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Sonntag, 3. September 1915.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 413. ♦ 63. Jahrgang.
Der Krieg.
von den östlichen Kriegsschauplätzen,
heftiger widerstand der Russen zwischen dem Lnjestr und den Pripetsümpfen. — Vas Gstufer des Sereth erobert. - Rn der galizischen Grenze die feindlichen Linien zahlreich durchbrochen. Ueber 26U0 Gefangene.
ver österreichisch, ungarische Tagesbericht.
, W. T.-B. Wien, 4. Sept. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 4. September, mittags:
Russischer Rriegsschaupla«.
Der Feind bat gestern an der ganzen Front zwischen dem n j e st r und dem Südrand der großen Pripetsümpfc heftigen Widerstand geleistet und die Starke seiner Verteidigung wiederholt durch Gegenangriffe zu erhöhen versucht.
A»t unteren Tereth und zunächst der Mündung haben unsere Truppen unter zähen Kämpfen auf dem Ostufer des Flusses festen Fuß gefaßt. Sie entrissen dem Gegner die stark ausgebaute Stellung auf der Höhe Slote- r > a nordwestlich von Sinkow und brachten 2 Offiziere und 1400 Mann als Gefangene ein. Vor Trembowla und T a r n o p o l herrscht verhältnismäßig Ruhe. Nördlich A a l o s c e und östlich von B r o d v durchbrach die Armee des Generals v. Boehm-Ermolli die feindlichen Linien an zahlreichen Punkten. Es wurden hier 6 russische Offiziere, unter ihnen ein Oberst, und 1200 Mann gefangen genommen. In Wolhynien stehen unsere Truppen im Raum westlich von T o b n o und bei O l y k a im Kampf. Der Widerstand der Russen ist noch nicht gebrochen. Bei den k. und k. Streitkräfte» nordöstlich von P r u z a n y trat keine Änderung der Lage ein.
Italienischer ttriegsschauplatzs
Seit den nutzlosen Angriffen gegen die Hochfläche von Lavarone und auf den T o l m e i n e r Brückenkopf hat die Tätigkeit der Italiener sichtlich nachgelassen. Von den Artilleriekämpsen abgesehen, fand gestern nur vor dem Cüdteil des genannten Brückenkopfes ein nennenswertes Gefecht statt. Der Feind wurde, wie immer, abgewiesen. Das gleiche Schicksal hatte ein heute zeitlich früh am Dolv- witengebiet von der Bödenalpe gegen den Jnichricdl geführter italienischer Angriff.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.
»
Raiser Wilhelm in Rrastau.
Br. Wien, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.l Kaiser Wilhelm hat heute zum zweitenmal Krakau einen Besuch abgestattet und dort einige Kirchen und die Jagellanische Bibliothek besucht. Das Publikum bereitete dem Kaiser stürmische Ovationen.
Von der bcsjarabischen Grenze.
Br. Czernowitz, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Jens. Vln.i Ter „L.-A." meldet: Ein russischer Flieger umkreiste gestern sehr oft die österreichisch-ungarische Front an der beffarabischen Grenze. Die herabgeworfenen Bomben explodierten,, ohne den geringsten Schaden anzurichtcn.
Die Trümmer des russischen Heeres.
Br. Kopenhagen, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Jens. Mn.) Der Militärkritiker der „Politiken" nennt die Abberufung des großfürstlichen Generalftabschefs Januschkewitsch sehr verständlich da der „strategische Rückzug" des russischen Heeres von der Weichsel auf die innere Verteidigungslinie völlig gescheitert sei. Das, was jetzt vor sich gehe, habe russi- scherseits überhaupt nichts mehr mit Strategie zu tun. Nach dem Zusammenbruch der zweiten Verteidigungslinie sei der Rückzug an den allermeisten Stellen mehr und mehr in Flucht ausgeartet. Im Augenblick hätten die Russen ganz sicher keine Reserven mehr und könnten nicht wohl, wie im Herbst und Winter, ihre Millionenverlufte auf- filllen. Erst hinter dem Dnjepr bilde sich die Möglichkeit, eine neue Verteidigungsfront aufzunehmen, das wäre aber 400 Kilometer landeinwärts, und bei der energischen deutschen Verfolgung dürften lkicht allzu erhebliche Trümmer des russischen Heeres dorthin gelangen.
