si. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — BczugS-PreiS: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. S« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgafse 27.
19,000 Abonnenten.
Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für answärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Pciitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
die Abend-Ausgab« bis 12 Uhr mittags, für die Morgen -Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. - Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst, (gmmujwy erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzcigen-Aufnahme an bestimmt vorgefchnebencn Tagen wird teure Gewähr übernommen. ledoch na» Möglichkeit Sorge getragen.
|[j(. 340. BerlagS-Fernfprecher N». 2 SLS.
Freitag» den 24. Inli.
Rebaktiont-Fernfprechcr No. ».
IS««.
Abend-Ausgabe.
Keife - Abonnements
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
können täglich begonnen werden und kosten wöchentlich bei freier Zustellung in's Haus
nach Orten in MWM uiiü Oeiierreich-Ungarn 60 Vfg.
„ .. im Ansiand.. . 90 „
Bestellungen beliebe man genaue lvohnungsadreffe beizufiigen.
Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.
Der Ackerwerl in Dastau.
Grund und Boden sind die ältesten und sichersten Bestandteile des Volkvermögens und schließen daher Naturgemäß einen ganz besonderen Wert in sich. Deshalb hat auch das Kgl. statistische Bureau in Berlin es für eine seiner wichtigsten Aufgaben gehalten, auf diesem Gebiete Ermittelungen anzustellen, um nationalökonomisch greifbare Ergebrüsse zu erzielen. Das stati- süsche Material über den ländlichen Bodenwert ist allerdings recht dürftig, und zwar namentlich, was die Bewegung des letzteren anbelangt. Man ist daher in dieser Beziehung im wesentlichen noch heute auf die Ergebnisse der Grundsteuer-Veranlagungen angewiesen, deren letzte auf Grund der Gesetze von 1861 erfolgte, und daher bereits wieder mehrere Dezennien hinter uns zurückliegt, sowie auf die Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus den Jahren 1837 bis 1860 gegründet ist Trotzdem ist der Grundsteuer-Reinertrag für die Bemessung des Bodenwerts aber doch ein nicht zu unterschätzender Anhalt. Derselbe stellte sich :wch dm vor einigen Jahren erfolgten neuesten Ermittelungen im Preußischen Staate auf 18,18 Mk. auf den Hektar Ackerland, bewegte sich in den einzelnen Provinzen zwischen 9,40 Mk. (Ostpreußen) und 31,33 Mk. (Sachsen) und weist also ganz bedeutende Unterschiede auf. Unsere Provinz H e s s e n - N a s s a u steht mit 23,04 Mk. Grundsteuer-Reinertrag aus 1 Hektar Ackerland unter hen Provinzen etwas über der Mitte. Noch augenfälliger wird der gedachte Unterschied, wenn man die Ziffern der 36 Preußischen Regierungsbezirke einer näheren Betrachtung unterzieht. Tenn hier schwanken die Ziffern gar zwischen 8,22 (Gumbinnen) und 39,56
Mk. (Köln). Aber noch ungleich unterschiedlicher Jirtb die Ziffern der Kreise, denn sie bewegen sich zwischen 4.31 Mk. (Johannisburg) und 83,82 SRI (Magdeburg- Stadt).
Die 18 Kreise unseres Regierungsbezirks Wiesbaden bieten folgende Ziffern .des Durch- schnitts rein ertrag es an Grundsteuer für einen Hektar Ackerland, und zwar:
Oberwesterwaldkreis Kreis Biedenkopf .
M. M.
10,59 Mk.
12,03 „
12,90 „
14,58 „
15,33 „
18,09 „
21.39 „
22.71 „
23)46 „
23,55 „
27,06 „
37.71 „
38.40 „
49,74 „
49,89 „
53.73 „
62.73 „
65,88 „
für unseren Regierungs-
Dillkreis
Untertaunuskreis .
Kreis Usingen Kreis Westerburg .
Unterwesterwaldkveis Unterlahnkreis . .
Rheingaukreis . .
Kreis St. Goarshausen Oberlahnkreis .
Kreis Limburg Obertaunuskreis Stadtkreis Wiesbaden Landkreis Wiesbaden Kreis Höchst . .
