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Bl. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-Prel-r durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post M Mt. BO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

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Mp« 335. «erlagS-Fernfprecher No. HX».

Mittwoch» den 22. Iuti.

Rebaklions-FernspreLcr R». 61.

1908.

Morgen-Ausgabe.

Iürr August unö September:

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

zu abonnieren, findet sich Gelegenheit

im Verlag Langgasse 37, bei den Auvgabeftrllen, den Zweig - Erpeditionen

der Nachbarorte,

und bei sämtlichen dentfchen Ueichopostanstalten.

Der Duf nach Sparsamkeit.

Seitdem in das Eisenbahnministerium ein neuer Herr emgezogen ist, hört man öfter von nicht ganz erfolglosen Bemühungen, Ersparnisse in der Verwaltung zu erzielen und eine Vereinfachung der bureaukratischen Maschinerie herbeizuführcn. Im vorigen Winter nannte Herr Budde selbst einmal einen nicht unerheblichen Geldbetrag, der an Papier infolge Vereinfachung des Schreibwerks ge­spart werden könne. In den letzteir Tagen gingen Mit- teilungen über eine Maßregel des Ministers durch die Blätter, die den Zweck hat, dem mitunter sehr ins Klein­liche gehenden Bureaukratismus eine seiner von ihm selbst für geheiligt angesehenen und stets neu auffrisierten Zopf­locken abzuschneiden. Man kann zu diesen Bemühungen Herrn v. Buddes nur sagen: Vivat sequens. Man möchte aber auch wünschen, feilte Herren Kollegen täten desgleichen und strebten, soweit möglich, nach Verbilli­gung und, wo es angängig ist. nach Vereinfachung des Dienstbetriebes. Was die im Verkehr der Behörden unter sich noch immer übliche allzu urnständliche Schreiberei betrifft, die an das Wort vom tintenklecksenden Jahr­hundert mehr erinnert als erwünscht ist, so kann als geradezu mustergültig die Einfachheit gelten, mit der die Botschafter und Gesandten an den Reichskanzler resp. an das Auswärtige Amt zu berichten gehalten sind. Daß es auch unter den Herren des auswärtigen Dienstes Umstandspeter und Wortrnacher gibt, hat der Fall gezeigt, der im vorigen Jahre in der Budgetkommission des Reichs- tags zur Sprache kam. Aus China waren da Dank­telegramme für Ordensverleihungen in einer Breite er­folgt, für die ein Hofmarschall an einem Duodezfürsten­hose Verständnis haben mag, für die aber das Deutsche Reich keine Zeit und kein Geld übrig hat. Es kann nie­mand, der das wohlverstandene Interesse des Reiches und seines auswärtigen wie inneren Dienstes wirklich im Auge