Ein deutsches Mcgergrab in Rußland.
Königsberg. 4. Sept. (Jens. Bln.) Das traurige Schicksal zweier deutscher Flieger teilt eine Traueranzeige des Artilleriegenerals v. Scholtz namens des Armeeoberkomman- dos mit. Darnach wurde beim Vormarsch des Heeres über bisher von den Russen besetztes Gebiet ein deutsches Heldengrab gefunden, neben welchem die Trümmer einer deutschen Flugmaschine lagen. Nach der russischen Inschrift auf dem Grabkreuz ruhen dort der Führer einer Fliegerabteilung. Hauptmann Hans Donat, und der Vizefeldwebel Hans Mählmann. In dem Nachruf wird betont, daß das Heer in Donat einen seiner tüchtigsten Fllegeroffiziere verloren hat.
Die Not der russischen Flüchtlinge.
Br. Kopenhagen, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) ^öerlingske Tidende" melden aus London: Ein amerikani- scher Berichterstatter gibt ausführlich die lebendigen und un
heimlichen Eindrücke seiner westrussischen Reise wieder. Alle Gegenden, die er sah, waren buchstäblich von Flüchtlingen aus den besetzten Provinzen überfüllt. In Kiew, Moskau, Odessa, Witebsk und Petersburg kamen in der letzten Zeit schätzungsweise iy 3 Millionen Flüchtlinge an; die meist olles verloren hatten. Die Versorgung dieser ausgehungerten und verkommenen Menschen bietet selbstverständlich kaum denkbare Schwierigkeiten. In einigen Gegenden konnte man sic mit Erntearbeiten beschäftigen, die jetzt vorbei sind. Große Schwierigkeiten waren auch dadurch entstanden, daß die Mehr- zohl der Flüchtlinge nur Polnisch, Lettisch oder Deutsch, aber nicht Russisch sprachen.
IV. T.-B. Petersburg, 4. Sept. (Nichtamtlich.) „Rjetsch" meldet: Die Regierung verbot die Verbreitung von Pogromliteratur der echtruffischen Leute in den Lazaretten, um die Gemüter nicht gegeneinander aufzureizen. Die jüdischen Flüchtlinge müssen trotzdem in den Lazaretten die schlechteste Behandlung erleiden und Beschimpfungen und Mißhandlungen seitens des Personals erdulden. Wohlhabende Juden baten um Entlassung aus dem Lazarett, weil die Behandlung unerträglich sei. Die Krankenpflegerinnen wenden für die Juden nur Schimpfnamen, niemals die richtigen Namen an.
Sven Hedin über Deutschlands Unbesiegbarkeit.
Köln, 4. Sept. (Zeus. Bln.) Der „Köln. Ztg." wird aus Stockholm gemeldet: Sven H-edin ist von der Reise an die deutsche O st front nach Stockholm zurückgelehrt. Er lobt das deutsche Heer und die deutsche Organisation in den höchsten Ausdrücken. Deutschland lasse sich nie aushunyern und nie besiegen. Es wird nur an einen Frieden auf der Grundlage 'seiner volllonrmenen Überlegenheit denken. Sven Hedin wird jetzt ein neues Buch schreiben, das vor Weihnachten erscheint.
ver bedeutende deutsche Erfolg.
Eine Anerkennung aus englischem Munde.
ZV. T.-B. London, 4. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Der militärische Mitarbeiter der „Morning Post" schreibt: Man kommt über die Tatsache nicht hinweg, daß der Feind sehr bestimmte und bedeutende Erfolge errungen hat. Sie begannen im Frühling mit der Durchbrechung der russischen Offensive in den Karpathen, gerade als diese große Ergebnisse versprach. Seit Ansanig Mai ist der Feind unter ständigen heftigen Kämpfen vorgerückt, aber ohne auf ein ernstes Hindernis zu stoßen. Er ist h e u t e im vollen Lefitz der russischen ersten Verteidigungslinie und im Begriff, die zweite Linie, Njemen- Bug, zu" nehmen. (Sollte der Artikelschreiber nicht wissen, daß auch diese bereits genommen ist? Schriftl.) Alle Festungen Westrußlands sind in den Händen des Feindes. Japanische Waffen- und Munitionsherstellung für Rußland.
