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1903 «
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Marokko und die Mellpolitik.
Als erst vor Wenigen Tagen fast überall der englisch- französischen Annäherung, die in dem Besuche Loubets in London zum Ausdruck kam, eine übermäßige Bedeutung beigelegt wurde, da traten wir dieser Auffassung mit aller Entschiedenheit entgegen, indenr wir darauf hinwiesen, daß durch keinerlei Höflichkeitsbezeirgungen der tiefgehende Gegensatz zwischen England und Frankreich, der insbesondere in Marokko und im Mittelmeer aktuell zu werden drohe, aus der Welt geschasst werden könne. Im Laufe der vergangenen Woche ist denn auch allgemach ein starker Ilmschwung in bezug auf die Einschätzung der Loudetschen Visite eingetreten, und heute bereits haben die Ereignisse selbst die Richstgkeit unserer Auffassung schneller und glänzender bestätigt, als wir es vor einer Woche erwarten konnten.
Schon vor einiger Zeit verlautete, daß Spanien und Frankreich sich über ihre Haltung zur marokkanischen Frage geeinigt hätten, und als der spanische Ministerpräsident Silvela unlängst in der Kammer versicherte, daß er die Ansprüche Spaniens in Marokko gegebenen Falls dauernd sichern werde, da konnte man voraussehen, daß man fit Spanien eine schärfere marokkanische Politik einschlagen wolle. Die Triebfeder bildet hierbei das spanische MIstär, welches Angesichts der aus finanzielle Ersparungen gerichteten Volksbewegung eine Gelegenheit finden möchte, seine Existenzberechtigung zu erweisen. Seit dem Ausbruch der revolustonären Bewegung in Marokko geht ein nervöser Zug durch die leitenden Kreise in Spanien, welche den Schiffbruch, den Spanien in der Weltpolitik erlitten hat, gern wett machen möchten. Dieser Widerstreit zwischen dem Wollen und Können, zwischen dem militärischen Elan und der trostlosen finanziellen Misere hat jetzt sogar zu einer umfassenden Kabinetts-
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Feuilleton.
Unter den „Wirkern der Sahara".
Das eigenartige und schwer zugängliche Nomadenvolk der Tuaregs im Hinterlande von Algerien, die als die „Räuber der Sahara" bezeichnet zu werden pflegen, hat der Engländer Harding King bei einem längeren Aufenthalte unter ihnen studiert, und er teilt seine Beobachtungen in einem soeben in London erschienenen Buche „A Search for the Marked Tawareks" mit. Er wollte besonders auch Photographieen von den Gesichtern der Tuaregs (der Verfasser nennt sie Tawareks) erhalten, die die stehende Gewohnheit haben, ihre Gesichter verdeckt zu halten. Merkwürdiger Weise sind die Frauen
K s Stammes weniger genau darin als die Männer.
I spricht wiederholt mit Bewunderung davon, wie feine kleine Karawane in den Sanöwüstcn vorzüglich geführt wurde. „Wie diese Araber ihren Weg fanden, ist mir immer ein Rätsel gewesen. Es waren keine Merkmale der Gegend sichtbar, am Tage war der Weg schwierig genug zu verfolgen,' es gab ja keine Sterne, es gab nicht einmal einen Wind, der sie leiten könnte; gleichwohl nahmen wir einen schnurgeraden Weg durch das Land, das ohne die gewöhnlichen kleinen Erdhügcl und Büsche war, die als Anhaltspunkt längs des Weges dienten. Alfsa, der nur zweimal vorher nach N'goussa gegangen war, zeigte in der Dunkelheit den Weg während vier Stunden, langsam, aber mit kaum einem Zögern; es ging geradenwegs nach dem Hause des Marabut, des Zauberpriesters, der in einiger Entfernung von der Oase wohnte. Es war mir ein Rätsel, wie er das machte. Er wollte seine Methode nicht erklären, und als ich ihn darum bat, lachte er nur und bemerkte mit stolzem Selbst- bewußtsein, das meiner Ansicht nach auch gerechtfertigt war: „Ah! ich sagte Ihnen, daß ich ein guter Führer bin. Nur ein Araber, der viele Reisen in der Wüste gemacht hat, konnte so diesen Weg finden." Mehr war nicht aus ihm herauszubringen. Die einzige Lösung des Rätsels, Sie ich bieten kann, ist, daß er einen Kniff benutzte, der
Dienstag» den 21. Inli.
k r i f i s geführt, da die neuesten Flottenpläne der Mtst- tärpartei mehrfach auf starken Widerstand gestoßen sind.
