M. Jahrgang.
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K«. 334.
verlagS-Ferufprecher Ro. 296».
Dienstag» de« 21. Juli.
Rebaktious-Ferufprecher No. 62.
1908.
Abend-Ausgabe.
Papst Leo XIII. f.
Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Zeit, die jedenfalls während der letzten Jahrzehnte häufig die Aufmerksamkeit der civllisierten Welt mehr als jede andere beschäftigte, hat soeben die Augen geschlossen: Hochbetagt — er war am 2. März 1810 geboren — ist Leo XIII. aus dem Leben geschieden. In der „freiwilligen Gefangenschaft", die er sich auferlegt hatte, seiner weltlichen Macht beraubt, hat er doch auf die Geschicke Europas größeren Einfluß gehabt, als viele seiner Vorgänger, größeren vielleicht als selbst Pius IX., auf dessen Andenken er einer oft gehörten Behauptung nach eifersüchtig gewesen sein soll. Ob dies tatsächlich der Wahrheit entsprach, ist zweifelhaft: Das Gerücht mag hauptsächlich dadurch entstanden sein, daß Leo XIII. in fast jeder Beziehung das direkte Gegenteil Pius IX. gewesen ist. Kaum war er diesem auf dem Stuhl Petri gefolgt, als er sofort zu erkennen gab, daß er andere Bahnen zu beschreiten gedenke als sein Vorgänger: Statt, wie Pius getan, sich über die Köpfe der Herrscher hinweg direkt an die Nationen zu wenden, griff er auf die alten Traditionen zurück und suchte mit den Monarchen und Regierungen die abgebrochenen Beziehungen wieder anzuknüpfen. Seine Bemühungen waren bekanntlich auch fast überall von Erfolg gekrönt und seine Bedeutung zeigte sich besonders darin, daß es seiner Diplomatie gelang, nicht nur das einst so gespannte Verhältnis mit Deutschland in ein freundschaftliches zu verwandeln, sondern auch Frankreich, das ihm in letzter Zeit allerdings wieder große Sorgen, machte, und Rußland näher zu kommen. Nur Italien gegenüber ist Leo XIII. in keiner unversöhnlichen Haltung geblieben und alle besonders auf Anregung der frommen Königin Margherita gemachten Versuche, einen modus vivendi herbeizuführen, wurden von dem verblichenen Papst stets schroff zurückgewiesen. Noch vor einigen Jahren zeigte die Weigerung der italienischen Regierung, an der Abrüstungskonferenz teilzunehmen, wenn auch ein Vertreter des Heiligen Stuhls dazu eingeladen würde, eine wie tiefe Kluft immer noch den Quirinal vom Vatikan trennt.
Deutschlands Beziehungim zum Heiligen Stuhl waren, so lange Pius' IX. lebte, kaum minder schlecht als die Italiens und wurden noch gespannter, als der damalige Erzbischof Ledochowski 1874 sich offen gegen die preußische Negierung auflehnte und, da er sich den Maigesetzen nicht -unterwerfen wollte, mit Gefängnis bestraft wurde. Pius IX. beantwortete dies damit, daß er ihn 1875 zum Kardinal machte und im folgenden Jahre nach Rom berief. Leo XIII. suchte, kaum aus den päpsllichen Stuhl gelangt, ein besseres Verhältnis mit Deutschland anzu-
bahnen, und es gelang chm, auch die 1887 erfolgte Revision der Maigesetze durchzusetzen., Zwei Jahve früher hatte er auf Deutschlands Ersuchen die Vermittlerrolle m dem Konslikt mit Spanien wegen der Karolmemnseln übernommen, und daß Deutschland sich dem für Spamen günstigen Schiedsspruch fügte, gestaltete die Beziehungen noch besser. Wie sreundschaftlich Kaiser Wichelm II. mit dem Papste stand, den er bei seinem mehrfachen Ausenth!alt in Rom jedesmal besucht hat, ist bekannt.
