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ei läge zum Wiesbaüener Tugdlalt.

331. Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den 19. I«li.

81. Jahrgang. 1903.

Der entscheidende Sieg wird stet« dem untcrrichtetsten und moralischsten Volke zuteil. Ich verstehe unter Moralität die Fähigkeit zur Aufopferung und die Liebe zur Pflicht. !£•

E. Renan.

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(80. Fortsetzung.)

Kentnant Lämmchens Alrenteuer.

Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-GermaniS.

Sic antwortete nicht gleich. „Döein — ein — ein naher Verwandter", sagte sie unsicher und fügte dann zögernd ein wenig befangen hinzu: „Finden Sie irgend eine Ähnlichkeil? Erscheint er Ihnen bekannt?"

„Er erscheint mir nicht so, er ist es", erwiderte Lämm­chen mit ungewohnetr Bestimmtheit. „Ein solches Ge- sicht kann man weder vergessen noch verwechseln. Ich be­greife nur uicht, wie dieses Bild in Ihre Mappe komint, oder, richtiger gesagt, wie Sie dazu kamen, ihn zu por- trLÜeren?"^

Sie errötete, und Lämmchen fiel wieder das Zlbenteuer im Laubengang ein. Sollte nicht Herr Mörk, sondern dieser liebenswürdige Jüngling derjenige gewesen sein, den sie damals erwartete? Forschend sah er sie an und bemerkte, daß sie offenbar mit einem Entschlüsse rang, dann blickte sie mit klaren Augen zu ihm auf und sagte ruhig:

„Weshalb soll ich Ihnen die Wahrheit verschweigen, Baron Bock? Es ist mein jüngster Bruder, dm Sie da vor sich sehen, mein besonderer Liebling und trmer Spiel- geführte, dem ich die alte Anhänglichkeit bewahrt habe, während er für die Eltern der verlorene Sohn ist, dessm Name nicht mehr genannt werdm soll. Wenn Sie ihn wirklich» fetmen, o, dann erzählen Sie mir von ihm, sagen Sie mir, wie und wo Sie ihn getroffen haben! Sie glaubm gar nicht, wie ich mich darnach sehne, recht, recht viel von ihm zu hörm."

Lämmchen staunte über die unerwartete Mitteilung. „Wie?" sagte er, „Heinz Rettberg, mein lieber, junger Freund, ist Ihr Bruder? Das habe ich allerdings nicht geahnt. Ich wußte wohl ,daß er aus guter Familie ist und eine ausgezeichnete Erziehung genossen habe, aber er sprach nie von seinen Verwandtm und nie von seiner Heimat. So offm und mitteilsam er sonst war, über diese beiden Punkte bewahrt er das tiefste Schweigen, und es ist ein merkwürdiger Zufall, daß ich gerade hierher- kourmen mußte, daß dieses Haus sein Eltemhaus ist."

beinahe

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", erwiderte er, „aber meine Nachrichtm sind nicht ganz neu, unser Zusammmsein liegt nun achtzehn Monate zurück."

„Das tut nichts, wmn Sie sich desselben nur noch erinnern."

„Und ob ich mich erinnere!" Lämmchm sah ganz verwandelt aus, angeregt und durchaus nicht verlegm. „Es war Ende des Winters; da kam eine wandernde Schauspielergesellschaft, ein Berliner Gastspiel-Ensemble in unsere Garnison und gab eine Reihe von Vorstellun-

,en. Ter Direktor, ein echter Künstler und Dramaturg, Jonrite auf einer großen Bühne nicht auftreten, weil ferne Figur zu klein, sein Organ zu schwach war, und so be- schäftigte er sich vorzugsweise mit der Entdeckung und Ausbildung junger Talente, die ihm mit Begeisterung folgten. Reben vorzüglichem theoretischen Unterncht er­hielten die Anfänger durch die Notwendigkeit, jeden zweiten oder dritten Tag in einer neuen Rolle aufzu­treten, eine Gewandtheit und Vielseitigkeit, die sonst schwer zu erreichen ist, und wenn. auch eimge minder­wertige Elemente unter der Gesellschaft waren, so stand die Mehrzahl von ihnen doch weit über dem Niveau der so­genannten Schmierenkomödianten und strebte eifrig einein hohen Ziele entgegen. Die Krone von allen aber war Heinz Rettberg. Er gewann die Herzen im Sturm, nicht nur durch sein vorzügliches Spiel, sondern auch durch den Zauber seiner Persönlichkeit, die Eleganz seiner Er­scheinung, und inan ging eifrig ins Theater, nur um ihn zu sehen." ,° . „

Marie-Luise lauschte mit leuchtenden Augen. „>za , sagte sie, „das kann ich mir denken, aber daß er sich Heinz Rettberg nennt, weißte ich nicht. Er wollte mir seinen Theaternamen niemals verraten." ,

Lämmchen lächelte. „Das kann ich begreifen. Nun, wir wohnten in demselben Hause, bei derselben Wirtin, die möblierte Zimmer vermietete, imb wenn ich allein an meinem Schreibtisch saß, hörte ich ihn nebenan oft eifrig memorieren. Das war nun an sich nicht sehr angenehm, aber es iiiteressierte mich, und als ich ihn einmal im Hausflur traf, begrüßte ich ihn als synrpathischen Nachbar und dramatischen Freudenfpender. Drei Tage später hatte er das Unglück, sich das Knie zu verletzen, konnte bei uns nicht mehr auftreten und mußte zurückbleiben, als die anderen weiterzogen. Das war für ihn ein böses Inter­mezzo und ich hielt es für meine Pflicht, ihm in seiner Verlassenheit und Hülflosigkeit ein wenig beizustehen. Zugleich war mir das Zusammensein mit chm ein wahrer Genuß. Ich erquickte mich an seiner Lebensfrische, seiner Begeisterungsfähigkeit und künstlerischen Genialität, tat durch ihn einen Blick hinter die Coulissen und beklagte es beinahe, als er gesund genug war, um abreisen zu können. Ich hatte den reizenden Menschen aufrichtig liebgewonnen und als er ging, schieden wir als Freunde und gute Kameraden."