W. T.-B. London, 4. Sept. (Nichtamtlich.! „Daily Ehronicle" führt in einem Leitartikel aus, daß der New Dorkcr Wechselkurs trotz der gestrigen Steigerung Englands Aufgabe, die Alliierten zu finanzieren und mit Kriegsvorräten zu versorgen, sehr erschwere. Das Blatt betont die großen Materialverluste der Ruffen in Kowno, NowogeorgijewSk »sw. Selbst wenn die deutschen Angaben übertrieben seren, sei es klar, daß die Ruffen bei einem solchen Rückzug notwendig große Materialverluste erleiden. Rußland könne diese durch die eigene Produktion nicht wettmachea, noch bei dem Stand des Rubelkurses im Ausland Käufe abschließen. England müffe Nrrtzland und alle Alliierten finanzieren. Die Aufgabe, den Krieg zu finanzieren und Kriegsvorräte zu beschaffen, müsse fortgehen oder die verbündeten Armeen würden nicht vorwärtskommen. Die englische finanzielle und industrielle Stärke sei die vitale Stütze der Verbündeten. Das Blatt sagt: Wenn wir darin Deutschland überdauern können, werden wir den Krieg gewinnen, wenn nicht, ihn verlieren.
Die Ratlosigkeit in Petersburg.
Ein Kabinettswechsel unmittelbar bevorstehend.
Br. Wien, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Die Korrespondenz „Rundschau" meldet: Nach verläßlichen Meldungen sind in Rußland die herrschenden Kreise angesichts von beängstigenden Symptomen in der Öffentlichkeit von lebhafter Besorgnis ergriffen. Der Kabinettswechsel scheint unmittelbar bevorzustehen. Der Zar ist derart deprimiert, daß er alles annimmt, wozu man ihm rät, und wovon man ihm sagt, es sei geeignet, momentan Abhilfe zu schaffen und einer inneren Katastrophe vorzubeugen. Die M i n i st e r sind a m t s m ü d e. Finanzminister Bark hat auf eine an ihn ergangene Anfrage aus Paris, wo er wegen Regelung der finanziellen Abmachungen dorthin kommen wollte, erwidert, der russische Finanzminister wird nach Paris reisen, ob dieser Finanzminister aber ich sein werde, ist schon zweifelhaft.
Auch das zweite Aufgebot der russischen Reichswehr wird einbcrufen.
Br. Kopenhagen, 4. Sept. * (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bin.) Aus Petersburg wird telegraphiert: Die Reichsduma beschäftigte sich in den letzten Tagen mit der Frage der Ergänzung des Heeres. Es wurde jetzt beschlossen, über die kürzlich gefaßten Beschlüsse, das Aufgebot der Reichswehr einzu- berüfen, noch hinauszugeben und auch das zweite Aufgebot der
Reichswehr einzuberufen, das alle bisher für dienstuntauglich erklärten Männer ohne körperliche Gebrechen umschließt.
Russische Politiker als Berater der Minister.
Die drückende Last der Verantwortung.
Br. Kopenhagen, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Jni „Rjetsch" veröffentlicht der Dumaabgeordnete Ljwow eine Unterredung, die ec mit einem Minister gehabt hat, den er nicht mit Namen nennen dürfe. Der Minister erklärte ihm, daß es der Regierung an gutem Willen nicht fehle. Das Ministerium habe deshalb vorgeschlagen, den jetzigen zehn Ministern zehn Politiker aus der Duma als Berater beizugeben, um die Verantwortung gemeinsam zu tragen. Die Regierung wolle auch schon längst einen völligen Straferlaß für politische Verbrechen durchführen und die fünf verbannten Dumaabgeordneten befreien, aber alle ihre Pläne seien von einer gewissen Seite verdächtigt und zunichte gemacht worden.
Polenkonferenzen in Warschau;
Br. Wien, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) In Warschau finden gegenwärtig Beratungen von Polenführern aus Galizien und Russisch-Polen statt. Hierbei wurde der Entwurf einer Erklärung vorgelegt, der sich auf die politische Lage beziehen wird.