Von aristokratischer Herkunft — Gioacchino Peccr, wie er vor seiner Ernennung zum Papst hieß, entstammt einem alten Grafengeschlecht —, vevanlatzte er schon in seiner Jugend Nachforschungen, um zu beweisen, daß ein Zweig der Familie Pecci von Liena sich in Carpineto, seiner Vaterstadt, niedergelassen habe. Schon frühzeitig zeigte er übrigens eine mehr als gewöhnliche Begabung: Sowohl auf der Jesuitenschule zu ViterkO, wie auf dem Collegium Romanum zu Rom zeichnete er sich vor allen anderen Schülern aus und erwarb sich! mit 21 Jahren den theologischen, sowie 6 Jahre später an der Academia dei nobili ecclesiastici den juristischen Doktorgrad. Mt 27 Jahren -wurde er zum Priester geweiht, sechs Jahre darauf zum Erzbischof von Damiata in partibus und päpstlichen Nuntius in Brüssel ernannt. Seit 1846 Erzbischof von Perugia, bekleidete er diesen Posten bis zu seiner 1878 erfolgenden Erwählung zum Papst, während welcher Zeit er 1853 Kardinal und 1877 Kardinal- Camerlengo wurde. Während seiner Tätigkeit als Erzbischof von Perugia legte Gioacchino Pecci bereits Proben großer administrativer Fähigkeiten ab: So gelang es ihm, seine Provinz gänzlich von dem Räuberunwesen zu befreien, und es kam sogar ein Augenblick, wo alle Gefängnisse leer standen. Als Kardinal-Camerlengo hatte er nach dem Tode Pius IX. selbst das Konklave zu leiten, das chn am 20. Februar 1878 zum Papst erwählte. Er hat also über 25 Jahre auf dem Stuhle St. Peters gesessen, länger als die meisten seiner 252 Vorgänger. Elf Päpste haben im ganzen eine Regierungszeit von mehr als 20 Jahren gehabt, Leo XIII. reiht sich als der zwölfte an. Die Langlebigkeit ist in der Familie des Papstes erblich. So starb einer seiner Brüder vor einiger Zeit im Alter von 92 Jahren. 121 Kardinäle hat Leo XIII. während seines Pontifikats aus dem Leb-en scheiden sehen, und von denen, die ihm vor 25 Jahren die dreifache Krone aufs Haupt gesetzt haben, leben nur noch 2, die Kardinäle Märtel und Canassa I. Dem Heimgegangenen Papst ist zuweilen der Vorwurf allzu großer Sparsamkeit gemacht wordm, weil er den päpsllichen Haushalt sehr vereinfachte, die Schweizergarde bedeutend einschränkte und statt, wie dies unter seinem Vorgänger üblich gewesen war, täglich ein Tiner für 12 Personen zu geben, allein und in einfachster Weise speiste. War aber seine Lebensführung im allgemeinen viel einfacher als die Pius' IX. — wenn er auch früher zu Zeiten große Pracht zu entfalten liebte —, so hat er sich eine prächtige Grabstätte erwählt: Wäh
rend Pius bestimmte, daß seine Bestattung prunklos vor sich gehen müsse und nicht mehr als 2000 Lire Kosten erfordern dürfe, erkor sich Leo XIII. die Basilika der Laterankirche, wo er prachtvolle Arbeiten hat ausführen lassen, zur letzten Ruhestätte. Der Platz ist wie kein zweiter passend für den entschlafenen Papst. Gegenüber ruht einer seiner größten Vorgänger, auf dessen Andenken die katholische Kirche noch heute stolz ist: Jnnocenz III.« der gewaltige Gegner Kaiser Friedrichs II.