Marie-Luise nickte. „Das stimmt, Baron, Sie ver­gessen in Ihrem Bericht nur eins, meines Bruders pekuniäre Verlegenheit und Ihre zartfühlende, liebens­würdige HÄfsbereitschast."

Lämmchen wurde wieder ganz befangen. „Wer mein gnädiges Fräulein", sagte er, „ich weiß gar nicht, was Sie meinen."

.Um so besser, weiß ich es!" meinte sie ernst. „Mein Bruder schrieb mir damals, als er wieder gesund war, die ganze Geschichte. Er war über seine Verletzung und die Kosten, welche sie direkt und indirekt verursachte, in heller Verzweiflung gewesen und zum ersten Male in seinem Leben wirklich in Not. Die mäßige Gage war verbraucht, ein kleiner Vorschuß, den der Direktor ihm gab, reichte für wenige Tage nur. Er zermarterte sein Hirn mit der Frage, auf welche Weise er sich Geld ver- schaffen könne, und wußte keinen Ausweg aus der Pein- lichen Lage. — Da kamen Sie. sein Hausgenosse, dessen Namen er in seinem Briefe nicht nannte, aus freien

Stücken zn ihm, sorgten für seine Bequemlichkeit und stell­ten ihm in großmütigster Weise Ihre Kasse. zur Ver­fügung. Nicht wie ein Fremder handelten öte an chm, sondern wie ein umsichtiger, treusorgender Bruder, uns als er abreiste, nahmen Sie ihm noch das Versprechen ao, sich in ähnlichen Füllen an Sie und immer nur an Hie zu wenden. Das war edel von Ihnen, das war schon, Baron, und ich danke Ihnen von Herzen dasür im Namen meines Bruders."

Lämmchen verwahrte sich ganz energisch gegen das Lob. „Mein Gott", sagte er, „Heinz hat den eroffneten Krebst nie wieder benutzt, und die ganze Geschichte war damals nicht der Rede wert, auch wollte er mir die Summe von seiner Gage gleich ratenweise zurückerstatten, aber ich überzeugte ihn von der Unausführbarkert dieser Idee. Er hätte sich ja nur in neue Verlegenheiten ge- stürzt. Wenn er ein berühmter Mann ist, werde ich ihn schon mahnen und wir rechnen dann ab."

„Meinen Sie wirklich, daß er jemals berühmt wird?"

„Ich bin fest davon überzeugt."

„Gottlob, aber bis dahin ist noch ein weiter Weg und ich fürchte, er ist mitunter mit Dornen besät. Haben Sie kürzlich von ihm gehört?" .

„Kürzlich, nein, denn wir sind beide schlechte Brief- schreiber; ich weiß nur, daß er fein Wanderleben werter­führt und gute Aussichten hat, aber sagten L-ie nicht, ec sei eben hier gewesen?"

Marie-Luise seufzte. „Er wollte kommen, aber er kam'nicht, oder richtiger gesagt, ich habe die Gelegenheit ihn zu sehen, selbst verscherzt, und hatte mich doch so sehr darauf gefreut. Geschrieben hat er mir ein paar Mal; natürlich heimlich, denn die Eltern durften es nicht wissen, aber gesehen habe ich ihn all die langen Jahre nicht, und ich habe doch oft solche Sehnsucht nach chm."

„Wie traurig!" meinte Lämmchen. „Darf ich fragen, wodurch Sie diese erste und einzige Gelegenheit eines Wiedersehens verscherzten?"

Sie wurde wieder befangen. „Ach", sagte sie, „ich weiß es selbst kaum; ein unglückseliger Aufall hatte die Hand im Spiel. Eines Tages bekam rch durch Herrn Mörk, der meinem Bruder sehr zugetan ist,. ein Brief­chen, in dem er mir schrieb, sein Beruf habe ihn vorüber­gehend in unsere Nähe geführt und er wolle versuchen, mich zu sehen. Zu diesem Zweck sollte ich heimlich, ohne ein Wort zu verraten, an einem bestimmten Tage nach Dunkelwerden in den Garten kommen, ganz hmten im Vuchengang mich auf eine Bank setzen, und ihn dort erwarten."

„Wann war das ungefähr?"

„An dem Tage, an dem die Einquartierung kam."

„Und was geschah?"

Marie-Luise wurde glühendrot. „Das kann ich Ihnen gar nicht so sagen."

„Aber Ihr Bruder kam doch?"

„Das weiß ich nicht; ich weiß mir, daß ich ihn nicht sah. Ein Fremder, der mich erschreckte, zwang mich zur Flucht, und ich bin hente noch im Unklaren" — — sie hielt plötzlich inne, denn sie begegnete Lämmchens Mick, und dieser Blick war so merkwürdig und sprechend, daß sie ganz verwirrt wurde. „O Gott, Baron Bock", stammelte sie — „sollten — sollten Sie das etwa gewesen sein?" —-

(Fortsetzung folgt.)

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