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_ Jahr««««. 27 Anzeiaen-PrciSr
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P«. 336. Berlags-Fernsprecher No. rSLI.
Mittwoch» de« 22. Juli.
RebakiionO-FernIpreLcr No. S».
1963.
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Die Papabili.
Der Kampf der Jntriguen um die Nachfolge Leos XIII., _ der schon begonnen hatte während der greise Papst in zweiwöchigem schweren Kampfe mit dem Tode rang, ist jetzt, nach dem Dahinscheiden des drei- undneunzigjährigen Trägers der Tiara, in sein aktuelles Stadium getreten, wenn auch der eigentliche Entscheidungskampf erst mit dem Zusammentritt des Konklave beginnt.
Die Situation bei der Papstwahl ist diesmal erheblich komplizierter als im Jahre 1878, wo Joachim Pecci schon vorher mit ziemlicher Sicherheit als der „kommende Mann" galt. Diesmal ist die Anzahl der cardinali papabili eine verhältnismäßig große, und es steht noch nicht einmal mit völliger Sicherheit fest, daß einer von den Kandidaten, die zu den Papabili gerechnet werden, wirklich das Ziell als Sieger passieren wird, da, wenn keiner der „Favoriten" zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinigen kann, möglicher Weise ein „Außerseiter" bei der Papstwahl durchdringt.
In erster Reihe werden als Papabili genannt Gotti, Serafino Dannutelli, Capecelatro und di Pietro, während der bisherige Kardinalstaatssekretär Rampolla, obwohl er offenbar am meisten zugunsten seiner Wahl intriguiert, keine Aussichten zu haben scheint. Der sechzigjährige Rampolla, der ein entschiedener Feind nicht nur Italiens, sondern auch des Dreibundes ist, und schon mrter Lev XIII. wiederholt in diesem Sinne zu wirken versucht und zuweilen auch verstanden hat, erfreut sich unter den Kardinalen einer so ausgeprägten Gegnerschaft, daß seine Walst als durchaus unwahrscheinlich, wenn nicht als ausgeschlossen gilt. Rampolla selbst scheint ebenfalls von der Aussichtslosigkeit feiner Aspirationen überzeugt zu sein, denn er hat sich in letzter Zeit bemüht, den fünfundsiebzigjährigen Kardinal Angela di Pietro, der völlig unter dem Einfluß Ram-
pollas stehen soll, in den Vordergrund zu schi-eben. Würde dieser gewählt, so würde Rampolla nicht nur Kardinalstaatssekretär bleiben, sondern auch der leitende Mann im Vatikan sein, dqch gilt auch die Wahl Pietros als sehr unwahrscheinlich,
Den stärksten Anhang im Vatikan hat zweifellos der am 29. März 1834 geborene Gerolamo Maria Gotti, der von Leo XIII. selbst wiederholt als sein Nachfolger bezeichnet worden ist. Die Meinungen über Göttis Charakter sind geteilt. Jedenfalls ist er, der als der Sohn eines Arbeiters in den Karmeliterorden eintrat und es bis zum Präfekten der Lropagaulla kille brachte, ein hervorragender und begabter Mann. Er gilt als maßvoll und man glaubt, daß er in noch höherem Maße als Leo XIII. ein Regiment der Versöhnung führen werde. Dagegen gilt er aber als starr orthodox und Kenner der Verhältnisse behaupten, daß er speziell Italien gegenüber keine Versöhnlichkeit an den Tag legen würde.
Gotti soll von den 64 Kardinälen ca. 35 für sich haben, es ist aber eben sehr fraglich, ob er dies Defizit bei den folgenden Wahlgängen einzubringen vermag. Als deutschfreundlicher und italienfreundlicher Kandidat gilt der neunundsechzigjährige Serafino Vannutelli, der voraussichtlich geneigt wäre, eine Versöhnung zwischen dem Vatikan und Italien anzubahnen; sein Anhang besteht aus ca. 20 Kardinälen, aber da die Partei Rampolla mit aller Macht gegen ihn arbeitet, sind seine Aussichten gering. Ein weiterer Kandidat der versöhnlichen Elemente ist der achtzigjährige Alfonso Capecelatro, der aber aus denselben Gründen wie Vannutelli nur wenig Aussichten hat, wozu als weiteres Hindernis noch sein hohes Alter kommt.