Wie aber auch diese Krisis ausgeht, so hat jedenfalls die spanisch-französische Einigung über die Stellung zur marokkanischen Frage eine hervorragende weltpolitische Bedeutung, denn damit ist der von uns betonte Gegensatz zwischen Frankreich und England aktuell geworden. Um die marokkanische Erbschaft, deren Antritt allerdings viel weiter im Felde liegen dürfte, als die polittschen Pessimisten glauben, streiten sich vier Mächte, die seit Jahrzehnten in einem heftigen Kampf der Jntrigucn begriffen sind, nämlich. in erster Reihe Spanien, Frankreich und England, und in zweiter Reihe Italien.
Spanien betrachtet sich aus historischen Gründen, weil nämlich seine Flagge seit vier Jahrhunderten an den Gestaden des nordwestlichen Afrika weht, als ber Erbe der maurischen Gebiete. Spanien besitzt an der marokkanischen Küste die wertvollen Presidios, Ceuta, Tetuan und Melilla, nebst den Zaffarinos-Jnseln, die man jedoch nur als das Sprungbrett für ein weiteres Vordringen in das nördliche Marokko ansieht. Frankreich seinerseits betrachtet sich als der Erbe Marokkos in .den östlichen und südöstlichen Gebieterl, und die französischen Chauvinisten träumen von einem großen afrikanischen Frankreich, welches sich von der Küste des Mittelmeeres bis zum Kongo im Süden uttd im Westen an den Atlantischen Ozean erstrecken soll. Jedenfalls ist die spanische und die französische Interessensphäre itt Marokko so von einander getrennt, daß die spanisch-französische Einigung über das Verhalten gegen Marokko eigentlich keine sonderliche polistsche Überraschung bedeutet.
Diese Einigung richtet sich, wenn das auch zunächst geleugnet werden wird, ganz unverkennbar gegen den dritten Hauptbewerber um die marokkanische Erbschaft, gegen E n g l an d. Für Englands Stellung im Bstttelmeer und damit für Englands Weltmachfftellung ist ein unabhängiges — oder ein unter englischem Einfluß stehendes Marokko eine Lebensbedingung. Man hat in England keinen Politischen Fehler so bitter bereut, als den, daß man das strategisch so wichtige Tanger, welches 1663 durch die Heirat der portugiesischen Infantin Katharina von Braganza mit König Karl II. an England gefallen war, der vielen Geldopfer wegen, die es damals forderte, wieder aufgegeben hat. Denn der englische Besitz von Gibraltar würde in seinem Werte auf einen geringen Grad herabgedrückt werden, wenn die gegenüberliegende marokkanische Küste in die Hand einer europäischen Macht, insbesondere Frankreichs, gelangte. Nicht minder würde aber hierdurch auch Italiens Mittelmeerstellung, dessen Position in Biserta ohnehin durch das französische Korsika bedroht wird, gefährdet werden.