Stadtkreis Frankfurt Landkreis Frankfurt a Der Durchschnittsreinertrag bezirk stellt sich hiernach auf 25,92 Mk. und stellt uns wesentlich vor den Regierungsbezirk Kassel, der nur einen solchen von 21,51 Mk. aufzuweisen hat. Über unseren Durchschnittsreinertrag erhebe:: sich 8 von unseren 18 Kreisen, während der Rest, hinter ihm zurückbleibt. Auch haben wir die Genugtuung, mit 12 von unseren 18 Kreisen über dem angegebenen staatlichenDurchschnitts- reinertrag von 18,18 zu stehen, also mit vollen zwei Dritteln, ein Verhältnis, wie es dem Gesamtstaate gegenüber gleichgünstig schwerlich noch in einein anderen Regierungsbezirke vorkomme:: wird. Die gebirgigen Kreise, voran Oberwesterwald mit 10,59 Mk. durchschnittlichem Grundsteuerreinertrag auf den Hektar Ackerland, stehen natürlich am wenigsten günstig da. Bon den 540 Kreisen des preußischen Gesamtstaats weisen aber noch immer nicht weniger als 127 eine noch niedrigere Ziffer auf als diejenige des Oberwesterwaldkreises. Über der Ziffer des Landkreises Frankfurt a. M. stehen von den 540 Kreisen nur 9, und zwar Stadtkreis Bochum (68,54), Kreis Jülich (68,54) und schließlich die Stadtkreise Dortmund (69,32), Bonn (70,11), Grevenbroich (70,50), Aachen (70,89), Trier (74,81), Essen (75,98) und Magdeburg (83,82 Mk.). Unser Stadtkreis Wiesbaden steht mit seiner Ziffer unter den 540 preußischen Kreisen an 507., unser Landkreis aber an 509. Stelle. I.
Dach dem Tode Papst Leas XIII.
hd. Rom, 23. Juli. Die Leiche des Papstes wurde gestern abend in die Peterskirche getragen, nachdem man sie mit den Pontifikal-Gcwändern geschmückt hatte. Am Eingang der verschlossenen Säulenhalle der Basllika besprengte sie Monsignore Pericoli unter den herkömmlichen Segenssprüchen mit Weihwasser. Dann betrat der Zug die Basilika. Von der Höhe der Gewölbe-Halle ergoß sich goldenes Licht aus elektrischen Lampen über den Riesenraum. Die Sänger der Sixtinischen Kapelle sangen das Libera di Sediarii und trugen die Leiche in die Sakramentskapelle auf einen roten Katafalk. Zu beiden Seiten der Leiche stellten sich je zwei Nobelgardisten auf. Heute um 6 Uhr morgens wurde die Basilika dem Volke geöffnet. In langen Reihen strömten Tausende in die Kirche, um die Leiche zu sehen. Sie schieben und drängen sich zwischen zwei Spalieren italienischer Gendarmen zu der Kapelle, in welcher die Leiche aufgebahrt ist. Das Antlitz Leos i st schrecklich a n z u s e h e n. Stumm und entsetzt eilt das Volk nach dem Vorbeizug aus der Kirche.
lid. Berlin, 24. Juli. Wie dem „L.-A." aus Rom gemeldet wird, dauerte die Leichenschau in St. Peter gestern den ganzen Tag über. Gegen Mittag ließ der Zudrang etwas nach. Es mögen etwa 40 000 Menschen nach der Kirche gepilgert sein. Unglücksfälle sind, von einigen Ohninachtsansällen abgesehen, nicht vorgekommen. Die Kongregation der Kardinäle beschloß, die Leiche am Samstag nach dem Abendläuten zu bestatten, es ist aber nicht unmöglich, daß dies schon heute geschieht, da das Aussehen der L e i ch e i m m e r ärger wird. Das Gesicht hat eine schwärzliche Farbe angenommen und ist stark aufgeschwollen.
lick. Rom, 24. Juli. Im Hause eines Kardinals I)ai gestern eine Versammlung von Kardinalen stattgefunden, in der, wie verlautet, beschlossen wurde, die Stimmen bei der Papstwahl auf einen italienischen Kardinal zu vereinigen, welcher jedoch nicht der päpstliche Kurie angehört. — Die endgültige Beisetzung der sterblichen Überreste des Papstes findet am Sonntag in der PeterskirchS statt. Da die Leiche des Papstes bereits stark in Per» wesung übergegangen ift,_ versichert man in Ärztekreisen, daß die Einbalsamierung schlecht ausge- führt worden sei.
hd. Trieft, 24. Juli. Wie der „Piccolo" meldet, erregte es in Rom großes Aufsehen, daß auf Wunsch Ram- pollas im rechten Flügel des Vatikans, der die Verbiw-
DnlerwUhlter Grund.