hat, für Ersparnisse eintreten wollen, die den Geist eng­herzigster Fistalität von weitem durchblicken lassen, und die vielleicht einem Rechnungsrat bei der Oberrechnungs­kammer sehr kongenial zu sein scheinen, die aber schließ­lich dein Dienste ebensowenig zu gute kommen, wie dem Vaterlande, insofern später das Drei- und Vierfache, ja oft Hundertfache des „Ersparten" nachgefordert wird. Wenn man aber bedenkt, wieviel Schreiberei dadurch überflüssig wird, daß wir im Zeitalter des Telegraphen und Telephons leben, sollte man meinen, es ließe sich ein großer Teil der herköinmlichen Schreibseligkeit ersparen. Ter Organismus des Staates ist ohnehin ein sehr kom­plizierter. Durch das Schreibbedürfnis der Burevu- lratie und die Wichtigtuerei jedes Rädchens _ in ihrem Apparat werden die Nachteile dieser Kompliziertheit noch verschärft. Schlimmer noch liegen die Verhältnisse, wenn man die Beziehungen des Reiches zu den Einzelstaaten in betracht zieht. Erst jüngst wieder hat die Langsam­keit, mit der die Wahlresultate bei der amtlichen Zentral­stelle in Berlin eintrafen, erkennen lassen, wieviel Zeit die einzelstaatliche Sondersucht mit ihren sogenannten be­rechtigten Eigentümlichkeiten verschlingt, und wieviel Beamtenstuben selbst solche Berichte zu passieren haben, die wie die von nackten Wahlzahlen doch gleich ohne weiteres hätten weitergegebcn werden können. Die Frage, inwieweit sich Ersparnisse 'erzielen lassen oder nicht, wird man sich aber ganz besonders bei der Heeres- und Flottenverwaltung vorzulegen haben. Es ist unbestreit­bar, daß der Dienst, auch für die jüngeren Offiziere, im Laufe der letzten Jahrzehnte teurer geworden ist. Es ist ja eine alte Erfahrung, daß die Herbeiführung von Reformen oft keine Ersparnisse zeitigt, wohl aber die Ausgaben vermehrt. Je mehr es aber anzuerkennen sein wird, daß, wo es die Schlagfertigkeit und die Sicher­heit der Nation erfordern, keine Kosten gescheut werden dürfen, umsomehr muß man sich auch verpflichtet fühlen, von der Armee und der Flotte nach Tunlichkeit Ausgaben fernzuhalten, die in das Allzudeko'rative und Allzureprä­sentative fallen. Diejenigen Parteien werden sich, ein nicht geringes Verdienst erwerben, die die genannten Verwal­tungen zwingen, einen Kurs einzuschlagen, der sich gleich entfernt hält von Knickrigkeit wie von halb bewußter oder halb unbewußter Verschwendung. Wenn die bürgerlichen Parteien in dieser Beziehung nicht genug Entschlossenheit zeigen, werden ihnen die Sozialdemo- kraten bald den Wind aus den Segeln nehmen. Die Finanzlage im Reiche und die Rücksicht aut die durchaus noch nicht gebesserten wirtschaftlichen Erwerbsverhältnisse weiter Kreise lassen es unbedingt geboten erscheinen, kein Mittel unversucht zu lassen, das zur Erzielung von Er­sparnissen dienen könnte, im Reiche so gut wie in den Einzelstaaten.

Papst ikn XIII.

lid. Berlin, 21. Juli. Sämtliche Morgenblätter widmen dem dahingeschiedencn Papst Leo XIII. lange Nachrufe unö zollen demselben ohne Unterschied der Partei die höchste Anerkennung. Die G c r m a n i a", die mit Trauerrand erscheint, schreibt u. a.: Leo XIII. hat cs wie wenige seiner Vorgänger auf dem Stuhle des heiligen Petrus verstanden, die Bewunderung, Anhäng­lichkeit und Liebe seiner Kinder sich zu erringen und die Bande unverbrüchlicher Treue zwischen den Katholiken des Erdkreises und dem Mittelpunkt der katholischen Einheit enger und enger zu knüpfen. Ein unvergäng­liches Ruhmesblatt wird es für ewige Zeiten in der Ge­schichte des Pontifikats Leos XIII. bleiben, daß unter seiner Regierung das Geheim-Archiv des Vatikans den Forschern aller Nationen und Richtungen geöffnet und dessen Benutzung durch die Einrichtung der Konsultations- Bibliothek erleichtert wurde. Mit einem Worte: Leo XIII. war ein großer Papst, groß als Lehrer und Führer der Völker, groß als Freund der Wissenschaft und Kunst, groß als Mensch und als Christ! — Die „Kreuz­zeitung" sagt: Lev XIII. war vorwiegend Staats­mann gegenüber Pius IX., der wesentlich Theologe war. Man kann nicht leugnen, daß die Regierungszeit Leos XIII. reich an Erfolgen gewesen ist, doch muß her- vorgchobcn werden, daß fast alle diese Erfolge in nicht katholischen Ländern zu verzeichnen sind. Weniger günstig erscheine die Bilanz seines Pontifikats in bezug auf die katholischen Länder. Uns Deutschen kann ein neuer franzosenfreundlicher Papst wenig erwünscht sein, denn im Vatikan pflegen Freundschaft für Deutschland und Frankreich im entgegengesetzten Verhältnis zu stehen. — Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt: Leo XIII. war gleich hervorragend als Papst, als Diplomat, als Gelehrter und als Dichter. Selbst die Gegner der Kirche können nicht umhin, seinen aus­gezeichneten persönlichen Eigenschaften die gebührende Anerkennung zu zollen. Nach außen hin blieb sein Streben fortgesetzt auf Wiederherstellung des Friedens und auf Versöhnung mit den Staatsgewalten gerichtet. Die offenbare Bevorzugung Frankreichs ist ihm mit starkem Undank gelohnt worden. Die Erscheinung Leos XIII. war eine wahrhaft imponierende und das Ansehen, das er als Oberhaupt der katholischen Christen­heit in der ganzen Welt genoß, wird nur ein ebenbürtiger Nachfolger zu behaupten vermögen. — Die „P o st" hebt das freundschaftliche Verhältnis besonders hervor, das zwischen Kaiser Wilhelm und dem verstorbenen Papst sich im Laufe der Jahre herausgebildet hat, das bet mannigfachen Anlässen zutage trat und wesentlich mit dazu beitrug, daß der religiöse Friede in Deutschland erhalten blieb und stets weitere Fortschritte machte.

