einmal von dieser köstlichen Stelle nehmen, um ihm seinen künftigen Besitz zu zeigen, daß er unter Tränen lachen mußte und den Blick nicht wenden konnte von diesem heiligen Schauspiel.
Das Jahr darauf kam ein Mädchen, Anna wurde es getauft; das nahm er kälter entgegen, als hätte nur seine Ökonomie einen Zuwachs erfahren; auch Ambros bot ihm nicht die Freude, die er erwartet, er konnte den rechten Ton nie treffen. Die Schm, die sein jeweiliges heftiges Aufbrausen bei geringfügigen Anlässen ihm einflößte, konnten väterliche Späße in weicherer Stimmung nicht wieder gut machen, dann kränkte er sich doch, wenn Ambros zur Mutter lief, dort Schutz suchend.
Agl war jetzt glücklich. In der reellen Luft eines Bauernhauses groß gezogen, die das Gemüt abhärtet, von allen Empfindeleien weit entfernt, begriff sie plötzlich das Evangelium der Liebe, das ihr so fremdartig und wirkungslos erklang seit Jahren von der Kanzel.
Gottfried ließ seine Frau gewähren, wenn er sich auch oft genug über ihre „modische Erziehungsweise", wie er sich ausdrückte, ärgerte.
„Ist der Bub nur erst einmal hansierlich, dann werde ich chn schon unter die Fuchtel nehmen", dachte er sich.
Das „Nonei" zog er gar nicht in Rechnung, deren Erziehung kam ja seiner Frau zu. Doch er hatte als Bauer den Wert des Samens besser schätzen oder vielmehr besser begreifen sollen, daß es mit dem jungen Menschenherzen gerade so bestellt sei wie mit der Acker- krrime: untaugsamer San« — schlechte Ernte trotz aller späteren Wirtschaft! Doch mit Allegorien gab sich Gottfried Hintermooser leider nicht ab.
Ter alte Hansenbauer starb zehn Jahre nach der Verehelichung Gottfrieds, sein Anwesen, das Erbe Agls, kam in die Hände desselben; er war damit der größte Grundbesitzer des ganzen Bezirks.
Das stattliche Haus, welches dazu gehörte, war jetzt unbewohnt, und so sehr sich Gottfried wehrte, in seinem eigenen Hause in der Saison Fremde zu beherbergen, so' gab er doch dem Zureden seiner Frau und seinem eigenen Vorteil so weit nach, daß er dieses vermietete. Agl führte dort zur Sommerzeit das Regiment und kam so zu ihrer Genugtriung wieder in Berührung mit den „Herrischen". Das Hansenbauera-nwesen wurde unter ihrer Leitung erst recht ein Asyl von Künsllern und fahrendem Volk aller Art. Gottfried hatte dort nichts zu tun und zog eine hübsche Rente daraus, so war er damit zufrieden, er konnte sich nur ärgern, wenn Ambros, der zu einem schönen, kräftigen Jungen herangewachsen war, es vorzog, auf der „frisch'n Höh", wie Agl auf Anraten ihrer Stammgäste das Anwesen taufte, es zu einer förmlichen Pension umgestaltend, sich unter den Fremden herumzutreiben, statt auf dem Hof sich nützlich zu machen; dem hübschen Nonei sah er es eher nach, die lose Dirne war ja zu nichts zu gebrauchen, als zum Staat machen, so jung sie war. Etwas anderes beunruhigte ihn übrigens mehr als alles das, nahm ihm seine ganze Freude, Machte ihn noch verschlossener und menschenfeindlicher — eine schmale, dunkle Rauchsäule, die im Westen über die Wälder in den reinen Äter sich erhob seit mehreren Jahren und bei Westwind sich bis
zu seinem Hause ivälzte, häßlichen, schweren Kohlendunst verbreitend.
Der Sommer 187 . war heiß und trocken, in der Stadt eine Hölle von Staub, verdorbener Atmosphäre, vom sengenden Pflaster abprallender Hitze, da floh, kaum war die Schule geschlossen, alles auf das Land, wer nur ein bißchen sich los machen konnte, aber nicht Wald und Feld, Wasser hieß die Losung. _ Eine Woge von Sommerfrischlern ergoß sich an die Seen des bayerischen Oberlandes, sie nahm ihre Richtung von Nord nach Süd, die nächstgelegenen waren bald überschwemmt, dann wälzte sie sich weiter in die entlegensten Bergtäler und traf auf ihrem Weg auch die Seeleit'n, die Anfang dieser Erzählung auf so großen Besuch noch, nichtdn* gerichtet war. Jedes Haus war bis unter den Giebel besetzt, in den Stadeln Massenquartiere. Die Gewerbs- leute und Hausbesitzer trugen den Kopf hoch, diesen Aufschwung der Seeleit'n hatten die dummen Bauern nur ihnen zu verdanken. Das Liter Milch kostete jetzt das Doppelte wie früher, die Viehpreise gingen in die Höhe, und trotzdem spielten sie sich noch immer ihnen gegenüber auf wie die Grafen und Barone in der Stadt, und die Alten schüttelten gar die Köpfe und machten Gesichter wir ausgeschreckte Fledermäuse, man sah ihnen ordentlich an, wie unwohl ihnen zu Mut war trotz dem ersichtlichen Vorteil ihrer Wirtschaften.
Da war der alte Lechleitner, der Hosfischer, ein hünenhafter Mann, mit dem wässerigen Blick, der all dem Wasservolk eigentümlich ist, mit der krokodilsleder- artigen, von tiefen Furchen durchzogenen, verwetterten Haut, er besaß das ausschließliche Fisch- und Schiffahrtsrecht auf dem kleinen See, seine Einnahme mußte heuer eine für seine Verhältnisse ungheure sein, doch er ging noch gebückter, machte ein Gesicht, ^^^1^ noch mürrischer wie früher; der stolze Bauer am Mehl kam jetzt nicht einmal mehr Sonntags in den Gottesdienst, „er könnt' net bet'n", soll er sich geäußert haben, „wenn er lauter fremde G'sichter seh' in der Kirch'n". Sonst war es ja doch nur eine kleine Gemeinde, die sich alle Jahre einfand, fast immer dieselben Leute, man rechnete sie fast schon zur Seeleit'n; die Maler, die Dichter kamen so sicher im Sommer, wie die Stare und die Schwalben im Frühjahr, aber diese lärmende, bunte Invasion, die