Roman von Anton Freiherr« von Pcrfall.
Erstes Kapitel.
Der See füllte wohl früher das ganz rings von hohen Bergen eingeschlossene Talbecken und war erst allmählich im Laufe der Jahrhunderte von Süden gegen Norden zurückgewichen. Am Fuß des Gebirges sich hinziehende Torfstiche, moosige, schüft und latschenbewachsene, von Wassertümpeln durchsetzte Flächen bezeichnete seine frühere Ausdehnung. Zwischen dem strohgelben, unendlich feinen, langhalmigen, im leisesten Luftzug dahinwogenden Riedgras der dem See sich sanft zuneigenden Torfflächen zog sich ein regelrechtes Netz schwarzbranner Gräben, an deren Rand die Torfmännchen in Rech und Glied geordnet standen. Verwitterte, halb zerfallene Trockenstadel, hier und da eine knorrige Weide, eine dichtgedrängte Erlen- famiilie, eine zitterige, schillerrrde Birke, deren weißer Stamm sich grell abhob von dem dunklen Waldhintergrund, einige notdürftig zusammengeflickte Hütten da und dort, welche nur eine aussteigende Rauchsäule als menschliche Wohnungen verriet, das monotone Flüstern und Rauschen der Schilsfelder, aus denen hier und da eine Schar Enten sich kreischend erhob, im dunkelblauen Schatten der Berge verschwindend, das alles gab der Landschaft dieser Seeseite einen ernsten, fast melancholischen Charakter. Um so mächtiger wirkte der Kontrast, wenn man sich, sei es auf dem Kahn oder zu Fuß auf der längs des Sees sich hinziehenden wohlgepflegten Straße, dem nördlichen Ufer desselben zuwandte, hier war alles Luft, Licht, Farbe, frisches Leben. Die Brust atmete froh, von dem Hauch einer erstorbenen Welt befreit, die würzige Luft, das Auge ruhte beruhigt auf den rings von den sanften Höhen winkeriden, von zierlichen Gesträuchen, Obstbäumen und Gehöften durchbrochenen Matten. Die ganze Freudigkeit der Gebirgsnatur vchrierte durch die Nerven und stärkte sie zu vollem Lebensgenuß.
Am Ufer, sich spiegelnd in der blauen Fläche des Sees, lag die „Seeleit'n"; Seedorf nannten die Fremden bas aus wenigen Bauernanwesen, jährlich sich mehrenden
Villen und auf Spekulation gebauten Miethäusern be- stchende Gemeinwesen. Auf den dicht hinter dem Ort aufsteigenden Höher: lugten hinter Obschaumwäldern
stattliche Häusergibel hervor und lebendige Zäune liefen verschlungen kreuz und quer durch die blumige Au, vielverzweigten Besitz verratend.
Frei und stolz, die ganze Landschaft beherrschend, auf ovalem Plateau stand das „Hintermooseranwesen", ein behäbig breit gebauter Bauernhof. Ein langgezogener, an das Wohnhaus mit den im Zopfstft reich und bunt bemalten Fenstern angebauter, holzverschalter „Stadl" in dem unnachahmlichen, kräftigen Braun völlig ausge- witterten Holzes, eine Allee vielhundertjähriger Ahorn und Linden, die vom Hof zur Seeleiten herunterführte, während sie rückwärts in einen hochstämmigen Buchenwald sich verlor, ließeir keinen Zweifel über das vollgewichtige Bauerntum des Besitzers, das gewiß ebenso festgewurzelt war in diesem Erdreich als diese altehrwürdigen Stämme.
