31. JahrgsAg.
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A Io. 338» verlagS-Ferusprecher No. 2953. DoNNkVOlltH, btt! 23 » Juli» Nebaktious^ernsprechcr No. 52. 1903 »
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Elms über Wr. Cljambetlains Wetljsdeii.
Unser Londoner n-Korrespondent schreibt:
Ms Mr. Chamberlain unlängst mit seinen schütz- zöllnerischen Absichten herausplatzte und die Freihändler Zeter und Mordio schrien, da wurden sie durch die Versicherung besäirftigt, daß mit dem alten Systeme nicht gebrochen werden würde, salls eine eingehende Untersuchung des neuen nicht zeigte, daß dieses das bessere ist. Jedermann glarwte nun, die Regierung beabsichtige eine parlamentarische oder königliche Kommission mit Ermittelungen zu beauftragen, aber der geniale Ministerpräsident Baisour, der eingestand bezüglich der beiden großen Zollprinzipe keine fest gebildete Ansicht zu besitzen, erklärte auf Befragen, es würde sich um eine private, der Initiative des Einzelnen überlassene Untersuchung handeln. Die Idee ist großartig und ganz und gar eines Chamberlain würdig. Während die Schlafmützen von der liberalen Partei und die freihändlerischen Unionisten im Parlamente göLuldig auf' die kommende Untersuchung warteten und sich um so sicherer fühlten, weil der Kolonialminister hatte ankünden lassen, daß er seine große Schutzzollkampagne im Oktober beginnen würde, entwickelte er im Stillen eine gewalstge Tätigkeit. Fast in jedem bewohnten Orte tauchten soeben seine Agenten aus und verteilten Flugblätter, in denen man es den Untertanen Edwards VII. klar machte, daß jeder, der nichr sofort mit Leib und Seele Schutzzöllner würde, nicht nur ein Esel, sondern sogar ein Landesverräter sei. Während der gegenwärtigen Woche wurden nicht weniger als zwölf Millionen jener gedruckten Erleuchtungsmittel versandt, deren Druck 80 000 Mark kostete, während das Porto das Sechsfache dieses Betrages erforderte. Dahinzu kommt aber auch noch der bedeutende Auswcurd für die Agenten und das Zentralbureau der sogenannten Tariskommission, in dem nicht weniger als hundert Beamte eine fieberhafte Tätigkeit entwickeln. Jene Kommission ist von dem Liberal- ■ ■- " " 1 1 . ' " —
Arbeit.
Roman von Maria Schade.
(Schluß.)
Aber sie hat ihn ja verlassen. Nie wieder wird sie sein Atelier betreten. Das angefangene Werk kann nicht fertig werden. Der Ton wird zusammentrocknen, denn wo fände er ein Modell, daß ihm Ist ersetzte! Und er wird daneben stehen, verdammt zur Untätigkeit, denn der Gedanke an dieses stümperhafte, unvollendete Werk muß sein Vertrauen zu sich selbst erschüttern, seine Schaffenskraft zu neuer Arbeit lähmen. Erfüllen wird es sich, was er in der letzten Unterredung mit ihr gesagt: „Ist, wenn du bei mir bleibst, alles kann ich, — das Höchste. Ein Gott bin ich. Und wenn du von mir gehst — ein Verbrecher."
Also krank soll sie sein — krank. — Das wollte man ihm weismachen. Dadurch wollte man ihn besänftigen, ihn Hinhalten. — Und sie? — Während er mit dem Todesgedanken ringt, liegt sie vielleicht in seinen Armen. Dem Gatten hat sie alles anvertraut. Sie lachen zusammen über den verliebten Narren, der eine Koketterie für Ernst genommen. — Sie schmiegt sich an ihn . . .
Nein, er will nicht weiter denken. Diese Gedanken sind für ihn - eine Pein. Befreien will er sich von sich selbst.
