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si. Jahrgang.

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Verlag: Langgafse 27.

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Np. 332. verlagS-Fernfprecher No. 29».

Montag» den 20. Inlt.

RedaktionSFernsprecher No. 52.

1903.

Abend■Ausgabe.

Handwerks- und Fakrikbelried.

Zu den Klagen, die von reaktionärer Seite mit einer Konsequenz vorgebracht werden, die einer lohnenderen Sache würdig wäre, gehören die über angebliche Vernach­lässigung des Handwerks von seiten der Regierung. Es läßt sich keineswegs bestreiten, daß das Handwerk sowohl durch die in der Zeit liegenden Verhältnisse als auch durch die ununterbrochen weiterschreitende Ausdehnung der Fabrikbetriebe zuriickgedrängt worden ist. Ganz besonders haben ihm auch die zunehmende Vergesellschaftung des Kapitals, die Errichtung von Warenhäusern und die Ein­richtung von Genossenschaftsbetrieben großen Abbruch getan. Als kürzlich gelegentlich des Brandes der großen Genoss-enschaftsbäckevei in Leipzig, die von sozialdemo­kratischer Seite errichtet worden, festgestellt wurde, daß die 200 Backöfen, die sich im Betrieb befanden, die Ver­nichtung von 200 selbständigen Bäckermeister-Existenzen l>edeuteten, wurde das von mancher Seite als schr wichtig bezeichnet. Gleichwohl liegt in diesem Nachweise kein Argument gegen die weitere Entwickelung des Genossen­schaftswesens und keines für die Ausdehnung des staat­lichen Schutzes zu Gunsten der Selbständigkeitserhaltung der Bäckermeister. Es wird heute niemand mehr ein­fallen, zu beklagen oder zu bedauern, daß Staat und Ge­sellschaft sich nicht stark gemacht haben zu Gunsten der ehrenwerten Besitzer von Fuhrwerken, die unsere Land­straßen drückten, lange ehe die Eisenbahnen zu einem integrierenden Bestandteil unseres Verkehrslebens ge­worden waren. Der Dampfschiffbetrieb hat den Segel- schiffverkehr längst überholt. Soll es nun die Aufgabe von Staat und Gesellschaft sein, den letzteren künstlich auf eine höhere Stufe der Entwickelung zu bringen, als ihm im Rahmen der modernen Verkehrsordnung zu- kommt? So liegt die Sache auch mit dem Handwerk. Die Annahme, es sei von Staats wegen nicht das denkbar mögliche geschehen, um das Handwerk in dem berechtig­ten Umfange, den es noch immer hat, zu schützen und zu stützen, ist eine irrige. Mit einem ebenso ehrlichen wie beharrlichen Eifer ist jahrelang in bezug auf die Wiederbelebung der Innungen das Möglichste geleistet worden. Dem Erlaß der Jnnungsgesetze ist die Errich­tung von Handwerkerkammern auf dem Fuße gefolgt; über die Wirkung der neuen Handwerker-Gesetzgebung werden Ermittelungen angestellt, Meisterkurse werden er­richtet, soweit es geht. Die Staatshilfe aber in der Rich­tung in Anspruch zu nehmen, daß immer wieder die Ein­führung des Befähigungsnachweises gefordert wird, ist vom Übel, weil eine Torheit. In Österreich, auf das die Befürworter weitergehender Bestrebungen im Sinne

möglichster Wiederherstellungen der alten Innungen gern exemplifizieren, haben sich die Vertreter der deutschen Regierungen vor einigen Jahren sehr genau umgesehen. Unter dM damaligen Delegierten befanden sich auch sehr entschiedene Vertreter der Jnnungsbestrebungen, so der Geheime Oberregierungsrat Siebers. Aber auch dieser mußte zug-eben, daß das österreichische Muster durchaus nicht in allen Stücken für die entsprechenden deutschen Verhältnisse paßt. Mit anerkennenswertem Freimut hat der Handelsminister Möller eben in Osnabrück erklärt, die einmal an die Industrie verloren gegangenen Ge­biete feien vom Handwerk nicht wiederzuerobern. Allein die weitere Ausbildung des Genossenschaftswesens sei der richtige Weg, um dem Handwerk zu helfen. Ein Allheil­mittel ist freilich auch die Genossenschastsgesetzgebung nicht, wie es denn überhaupt kein unfehlbares Bkittel gibt, um den Rückgang des Handwerksbetriebes gegen­über dem Fabrit'betriebe aufzuhalten. Es ist _ freilich leichter und auch angenehmer, unerfüllbare Hoffnungen zu nähren, als sich auf die von der Neuzeit an d-ie Hand gegebenen Mittel einzurichten, die in der Richtung des genossenschaftlichen Zusammenschlusses liegen.