Unter dem entgegengesetzten Hindernis, der allzu großen „Fugend", leidet der erst zweiundfünfzigjährige Swampa, beim die Kardinäle lieben es nicht, einen Papst zu wählen, dem nach menschlicher Voraussicht ein sehr langes Regime beschieden ist. Swampa gehört zu der Gruppe, welche die Politik des Vatikans in den bisherigen Bahnen weiterführen will, also an keinen Frieden mit Italien denkt. Ter nächstRampolla entschiedensteVertreter dieser Richtung ist der fünfundsiebzigjährige Kardinal- dekän und Kämmerer der Kirche, Luigi Qreglia di S. Stefano, in dessen Händen während der jetzt eingetretenen Sedisvakanz die ausführende Gewalt im Vatikan und die Leitung des Konklaves ruht. Qreglia hat jedoch ebenso wie Rampolla eine starke Gegnerschaft unter den Kardinälen, und seirre Wahl, die eine wesentliche Verschlechterung der Beziehungen des Vafikans zu etlichen Mächten bedeuten würde, gllt als ganz unwahrscheinlich. Endlich wird auch noch der politisch viel hervorgetretene frühere Nunzius in München, Antonio Agliardi, genannt, der mancherlei Reformideen zuneigt und stets als ein
Freund des Dreibundes galt. Aber diese seine ausgeprägte Richtung läßt seine Wahl aus den entgegengesetzten Gründen wie bei Rampolla und Qreglia als aussichtslos erscheinen.
Sollte keiner der vorhin erwähnten „Favoriten" die erforderliche Zweidrittelmehrheit aus sich vereinigen tonnen, so würde entweder eine politisch indifferente Persönlichkeit wie der dreiundsechzigjährige Sarto von Venedig oder der sechsundfünfzigjährige Ferrata oder aber endlich ein Außenseiter aus dem.Konklave als Papst hervorgehen. Diese letztere Wahrscheinlichkeit, daß eine „unbekannte Größe" den päpstlichen Stuhl besteigt, ist, das zeigt die Geschichte der Papstwahlen, jedenfalls nicht gering, und somit ruhen die Kombinationen über den Ausgang der Papstwahl auf schwankem Grunde.
Ignorantia legis nocet.
Es ist ein alter strafrechtlicher Grundsatz, baß Unkenntnis des Gesetzes nicht vor Strafe schützt. Darnach wird als Voraussetzung für die Bestrafung einer Person im wesentlichen nur gefordert, daß der Täter das Bewußtsein derjenigen Umstände gehabt habe, in welchen das Gesetz die Merkmale einer strafbaren Handlung erblickt. Fehlt die Kenntnis von Tatumständen, die zum gesetzlichen Tatbestände gehören, so tritt eine Bestrafung nicht ein. Liegt dagegen die Kenntnis der Tatbestands- merkmale vor, so ist ein Irrtum über die Strafbarkeit der Handlung einflußlos. In Theorie und Praxis besteht kein Zweifel darüber, daß die Unwissenheit des Täters über das Bestehen des speziellen Strafgesetzes ohne Einfluß ist. Sehr interessant ist, daß der vor wenigen Tagen verstorbene Reichsgerichtsrat a. D. Stenglein in der letzten Nummer der „Deutschen Juristcnzeitung" gelegentlich einer Besprechung des letzten Heftes der retchs- gcrrchtlichen Entscheidungen in Strafsachen diesen Grundsatz einer einschneidenden Kritik unterwirft. Er betont, daß ein Aufgeben dieser Rechtsregel, wenn auch nur gewissen Gesetzen gegenüber, die Anklage mit einem kaum zu führenden Beweise belasten würde. Trotzdem glaubt er nicht, daß sich die Theorie als dauernd haltbar erweisen werde. Man könne annehmen, daß bei der Fertigstellung des Strafgesetzbuchs der Gesetzgeber nur Handlungen im Auge hatte, deren Strafbarkeit für jeden normal denkenden Menschen von selbst erkennbar sei. Das sei aber bei vielen anderen Gesetzen nicht der Fall. Man denke z. B. an das neueste Gesetzgebungs-Erzeugnis, das Gesetz über gewerbliche Kinderarbeit. Ein Vater lasse die gewerblichen Arbeiten seit Jahren von seinen Kindern austragen, und diese blieben frisch und gesund dabei, oder sie wirkten in Kinderrollen ans der Bühne mit, ohne allen Schaden; plötzlich beschränke dies das Gesetz, und der Vater werde straffällig, ohne 'ine Ahnung von den neuen
Arbeit.