Aber bevor er stirbt, soll ihr Bild vernichtet werden, das nicht ihr Bild ist. Damit feine Schüler, seine Bekannten, alle die Neugierigen, die er bei Lebzeiten von seiner Werkstatt ferngehalten, und die nach seinem Tode sein Heiligtum stürmen werden, nicht sehen sollen, daß er nicht gekonnt, was er gewollt. Auch sollen sie nicht wissen, daß sein letzter Gedanke ihr gehört. Verleugne:: will er s sie vor den Menschen wie sie ihn verleugnet hat.
Er greift nach dem Schlägel. Weit holt er aus . .
Ta — sein Arm ist wie gebannt ....
Er wendet sich um.
Er sieht — in ihr Gesicht. Er fühlt den Druck ihrer Hand auf seinem Arm. Das schwere Eisen fällt zur Erde.
Unionistischen Klub in Birmingham, wo Mr. Chamber- lain ehemals Schrauben fabrizierte, ins Leben gerufen worden, und an ihrer Spitze steht Mr. Vince, der bewährte politische Agent Mr. Chamberlains. Derartige Agenten spielen im englischen politischen Leben eine gar gewichtige Rolle, denn sie sind gewissermaßen, die Wahlkreisverwalter, die während der Abwesenheit des Repräsentanten der Wähler unter diesen sozusagen Ordnung halten und dafür sorgen, daß sich nicht etwa ein neuer Kandidat einschmeichelt. Der Agent eines so hervorragenden Staatsmannes wie Mr. Chamberlain ist aber natürlich ein ganz außergewöhnlich „großes Tier" und hat unter Umständen ganz besondere Obliegenheiten. Gegenwärtig sendet Mr. Vince z. B. Anfragen an die Vertreter aller andern Parlamentsmitglieder,, um zu ermitteln, ob die Chamberlainschen Pläne in ihren Distrikten von den Lokalblättern günsüg oder ungünstig beurteilt werden, und er ersucht namentlich um Mitteilung derjenigen Argumente, die mit besonderer Wirkung gegen dieselben vorgebracht werden. Außerdem aber erbittet er sich die Namen all derjenigen, die als öffentliche politische Redner auftreten. Nicht genug damit, scheint jener Herr aber auch noch gewaltige Anstrengungen zu machen, gerade diejenigen Wahlbezirke für die schutz- zöllnerische Idee zu gewinnen, die zu Chamberlains Partei gehören, deren Repräsentanten im Unterhause aber nicht vom Freihandel lassen wollen. Ter Kolonial- minister sucht sich auf diese Weise unbequemer Gegner unter den Unionisten zu entledigen, die darob nun ein Mordsgeschrei erheben, wie soeben aus dem offenen Briefe eines derselben in der Presse hervorging.
Nach dem Tode Papst Leos XIII.
bck. Berlin, 22. Juli. Wie dem „L.-A." aus Rom gemeldet wird, bestätigt das gestern aufgenommene Protokoll über die Krankheit des Papstes die Diagnose der Ärzte. Darauf wurde die Leiche von vier Geheim-Kap- länen mit einer weißen Soutane bekleidet, um die Schultern wurde das rote Mäntelchen gelegt und auf den Kopf die Haube aufgesetzt. Die Füße wurden mit roten Schuhen bekleidet. Die Leiche wurde von Nobel-Gardisten auf einem mit rotem Seiden-Damast überzogenen Holzgerüst in den Thronsaal getragen und auf einen mit einem Baldachin überspannten Katafalk gehoben, an dessen Ecken vier Kerzen brennen. Die inneren Leichenteile wurden nach der Kirche der Heiligen Vincenzius und Anastasius getragen. Die Urne, in der sie ruhen, ist in rote Seide gehüllt. Heute sollten sie rechts vom Hochaltar eingemauert werden. Die Autopsie und die Einbalsamierung wurden erst um 10 Uhr abends beendet. In der Rippenfellhöhle wurde «in Liter weißlicher Flüssigkeit gefunden.