*
Als Leo XIII. am 20. Februar 1878 auf den pichst- lichen Thron berufen wurde, war das Papsttum in einer außerordenüich kritischen Lage. Der kampfesmutige Pontifex Pius IX. hatte sich ringsum Feinde und Widersacher geschaffen, und Niederlage auf Niederlage hatte die Kurie in den heftigen Streitigkeiten mit den weltlichen Mächten erlitten. Anstatt durch Donnerflüche und Bannbullen wie sein Vorgänger, hat Leo XIII. durch Milde und Versöhnlichkeit, durch die Künste staatsmän- nischer Klugheit die Interessen der Kirche wahrzunehmen versucht und auch verstanden,
Papst Leo XIII. war eben ein Politiker und ein Diplomat und dabei so modern gesinnt, wie es sich mit seinem Charakter als Oberhaupt der katholischen Kirche vertrug. Wie mit den weltlichen Mächten, suchte er sich auch mit der modernen Entwicklung, so weit es eben anging, abzufinden. Sogar mit der Naturwissenschaft, die von der Kirche in Acht und Bann getan wurde, suchte er Frieden zu schließen, nicht weil er ben Glauben der Wissenschaft unterordnen, sondern weil er verhüten wollte, daß der Zwiespalt zwischen Glauben und! Wissenschaft zu einer Gefahr für die Kirche werde. Er vertrat die Theorie, daß, soweit die Physiker ihre Sätze mit voller Gewißheit Nachweisen, die Interpreten der Heiligen Schrift die Pflicht hätten, nachzuweisen, daß jene Sätze der Bibel, sofern sie richtig ausgelegt werden, in nichts widersprechen. Dieser Theorie des Papstes, der so modern war, sogar eine lateinische Ode aus den Telegraphen zu dichten, hat freilich die kirchliche Praxis, die hier päpstlicher war als der Papst, nicht Folge geleistet, lind so zeigten sich auch bei Lev XIII. die Grenzen seines Könnens.
Nicht minder geschickt operierte er, indem er die Kirche zur Teilnahme an dem Kampfe um die sozialen Fragen anspornte und sie so mit neuem Gehalt zu erfüllen suchte. Die größten Erfolge aber erzielte er, indem er, selbst der weltlichen Macht entbehrend, durch kluge Diplomatie gegenüber den weltlichen Mächten und durch geschickte Kompromisse doch ein gut Teil zwar nicht offizieller, aber doch offiziöser weltlicher Macht für das Papsttum zu retten oder zu erringen verstand. Durch diese diplomatische Taktik hat der Papst in Deutschland das Aufhören des Kulturkampfes und die Abrüstung der Maigesetze erreicht, von denen „eine hohe Säule", das Jesuitengesetz,
Arbeit.
Roman von Maria Schade.
(12. Fortsetzung.)
Grade vor ihr fiel eine weiße Flocke nieder und zerrann — zu Schmutz. Sie schauderte. Es war, als sähe sie ihr Schicksal vor sich.
„Rettung", flehte sie wieder.
Sie fühlte nicht den Regen, der ihre Haut näßt, nicht die Kälte, die sich in ihre Glieder bohrt. Ein Gedanke ist vor ihr aufgetaucht. Sie frägt nicht ,ob er gut, ob er richtig ist. Sie klammert sich an ihn mit der Sinnlosigkeit, die den Ertrinkenden nach dem Strohhalme greifen läßt.
Sie stürzt ins Haus.-
Im Speisezimmer stand sie. Dicht an den Kamin Hatte sie sich gelehnt.
Ihre Brust atmete schwer. Ihr Haar war regennaß und vom Winde zerzaust.
Sie horchte.
Warum kam er nicht? — Sie hatte doch den Dimer Nach ihm geschickt. War er nicht mehr zu Hause? —
Also das . . . das war das Letzte . . . Der Gedanke, der ihr eben im Gartm gekommen — wie eine Eingebung erschien er ihrem erregten Gehirn. Ihn wollte sie befolgen. Sie schwur es.
Er kam. Er stand vor ihr im schwvrzm Rock, den Cylinder in der Hand.
„Alfred ....!"
„Du hast nach mir geschickt, Jsi? — Du willst mich sprechm?"
Er stellte dm Hut auf dm Tisch. Er warf die Handschuhe hinein wie bei einer Visite.
„Alfred ....!"
„Meine Liebe, ist dir nicht wohl? — Dü siehst sehr -blaß aus. Übrigens wenn du mir etwas zu sagen hast — bitte . . . Ich bin sehr eilig." Er sah nach der Uhr.