Feuilleton.

Me Wleausstellimg in Dresden, eine Male tat

Von Hermann Häfker.

Die Ausstellung, die dieses Jahr in Dresden geboten wird, ist eine der wertvollsten, die es bisher gegeben hat, und stellt nicht nur auf dem Gebiete des Ansstellungs­wesens selber, sondern in mehrfachen Beziehungen eine bedeutungsvolle Wendung zum Fortschritt dar. Sie hat als Ausstellung selbst mit dem Vorurteil gebrochen, als müsse eine solche Veranstaltung notwendig ein Jahrmarkt sein .oder mit ihm in Verbindung stehen, um das „große Publikum" genügend anzuziehen, oder als könne nur kaufmännischer Konkurrenzkampf die finanzielle Grund­lage solcher Unternehmungen sein. Die Dresdener Aus­stellung hat demgegenüber einen entschieden ernsten und vernehmen Charakter: Sie will nicht nur unterhalten oder gar Sensation erregen, sondern sie will in erster Linie belehren und — erziehen. Ich spreche dieses Wort in seinem besten Sinne aus; erziehen durch die Macht der Tatsachen und durch den Anblick tüchtiger Arbeit im Dienste der Gemeinsamkeit will die Aus­stellung, und selbst wenn sie es nicht „wollte" — sie würde und müßte es tun. Es wäre aber jammerschade, wenn dieser ihr ernster Charakter das Vorurteil erzeugen sollte, zu dessen Verbreitung oberflächliche Besucher — eigentlich Jahrmarktssucher — hier und da beitragen, als wäre die deutsche Städte-Ausstellung eine innere Fachange­legenheit, die sich nicht an das den Eintritt bezahlende Volk wende, sondern nur den Beamten der einzelnen Ab­teilungen Gelegenheit zu vergleichenden Studien böte. Diesem Vorurteil, das in mancherlei vorläufigen Unvoll­kommenheiten eines derartigen Unternehmens Nahrung finden könnte, möchte ich im nachfolgenden lebhaft ent­gegentreten und so mein Teil zur Hebung der Schätze beitragen, die in dieser Ausstellung aufgestapelt liegen. Habe ich selber doch nur als Laie diese Ausstellung studiert und verdanke diesem Studium eine Reihe der fruchtbarsten und genußreichsten Tage.

Die Ausstellung ist die Ausführung eines vor vier Jahren in Karlsruhe auf einer Oberbürgermeister-Ver­sammlung gefaßten Planes, „daß einmal alles dasjenige,