Der Zustand des Papstes.

M. Rom, 18. Juli. Tie Ansicht der Ärzte nach dem so günstigen Verlauf des letzten Tages. und der letzten Nacht geht dahin, datzderPapst Vielleichtseine Krankheit überstehen werde. Auf alle Fälle gilt die Katastrophe als auf mehrere Tage hinausge­schoben. Im Vatikan herrscht allgemeine Freude, da man an eine Genesung des Papstes glaubt. Dagegen ist man in der vatikanischen Verwaltung noch immer pessimisüsch gestimmt. Kardinal Rampolla wurde veranlaßt, einen Offizier der Schweizer Garde zu entlassen, weil derselbe ohne Erlaubnis fremden Personen Eintritt in den Vati­kan gewährte. Unter den Kardinalen soll eine Miß­stimmung gegen Rampolla herrschen, da derselbe einen allzu großen Einfluß ausübe und gewissermaßen als Papst herrsche. Tie Vorbereitungen zum Konklave wer- den fortgesetzt. Zur Zeit ist man mit der Reinigung und Zusammenstellung des für das Konklave notwendigen Kochgeschirres beschäftigt.

dck. Rom, 18. Juli. Tie „Tribuna" erklärt offiziös: Falls der Vatikan der italienischen Regierung den Tod des Papstes nicht amtlich mitteilt, wie den anderen Re­gierungen, so werde Italien von dem Ereignis keinerlei Notiz nehmen.

Mb. Rom, 19. Juli. Bulletin von 9 Uhr vormittags. Die Nacht verlief ohne Schlaf und wenig ruhig. Der deprimierte Kräftezustand hält an. Die Atmung ist ruhig und oberflächlich, 34, Puls regelmäßig, aber schwach, 98, Temperatur 36,5. Mazzoni, Lapponi. —

Hier ist das Gerücht verbreitet, daß der Zustand des Papstes sehr ernst geworden sei. — 10 Uhr 50 Minuten vormittags. Der Großpönitentiar Kardinal Serafino Vannutelli und Kardinal-Kämmerer Oreglia wurden dringlich nach dem Vatikan berufen. Die Kardinäle trafen nacheinander ein. Im Vatikan erhält sich das Gerücht, daß der Zustand des Papstes sehr ernst sei. —■ 12 Uhr 25 Minuten mittags. Die Kardinäle haben so- eben den Vatikan verlassen. Es bestätigt sich, daß der Zustand des Papstes sehr ernst ist. Die Botschafter tele- graphierten in diesem Sinne ihren Regierungeni. y- 11 Uhr 50 Minuten vormittags. Ter Papst liegt im Sterben. — 1 Uhr nachmittags. Die Blätter veröffent­lichen Sonderausgaben mit der Nachricht einer plötzlichen Verschlimmerung im Befinden des Papstes. Tiefe trat dem „Giornale d'Jtalia" zufolge heule früh um 10 Uhr ein. Die Herbeirufung des Großpönitentiars und des Kardinalkämmerers, die, wenn der Papst sürbt, stets zu­erst gerufen werden müssen, rief große Erregung hervor. Um 1 1% Uhr war bereits das Gerücht verbreitet, daß der Papst gestorben sei, es wurde jedoch sofort als unrichtig erklärt. Der Großpönitentiar Serafino Vannutelli blieb-, um für alle Fälle anwesend zu sein, im Vatikan. Ram­polla entschuldigte sich bei den Diplomaten, die im Vatikan erschienen, daß er sie augenblicklich nicht empfangen könne, da er zu sehr in Anspruch genommen sei. — 214 Uhr nachmittags. Der Beichtvater des Papstes hält sich dauernd im Vorzimmer des päpstlichen- Gemaches auf. Kardinalsta-atssekretär Rampolla kam- zweimal aus seiner Wohnung herab, um den Papst zu besuchen. Der Groß­pönitentiar Serafino Vannutelli bleibt ständig im Vatikan. Das Gesamtbefinden des Papstes ist schr ernst. — Krankheitsbericht von 6 Uhr abends. Der Papst ver­brachte den Tag in fast ununterbrochenem schlafartigen Zustande. Die Kräfte sind noch weiter herabgesetzt, Atmung 30, Puls 96, Temperatur 36,4. Mazzoni, Rossoni, Lapponi.