Roman von Maria Schade.
(13. Fortsetzung.)
Seine Augen gleiten durch den Raum. Dort auf dem Drehbock steht ihr Abbild. Wie ein Verhängnis liegt es über ihm. Er wird das Weib nicht mehr los. Wieder zwingt es ihn, an sie zu denken. Die kleine Tonfigur weckt unzählige Erinnerungen in ihm. Er denkt an Isis Besuche in seinem Atelier, während er er das kleine Ding dort angefersigt. Er denkt an ihr Erstaunen, als sie es zum ersten Male gesehen. Was hatte sie doch damals gesagt?
„Eins müssen Sie mir versprechen, wenn Sie daraus ein Bildwerk machen, den Müßiggang dürfen Sie es nicht nennen."
Er zuckt zusammen, berührt von einem plötzlichen Gedanken. Das Bedürfnis nach Rache erwacht in ihm wie eine Begierde. Hatte er Rücksichten auf sie zu nehmen, nachdem sie so schändlich an ihm gehandelt?
-Nein, nichts war er ihr mehr schuldig. Verrat
gegen Verrat!
Er ergreift die kleine Tonfigur. Er stellt sie auf den Marmorblock, auf dem immer Fsi gesessen.
Nach diesem Modell will er eine Statue schaffen. Der „Müßiggang" soll sie heißen. Dieses verabscheuungswürdige Laster, das er aus ttefster Seele haßt, will er in den Körper des Weibes bannen, das er jetzt hassen muß. Die Züge, die er einst bewundert, will er erniedrigen. Zeichnen will er sie vor den Menschen. Das soll seine Rache fein.
Aus einer Ecke der Werkstatt, wo mehrere eiserne Gestelle stehen, reißt er eins heraus. Mit Gewalt setzt er es auf die Drehscheibe.
Triumphierend bettachtet er das Gestell.
Ja, das war gerade das rechte. Nicht einmal mehr zu biegen brauchte er die eisernen Stäbe.
Er schleudert den Mantel von sich, den Rock reißt er herunter. Die Ärmel seines Hemdes streift er weit in die Höhe.
Dröhnend schlägt der Deckel des Tonkastens gegen
die Wand. In den Ton graben sich zwei mächtige Hände.
Die feuchte^Masse fliegt klatschend gegen das Gestell. Die eisernen Stäbe zittern. Die Drehscheibe wankt.
XI.