was die moderne Stadt charakterisiert, was insbesondere die deutschen Städte auf den verschiedenen Gebieten ihrer Tätigkeit geleistet, und was als gut und vorbildlich be­trachtet werden könnte, so weit es sich irgendwie äußerlich darstellen lasse, auf einer Deutschen Städte-Ausstellung zusammcngefaßt und zur Anschauung gebracht werden möchte". Man darf wohl sagen, daß das so geplante Bild nicht nur photographisch treu, sondern voll überraschender Lebendigkeit geraten ist. Der Gesichtspunkt, unter dem hier die Städte betrachtet werden — nämlich der des pul­senden Lebens der Gegenwart — ist allein schon etwas ganz Neues gegenüber der rein ästhetisch-historischen Be­trachtung, die auf diesem Gebiete üblich ist und freilich weniger oder doch bequemere Arbeit und ein geringeres Gefühl der Verantwortlichkeit beim Betrachter voraus­setzt. Aber siegreich und überwältigend macht sich dieser neue, lebendigere Gesichtspunkt geltend, er erobert sich Verstand und Herz des modernen Menschen. Flüchtiger als sonst durchschreiten wir die einer, oft sogar frag­würdigen „Fürsorge der Städte für öffentliche Kunst" ge­widmeten Räume und sammeln uns zuerst in dem kleinen Ecksaal, der die Erweiterung, das gewaltige Auswachsen der deutschen Städte in den letzten Jahren, besonders seit .1870, veranschaulicht. Welch gewaltige fröhliche Ent­wickelung! Wie haben sie alle die engen Gürtel ihrer Festungswälle in grüne Promenadenkränze umgewandelt, die Mauern gesprengt und sich weithin ins Land ergossen! Wir haben sie das enge Gewirr der alten Gassen mit ener­gischen Strichen durchzogen, Luft und Licht in das Ge­wirr der Hinterhäuser und die düsteren Hofschächte ge­tragen! In dem scheinbar elementaren Uberquellen einer neuen drängenden Kraft erkennt der sinnende Betrachter gar bald das Walten strenger Ordnung und innerer, von der Natur vorgeschriebener Gesetze, die der Mensch zu erkennen hat, und die ihrer nicht spotten lassen. Hier in diesem ersten Raume ist das Motiv gegeben, das durch alle übrigen Abteilungen der Ausstellung, wie durch eine gewaltige Symphonie hindurchklingt. Kein saftloses Kriechen und Ranken ist das Wachsen der modernen Großstadt: es ist die Tat bewußter Kraft und willens­starker Erkenntnis. Eine Welt von Maschinen, Röhren- und Kabelnetzen führt dem Großstadtkörper Licht und Kraft zu, und führt die verdauten Stoffe unschädlich weit vor die Tore. Das lehren in zahllosen Einzelheiten und

immer wieder neuen Variationen die Sonder-Aus- stcllungcn der Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke, sowie die Ticfbauabteiluug der Ausstellung, die draußen im Park durch naturgroße Modelle uud Durchschnitte von Straßen ergänzt wird. Auch der Wegebau zu Wasser und zu Lande, Hafenanlagen, Brücken, durch die das Schoßkind der Stadt, Handel und Industrie, herbeige- schmeichclt werden soll, wird ausführlich dargestellt. Es ist schwer zu sagen, was dabei reizvoller ist, das Studium all der genialen kleinen Einzelheiten, in der ein unermeß­liches Kapital menschlichen Geistes steckt, oder der Anblick der verblüffenden Größenverhältnisse, die durch all diese Kleinarbeit erreicht worden sind und erhalten werden. Das zweite schier unübersehbare Gebiet des modernen Städtewescns ist die hauptsächlich vorbeugende Wirkung ans dem Gebiete der Gesundheits- und Wohlfahrtspflege. In unübertrefflicher Weise wird zum erstenmal in der Lingnerschen „Ausstellung zur Bekämpfung von Volks­krankheiten" die greifbare Wirklichkeit der krankheits- erzeugenden Mikro-Organismcnwelt in allen Einzel­heiten gezeigt. Nun folgt, was die Städte leisten, um sich dieser Feinde zu erwehren; die Reinhaltung des Wassers durch die verwickelte Unschädlichmachung — ja sogar Kraft-Ausnützung! — der Fäkalien, die Reinhal­tung der Straßen uud dcS Erdbodens rc. durch Pflaste­rung, Straßenrcinigung und Desinfektion, der Nah­rungsmittel durch die chemischen Untersuchungsämter, der Lnft durch Vorschriften und Anregungen zu „rauch- vnd rußverhütenöen Feuerungsanlagen". Feuer, Wasser und Pest, die einst mit einem Hauche, einer Sturmflut weite Strecken menschlicher Wohnorte entvölkert und zer­stört haben, sind in der modernen Stadt gleichsam in Zwinger cingeschlossen. Und wie die Feuerwehr das Feuer fortwährend belauert und überlistet, anstatt es erst zum offenen Kampfe kommen zu lassen, so suchen die Sicherheitsbehörden cs ihr gleichzutun im Kampfe gegen menschlichen Wahn, der oft noch verhängnisvoller ist, als Feuer, Wasser und Pest. Und wenn nun der Mensch die Kräfte der Natur einfängt und zu seinem Dienste zwingt, wenn er in unermüdlichem Kampfe mit ihnen ringt, wo sie schädlich werden, so sucht er weiter auch die gesunden Keime in der eigenen Seele sorgsam in Frieden zu hüten und zu entwickeln. Das Schulwesen ringt sich mehr und mehr von engherzigem Doktrinarismus und