Sie stürzte auf ihn zu. Sie umfaßte seinm Arm.
„Alfred, bleib hier . . .! Bei mir! ... Hmte nur . . . Den ganzen Abend ..."
„Meine Liebe, du bist wirklich nicht Wohl. Ich sehe es dir an. — Du bist auch ganz naß. Das Haar . . . Die Kleider ... Tu warst wohl im Gartm? — Zieh dich um! Du wirst dich erkälten."
Sie ließ seinen Arm nicht frei.
„Bleib hier!" flüsterte sie.
„Es geht nicht — beim besten Willen. Du weißr, heute ist das Konzert. Da darf ich nicht fehlen. Wir müssm die junge Sängerin durchbrmgen ä tont prix. Ihre Existenz sieht auf dem Spiele — ihre ganze Zukunft."
„Und wenn meine Zukunft auf dem- Spiele stünde — meine Existenz . . . .?"
„Jsi, du phantasierst. Trink eine heiße Limonad!e! Lege dich ins Bett!"
„Du bleibst nicht . , . .?"
Ihre Augen blickten starr.
„Ein andermal herzlich gern. Aber heute - s Tu siehst doch ein . . ."
Sie ließ seinen Arm los.
„Geh!" sagte sie mit abgewandtem Gesicht.
Die Tür fiel ins Schloß: — ein heiserer Ton.
Also es sollte sein. Der Urteilsspruch, den sie her- beigefleht, hatte entschieden. Er war zuerst von ihr gegangen. Nun konnte auch sie gehen. Sie war frei.
„Frei . . .", wiederholte sie, „frei", als müsse sie sich erst an das Wort gewöhnen.
Sie ging durch die Zimmer. In jedem blieb sie eine Weile stehen. Alles sah sie sich an. Es war ja das letzte Mal.
In dem Boudoir verweilte sie am längsten. Das war immer ihr Lieblingsaufenthalt gewesen.
Die Odaliske auf dem lila Kissen lächelte sie vertraulich an.
Sie erschrak. „Was willst du?" flüsterte sie. „Mit dir habe ich nichts gemein — nichts."
Aber die Odaliske lächelte noch immer — jetzt spöttisch.
Jsi ballte die Faust gegen das Bfld.
„Ich bin nicht Deinesgleichen!" rief sie. „Was ich tue, ist wahre Liebe."
Hinter ihrem Rücken fielen die Perlschnüre des Vorhangs zusammen.
Sie atmete auf.
Sie ging durch das Musikzimmer.
Dort auf dem Ebenholzflügel lag noch das Notenheftr genau so wie sie es gestern hingeworfen hatte.
Die französische Kaminuhr schlug.
Sie schrak zusammen.
„Tie Liebe kann alles, selbst Berge versetzen. — Berge versetzen . . wiederholte sie.
Das mußte währ sein. Denn wo das stand, da stand die Wahrheit.
Ob es genau so lautete, oder anders? — Sie komtte sich nicht mehr darauf besinnen. Aber noch einmal gelesen hätte sie es doch gern. — Aber wo? Wo? Wo fand sie dieses Buch?
Ihre Finger tasteten über die Tapete. Sie drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel.
Ter Diener öffnete die Tür.
„Die Jungfer soll kommen!" rief sie.
Die Jungfer kam.
Halb bescheiden, halb ängstlich blieb sie in der Entfernung stehen. Die Herrin sah so seltsam aus.
„Lege mir das graue Kleid zurecht!"
„Das Reisekleid?"
Jsi nickte.
„Den schwarzen Mantel und , »
Sie stockte.
„Welchen Hut befehlen gnädige Frau?"
„Ten schwarzen mit den Federn."
Die Jungfer wandte sich zum Gehen.
„Halt!" schrie ihr die Herrin nach.
Der veränderte Ton der Stimme erschreckte das Mädchen. Dicht an die Tür geschmiegt blieb sie stehen,
„Komm näher!"
Sie folgte, aber nur zögemd,
„Hast du eine Bibel?"