Gottfried Hintermooser, Bauer am Biehl, gab wirklich an Zähigkeit, urwüchsiger Kraft und stolzem Wesen seiner Ahornallee nichts nach und erhob sein Haupt nicht minder selbstbewußt über alle die Häupter seiner Gemeindegenossen, als diese ihre stattlichen Kronen über das Obstbaumgesindel um sie her.
Er war selten zu sehen unten in der Seeleiten, fast nur Sonn- und Feiertags auf dem Weg von und zur Kirche und auch da immer allein, ohne seine Weiberleut'.'
Die Historienmaler behauchten, wenn man heutzutage ein Modell für einen Barbarossa oder irgend eine mittelalterliche Heldengestelt bedürfe, müsse man sich bei dem Gebirgsvolk Umsehen, da habe sich der unverfälschte Typus am reinsten erhalten — Gottfried Hintermooser war solch ein Modell! Aber, wenn man auch seine Verhältnisse nicht kannte, in dem Kopf lag etwas, was ein solches Ansinnen gar nicht auffteigen ließ: die Künstler der Seeleiten mußten sich mit im Hinterhalt flüchtig gemachten Skizzen begnügen. Die Adlernase bog sich fast etwas zu stark zum Mund, den ein buschiger roter Schnurrbart verdeckte, mit zu beiden Seiten herab- hängenden, sorgfältig zusammengedrehten Spitzen: der Vollbart, der ihn gewiß noch begehrenswerter als Modell
gemacht hätte, fehlte. „Das pccht nicht zur Bauernarbeit, das ist nur für die Faulenzer gut, für die Jagen und Schreiberleut'",meinte er, wenn es wirklich einer wagte, ihn darum arrzureden. Die von starken Brauen beschatteten Augen blickten klar, stetig, nicht mürrisch streng, aber doch gerade einschüchternd, wie von einem Schlachtroß, von einen: Thron herab; dazu die hohe, in den Jahren des Beginnes unserer Erzählung noch ungebeugte Gestalt ,die kräftigen, weder durch Müßiggang verweichlichten, noch durch harte Arbeit ums Brot verunstalteten Gliedmaßen, die einfache, derbe aber trotzdem sorgfältige Kleidung aus grauem Loden, wie ihn einst die Hausindustrie dieser Gegend so vortrefflich hergestellt. Gottfried Hinternwoser, Bauer am Biehl, kam alle Sonntage, gestützt auf seinen dicken Stock mit einem mächtigen Hirschhornsprossen als Griff, herab von seinem Hof wie eine Mahnung an unverfälschtes, an Sitte und Glauben eisern festhaltendes Bauerntum, inmitten der mit dem Fremdenzufluß immer mehr überhandnehmenden, halb städtischen, halb bäuerischen Kleingewerbleute, zu Häuser- spekulanten und Vermietern herabgesunkenen Häuslern, durch städtisches Wesen und halbverstandene Aufilärung verdorbenen Standesgenossen.
Er dachte noch der Zeiten, wo nur drei vollwichtige Bauernhöfe die Seeleit'n bildeten; das Hansenbaueranwesen, woher sein Weib stammte, der Kocherbauer am Ried und das Fischeranwesen unten am See, wo die Familie der Lechleitner seit einem Jahrhundert das einträgliche Amt der Hoffischerei betrieb. Er haßte den unnützen See, der die Bahn und mit ihr die Fremden und mit ihnen manches verhaßte Element gebracht; die Welt seiner Jugend war zerstört, die alten, ehrwürdigen Sitten vielfach durchlöchert, die Kinder wuchsen in einer anderen Atmosphäre auf, seine Stimme tönte nicht mehr allein wie die eines unbeschränkten Despoten im kleinen Ge- meinderat; sich klüger dünkende Herrische, ja, jeder armselige Handwerker, der nichts hatte als höchstens ein Dach über sich, bot ihm jetzt das Wort. Darum zog er sich immer mehr zurück auf seinen Hof am Biehl, er kam nur noch herunter um dem einzig Ehre zu geben, dem er sie überhaupt erwies •— seinem Herrgott!
Ter Hof war ebenso merkwürdig und anziehend wie