Er starrt sie an, als könne er nicht glcurben, daß sie es ist, die vor ihm steht. Dann hebt er abwehrend die Hand.
„Was willst bat hier? — Was willst du bei dem Toten? — Laß mich! — Ich lasse dich! — Wir haben nichts mehr gemein! — Geh !"
Sie schreit auf: „O, wäre ich doch tot! Tot! Warum bin ich nicht gestorben? — Das Ende war so nahe. Und was habe ich getan? — Zurückgestoßcn habe ich es mit Gewalt. —Gerungen habe ich mit dem Tode Brust an Brust. — Leben wollte ich, nur leben. — Weißt du", ihre Stimme wird ganz sanft, „der Tod ist eine Gewalt. — Ich hab's gefühlt." Ihr Körper bebt. „Und doch, wie alle Tyrannen, erschrickt auch er — vor der Kraft.
•— Wo ich die Kraft hernahm? -— Ich weiß es nicht. — Nicht für mich wollte ich leben — für dich."
Sie schweigt. Sie senkt das Haupt.
„Du warst krank?"
Er spricht es wie im Traume.
Sie nickt.
,„AIs du von mir gingst — das letzte Mal, da kam es über mich wie eine unbezwingbare Gewalt. Tie schleuderte mich zu Boden. Ich habe mich dagegen, gesträubt. Aber es half nichts. Ich verlor die Besinnung. — Ich war nur noch ein Körper. Kein Wille mehr. — Und dann das Erwachen. — Der Gedanke, daß du mir zürnst, mich vielleicht für treulos hältst . . ." „Iß!"
„Hast du an mir gezweifelt?"
Er antwortet nicht.
„O du Tor! Du Kleingläubiger! — Müßt Ihr denn immer sehen? — Habt Ihr denn keine Kraft mehr zu glauben? — Ich lag da, hilflos. Und du überschüttetest mich mit Anklagen. Meine Stimme konnte drch nicht erreichen. Meine Hand war zu schwach, dir zu schreiben. Tu fort in der Ferne. Ich allein — zurückgelassen . . . ."
„Ich war nicht fort!"
„Tu bist nicht gereist?"
„Hier war ich. Hier bin ich geblieben."
M. Nom, 22. Juli. Im Vatikan wird versichert, daß zwischen Oreglia und Rampolla eine Versöhnung stattgefundeir hat. Heute früh begab sich ein geistlicher Würdenträger in die apostolische Kanzlei, um die mit den Bildnissen des heiligen Petrus und Paulus versehenen Plomben von den Türen abzunehmen und die darin befindlichen Akten zu versiegeln. Der gleiche Vorgang wurde in der Kanzlei der Breve beobachwt.
hd. Rom, 22. Juli. Allenthalben hält die Jftche an. Im Vatikan ist der Verkehr sehr gering. Außer den Kardinälen werdet: nur wenige Persönlichkeiten hinein gelassen. In unterichteten Kreisen ist man der Ansicht, daß unter dem neuen Papst keine tiefgehenden Änderungen in den Beziehungen zwischen Vaftkan und Quirinal eintreten werden.
wb. Nom, 23. Juli. In der Kirche St. Vincent und St. Anastasius wurden gestern spät abends die Prä- cordien des Papstes in der Mauer zur Rechten des Hochaltars beigesetzt. Die Wand wurde mit einer Marmortafel versehen, die Namen, Geburts- und Erwählungstag des Papstes angibt.