Oie Hoffnung der Entente auf Japans Hilfen
Genf, 3. Sept. (Zeus. Frkft.) Nach einer Meldung des „Temps" aus Petersburg erhielt der neue japanische Minister des Auswärtigen, Baron Jshi, von der japanischen Regierung den Auftrag, sich unverzüglich nach London zu begeben und von dort nach einer Aussprache mit Greh über Paris, wo gegenwärtig der römische Botschafter Hayashi weilt, nach Tokio zuvückzukehven. Von Jshis Berichterstattung sollen weittragende Entschließungen abhängen, über welche der Rat der Alten ein Gutachten abzugeben Hecken wftck. Hierzu erfährt der „Temps", daß der Präsident des Ministerrats, Graf Okuma, nach einer Audienz beim Mikado und nach Rücksprache mit den Botschaftern des VierverbandeS einer Sitzung des obersten Kriegsrates präsidierte. Das Aufgebot der japanischen Waffen- und Munitionsindrrstrie sei nur als der erste Schritt für die werktätige Unterstützung, die Japan dem Vierverband leisten will, zu betrachten. Die entsprechenden finanziellen Maßnahmen sollen zur Vermeidung von Zeitverlust ohne Befragung des Parlaments erfolgen.
W. T.-B. Mailand, 4. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Der „Corriere della Sera" erfährt aus Paris, die ruffische Telegraphenagentur teile mit, die Zeughäuser in Tokio und Osaka haben ihre Arbeiterzahl von 15 000 auf 40 000 Mann gebracht, um Tag und Nacht Waffen und Munition für Rußland herzustellen.
ver Krieg gegen England.
Der englische Rönigsaufenthalt in Balmoral.
IV. T.-B. Berlin, 4. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die „Kreuzzeitung" schreibt unter obiger Überschrift: In der „Neuen Zürcher Zeitung" vom 25. August findet sich der folgende Entrüstungsschrei des britischen Generalkonsulates in Zürich: Die angebliche Zeppelinfurcht der englischen Königsfamilie. Die Nachrichtenagentur Wolfs, die seit Kriegsbeginn keinen Vertreter in England hat und sich nur auf die Wiedergabe von Gerüchten beschränken muß, verbreitete in der schweizerischen Presse die Nachricht, daß das britische Königspaar infolge des letzten ZepPelinangriffs auf London und auf die City den Wohnsitz in nächster Zeit nach Nordengland verlege. Demgegenüber sei festgestellt, daß demnächst die Gesellschaftssaison zu Ende geht und aller Wahrscheinlichkeit nach das Königspaar, wie alljährlich. Nach Schloß Balnwral in Schottland übersiedelt. Es ist bedauerlich, daß sich die Schweizer Blätter immer wieder Berichte aus England über Berlin geben lassen, während es ihnen nicht einfällt, Berichte aus Deutschland über London oder Paris zu beziehen. Britisches Generalkonsulat, Zürich.
Die „Kreuzzeitung" bemerkt dazu: Wir halten die Drahtzieher der britischen Stimmungsmacher in der Presse durchweg und mit Recht für sehr geriffen, denn sie verstehen zweifellos in hohem Matze, der ernsten und auch dar schlechtesten Sache den trügerischen Schein der Makellosigkeit zu verleihen. Um so befriedigender ist es, wenn man unter den Gehilfen jener in der Weltgeschichte zweifellosen Hetz- und Verleumdungsaktion gelegentlich auch auf einen ausgesprochenen Tölpel stößt. Wir können dem Züricher Generalkonsul Seiner britischen Majestät nur dankbar für den Hinweis sein, daß sein Herr und Gebieter sich bisher nur durch die Gesellschaftssaison an London hat fesseln lassen. Während der d e u t s ch e K a i s e r mit seinen tapferen Truppen im Felde steht und seinen Aufenthalt dort wählt, wo der harte Kriegsdienst seine Anwesenheit fordert, genießt Georg V. die Freuden der Saison, um sich demnächst in Balmoral von ihnen zu erholen. Das mag recht englisch sein, aber, imponieren kann es uns nicht, und es wird selbst im Lager unserer Feinde kaum sehr begeisternd wirken. Wir können es unter diesen Umständen sehr gut verstehen, wenn der Züricher Gcne- rallonsul Großbritanniens den Schweizer Blättern empfiehlt, Berichte aus Englaird nicht mehr über Berlin, Nachrichten aus Deutschland dagegen über London oder Paris zu btziehev.