Der Künstler schafft unermüdlich. In ihm wohnt eine Kraft, die kein Versagen kennt. Sein ganzer Körper Bewegung. Sein Gehirn nur ein Gedanke. Ter Schmerz, die Verzweiflung aufgelöst in der Tat. Seine Göttin, zu der er sich geflüchtet, ist auch diesmal seine Wohltäterin gewesen. Die Arbeit, in die er sich gestürzt, hat seinen Schmerz betäubt. Sie hat ihm die Modellierholzer in die Hand gedrückt. Sie hat ihn aus den ungefügen Tonklumpen, die er in jener Nacht der Verzweiflung gegen das Gestell schleuderte, ein Bild formen lassen. Aber was sich dort auf der Drehscheibe erhebt, wird nicht das verkörperte BUd des Müßigganges, wie er rachedurstig geplant. Denn bereits ist ihm das Gefühl der Rache verloren gegangen. Fast hat er vergessen, daß eine schmachvolle Erinnerung ihn an das Weib kettet, dessen Gestalt er formt. Sie ist für ihn nicht mehr die Treulose, die ihn betrogen, sondern nur die verkörperte Schönheit, die er nachbilden muß, weil sie zum Nachbilden geschaffen ist. Die Arbeit ist eine Götttn. Sie will keinen kleinlichen Gefühlen dienen. Mit ihrem erhabenen Hauch hat sie den Künstler von dem Niedrigen, das ihn umgab, als er das Werk begann, befielt. So arbeitet er denn nicht mehr aus Rache, sondern nur noch aus Freude an seinem Werk, aus Schaffenslust.
Me kleine Tonfigur steht vor ihm. Und doch ist sie nicht mehr sein Modell. Er formt aus der Erinnerung. Mit geschlossenen und geöffneten Augen sieht er die Gelebte, wie er sie unzählige Male in seinem Atelier hat sitzen gesehen: die Hände rm Schoße gefaltet, das Haupt em wenig auf die Seite gelegt. Er lebt wie ein von der Welt Vergessener. Die Welt . . . .? Sie ist nicht mehr für ihn da. Und er atmet nur noch, um dieses Werk zu schaffm. Für seine Schüler, für seine Bekannten ist er verreist. Niemand ahnt, daß er noch in der Stadt werlt. Wer hat ihn denn gesehen, als er wie ein
Sterbender wieder zurück in sein Atelier flüchtete, das er nur noch bei tiefer Dunkelheit verläßt, um in einem verborgenen Gasthause, in dein ihn niemand kennt, seinen Hunger zu stillen? Me Werkstatt rings von Gärten umgeben, die der Winter zu Gräbern gemacht hat.
Wochen waren so vergangen. Wie viele wußte er nicht, denn selbst dem Schritte der Zeit wich er ängstlich aus . Die Tage — Arbeit. Und die Nächte — ein stumpfes Zusammensinken des ermatteteir Körpers.
Eines Abends ging er wie gewöhnlich aus. An den Häusern schlich er entlang, um sich spähend, ob ihn auch niemand sähe.
In all diesen Wochen war er nicht einmal an dem Nuprechtschen Hause vorübergegangen. Nur immer die entgegengesetzte Richtung hatte er eingeschlagen. Aber heute war es, als ob ihn eine unsichtbare Hand dorthin zöge, wo das einst so geliebte Weib wohnte. Er gab dem Drängen nach.
Der Schnee weich, tief, als wäre er nur dazu da, heimliche Schritte, unhörbar zu machen.
Dort das Haus .... Ein paar Fenster erleuchtet. Wo der Schein hinfiel, glänzte der Schnee. Er blieb stehen.
Ein Gefühl, das er gestorben glaubte, das er begraben wähnte, stand wieder auf wie ein Scheintoter. Er schauderte. -— Nun konnte der Kamps von neuem beginnen! — Entsetzlich!-
Mit Gewalt wandte er die Augen von dem Hause, das so friedlich dalag, und doch einen so verzehrenden Sturm wecken konnte.
Tort .... Was war das? .... Vor ihm . . . . nur ein paar Schritte .... Ein Mann .... Heim- lich, lautlos schlich er ... . Stehen blieb er, nach den
Fenster spähend, nach der Tür --genau wie er. —
War das sein Doppelgänger?-So war auch er
herumgekrochen, so hatte auch er gewartet, gelauscht, gespäht. Wie lächerlich das aussah! — Der Tor!
Jetzt bog der vor ihm Gehende um. Rasch schlüpfte er in den Schatten. Er ließ ihn an sich vorüber. Er folgte ihm Schritt um Schritt. Immer in seine Fußtapfen trat er. Der Mann kehrte um.