wb. Rom, 19. Juli. Die gestern abend eingetretene Verschlechterung im Befinden des Papstes setzte sich den Blättern zufolge über Nacht fort. Der Papst war er­regt, schlaflos und ruhte nur vorübergehend. Alles wachte im Vatikan. Mazzoni erschien heute früh nach 8 Uhr im Vatikan und verweilte eine Stunde. Cr be^- stätigte, daß der Papst eine unruhige Nacht gehabt habe., Er liege zu Bett. Seiner Erregung halber war auch dis heutige Untersuchung nur kurz. Der durch die Brust­fellentzündung erzeugte Krästeverfall schreitet fort, unter­stützt durch die Schwäche des hohen Lebensalters, und verstärkt sich seit gestern abend-. Das Bewußtsein sei klar, doch spreche der Papst nicht. Die Gefahr sei groß, doch nicht etwa so, daß her Papst den Vormittag nicht über­leben könne. Tie Ärzte wollen, wenn keine unerwartete Verschlimmerung eintritt, den Papst erst heute abend wieder besuchen. — Tie „Voce della Verfta" schreibt:

Arbeit.

Roman von Maria Schade.

(11. Fortsetzung.)

„Ist!" flüsterte er, „Ist!" Er stürzte vor ihr auf die Krise. Mit Gewalt wollte er ihre Hände von dem Gesicht lösen. „Tut es dir denn leid", stammelte er, „daß du mich liebst?"

„Na, das muß ich aber sagen. Sie haben heute ein kolossales Glück . . ."

In der Stille hörte man ganz deuüich die Stimme -des Barons aus dem Spielzimmer. Und dann Ruprechts ^Jubeln:

„Ja, ich habe heute Glück —- Glück . . ."

Die junge Frau sprang in die Höhe.

„Daß ich dich liebe", flüsterte sie atemlos, „tut mir nicht leid. Aber um den da tuts mir leid — um den!"

Sie sank wieder zurück.

Erschreckt schaute sich Meerbach um.

Alles füll. Kein Ton. Niemand da.

Nur die gläsernen Augen des Eisbären funkelten chn seltsam an.

„Hast du's gehört?" Sie beugte sich dicht an sein Ohr. „Was er gesagt hat? — Sein Glück hat er ge­priesen .... Sein Glück ... Er freut sich .... Heute ist sein Fest, sein Geburtstag .... Sie sind alle gekommen.... Gutes haben sie ihm gewünscht, Schönes .... Und wir, wir .... Er ahnt nichts .... Er vertraut uns . . . Auf sein Wohl haben wir gestunken . . . Und diese Lippen . . . . ."

„Spielen sie doch mit offenen Karten, wenn Sie den Mut haben", klang es wieder aus dem Herrenzimmer.

„Oho, den Mut! Ich bin doch kein Feigling! Also -— Null ouvert!"

Ist wollte fortstürzen. Meerbach, der noch immer auf den Knieen lag, suchte sie mit Gewalt zurückzuha-lten.

„Ist! Wenn du gehst . . .Nein, nein, du sollst nicht gehen! Ich halte dich! Du hast mir die Sonne ge­bracht. Die darfst du mir nicht mehr rauben. Wenn du bei mir bleibst, alles kann ich, alles, — das Höchste. Ein

Gott bin ich. — Und wenn du von mir gehst — ein Ver­brecher."