Durch die Einigung Frankreichs und Spaniens werden mithin die gemeinsamen Interessen Englands und Italiens im Mittelmeer verstärkt, und so bedeutet die
einigen wilden Stämmen bekannt ist, und den Fußspuren der Maultiere folgte, indem er sie mit seinem nackten Fuß fühlte. Hinterher erinnerte ich mich, daß er bald nachdem es dunkel wurde seine Schuhe anszog und mit einem eigentümlich schlürfenden Schritt ging, den ich damals seiner Besorgnis zugeschrieben hatte, seine Füße an irgend einem Stein ober Strauch zu stoßen." Von den Tawarekfrauen, von denen King auch einige photographiert hat, hat er manches Interessante zu erzählen. Das häusliche System bei diesen Stämmen ist fast patriarchalisch. „Abweichend von den Arabern behandeln diese „Räuber der Wüste" ihre Frauen mit einer Achtung, die völlig der in den civilisiertesten europäischen Ländern gleichkommt. Eine Tawarek-Frau heiratet selten vor 20 Jahren. Die frühen Heiraten, die eine so verderbliche Wirkung auf die arabische Rasse haben, sind unter diesen barbarischen Nomaüenvölkern ganz unbekannt. Sie verfügt über ihre Hand, vorausgesetzt, daß sie es einem Manne ihrer eigenen Klasse gegenüber tut, dem sie gefällt. Sie bewahrt ihr Etgentnms- recht nach der Heirat und braucht nichts zu den Familien- kosten bcizutragen, wenn sie es nicht selbst will. Sv wächst ihr Besitz an, und es ergibt sich, daß in der Regel die Frau viel wohlhabender als ihr Mann ist. Durch die Gesetze ihrer Religion ist den Tawareks die Polygamie erlaubt; dennoch kommt sie bei ihnen nicht vor. Die unverheirateten Mädchen werden von den Liebhabern ihres Stammes gewöhnlich mit „Tamenoukalen" oder „kleine Königinnen" angeredct. Der Titel ist nicht nur phantastisch; denn mehr als einmal hat ein Tawarekstamm, wenn kein männliches Glied der Herrscherfamilie vorhanden war, eine Königin als sein Haupt erwählt. Ein Tawarek-Mädchen kommt und geht ungefragt, nach ihrem Belieben. Wenn die Laune sie ergreift, einem ihrer Verehrer einen Besuch zu machen, so besteigt sie ihr Kamel und reitet plötzlich 60 Meilen oder mehr zu seinem Lager, wo sie, falls nötig, in einem Zelt seiner Anverwandten ausgenommen wird. Gelegentlich tun sich zwei oder drei Frauen zusammen und machen lauge Reisen ohne Begleitung ihrer männlichen Anverwandten." In den Beitrügen zur Volkskunde dieser Stämme finden sich auch einige Fabeln, die von der Feinheit ihres Witzes
neuest« Wendung der Dinge nicht nur eine Verschärfung des Gegensatzes zwischen Frankreich und England, sondern zugleich auch des Gegensatzes zwischen Frankreich und Italien. Wir glauben nicht, daß diese politisch und historisch begründeten Gegensätze schon jetzt aktuell in die Erscheinung treten werden, denn die Erbschaft des „kranken Mannes" in Marokko ist trotz der inneren Wirren, deren Ende nicht abzusehen ist, noch lange nicht reif. Aber diese Gegensätze sind da, und sie werden ihren Einfluß aris die Weltpolitik nach der von uns angedeuteten Richtung hin schon jetzt geltend machen. Jedenfalls wird man die weitere Entwickelung der Dinge in Marokko mit angespanntem Interesse verfolgen müssen. P.
MWerpliWenI GMgemM über den serbWll ptiipMii.
Mit dramatischer Wucht, die tiefste Erregung ihm eingab, breitet der ehemalige serbische Ministerpräsident Georgewitsch im neuesten Heft der „Zukunft" die Gewalt- und Schandtaten des „letzten Obrenowitsch" vor der Welt aus, um daraus die Rechtfertigung für das blutige Gericht zu folgern, das schließlich an ihm vollzogen wurde. Aus der Fülle der Anklagen heben wir einige besonders markante Stellen hervor.
,Ach wurde sein Ministerpräsident — in drei Jahren der neunte! — und ich, Vladan Georgewitsch, der ich der Lebensgrenze nahe bi», bezeuge hier vor Europa, daß König Alexander einen Mörder dang, um seinen Vater Milan zu ermorden. Ja, hört es, Ihr Majestäten, hört es, zivilisierte Nationen, die ihr jetzt die Selbsthülfe, zu der ein unglückliches Volk greifen mußte, als Übermaß uneuropäischer Barbarei empfindet: König Alexander von Serbien und seine damalige Maitresse und spätere Frau Draga haben den Mörder Knezeroitsch gedungen, um den eigenen Vater des Königs, den Schöpfer des neuen serbischen Königreiches, den ersten serbischen König nach dem Untergang des einstigen Kaisertumes, feig und meuchlings zu erschießen.