bd. Rom, 23. Juli. Die Leiche Leos wurde mit dem üblichen Zeremoniell nach der Peterkirche getragen« Am Standbild Konstanftns gab Monsignore Owricoli die Absolufton. Dann wurde die Leiche auf den Katafalk inmittett der Kirche gehoben und hier erteilte Monsignore Ceppetelli, der Vize-Gerent von Rom, den Segen, worauf die Leiche in der Sakraments-Kapelle aufgevahrt wurde. An der Feierlichkeit nahm auch das diplomatische Korps teil. Alle katholischen Vereine und Kardinäle trtrgen brennende Kerzen. Der Raum vor der Kirche wurde mit Schranken umzäunt, um so das Ein- und Ausströmen der Menge zu regeln. Der Platz wurde militärisch besetzt. — Kardinal Oreglia, der gestern sehr leidend aussah, erklärte, er hoffe, der Papst werde recht bald gewählt werden, das Interregnum laste schwer auf seinen Schultern. Daraus will rnan schließen, daß die Wahl Oreglias zum Papst unmöglich sei, da dessen Pontifikat aller Wahrscheinlichkeit nach nur von kurzer Dauer sein würde. — Das Testament Leos ist völlig mit eigener Hand geschrieben. Es beginnt mit religiösen Mahnungen und drückt alsdann den bestimm- tei: Willen aus, daß alles, was in seinem Besitz vorgefunden werde, auch die ihm persönlich gemachten Geschenke, der Kirche zufallen sollen. Seine Familie dürfe nichts beanspruchen, da er sie schon bei LÄzeiten reich* lich bedacht habe.
bd. Mailand, 22. Juli. Der „Osfervatore Catho- lico" eröffnet eine Sammlung zur Errichtung eines Denkmals für Papst Leo in der Ambrosiuskirche.
wb. Paris, 22. Juli. Frankreich läßt sich beim Leichenbegängnis des Papstes vom Botschaften beim Vatikan, Nisard, vertreten. Präsident Loubet schickt zur
„Mir so nah? — Und ich wußte es nicht! — Nach deiner Nähe habe ich geschmachtet wie ein Eingekerkerter nach dem Licht. Und du gabst mir kein Zeichen?"
„Ich wollte sterben, weil ich ohne dich nicht leben konnte."
„Und ich wollte leben, weil ich ohne dich nicht sterben konnte." Sie haben sich umschlungen.
„Du bist bei mir", flüstert er.
„Und ich gehe von dir — — nie wieder. Ms ich heute früh von meiner Jungfer hörte, daß du hier bisch da hielt mich nichts mehr zurück. — Die letzte Schwächer,
— sie schwand. — Mein erster Gang — zu dir."
„Dir kamst ....?"
„Und wie ich kam! Hans! Hans! Jetzt laß dir sagen, warum ich so lange grübelte, warum ich schwankte^ warum ich mich immer nicht entschließen konnte. — Sieh", beide Hände legt sie ihm auf die Brust, „meine Liebe ist so groß. Nicht wie etwas Häßliches wollte ich sie der- berge::. — Warum sollte ich mich dessen vor den Menschen schämen, was mein höchster Stolz ist! — Wie ein Unrecht kam es mir vor, wie eine Entweihung.-Nicht
wie eine Diebin wollte ich zu dir schleichen bei Dunkelheit. Das hielt ich deiner für unwürdig. Frei wollte ich zu dir treten — im Licht — vor aller Welt." „Ist!"
„Mein Flehen ist erhört. Die Krankheit, der ich anfänglich geflucht habe, hat mich bewahrt vor einem Schritte, der uns für immer beflecken mußte —- selbst in unseren eignen Augen. — In all diesen Wochen habe ich viel nachgedacht, viel gelernt. — Ich bin gewachsen. Nun bin ich groß genug für dich. Nicht als die fort- gelaufene Frau eines anderen komme ich. — Nein, als! das freie Weib zu dem freien Manne . . ."
„Ist, du bist frei ....?"
„Ja, Hans, ich habe mich selbst befreit aus einer unwürdigen Stellung. Denn unsere Ehe war un- würdig für mich, unwürdig für ihn. Während der Krankheit ist mein Leben noch einmal an mir vorübergezogen. Über alles habe ich mir Rechenschaft abgelegt.
— Nicht aus Liebe habe ich Ruprecht geheiratet, nicht aus Achftmg. Was mich zu ihm zog, war ein des Menschen