Sie preßte ihm die Hand auf den Mund.

„Sprich nicht so! — Ich kann's nicht hören!"

„Liebst du mich denn nicht mehr?"

Sie legte ihm beide Hände auf die Stirn.

„Ich liebe dich!" Sie sagte es so einfach, so klar. „Und ebm darum bin ich elend!"

„Tu liebst mich! Ist! Dann ist ja alles gut — alles."

Er warf seine Arme um- ihren Leib.

Sie stieß ihn zurück.

„Steh auf!" sagte sie. „Du sollst nicht vor mir knieen, — hier nicht."

Aber er stand nicht auf. Wie ein Trunkener schaute er zu ihr empor.

„Sie spielen ein gefährliches Spiel! — Nehmen Sie sich in Acht."

Meerbach erhob sich.

Ist schrak von neuem zusammen. Mst verhaltenem Atem lauschte sie.

„Höre doch nicht immer dorthin." Meerbach suchte die Widerstrebende an sich zu ziehen. „Das ist drüben im Herrenzimmer. Das ist ja nicht für uns."

„Nicht für uns?" Sie drängte ihn von sich fort. „Es ist für uns .... Ich sage dir ... . Jedes Wort .Ich ängstige mich." Sie atmete schwer.

„Jsi . . . ." Er streichelte ihre Hand. „So geht's

nicht weiter. -— Du quälst dich. — Du quälst mich,-

Umkommen müssen wir. Erlöse uns! Sprich das Wort."

„Welches Wort?"

Sie hob ihr Gesicht. Es war welk wie eine Blume, die zu sehr unter der Sonne gelitten.

„Sag, daß du mein bist", flüsterte er. „Mache dich frei — von allem! Geh an den Platz, für den du ge­schaffen bist mit deinem Leib, mit deiner Seele! Komm zu mir . . . ."

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich kann nicht", sagte sie matt.

„Du kannst nicht.... Was heißt das? Hast du

nicht eben erst gesagt, daß du mich liebst?-Und dig

Liebe kann alles — selbst Berge versetzen."

„Berge versetzen."

Langsam wiederholte sie die Worte, „Weißt du, wy das steht?" . '

Er verstand sie nicht.

„Sich mich an!"

Er blickte ihr in die Augen.

Sie legte ihre Hände aus seine Schultern. „Wo das steht vom Berge versetzen, in dem Buche steht auch noch etwas anderes: vom Ehebruch."

„Ehebruch?" wiederholte er. „Ist das nicht Ehe­bruch, wenn du weiter zusamm-enlebst mit einem Menschen, den du nicht lieben kannst, nicht achten, vor dessen Be­rührung du zurückbebst? --Aber wenn du dich zu

dem Manne rettest, den du liebst, und er dich wieder liebt, der dich emporführen will in das Reich des Lichts, —- davor erschrickst du?"

Sie saß da — ganz zusammengefunken. Die bleichen Hände im Schoße gefaltet. „Was soll ich tun?" Die Worte waren nur gehaucht.

„Mst mir kommen. — Ich reise . . .

„Tu reisest?"

Mit beiden Händen griff sie nach seiner Hand-.

Er fühlte die Schläge des fiebernden Bluts in ihren , Fingern. „Aber nicht ohne dich. — du mußt bei mir s sein. — Ich lasse dich nicht hier . . ."

„Nein, laß mich nicht hier! Laß mich nicht hier!" flehte sie. „Ich kann nicht allein bleiben. — Ich ängstige. : mich — vor mir selbst . . ."

„Morgen abend reisen wir."

„Wohin?"

- „Nach Brüssel."

„Ach — zu ihr . . . ."

Wieder ging durch Isis Glieder ein Beben.

Was würde die Steinerne sagen, wenn sie das fort­gelaufene Weib sah? Fester umklammerte sie die Hand des Geliebetn. „Was willst du dort?"

„Sie sehen, wie sie dasteht unter freien Arbeitern."

Die junge Frau ließ die Hand, die sie eben noch fast gewaltsam umschlossen, los,