Die furchtbare Erregung über den Plan Alexanders, Draga Maschin zu heiraten, kam darin zum Ausdruck, daß alle Minister ihre Entlassungsgesuche einreichten, niemand ein Portefeuille übernehmen wollte; Milan legte den Oberbefehl über die Armee nieder, das Offizierkorps beschloß, eine Abordnung an den König zu schicken, und, wenn diese keinen Erfolg hätte, gemeinsam die Uniform niederzulegen.
Diesen Plan erfuhr man im Schloß. Man hatte nur noch eine Nacht zum Handeln: um jeden Preis also schnell ein Ministerium! Da alle Staatsmänner abgelehnt hatten, bot man die Ministerportefeuilles jungen Subalternbeamten an, die man nach Mitternacht aus verschiedenen Cafü-Chantants ins Palais holte. Und nun, Europa, höre: selbst ein gewesener Skupschtina- Stenograph, selbst ein wegen Unfähigkeit entlassener Legationssekretär fünfter Klasse, selbst ein Major und
Zeugnis ablcgen. Folgendes Beispiel erinnert an äsopische Fabeln: „Ein Löwe, ein Panther, eine Hyäne und ein Schakal waren Freunde. Eines Tages fanden nud töteten sie ein Schaf. „Wer wird das Fleisch teilen?" fragte der Löwe. „Das müßte der Schakal sein", antworteten die anderen; denn er ist der kleinste." Als der Schakal das Fleisch in vier Stücke geteilt hatte, sagte er: „Jeder soll kommen und seinen Teil nehmen." „Welches ist mein Anteil?" fragte der Löwe. „Sie sind alle gleich; nimm, welches du willst." „Schakal", sagte der Löwe, „du verstehst nicht zu teilen", und mit einem Schlage seiner Tatze tötete er ihn. Als sie sahen, daß der Schakal tot war, suchten sie einen anderen, der die Teilung vornehmen sollte. „Ich werde es tun", sagte die Hyäne. Sie tat das Fleisch des Schafes mit dem des Schakals zusammen und begann es in sechs Teile zu teilen, als der Löwe sie unterbrach. „Wir sind nur drei, warum sechs Teile?" fragte er. „Der erste Teil", antwortete ihm die Hyäne, „ist für den Löwen, der Teil für dich, und der dritte für „Rotauge" (ein Tawarekname für einen Löwen)." „Wer hat dich gelehrt, so zu teilen? fragte der Löwe. „Der Schlag, der den Schakal tötete", sagte die Hyäne trocken." Sehr amüsant ist die Schilderung, wie King einen Tawarek-,,Adeligen" dazu bewog, seine Maske abzunehmen, um sich photographieren zu lassen. „Er war außerordentlich widerwillig. Ich hatte weit größere Schwierigkeiten, ihn zu bewegen, sein Gesicht zu enthüllen, als ich bei den Frauen hatte. Kaum hatte er die Maske avgenommen, als seine ganze Haltung sich veränderte. All seine Würde und sein Stolz waren verschwunden. Er brach fortwährend in ein nervöses Kichern aus trotz seiner ersichtlichen Bemühungen, es zurückzuyalten, und sah so beschämt und verschüchtert aus, wie ein gewöhnlicher Engländer es sein würde, wenn er gezwungen wäre, sich öffentlich im luftigen Kostüm seines Morgenbades zu zeigen. Dieser „Räuber der Wüste", der große stämmige Bursche, errötete tatsächlich bis zu einem tiefen Rotbraun bei der unwürdigen Handlung, einem Fremden sein Gesicht zu zeigen. Er senkte sein Haupt und wandte sein Gesicht ab in der Qual eines verletzten Schamgefühls, die, obgleich sehr belustigend, doch fast Mitleid erregend war."
